Tollwütig

von Tom Diander

Ich öffne die Augen. Mir ist kalt. Bin schweißnass. Habe Durst. Kann nicht klar denken. Auf wackeligen Beinen versuche ich die Küche zu erreichen. Ich reiße die Tür meines Kühlschranks auf. Greife die kaltgestellte Cola. Schraube den runden Deckel ab. Führe die kleine Öffnung der Flasche an meinen Mund und nehme einen tiefen Schluck.

Ich kotze mir alles vor die Füße.
In meinem Magen fühle ich eine grob zupackende Hand, die meine Eingeweide zerquetscht. Ich falle auf die Knie. Sitze in meinem Erbrochenen aus dunklem Brausewasser und dem letzten Abendessen. Mit nervösen Fingern taste ich den Kühlschrank ab. Zitterig grapsche ich nach der Flasche Milch im zweiten Fach. Ich lege an, saufe wie eine Verdurstende in der Wüste, die halbe Flasche leer, als sich mir wieder mein Magen umdreht.

Was ist los? Bin ich krank? Der Schmerz wird unerträglich. Ich rapple mich auf. Schwanke ins Badezimmer. Reiße den Deckel vom Klo hoch und erbreche mich noch mal unter schmerzhaftem Würgen. Weiß der Henker, was da noch alles mitschwimmt.

Ich bin erschöpft. Hocke mich auf die kalten Fliesen. Bin fix und fertig. Döse ein. Träume kranken Scheiß vom Verbrennen. Bin nackt, gefesselt an einem Baum und eine Horde Arschlöcher mit Mistgabeln, stecken mich mit Ihren lodernden Fackeln in Brand. Ich schreie panisch in die Dunkelheit. Die wütende Masse aus höhnisch lachenden Gesichtern brüllt auf mich ein. „Hexe! Hexe! Zurück in die Hölle! Hexe! Hexe!“

Bin wieder da. Hab die Keramikschüssel noch im Arm. Ich muss trinken. Schnell. Ich trockne innerlich aus. Meine Lungen füllen sich mit Staub und kalter Asche. Ich huste minutenlang. Mein Hals tut weh. Ich ziehe mich am Waschbecken hoch. Wasser ist die Rettung. Nur einen verdammten Tropfen. Ich schaffe es nicht mich hochzuziehen.

Auf allen Vieren robbe ich mich rüber zur Badewanne. Ziehe mich unter unmenschlicher Kraftanstrengung am Rand hoch und lasse mich in die Wanne plumpsen. Ich drehe den Wasserhahn auf, der Badewannenstöpsel verhindert das Abfließen. Ich spüre die flüssige Kälte an meinen Füßen und Beinen. Langsam schwappt es hoch zu meinem Rücken. Meine Haare werden feucht. Mein langes Hemd, das ich immer zum Schlafen trage ist eingeweicht. Langsam werde ich vom rettenden Wasser bedeckt.

Ich trinke.
Ertrinke in Glückseligkeit, in meiner eigenen Badewanne. Immer wieder nehme ich einen großen Schluck. Mir wird schon wieder schlecht. Bitte nicht. Ich ekele mich vor all dem Nass. Ich würge. Zum Glück, gibt es nichts mehr in meinem Magen, dass ich ausbrechen könnte. Aber ich würge, huste und spucke wie eine Wahnsinnige. Ich muss hier raus. Springe aus der Wanne und laufe tropfend in mein Schlafzimmer. Reiße den Kleiderschrank auf, greife nach meinem Lieblingsmantel und verlasse, nass bis auf die Knochen, meine Wohnung.

Es ist kurz vor sechs Uhr morgens. Ich schleppe mich von Seitenstraße zu Schleichweg. Will niemandem begegnen. Das Krankenhaus ist acht Minuten Fußweg entfernt. Ich werde wohl eine halbe Stunde brauchen. Mir ist kalt. Ich zittere am ganzen Körper und habe Durst. So unendlich, grausamen Durst. Meine Lippen fühlen sich verkrustetet an. Ich besitze keinen Tropfen Speichel in meinem Mund. Ich brauche Wasser. Dringend irgendetwas, damit dieser höllische Durst weggeht.

Ich komme an meinem Lieblingskiosk vorbei. Martin der Besitzer stellt grad die Zeitungen raus. Er sieht mich. Er nimmt mich besorgt in den Arm. Er sagt etwas, doch ich verstehe ihn nicht. Er nimmt mich mit hinein in seinen Kiosk. Ich sitze auf einem seiner Stühle. Mir ist schwindelig. Habe Zeitverlust. Mal sehe ich Martin direkt vor mir, dann ist er weg, um im selben Moment wieder da zu sein. Es ist so unglaublich irre, doch ich habe keine Kraft darüber nachzudenken. Ich habe nur unglaublichen Durst.

Kaffee.
Martin hält mir eine dampfende Tasse vor die Nase. Mir wird übel. Alles in mir weigert sich, auch nur einen Schluck davon zu nehmen. In mir steigt Wut und extrem, krasser Hass hoch. Noch nie in meinem Leben war ich so zornig. Ich schlage Martin die Tasse heißen Kaffee aus der Hand. Trete ihn mit meinem rechten, nackten Fuß direkt zwischen die Beine. Der Koloss von einem Mann sackt augenblicklich auf seine Knie.

Mit hochrotem Kopf schaut er mir fragend in die Augen. Pure Lava pumpt durch meine Adern. Das Brennen in meiner Brust wird stärker und fordernder. Ich stehe auf. Baue mich über den am Boden kauernden Martin auf und schlage ihm, mit geballten Fäusten, drei Mal ins Gesicht. Es tut mir gar nicht weh. Dann springe ich ihn an. Lande auf seinem Oberkörper. Bleibe auf ihm sitzen und beiße direkt in seinen freilegenden Hals.

Martin schreit, zappelt und versucht mich runter zu stoßen, doch ich beiße mich nur stärker in sein Fleisch fest. Immer kräftiger nage ich an seiner tätowierten Haut, bis ich endlich durch bin. Sein warmes, dickflüssiges Blut, rinnt seinem Hals herunter. Ich bin dem Himmel nah. Eine Welle totaler Lust überschwemmt mich. Der perfekte Moment. Ein Höhepunkt aller Sinne. Ich trinke, sauge, schlürfe und beiße mich immer tiefer in diesen göttlichen Hals. Mein Kopf wird ganz leicht. Ich kann sein Gewicht nicht mehr auf meinen Schultern spüren.

Ich lebe.
Keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist. Ich sitze blutverschmiert, in einer dunkelroten Pfütze, vor einem toten Körper, der mal ein Kioskbesitzer war. Draußen rufen Kunden nach Martin. Ich verschwinde durch den Hintereingang. Es wird langsam hell. Ich fühle mich stark. Fühle mich seltsam lebendig. Noch nie war es so, wie es ist. Auf der Straße sehen mich die Passanten verwundert an. Ich muss ein erschreckendes Bild abgeben. Ein Mann auf der anderen Straßenseite greift nach seinem Smartphone.

Ich renne weg. Laufe über Wiesen, Felder und komme an Orten vorbei, die ich noch nie zuvor besucht habe. Ich erlaube mir nicht, stehen zu bleiben. Mein Körper weigert sich mir zu gehorchen, doch ich laufe weiter. Ich laufe, um mich zu bestrafen. Ich habe etwas Unaussprechliches getan. Ich höre eine Stimme in meinem Kopf, die nicht meine eigene ist. Es ist eine Stimme die mich verwirrt. Es herrscht Chaos in meinem Kopf. Ich kann nicht mehr.

An einem See falle ich ins hohe Gras. Das Wasser um mich herum macht mir Angst. Ich habe panische Furcht vor diesem Wasser. Mein Herz rast und es schnürt mir die Kehle zu. Trotzdem habe ich wieder Durst. Ich versuche mich zu stabilisieren. Meinem Umherstreifen ein Ende bereiten. Doch hat der Durst einmal angefangen, gibt er sein Opfer erst wieder frei, wenn er ihm eine unauslöschliche Lektion erteilt hat.

Ich befinde mich am Rande des Nervenzusammenbruchs. Um zu leben, muss ich trinken. Wenn ich nicht trinke, kann ich nicht leben. Ich habe Martin getötet. Ich habe von ihm getrunken. Habe sein Leben genommen, um mein eigenes zu retten.

Fick Dich!
Ich weigere mich, dieses Schicksal anzuerkennen. Ich bin keine Mörderin. Ich werde aus diesem verdammten Traum erwachen und mein langweiliges Leben zurückbekommen. Ein Leben, eine Geschichte ohne Plan, ohne Handlung. Jetzt bin ich an den Rand des Abgrunds gekrochen und klammere ich dort fest, weil ich nicht zurück will, in dieses Dasein von gar nichts. In mir geschah schon lange gar nichts mehr. Aber wenn das alles echt ist, was bin ich dann? Ein Vampir? Ein Monster? Reif für die Klapsmühle? Ich habe Martin die Kehle zerbissen, von seinem Blut getrunken und auch jetzt dürstet es mich so stark.

Ich strecke meine drei Finger in die Luft und schwöre, dass ich Martin nicht getötet habe. Ich berausche mich an dieser beispiellosen Sünde. Ich schwöre bei Gott, Jesus und allem, was so heilig ist, dass ich nichts Schlimmes getan habe. Ich beschwöre bewusst meine Lüge und fühle mich so dermaßen geil, dass ich immer dringender etwas trinken muss.

Denn hier ist das Ende. Ich habe noch zwei Möglichkeiten. Verdursten und sterben oder trinken und leben. Leben oder Sterben. Ich entscheide mich für das Leben. Lasse das Chaos zu. Ich stoße auf ein Problem von Raum und Zeit und beschließe einen unsichtbaren Umweg zu nehmen. Ich lüge, bis sich die Balken des Himmels biegen und über meinem Kopf zusammenbrechen.

Was geschieht, darf geschehen.
Ich bin mir bewusst, dass ich Einflüssen unterliege, über die ich nicht mehr Herrin bin. Unsichtbare Mächte übernehmen die Kontrolle. Ist mir egal. Ich habe Durst. Die Vorgänge sind mir in jeder Einzelheit bewusst. Der Durst, ist der Motor, der mich spaltet. Der mich werden lässt. Der Hunger nach Blut verändert mein Bewusstsein. Ich lasse es zu. Ich kann nicht mehr sagen, wer ich bin.

Habe keinen Namen. In Zukunft werde ich mich mit Namen behängen, die frei erfunden sind und mir spontan einfallen. Mein Name wird eine Lüge sein. Ich werde die Lüge sein. Denn mit der Lüge, verschwindet die Wirklichkeit dieser Welt und eine Kreatur wie ich, kann nicht wirklich sein. Ich habe die Kontrolle über meine Gedanken und Handlungen noch nicht gänzlich verloren. Ich werde trinken.

Wahrscheinlich Dich dahinten. Du ahnungsloser Mann, der du Deinen Hund Gassi führst. Ich werde zitternd auf dich zu stolpern und bei meinem verschlampten Äußeren, wirst Du mich für das Opfer eines Triebtäters halten. Ich werde mich für ein paar Minuten in Deinen Armen sicher fühlen. Doch bevor Du heldenhaft die Polizei rufst, bitte ich Dich, mich in Sicherheit zu bringen. Bei Dir zu Hause, während Du langsam, genussvoll, ausblutest, werde ich mir ein Wannenbad gönnen. In Deinem Blut.

Ich trinke Dich nicht sofort leer. Vielleicht spiele ich noch etwas mit dir.
Ich kann es kaum erwarten.
Ich werde leben.
Ich werde den Durst überleben. 
Selbst wenn er mich vor die Tore des Todes führt.

Ende


Das wundervolle Bild, kommt von der großartigen Eve Alexder

Und jetzt zieh Leine.


Originally published at tomdiander.com on April 24, 2016.