Drei Gründe, warum wir nicht mehr „Sex-Skandal“ schreiben sollten

Tibor Martini
Nov 29, 2017 · 2 min read

Ob Brüderle, Cosby oder Weinstein: In den Medien ist noch viel zu oft von Sex-Skandalen die Rede, wenn es eigentlich um (mutmaßliche) Vergewaltigungen, Übergriffe oder sexuelle Belästigungen geht.

Drei Gründe, warum „Sex-Skandal“ in diesen Fällen immer das falsche Wort ist:

1. Es geht um Recht, nicht um Moral

Wenn wir von Vergewaltigungen oder sexuellen Belästigungen berichten, dann steht immer der Verdacht einer Straftat im Raum. Ein Skandal bildet genau das nicht ab.

Skandale sind moralische, aber nicht juristische Einordnungsversuche. Und das ist gleich ein doppelter Fehler: einerseits, weil damit rechtskräftig verurteilte Straftäter als Lüstling durchkommen. Andererseits, weil wir bei Freisprüchen schon vor dem Urteil moralisch verurteilt haben – und sich ein moralisches Urteil deutlich schwerer umkehren lässt als ein juristisches.

2. Es geht um eine klare Trennung von Täter und Opfer

Wir berauben uns damit auch der Möglichkeit, Opfer und Täter klar zu benennen. Denn da wir nicht juristisch argumentieren, fallen auch diese Einordnungen weg. In einem Skandal gibt es eine Trennung zwischen Opfer und Täter schlichtweg nicht.

Stattdessen sitzen beide – Opfer genauso wie Täter – im gleichen Boot. Beide sind Teil eines Skandals. Eine Differenzierung nach Opfer und Täter gibt es nicht.

Oder um es anders zu sagen: Das Opfer wird zum zweiten Mal Teil eines Vorgangs, für den es nichts kann und gegen den es nichts tun kann.

3. Es geht um Gewalt, nicht um Sex

Bei Vergewaltigungen und sexuellen Belästigungen fehlt es immer am Einverständnis der anderen Person. Stattdessen geht es um Gewalt, um Macht und Machtdemonstration – nicht umsonst heißt es Vergewaltigung.

Oder wie es Sabrina Markutzyk im Tagesspiegel schreibt:

Was in den aktuellen Fällen zum Skandal fehlt ist: der Sex. Sex ist einvernehmlich. Er ist eine opferfreie Zone. Die letzte skandalöse Ausnahme – dass es in der Ehe juristisch keine Vergewaltigung geben konnte – wurde 1997 vom Bundestag abgeschafft, nach Jahrzehnten der Debatte.

Tibor Martini

student • curator at @blendle • interested in economics, politics, (web) design and photography • fan of @werderbremen

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