
Das Boot im Garten
Im Garten liessen sie uns ein bemaltes altes Boot zum Spielen.
Es stand im hohen Gras.
Dicht neben einem Baum.
Darunter strichen die Halme am Rumpf.
Doch anstatt es zu bewegen
nahmen die Halme mit jedem Streicheln splitterweise Farbe von den rauen Planken.
Auf dem Boot versteckten wir uns
in dem was wir Kabine nannten.
Kombüse, Koje, Achterdeck,
hiess unser Versteck auf Zeit.
Je nachdem, wer an diesem Sommernachmittag
als Kapitän amtete.
Wir hegten grosse Pläne für den trockengelegten Kahn.
Die Wiese war unsere Werft.
Mit Pfählen in jeder Ecke.
An denen vertäuten wir das Boot
mit Schnüren anstatt Stricken.
Denn wir gaben uns zufrieden mit dem, was sich uns bot.
Die Nussschale bot nur Platz für vier, also schmissen wir die Schwimmwesten raus.
Aufblasbares Spielzeug.
Nur hinderlich.
Jetzt versteckten sich hinten im Boot
Nachbarskinder unter dem, was sie als Koje kannten.
Wir dagegen nannten es das lecke, fleckige Segeltuch.
Wir malten den Saum des Bootes feuerrot an.
Von oben muss es wie ein Kussmund ausgesehen haben.
Er hielt unsere Kniekehlen,
wenn wir Schulter an Schulter ins All schauten,
die Füsse von Bord baumelten
und alle Versuche scheiterten, aus dem Boot eine Arche zu bauen.
Eines Nachts sassen wir so, wie es geschehen musste.
Alle auf einer Seite, wir und die von nebenan.
Unter uns und dem Lichtkegel des flutenden Mondes
lag ein wogendes Meer an Wiesenhalmen.
Sie sahen dabei zu wie, einer nach dem andern,
vom kenternden Boot fiel.
Durch die plötzliche Schieflage nahmen die Spannungen unvermittelt zu.
Das Boot knarzte und stöhnte unter Zug und Druck.
Eine blockierte Schulter, ein eingeklemmter Nerv.
Ein Bersten aus dem Lot.
Unsere Kabine zersplitterte, das Segeltuch riss
und wir wussten alle, dass es vorbei war.
Wir bargen uns schliesslich selbst aus den Trümmern und waren froh,
lag das Boot nicht im Wasser,
sondern bei uns im Garten,
im hohen Gras,
dicht neben einem Baum.

