Eiszeit

von Tom Diander

Sonja und Tanja wünschen sich ein Eis. Marvin nicht.
Papa ist sichtlich gereizt. Er hatte anderes für dieses Wochenende geplant, jedoch sofort zugesagt als Mama ihn gefragt hat, den Sonntag mit den Kindern zu verbringen. Seit er von Zuhause ausgezogen ist, sieht er seine drei Krümel nur noch sehr unregelmäßig. Der Eismann winkt schon vom Weitem. Seit über 15 Jahren steht der freundliche Mann jeden Sommer im Stadtpark an der gleichen Stelle. Sein roter Eiswagen glänzt und glitzert in der strahlenden Sonne.

Sonja möchte Vanille/Schoko, Tanja wünscht sich zwei Kugeln Schlumpfeis. Eine Horde Kinder kommt von der Spielwiese lautstark angelaufen. Wild rufen sie ihre Bestellung dem Eismann entgegen. Er entschuldigt sich bei Papa für den Lärm und die Hektik. “Aber Kinder sind halt so.” Tanja bockt. Ihre Füße tun weh und eine Kugel Eis ist Ihr aus dem Hörnchen geplumpst. Sie will zu Mama. Sonja lacht dreckig. Papa schaut sich verwirrt um. Wie Sherlock Holmes geht er durch die Traube Kinder.

“Marvin!?” 
Papa wird immer lauter. Vom kleinen Marvin keine Spur. “Das kann doch jetzt nicht wahr sein?” Papa geht ein Stück den Waldweg hinunter. Papa sucht die Büsche ab. Eine Frau mit Kinderwagen schüttelt mitleidig den Kopf, nachdem Papa Sie gefragt hatte, ob Sie einen kleinen Jungen mit blonden Locken und rotem Shirt gesehen habe. Papa sieht sauer aus, Papa sieht verzweifelt aus. Sonja und Tanja zanken sich am Eiswagen. Papa kommt zurück.

“Was ist denn los?” Der Eismann nimmt Papa zur Seite. “Mein Sohn Marvin. Er ist verschwunden.” Papas Stimme klingt zitterig und leise. “Es wird ihm schon nichts passiert sein. Vielleicht ist er runter zum See.” Der Eismann macht den Eindruck, als ob das häufiger vorkommt. “Da war ich noch nicht, vielen Dank. Wären Sie so nett und würden kurz auf meine beiden Töchter aufpassen, dann gehe ich unten suchen?” “Aber sicher.”

Papa nimmt Sonja und Tanja in den Arm. “Ihr seid jetzt schön lieb. Papa geht kurz Euren Bruder holen. Hört auf den Eismann. Ich will nachher keine Klagen hören.” Sonja lässt sich auf den Boden fallen. “Aber ich will zu Mami!” Papa packt sie wütend an den Arm. “Du hörst jetzt, junge Dame. Ich bin gleich wieder da und dann fahren wir zu eurer Mutter.” Papa dreht sich noch mal zum Eismann um und gibt ihm ein paar Eurostücke in die Hand. “Bitte, falls die beiden noch ein Eis möchten oder so. Vielen Dank, ich bin so schnell zurück, wie ich kann.” Der Eismann nickt freundlich mit dem Kopf. “Machen Sie sich mal keine Sorgen. Wird schon nichts passiert sein.”

Papa rennt die Wiese runter. Dicht gedrängt liegen die Leute halb bis voll nackt auf Ihren Decken und lassen sich von der heißen Sommersonne die Haut durchbrutzeln. Überall laufen Kinder umher. Selbst wenn Marvin nur mit einem der Kids am Spielen ist, wie soll er ihn bei dem Geschwurbel nur finden? Papa traut sich nicht, zu rufen. Ist ihm peinlich. Denn dann wäre er der Rabenvater, der sein Kind verloren hat. Auf die abschätzigen Blicke der Übermuttis hat er kein Bock. Vielleicht ist Marvin wirklich unten am Wasser. Er hatte doch gesagt, dass er die Motorboote sehen wollte. Papa joggt runter ans Ufer.

Papa kann sich nicht dagegen wehren. Finstere Gedanken umarmen seinen Verstand. Was, wenn jemand Böses Marvin mitgenommen hat? Man liest so viel Schreckliches in den Nachrichten. Was, wenn sein kleiner Junge ins Wasser gefallen ist und ertrunken … nein bloß nicht das. Papa versucht die Horrorvisionen aus seinem Kopf zu brüllen doch sein Herz schlägt ihm bis zum Hals. Papa schiebt Panik, wenn seinem Sohn etwas passiert sein sollte, würde er sich das nie verzeihen. Was wird seine Exfrau mit ihm anstellen, wenn sie herausfindet, dass er eines der Kinder verloren hat?

“Sie bringt mich um.”

Die Motorboote fliegen mit einem Affenzahn über das hellblaue Wasser. Ein paar Jugendliche springen, obwohl es verboten ist, von der Brücke ins kühlende Nass. Papa kann nicht mehr. Scheiß auf Peinlich, Papa ruft seinen Sohn. Seine Stimme klingt weder verzweifelt noch besorgt. Er ruft nur seinen Namen. “Marvin!” Papa versucht er erneut. “Marvin, komm schnell zu Papa, wir wollen schnell nach Hause.”

Bitte lieber Gott lass ihn hier sein, bitte. Papa betet zu allen sieben Göttern. Den Alten wie den Neuen. Er ruft immer weiter. Die Ersten um Ihn herum verziehen genervt das Gesicht aber das ist Papa egal. Papas Stimme wird wütend. Richtig wütend. “Marvin Andreas Rupert, du kommst jetzt auf der Stelle her, sonst wird Papa böse!”

Marvin kommt aus dem Gebüsch gekrochen. Ein weiterer kleiner Junge ist bei ihm. Sie haben Spielzeugautos in der Hand und schauen sich verdutzt an. Papa stolpert auf seinen Sohn zu. Fester als geplant nimmt er seinen Sohn in den Arm und lässt ihn nicht mehr los. “Wo warst du, Schatz. Du kannst doch nicht einfach weglaufen. Gott sei Dank.” Papa gibt Marvin einen langen Kuss auf den verschwitzten Lockenkopf. Eine Frau kommt von der Wiese angelaufen und nimmt den anderen Jungen zur Seite. “Ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht so weit weg von uns spielen.” Die Frau entschuldigt sich bei Papa. Aber dem ist alles schnuppe. Er nimmt seinen kleinen Windelrocker auf den Arm und geht gemütlich die Wiese wieder rauf. “Möchtest du jetzt noch ein Eis?”

Seit über 15 Jahren steht der freundliche Eismann jeden Sommer im Stadtpark an der gleichen Stelle. Sein roter Eiswagen glänzt und glitzert in der strahlenden Sonne. Nur jetzt nicht.

Der Eismann ist verschwunden.
Der Eiswagen ist verschwunden.
Sonja und Tanja sind verschwunden.

Drei Tage später werden die Leichen der beiden Kinder in einer Mülltonne nahe der Stadtgrenze gefunden. Der Eismann befindet sich derzeit auf der Flucht und gilt als gefährlich. Sachdienliche Hinweise nimmt die Kripo in München oder jede Polizeidienststelle entgegen.

Über die Autorin:
Fulke Haake ist Kinderbuchautorin und lebt mit ihrem Mann Hagen Haake und ihrer adoptierten, lesbischen Tochter Jay Jay, in der Nähe einer Plattenbausiedlung, nicht weit entfernt der Stadtgrenze, schräg gegenüber von Penny. Sie verwendet furchtbar gerne Modalverben und liebt Füllwörter wie keine Zweite.

Ende


Originally published at tomdiander.com on July 10, 2016.