Der Verlassende

von Tom Diander

1

Es war aus. 
Ich ging in den Flur, zog meine Jacke über und verließ die Wohnung. Ich hatte es wirklich getan und Mareike verlassen. Nach zwei gemeinsamen Jahren bin ich einfach gegangen. Es lag wirklich nicht daran, dass ihr Lieblingssänger Justin Bieber war, auch wenn der Musikgeschmack durchaus ein Kriterium bei der Partnerwahl sein kann, sondern weil ich einfach nichts mehr fühlte. Es gab keinen Grund, keinen Auslöser. Ich empfand nur keine Liebe mehr. Glaub mir, ich habe es mir wirklich nicht einfach gemacht. Ich habe wochenlang mit mir gerungen und mir den Kopf zermartert.

Um sich zu trösten, haut man ja gerne einen raus wie: “Zum Scheitern einer Beziehung gehören immer beide.” Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es einer auch wunderbar alleine hinbekommt, dass der andere nicht mehr will.

Zu Anfang dachte ich noch, es ist nur so eine Phase. Nach dem Motto: Kommt in den besten Partnerschaften vor. Doch das Gefühl der Leere verschwand nicht. Es wurde sogar immer größer und stärker. Mir wurde Mareikes Meinung egal, ihre Anwesenheit ging mir auf den Sack, immer öfter hatte ich das Bedürfnis etwas alleine unternehmen zu müssen. Auf Netflix schaute ich unsere Lieblingsserien ohne sie weiter. Ich schäme mich das zu sagen, aber ich hatte ihr nach und nach die Freundschaft gekündigt, ohne dass wir beide es wirklich bemerkt hatten. Dabei war zwischen uns alles gut. Wir hatten keine Geldprobleme, lebten in einer geräumigen Wohnung am Rande der Stadt und der Sex war immer noch großartig und manchmal sogar leidenschaftlich.

Wann es verschwand, dieses Gefühl, kann ich dir genau sagen. An einem Sonntag. Es hatte den Morgen über geregnet, die Luft war nasskalt und der Himmel war wolkenverhangen. Ich hatte Teelichter angezündet und Kaffee gekocht. Mein Tablet lag neben den Brötchen griffbereit und ich wischte mich durch die Nachrichten. Es ging mir gut und war mit mir und der Welt im Reinen. Dann kam Mareike in die Küche und roch angenehm frisch geduscht. Sie trug ihren weißen Bademantel, nahm sich eine Tasse Kaffee, drückte mir einen Kuss auf die Lippen und setzte sich mir gegenüber. “Gibts was Neues in der Welt?”, fragte sie wie beiläufig und ich wollte augenblicklich aufstehen, meine Koffer packen, ins nächste Taxi steigen und tschüss auf wiedersehen. Es war als hätte jemand den Stecker gezogen, den Fernseher ausgemacht, das Licht im Kühlschrank geklaut. Da war einfach nichts.

2

Ich bin rüber zu Guido. Wir kennen uns seit der vierten Klasse und sind, wie man so schön sagt, die besten Freunde. Seine Couch für die Nacht ist nicht nur beschissen unbequem, nein sie stinkt auch bestialisch nach Katzenpisse und Ammoniak. Das kleine Mistvieh ist der fleischgewordene Antichrist in niedlicher Flauschgestalt. Guido hat sie von einer Freundin geschenkt bekommen, die selbst es mal geschenkt bekommen hat. Die Wanderkatze wohnt seit circa drei Wochen bei Guido und wenn es kein Vierbeiner wäre, müsste er Katze wegen Körperverletzung bei der Polizei anzeigen. Guidos Arme sind übersät mit tiefroten Kratzspuren. Sogar im Gesicht hat er sich ein paar eingefangen.

“Warum hat deine Katze eigentlich keinen Namen?”

“Den hat sie doch. Sie heißt Katze.”

“Katze ist doch kein Name für eine Katze.”

“Sagst du.”

Mittlerweile glaube ich zu wissen, warum Guido seinem Fellmonster nichts zum Rufen gegeben hat. Solange Katze einfach Katze bleibt, besteht zumindest theoretisch die Möglichkeit sie wieder abzugeben. Der zum Scheitern verurteilte Versuch, sich nicht emotional binden zu müssen. Wenn Katze rollig, also geil ist, schreit sie. Das klingt dann so, wie sich den Zeh stoßen, anfühlt. Während Katze vor Verzweiflung kreischt und brüllt, springt sie wie vom Teufel besessen durchs Wohnzimmer. Sie wirft alles um, reißt die Tapete von den Wänden, bespringt die Vorhänge, wirft sich hin und reibt sich ihren Unterleib minutenlang auf dem kalten Laminatboden. Ihre Krallen sind scharf. Sie hat mich bisher acht Mal angegriffen. Ich habe einen Heiden Schiss vor dem Monster und habe sie in Guidos Schlafzimmer gelockt und dort eingesperrt.

Ich rufe Mareike an. Ich muss ihr sagen, wie bescheuert ich war und heute Abend wieder nach Hause komme. Entweder es fühlt sich richtig an oder eben nicht. Ich grapsche mein Handy. Was soll ich ihr sagen? Dass ich Angst vor Guidos Katze habe und lieber wieder nach Hause komme, obwohl es sich nicht richtig anfühlt. Was ne Emo Scheiße. Die Haustür geht auf. Guido ist von der Arbeit zurück. Ich bin erleichtert, so muss ich nicht anrufen. Wir grüßen uns. Guido lässt sich in seinen Sessel fallen. Er sieht mitgenommen aus.

“Du musst ausziehen.”

“Ich wollte grad Mareike anrufen und ihr sagen, dass ich nach Hause komme.”

“Gute Entscheidung! Ich liebe dich wie einen Bruder, aber du gehst mir langsam auf die Eier. Die Wohnung ist zu klein und am Wochenende kommt Annika aus Münster und dann brauche ich sturmfreie Bude.”

“Verstanden. Ich bin zum Wochenende weg.”

“Sauber. Wo ist Katze? Ist so ruhig hier.”

“In deinem Schlafzimmer.”

“Alter!”

3

Mareike möchte eine Erklärung. Verständlich. Immerhin war alles gut und dann plötzlich nicht mehr. “Es liegt nicht an dir, sondern an mir”, ist das mit Abstand Beschissenste, was ich sagen konnte. Ich finde keine Worte für das, was ich fühle oder eher nicht mehr fühle. Ich habe weder eine Affäre noch habe ich Schiss davor irgendwas zu verpassen. Es ist einfach Nichts.

“Liebst du sie noch?”

“Nein. Da ist nichts.”

“Hast du ne andere kennengelernt?”

“Nö, es gibt niemanden.”

“Habt ihr gestritten oder ist dir Mareike fremdgegangen?”

“Nicht dass ich wüsste.”

“Mareike ist scharf.”

“Danke Guido.”

“Also ich würde es mir ja noch mal überlegen. Ich hatte immer das Gefühl, das sie dir gut tut. Also im Vergleich zu den anderen kaputten Mädels, die du mir sonst so vorgestellt hast. Wie hieß die eine noch? Vanessa? Du weißt schon, die mit den langen silbernen Haaren und dem Delfin Tattoo auf der linken Arschbacke. Alter! War die fertig.”

“Stimmt, die war krass drauf. Aber was soll ich da groß überlegen. Ich weiß einfach dass es vorbei ist. Ich kann nur nicht, sagen warum.”

Mareike und ich hatten es gut und es ist mir nicht leichtgefallen, mich zu trennen. Ich habe wochenlang mit mir gerungen, gehofft, dass es nur so eine Phase ist, eine vorübergehende Entzündung und es dann wieder besser wird.

Wir waren für ne Woche im Urlaub. Wir wandern gern. Also, sind wir wandern. Du hast nichts getan, warst einfach nur da und ich habe mir gewünscht, du würdest einen Abhang runter stürzen. Ich schäme mich dafür.

“Ich liebe dich. Wir haben doch alles. Fehlt dir etwas? Habe ich etwas falsch gemacht? Was ist nur los mit dir?”

“Mich von dir zu trennen sollte mich befreien. Mir wieder Luft verschaffen.”

“Ich habe dich also erstickt, ja? Hatte der Herr etwa nicht genügend Freiheiten oder wie darf ich das verstehen?”

“Nein, ich glaube nicht. Ich weiß doch auch nicht.”

“Kannst du jetzt, wo du frei bist, durchatmen?”

4

Seit ich von dir weg bin, bekomme ich überhaupt keine Luft. Ich fühle mich schuldig und reibe mich mit Selbstmitleid ein. Guido meinte, er findet es mutig, dich zu verlassen so ganz ohne Plan B. Der Ungewissheit entgegen stolpern.

Ich brauche einen Kaffee.

Ich mag das Café. Es hat eine beruhigende Ausstrahlung. Ich sitze gerne hier und schaue mir die übrigen Gäste an. Ob der Kerl an der Kasse auch so ein Arschloch ist wie ich? Ich habe letztes Jahr von dir verlangt abzutreiben. Habe dir gesagt, dass ich noch nicht so weit bin, einen auf Familienvater zu machen. Du hast lange überlegt und viel geweint.

Eventuell war das ja der Knacks. Der Moment, wo alles in sich zusammenstürzte. So eine Entscheidung. Leben oder Tod. Nicht jede Beziehung übersteht diesen Druck unbeschadet. Wahrscheinlich niemand. Wir sind beschädigt. Gerissen an der Oberfläche und zerbrochen tief im Inneren.

Die hübsche Maus, die grad noch an der Theke die Rechnung fertigmachte, schenkt mir ein Lächeln. Ich bestelle einen weiteren Cappuccino, lese Zeitung, und bevor ich gehe, hüpfe ich noch schnell aufs Klo. Ich nehme immer gerne diese Karten mit. Da sind so Sprüche drauf. Manche Karten sind witzig, andere sind kacke. Ich würd gern was Gutes mitnehmen aber der Kartenständer ist fast leer und ich muss dringend pissen.

Es ist mild draußen. Es dämmert und der Himmel ist dunkelblau aber wen interessiert das wirklich? Es ist doch scheiß egal, wie der Himmel aussieht und ob es mir warm oder kalt ist.

Guido hat Damenbesuch. Irgendeine Schnalle von der Arbeit. Ich darf erst mal nicht in die Wohnung. Ich hoffe, Katze frisst ihren Schlüpfer.

Ich fahre mit dem Bus ins Kino. Alles, nur kein Liebesfilm. Auf Action habe ich auch keine Lust. Eventuell gönne ich mir den neuen Zombie Film. Bloß kein Liebesscheiß. Ob in Filmen, Büchern oder Songs, der Verlassende ist nur selten die tragische Figur. Die armen Schweine sind meist immer die Zurückgelassenen. Was ein Fuck. Was ist denn mit den Menschen die eine Entscheidung treffen und trotzdem darunter leiden?

Wie es dir wohl geht? Ob es dir auch so zu schaffen macht? Ich meine, vielleicht hängt du ja total in den Seilen. Ich rufe an.

Darf ich das? Darf ich dich jetzt noch anrufen? Darf ich mir überhaupt Sorgen um dich machen? Ich habe eigentlich kein Recht dazu. Ich habe keine Erlaubnis mich nach deiner Befindlichkeit zu erkundigen. Nicht mal daran zu denken. Ich trage dir gegenüber keine Verantwortung mehr.

“Hallo.”

“Ja hi, ich bin es.”

“Was willst du?”

“Ich, … ich wollte nur kurz nachfragen, ob bei dir alles in Ordnung ist.”

“Hast du getrunken?”

“Nein. Ich meine doch, ja, aber nur drei Flaschen.”

“Wo bist du? Ich kann dich ganz schlecht verstehen.”

“Ich bin am Kino. Warte, ich stell mich an die Seite. Moment. So, jetzt besser?”

“Was willst du Leon?”

“Sorry, ich wollte dich nicht nerven. Ich weiß auch nicht.”

“Du rufst an und weißt auch nicht.”

“Wollte nur fragen, ob alles ok ist, mehr nicht.”

“Was geht dich das an?”

“Nichts, gar nichts. Hast recht, war ne blöde Idee. Ich mache mir halt Sorgen.”

“Ach, echt?”

Ob Guido mit ficken fertig ist? Ich schicke ihm eine Nachricht. Er hat es echt geschafft. Respekt from my Heart! Er hat einen tollen Job bei der Polizei, verdient nicht übel, lernt im zwei-Wochen-Rhythmus eine neue heiße Braut kennen und scheint mit sich und der Welt im Reinen zu sein. Ich hingegen bin regelrecht zerfetzt. Im Vergleich zu Guido habe ich mich immer zu schwach und zu wenig männlich gefühlt. Ich bin nie wirklich erwachsen geworden. Mein Handy brummt. Guido ist mit seiner Eroberung noch zu Gange. Könnte noch dauern, schreibt er. Gut, dann fahre ich halt in die Stadt.

Die Taxi App ist wirklich genial. Ich habe kaum weniger als 5 Minuten auf den Fahrer warten müssen. Ich schweige meistens während der Fahrt.

Ich trinke zu schnell und zu hastig. Fühle mich unwohl zwischen dem ganzen Jungvolk. Sie tanzen, lachen und schlabbern sich gegenseitig ab, dass es mich beim Zuschauen anekelt. Ich will am liebsten mit ner Knarre einfach um mich ballern.

Du hast mich immer verstanden. Warst nicht immer meiner Meinung aber verstanden hast du mich immer. Ich hätte mehr mit dir sprechen müssen. Die Dinge halt. Dinge, von denen du wusstest, dass ich sie denke. Du kennst mich gut. Vielleicht besser als ich mich, was leicht ist, weil ich gerne alles und auch mich ignorieren kann. Wenn es etwas gibt, das mir Angst bereitet, dann ist es Verantwortung. Ich versuche, ihr elegant aus dem Weg zu gehen.

“Ich habe dir vertraut,” sagst du.

Pech für dich. Jedem Menschen, dem du Vertrauen schenkst, gibst du ein Messer in die Hand. Du hattest verdammtes Pech, denn ich habe dich damit nicht verteidigt, sondern hinterrücks abgestochen.

Ich kotze in den Mülleimer. Ein Typ mit langem Bart, der aussieht, als wäre er Germanys next Topterrorist, stützt mich und schleift mich nach draußen an die frische Luft.

“Gehts wieder?”

Ich röchel. Würge. Spucke Brocken vom Mittagessen auf die Bordsteinkante. Der Terrorist guckt mich böse an. Die gucken alle immer so böse.

“Alles ok?”

“Nichts ist ok, du Arschloch. Ich geh jetzt wieder rein.”

“Nein, Sie hatten genug. Sie müssen draußen bleiben. Ich rufe Ihnen ein Taxi.”

“Du Dummsau willst mir ein Taxi rufen? Ich hab ne Taxi App! Die ist am schnellsten überhaupt.”

“Alles klar. Sie bleiben draußen!”

Der Wichser geht zurück in die Schunkelbude. Durch die großen Fensterscheiben sehe ich, wie er seinen vier Freunden den Scheibenwischer zeigt. Zwischendurch tippt er sich an die Stirn. Tuck Tuck. Mieser Penner! Lässt mich einfach im Straßengraben liegen. Ich gehe da wieder rein, muss mich nur aufrappeln. Was glaubt Mister “Ich gucke Böse” eigentlich, wer er ist? Tuck Tuck.

Ich reiße die Tür auf. Der Gestank von Bier, Schweiß und billigem Parfüm drückt sich mir in die Nase. Ich liebe es. Der Typ an der Theke zeigt auf mich. Der Terrorist baut sich vor mir auf. Tuck Tuck. Ich versuche einen Kinnhaken und boxe in lauwarme Luft. Mich trifft ein explosiver Schlag direkt in die Seite. Ich sacke auf die Knie. Abblende.

5

Krankenhausbetten sind Scheiße. Sie stinken, sind zu hart und unbequem. Mein Zimmernachbar hat die ganze Nacht geschnarcht. Hätten mir nicht selber alle Gräten wehgetan, hätte ich ihn mit einem Kissen erstickt.

Guido hat Mareike angerufen und Mareike ruft mich an. Ich gehe nicht ran. Gewinne das Spiel. Sie hat halt kein Durchhaltevermögen. Ist beim Sex auch so. Kaum ist sie gekommen, sprintet sie aufgeschreckt ins Bad und bleibt locker ne halbe Stunde verschwunden.

“Hat Mareike dich erreicht?”

“Bin nicht rangegangen.”

“Warum nicht, Alter? Sie hat sich echt Sorgen gemacht.”

“Ach echt.”

“Klang so.”

“Na dann.”

Ich darf das Krankenhaus verlassen.

In Guidos Wohnung stinkt es nach Katzenpisse und Massageöl.

“Hey, wenn du noch hier bleiben willst, ist das kein Problem. Ich schmeiße dich nicht einfach raus.”

“Das ist cool, danke.”

“Aber du solltest das mit deiner Trulla klären.”

“Da gibt es nichts mehr zu klären. Es ist aus und vorbei.”

“Ach Alter!”

Er nimmt mich überraschend in den Arm, drückt mich fest an sich. Fühlt sich einen Moment lang gut an, dann wird es mir zuviel, löse mich aus der Umklammerung, flüchte ins Badezimmer und lasse mir ein Bad ein. Ich liebe es, in der Wanne zu liegen. Hier kann ich nachdenken. Auf dem Handy wische ich mich durch Tinder. Vielleicht muss ich einfach nur auf andere Gedanken kommen? Jemand Neues kennenlernen. Einfach mal ficken. Ich mache mir nen Porno an und mache es mir auf dem Badewannenrand kurz selbst. Dauert keine zwei Minuten und lege mich anschließend auf Couch. Netflix rettet mir den Rest des Tages. Ich schließe die Augen. Bis gleich, du scheiß Welt.

6

Ich sehe, wie sich die Lippen bewegen aber ich verstehe nichts. Dieses Date geht eine gefühlte Ewigkeit und ich strenge mich hier wirklich an und ich will sie ja echt kennenlernen und so, aber der ganze Abend geht mir mächtig auf den Zeiger. Guido hat sie mir klar gemacht. Sie ist gute 10 Jahre jünger als ich. Studiert irgendwas mit Medien, ist super offen und wirkt nervig lebendig. Ich hingegen fühle mich nur alt und ausgeatmet. Ich habe kein Bock etwas über mich zu erzählen. Habe kein Bock mich immer wieder neu zu erfinden. Ist mir zu anstrengend. Wo kommst du her? Was machst du so? Hast du den Film auch schon gesehen? Ich liebe Australien? Blabla, sich von seiner besten Seite zeigen. Bloß nicht über Altlasten oder Probleme sprechen. Alles, einfach alles, jedes noch so verdammte Gefühl fühlt sich verbraucht an. Alles schon da gewesen. Nichts Dolles im Staate Dänemark, ein Wiederkäuen alter Taten und Gedanken. Staffel 5 einer Serie, die schon nach der Ersten nichts mehr spannendes hinzuzufügen hatte. Verbrauchte Gefühle. Da ist nichts am Horizont.

Sie mag es ans Bett gefesselt zu werden. Kann sie haben. Ich ficke sie grob und bleibe nicht über Nacht. Ich werde Urlaub machen, hab es mir fest vorgenommen. Irgendwohin wo es warm ist. Wo ich noch nicht war, wo ich nicht erinnert werde. Mareike wollte immer in die Türkei. Also dann.

7

Hab mich umentschieden. Okay, mein Portemonnaie hat für mich entschieden. War nur Campingplatz in Holland drin. Aber es tut gut, hier zu sein. Das Wetter ist Bombe. Das Wasser im Ijsselmeer ist warm und liebe es zu schwimmen. Alleine sein ist geil. Ich will mich nicht andauernd schuldig fühlen. Dinge gehen nun mal zu Ende. Niemand ist plötzlich fertig und alles läuft wie am Schnürchen. Wir fallen, machen Fehler, müssen Entscheidungen treffen und mit ihren Konsequenzen leben. Es ist, wie es ist. Ich bin immer nur etwas Vorläufiges, nicht Abgeschlossenes, immer nur provisorisch und nicht in Stein gemeißelt. Das bin ich. Eine Beta Version.

Es ist 12:30 Uhr, lümmel mich im Liegestuhl und schlürfe meinen dritten Sex on the Beach. Baby, das Leben ist in Ordnung. Meine Füße graben sich tief in den weichen Sand und links und rechts neben mir, lassen sich die Damen, den frisch eingecremten Körper braun brutzeln. Ja ich gucke rüber, na und? Ich bin solo.

Anne telefoniert grad mit ihrem Freund. Wir haben uns gestern schon an der Strandbar bekannt gemacht. Sie kommt aus Hannover und macht hier mit ihren Eltern für zwei Wochen Urlaub. Ihr Kerl konnte leider nicht mit, weil Annes Vater ihn nicht leiden kann. Sie säuselt ihm ins Ohr, wie leid es ihr tut und wie sehr sie ihn vermisst. Das Gespräch ist reinste Folter für meine Ohren. Warum müssen junge Frauen auf diese fürchterlich devote Art sprechen? Mit diesen extrem offenen und unnatürlich in die Länge gezogenen Vokalen. Sie tun damit auf unschuldig, doof und sexy und klingen dabei einfach nur furchtbar peinlich. Aber scheiße noch eins, hat Anne lecker Beine!

“Ich dich auch. Bis später.”

Anne wirft ihr Handy in die Handtasche und gibt Marcus, der neben ihr liegt, einen langen und leidenschaftlichen Kuss.

“Ich sags ihm, wenn ich wieder zu Hause bin. Jetzt am Telefon wäre das zu hart. Das verstehst du doch, oder?”

Marcus ist das scheißegal und rollt sich auf die Schönheit. Wieder drücken sie sich, wie im schlechten Porno, die Zungen in den Rachen. Es ist anscheinend unwichtig, wie selbstbezogen, eitel, frivol oder ignorant eine Frau ist, solange sie im Bikini eine gute Figur macht. Marcus juckt es nicht. Er versteht eh kaum deutsch und hat zwei Wochen lang Spaß mit Anne. Ich würde gerne mit ihm tauschen.

8

Mareike hat jemanden kennengelernt. Laut Guido verbringen die beiden viel Zeit miteinander und ihr neuer Stecher würde mir sogar ein bisschen ähnlich sehen. Ein bisschen schlanker und jünger als ich. Bin ihr nicht böse.

Tatsächlich werde ich das schlechte Gewissen nicht los. Noch immer habe ich das Bedürfnis mich bei Mareike für mein “Nichts fühlen” entschuldigen zu müssen. Guido meint, sie hätte sich schnell was zum Trösten gesucht. Ich will und kann das nicht bewerten. Habe mich ja auch durch die Betten gebumst. Selbst Anne ließ sich an ihrem letzten Urlaubstag noch von mir in den Schlaf lecken. Bei aller Moral und erhobenem Zeigefinger, die Triebhaftigkeit, des etwas schlaueren Affen, bricht immer wieder an die Oberfläche. Untreue ist keine Frage des Charakters, sondern eine der Gelegenheiten. Verliebtsein ist eine Geisteskrankheit.

Ich habe keinen Plan. Ich werde mir eine Wohnung suchen. Das war es auch schon. Im Film kommt am Ende immer der Abspann, im Roman gibt es den Epilog und in echt, Farbe und bunt gibt es nur das weiter. Ein weiterer Morgen. Ein weiterer Tag. Bricht dir eine Brücke weg, baust du halt eine Neue. Es ist nie zu spät für irgendwas. Und nirgends wohnt es sich so gut, wie in den Luftschlössern die wir uns selbst gebaut haben. Der nächste Satz ist der Letzte. Mach’s gut.

Ende


Text: Tom Diander
Bild: Eve Alexder