Penny Dreadful und sein schlechtes Ende

Kann Spuren von Spoilern enthalten!

Ich kann mir ja ein 30 minütiges Standbild von Eva Greens Gesicht anschauen ohne das mir langweilig wird. Von daher bin ich alles, nur sicher nicht objektiv, wenn es um die düstere Gothic-Oper geht.

Als die letzte Folge der dritten Staffel von Penny Dreadful über die Mattscheibe flimmerte, ahnte ich schon, irgendwas ist anders als sonst. Das bekannte Intro, mit der geilen Musik, wurde nicht gespielt. Es wurde aber noch viel schlimmer…viel schlimmer. Denn am Ende stand da wirklich: ENDE! What the Kraftausdruck! Penny Dreadful wurde ohne Ankündigung einfach beendet und Tschöh mit Öh.

Ansich ist das nicht schlimm. Wäre das Ende ein gutes und würde es irgendwie rund wirken. Tut es nicht. Viele kleine Kleinigkeiten haben mir den Spaß am Finale verdorben. Auf gehts. Ich bin ready für nen Wutanfall .

Weiß ist nicht Ihre Farbe!

Irgendwo in Staffel 2 sagt Vanessa Ives zu Dr. Frankenstein, dass Weiß nu so gar nicht Ihre Farbe sei. Trotzdem feiert sie am Ende der letzten Folge in einem hellen Kleid eine Kerzenparty. In der Folge zuvor war sie schon gar nicht mehr zu sehen und auch im Finale hat sie nur zwei schlappe Auftritte.

Da bleibe ich doch gleich mal beim Herzstillstandmoment. Mr. Chandler, der haarige Werwolf Cowboy von nebenan, latscht ins Zimmer und trifft auf seine große Liebe, die im hellen Kerzenschein eine Wand anglotzt. Dann tauschen die Turteltauben eher untypisch belanglosen Quatsch aus und dann peng, schießt Chandler seine Herzdame einfach über den Haufen.

So zum Mitschreiben.
Da wird über lange Strecken eine Storyline ausgerollt, in der Ethan Chandler, der ach so dolle auserwählte, nur er kann Vanessa Ives beschützen, verwandelt sich bei Vollmond in eine Bestie, rette die Welt und so… tja bedeutungsschwangere Andeutungen ohne Ende, um am Ende ins Zimmer zu latschen und mit ner Knarre einfach… peng.

Jetzt mal ohne Scheiß!
Dieses Ende hätte jeder Vollpfosten zustande bekommen. Da hätte auch die Putzfrau per Zufall hereinkommen können. Das Dracula sich eine Etage tiefer mit dem Rest der Bande prügelt, setzt dem Schwachfug die Krone auf. Als Dracula kapiert, dass er es total verkackt hat, schaut er nur dusselig aus der Wäsche und verpisst sich.

Kein Showdown, kein IRGENDWAS

Da bin ich seit Jahrhunderten schwer verknallt in eine Frau, die selbst mein Bruder Luzifer scharf findet, lege dieser Göttin die ganze Welt in Dunkelheit, um dann total verpeilt nicht mitzukriegen, wie mein (lange vorhergesagter) Rivale die Treppe hoch stiefelt? Und als ich es dann endlich schnalle dass der Penner meine große Liebe erschossen hat, gehe ich einfach nach Hause?

“Ja, war nett. Nix für ungut. Hupsi, schon so spät? Bin dann mal weg.”

Was ein schreiender Dünnschiss. Überhaupt verhält sich der süße Mr. Sweet wie ein ausgewechselter Autoreifen. Als hätte man ihm kurz vor Schluss noch die Persönlichkeit ausgetauscht. Da steht er oben an der Treppe und beleidigt James Bond aufs übelste. So als hätte sich der Drehbuchautor gedacht: “Aww, wie blöd. Die Serie wird nicht verlängert. Na dann mache ich mal aus dem charmanten, freundlichen, romantischen, zerrissenen, liebenden, total tollen Vampir, nen arroganten Arsch.”

Staffel 3 war bis kurz vor Schluss wirklich richtig großartig. Allein die Episode, in der Vanessa Ives mit ihrem Pfleger ein Kammerspiel des Grauens abliefert, ist abgefahren brillant und sensationell. Die Geschichte rund um den Werwolf und seine drei (?) Väter ist spannend und saustark erzählt. Nur dann kommen die Helden aus den USA zurück und wie aus heiterem Himmel ist London von einem tödlichen Nebel bedroht. Anscheinend sind ganze Wochen vergangen, in der die Welt (eventuell auch nur England) mal eben untergegangen ist. Blöd nur, dass das dem Zuschauer nicht so klar gemacht wird. Einfach mal nen fetten Zeitsprung machen.

Die Geschichte um meine Lieblingsfeministin Lilly darf auch nur dröge bis öde zu Ende kriechen. Zwar ist der zurückbleibende Dorian Gray, eine für sich genommen starke Szene, jedoch fehlt es hier an Blut an den Wänden. Ich hätte es Klasse gefunden, wenn Lilly so richtig angesäuert bei Dorian aufgelaufen wäre, um dann sein Bild zu zerstören. Oder zumindest ein bisschen kaputt zu machen. Stattdessen bestraft sie ihn fast noch grausamer. Nur ist das alles unspektakulär und schnell herbeigeführt. Schade! Gerade die beiden “Unkaputtbaren” wurden seit der zweiten Staffel richtig interessant. Verschenkt.

Wir haben ja keine Zeit

Da bringe ich nen neuen Knilch in die Show um ihn dann gar nicht in Gänze zu zeigen. Dr. Jekyll ist die Enttäuschung dieser Staffel. Außer Stichwortgeber und zwischendurch mal böse gucken ist nicht viel los mit ihm. Eine ganz traurige Nummer.

Auch Frankensteins Monster darf sich aus Zeitgründen gleich zwei Beerdigungen an einem Tag gönnen. Allerdings ist seine Geschichte noch die mit am besten erzählte in dieser Folge. Seine Entscheidung, rund um den toten Sohn, ist nachvollziehbar, famos gespielt und inszeniert. Leider kommt die dramatische Wucht überhaupt nicht bei mir an, weil ich immer noch den Schock verdauen muss, dass die Hauptfigur so dumm erschossen wurde. Ach und noch was: Wenn ich schon den süßen, kleinen, total sympathischen Mr. Lyle aus der Serie schreibe, dann zerre ich den Schauspieler doch zumindest für 10 Sekunden mit ans Grab. Himmelsack!

Vanessa Ives.
Sie hat gegen ihre inneren Dämonen gekämpft. Hat den Teufel persönlich in die Hölle geschrien. Sie hat gelitten und trotzdem sich nicht unterkriegen lassen. Sie war der Mittelpunkt und das Herz der gesamten Serie. Sie war die traurige Königin, zerrissen zwischen gut und böse, immer am Rand des Untergangs umher tanzend. Und den Machern fällt nix besseres ein als sie zu erschießen. Kein Aufbegehren, kein Kampf. Diese Frau, ausgestattet mit so unglaublich effektiven okkulten, hexerischen Fähigkeiten, stellt sich einfach nur an eine Wand und gibt auf. Dass sie sich von Mr. Sweet in den Nacken knutschen lässt geht ja noch in Ordnung. Warum es dann kein alles entscheidendes Finale gibt, ist mir so schleierhaft wie der dicke Nebel in London. Für mich wurde diese starke, ambivalente Figur zu Tode geschrieben. Ohne ersichtlichen Grund wird aus der starken Vanessa Ives eine müde Karikatur ihrer Selbst.

Will Graham & Dr. Lecter
beim Heavy Petting in der letzten Reihe

Penny Dreadful ist so massenkompatibel wie Hannibal. Genau. Eben so gar nicht. Künstlerisch voll melancholischer Eleganz, teilweise am Zuschauer vorbei inszenierter Kunstwahnsinn, voll tragischer Schönheit, mit Darstellern, die über sich hinauszuwachsen scheinen. Allein Eva Green spielt um ihr Leben. Ich kenne keine Schauspielerin die so wahnsinnig gut, wahnsinnig Wahnsinn spielen kann.

Die Quoten der Serie waren bis zuletzt stabil aber nicht sonderlich berauschend. Das plötzliche Aus der “Groschenheftserie” ist nur mit finanziellen Gründen zu erklären. Am Ende bleibt nur der Trost, eine verdammt gute Serie erlebt zu haben, die lange nachwirkt und sich leider in den letzten Folgen ihres Daseins selbst kastriert hat.

“It is too easy being monsters. Let us try to be human.”
-Victor Frankenstein

Und jetzt zieh Leine!

P.S.: Die Gifs habe ich ganz alleine gefunden. Ohne Hilfe. Also, nur ich.


Originally published at tomdiander.com on June 26, 2016.