Nichts passiert, und doch passiert so viel

Rezension: «Nora Webster» von Colm Tóibín

Es ist Zeit für ein Geständnis: Ich habe Nora Webster nur gelesen, weil mir das Cover gefiel. Bekanntlich soll man Bücher nicht nach dem Einband bewerten, genauso wie man Wein nicht nach der Etikette bewerten soll. Letzteres tue ich als ahnungslose Weintrinkerin trotzdem immer, und ersteres auch ab und zu — manchmal mit Erfolg, manchmal ohne.

http://www.colmtoibin.com/

Diesmal hatte ich Glück: Nora Webster hat mich nicht enttäuscht und ist seinem Einband durchaus gerecht geworden. Der 2014 erschienene Roman vom irischen Autor Colm Tóibín spielt in dessen Herkunftsort Enniscorthy. Das liegt im County Wexford im Südosten von Irland. in dem kleinen, verschlafenen Städtchen passiert nicht viel, und wenn etwas passiert, dann weiss innert kürzester Zeit die ganze Stadt davon.

Die Hauptfigur Nora Webster muss dies am eigenen Leibe erfahren, als ihr geliebter Ehemann Maurice schwer erkrankt und stirbt. Nora bleibt mit ihren vier Kindern zurück und bevor sie überhaupt Zeit hat, das Geschehene richtig zu erfassen, wird sie von etlichen Kondolenzbesuchen überrannt:

«Sie müssen die doch langsam überhaben. Hören sie denn überhaupt nicht mehr auf zu kommen?» Tom O’Connor, ihr Nachbar, stand an seiner Haustür und blickte sie erwartungsvoll an.
«Ich weiss», sagte sie. (…) «Sie meinen es gut. Die Leute meinen es gut.»

Im Roman begleiten wir Nora auf ihrem Weg hinaus aus der Trauer und hinein in ein selbstbestimmtes Leben. Doch das ist gar nicht so einfach, erst recht nicht im konservativen Irland der 60er-Jahre. Noras Töchter Aine und Fiona sind zwar schon erwachsen und kommen alleine zurecht, doch die Söhne Donal und Conor sind schwer erschüttert vom Tod ihres Vaters.


Ihre eigene Trauer zu überwinden und gleichzeitig ihren Söhnen beizustehen, scheint Nora zu überfordern. Also setzt sie zuerst bei sich selbst an: Sie lässt sich die Haare färben (was in der irischen Provinz zu jener Zeit grosses Aufsehen erregt) und beginnt wieder in ihrer alten Firma zu arbeiten, obwohl sie eigentlich niemals dahin zurückwollte.

«Ihre Jahre der Freiheit waren vorbei; so einfach war das.»

Nora sieht die Rückkehr in die Firma als das Ende ihrer Freiheit, aber ist es nicht vielleicht genau das Gegenteil: der erste Schritt in Richtung Unabhängigkeit?

Das Alltägliche macht den Unterschied

Eigentlich ist Nora Webster ein recht ereignisloser Roman. Das einzige grosse Ereignis, Maurices Tod, ist bereits vorbei, als der Roman beginnt. Dennoch ist Tóibíns neuster Roman keineswegs langweilig: Es sind die kleinen alltäglichen Dinge, die ihn lesenswert machen.

Die kleinen alltäglichen Dinge machen den Roman lesenswert.

So kauft sich Nora zum Beispiel nach langem Zweifeln einen Plattenspieler, um ihrer Liebe zur Musik frönen zu können. Zunächst traut sie sich nicht und fürchtet, die Leute könnten es zu extravagant finden für eine Witwe mit schlecht bezahltem Job und vier Kindern. Dennoch kauft sie den lang ersehnten Plattenspieler und schöpft enorm viel Kraft aus genau dieser kleinen, alltäglichen Entscheidung. Für sie ist der Plattenspieler ein Stück Selbstbestimmung.

Nora Webster — eine Autobiographie?

Umrandet wird die ganze Geschichte von Nora Webster und ihrer Familie von den Aufständen in Nordirland, die 1972 am «Bloody Sunday» ihren Höhepunkt finden. Noras Tochter Aine ist involviert und geht mitten im Tumult verloren.

Nora bleibt gelassen, während der Rest der Familie in grösster Sorge nach Aine sucht. An dieser Stelle hat man als Leser*in das Gefühl, Nora kümmere sich vielleicht nicht genug um ihre Kinder. Dieses Gefühl hat man auch an so manch anderer Stelle …

Hier wird es interessant: Nora Webster hat einen stark autobiographischen Hintergrund. Tóibín erzählt darin die Geschichte seiner eigenen Mutter, deren Ehemann tatsächlich früh gestorben war und sie mit den Kindern zurückgelassen hatte.

«Nora Webster» hat einen stark autobiographischen Hintergrund.

Nora mag auf den/die Leser*in manchmal egoistisch wirken. Doch wenn man Tóibíns liebevolles Porträt seiner eigenen Mutter liest — von dieser Frau, die in winzig kleinen Schritten vorwärts geht, die nach und nach erstarkt, die den Status der demütig trauernden Witwe nicht für den Rest ihres Lebens akzeptieren will — dann findet man nicht die Spur eines Vorwurfs. Bestimmt wäre Nora keine bessere Mutter gewesen, wenn sie selbst an ihrer Trauer zugrunde gegangen wäre, anstatt zu lernen, auf eigenen Beinen zu stehen.

Und manchmal ist Nora trotz allem eine ganz normale Mutter:

«Für den Ausflug nach Dublin legte sie ihnen am Vorabend ihre guten Sachen heraus und sagte ihnen, sie sollten ihre Schuhe putzen und sie auf den Gang stellen. Als sie versuchte, sie früh ins Bett zu schicken, protestierten sie, im Fernsehen laufe etwas, was sie sehen wollten, und sie erlaubte ihnen, länger aufzubleiben.»

Es mag sein, dass Colm Tóibíns Nora Webster etwas träg wirkt. Es mag sein, dass im Roman nichts Besonderes passiert, und auch nicht besonders viel. Doch trotzdem versteht es Tóibín, seine Leser*innen zu fesseln. Man wird in einer extrem persönlichen Weise an die Protagonistin herangeführt, sodass sie einem nie mehr loslässt.


Nora Webster ist im Oktober 2014 bei Viking in London erschienen. Die deutsche Übersetzung folgte 2016 im Carl Hanser Verlag München.


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