Goethe’s Homecoming

Die Weimarer Ausgabe im Thomas Mann House Los Angeles

Gemeinsam mit Thomas Mann überquerte die Sophienausgabe den Atlantik und folgte ihm bis nach Los Angeles. 1952 verließen die Prachtbände Pacific Palisades und kehren nun wieder zurück.

For the English version click here.

Von Thomas Mann Fellow Stefan Keppler-Tasaki

Der amerikanische Horizont von Goethes Auswandererroman Wilhelm Meisters Wanderjahre (1829) verdankt seinen Silberstreif besonders der herzoglich-weimarischen Amerika-Expedition von 1825/26. Herzog Bernhard, der sich eine unabhängige Existenz an der westlichen Siedlungsgrenze ausmalte, weit entfernt vom europäischen Streit und Verfall, sprach nicht allein bei den Gründungsvätern wie Thomas Jefferson vor, sondern auch bei der Familie von William Clark, dem Pionier der amerikanischen Westküste und Visionär pazifischer Zukunftsaussichten der Union. Thomas Mann brachte den Roman um die zentrale Figur von Makarie, ein Anagramm für „Amerika“, gleich in mehreren Goethe-Werkausgaben an die Gestade mit, denen Eckermanns Gesprächspartner eine hoffnungsvolle Entwicklung vorausgesagt hat: „dieser ganzen Küste des Stillen Oceans, wo […] sehr bedeutende Handelsstädte entstehen werden, zur Vermittelung eines großen Verkehrs zwischen China nebst Ostindien und den Vereinigten Staaten.“

Zu der Zeit von Manns Übersiedlung aus Princeton 1941/42 war Pacific Palisades ein äußerster Ausläufer von Los Angeles, der großzügige Anwesen mit so üppigen Buchbeständen wie in Feuchtwangers „Villa Aurora“ und Manns „Sven Palms“ erlaubte. Seine Hausbibliothek im Umfang von etwa 5.000 Bänden war hauptsächlich an der breiten Nord- und schmalen Westwand des neuen Arbeitszimmers aufgestellt, des „schönste[n] meines Lebens“, wie er schrieb. Ein verglaster Jugendstil-Bücherschrank stand an der Ostwand des Wohnzimmers.

Abb. 1: Bücherschrank im Salon

Eine Leseecke mit Sessel und Fußablage hat sich der Schriftsteller im Master Bedroom einrichten lassen. Die „Auflösung der Bibliothek“ in Princeton besorgten Packer, das „Aufstellen“ in Seven Palms Katia und Golo Mann. „Erregend“, notierte der Hausherr zu diesen Arbeiten an seinem intimsten Besitz.

Das Study gehörte im Februar 1942 zu den ersten Räumen, die Thomas Mann im „P.P. Haus“, wie er es nannte, einrichten ließ. Unter dem 10. Februar heißt es: „Die Aufstellung der Bücher, einschließlich des großen Goethe, im Studio beendet.“ Diese Buchausstattung trug offensichtlich dazu bei, das Haus zum Heim zu machen: „Wie daheim fühle ich mich in der Goethe’schen Sphäre“, meinte Mann an früherer Stelle. Anfang 1944 kam eine „Goethe-Ecke im Arbeitszimmer“ hinzu, so genannt nach dem Bildnis Charlotte Buffs, das dort aufgehängt wurde, hindeutend aber auch auf die Art der Bücher, die sich Mann in Griffweite hielt. Fotos des Arbeitszimmers in Pacific Palisades zeigen sowohl die „Goethe-Ecke“ als auch die Bände der Weimarer oder Sophien-Ausgabe von Goethes Werken, die — neben der Propyläen- und der Tempel-Klassiker-Ausgabe — im Rücken des Schriftstellers aufgestellt waren.

Abb. 3: „Goethe-Ecke im Arbeitszimmer“

Mahagoni-Schreibtisch und Goethe-Bände standen somit in einem Spiegelverhältnis, dessen Achse Thomas Mann bildete. Sichtbar wird hier das objektgeschichtliche Pendant jener „Bejahung des eigenen Selbst in seiner Verklärung, Idealität, Vollendung“, die Mann mit Goethe erklärtermaßen verfolgt hat.

Manns Exemplare der Weimarer Ausgabe kamen in Einbänden des Münchner Buchbinders Fritz Gähr mit rotbraunem Halbfranzband und goldgeprägtem Rückentitel. Der Rücken ist durch fünf Zierbünde und vier identische, ebenfalls goldgeprägte Lilienornamente gegliedert. Deckel und Vorsatz sind mit Marmorpapier überzogen. Kopfgoldschnitt und rote Lesebändchen ergänzen die Ausstattung, die Thomas Manns Lebensniveau entsprechen sollte. Wie wertvoll die Ausgabe ihrem Besitzer war, zeigt der Küsnachter Tagebucheintrag vom 5. März 1937: „3 große Kisten mit dem hundertbändigen Goethe aus München. Zwei davon nach dem Thee und dem Abendessen ausgepackt. Einzelne Bände in schlechtem Zustand und reparaturbedürftig. Aber ein großartiger Besitz.“

Goethe befand sich mit im Frachtgut, als der Nobelpreisträger im Februar 1938 die Exilformel prägte: „Where I am, there is Germany. I carry my German culture in me.“ Um klassische Worte handelte sich hier schon im Vorhinein dadurch, dass Mann sie gezielt in die Form einer Maxime wie von einem französischen Moralisten, amerikanischen Gründungsvater oder eben Goethe gekleidet hat. Nur deshalb konnte er sie im Stil seiner bruchlosen Montagen umgehend wiederum dem Klassiker in den Mund legen: „Sie meinen, sie sind Deutschland, aber ich bins, und gings zu Grunde mit Stumpf und Stiel, es dauerte in mir“, so Manns Goethe im berühmten siebten Kapitel von Lotte in Weimar (1939). Manns kultureller Repräsentationsanspruch erforderte den ununterbrochenen Rekurs auf Goethe, der im Roman auch ausspricht: „Das aber ists, daß ich zum Repräsentanten geboren“. Auf dem Weg zur amerikanischen Staatsbürgerschaft von „Tommy“ im Jahre 1944 erforderte diese selbsterhöhende Goethe-Identifikation zunehmend auch ein Bild Goethes als Amerikaner, wie es in der Rede Goethe und die Demokratie von 1949 vollendet ist.

Mit dem zweiten transatlantischen Umzug des Ehepaars Mann gelangte die Weimarer Ausgabe 1952 wieder in die Schweiz. „Der große Goethe rings um den ‚Vorsaal‘ prächtig aufgestellt“, heißt es im Erlenbacher Tagebuch. Nach dem Tod Thomas Manns 1955 ging das schwere Gut in den Besitz des jüngsten Sohnes, Michael, über, der wenig später damit nach Pittsburgh und schließlich zum Germanistik-Studium nach Boston umzog. Für den angehenden Literaturwissenschaftler war die Weimarer Ausgabe ein ideales Startkapital. Mit Michael Manns Eintritt in das German Department von Berkeley 1961 kamen die acht Regalmeter Goethe nach Orinda, einen östlichen Vorort der Universitätsstadt.

In Orinda verstarb im Januar 1977 Michael, im Mai 2007 seine Witwe, Gret Mann-Moser. Der Erbe Frido Mann schickte die Weimarer Ausgabe nicht auf Atlantikfahrt, sondern schenkte sie einem früheren Institutskollegen seines Vaters, Frederic C. Tubach. Der „hundertbändige Goethe“ wechselte erstmals nach mehreren Jahrzehnten wieder den Haushalt, aber nur wenige Straßen weiter innerhalb Orindas. Frederic und Sally Patterson Tubach spendeten den Buchschatz schließlich an das Thomas Mann House Los Angeles. Die feierliche Übergabe erfolgte im Rahmen der Podiumsdiskussion „Goethe’s Homecoming“ am 8. Oktober 2019.

Abb. 5: Thomas Manns Exemplare der Weimarer Ausgabe in der heutigen Aufstellung im Thomas Mann House

Heute besetzen die Bände die zentralen acht Regalflächen an der Hauptwand von Manns früherem Arbeitszimmer, virtuell im Rücken des Schriftstellers, den man auf Fotos im Raum noch an seinem Schreibtisch sitzen sieht. In den wachsenden Buchbeständen des Thomas Mann House sind sie die einzigen aus dem Besitz des Schriftstellers und bilden — neben der Sammlung von teils signierten Thomas-Mann-Erstausgaben, die Wolf von Lojewski im Oktober 2018 gespendet hat — das Herzstück der heutigen Bibliothek. Derlei Reliquien zu schaffen, gehörte selbstverständlich zum Geschäft der Geschichte, wie Goethe und Thomas Mann es planvoll betrieben haben. Über Goethes Geschick bei der Selbstüberlieferung in Objekten belehrt unter anderem das Buch Goethe und die Seinen. Quellenmäßige Darstellungen über Goethes Haus von 1908, das Mann besaß und stark benutzt hat — mit offensichtlichem Gewinn.

Der Rolls-Royce unter den Goethe-Editionen wurde von seinem Erstbesitzer offenbar selten ausgefahren und enthält vergleichsweise wenig Lesespuren. Gerade zum Beginn der Arbeit an Lotte in Weimar, bei der Exzerpierung von „allerlei Weimariana“ im Oktober 1936, war sie ihm nicht zur Hand und spielte so auch nicht die Rolle des Hauptarbeitsmittels. Die Sorge um die Weimarer Ausgabe wurde dem Exilanten dafür zu einem Medium der Emigrationserfahrung, das gerettete Buchkorpus zum Spiegel des eigenen Körpers. Dem „Ergehen“ der Weimarer Ausgabe, so Werner Frizen über ihre Dokumentation in den Tagebüchern, ist „ein fortlaufendes Bulletin gewidmet“. Die Metaphern des bedrohten Körpers und der gefährdeten Statur lassen sich dabei nicht übersehen, z.B. unter dem Datum des 19. März: „Zahlreiche Bände mit gebrochenem Lederrücken. Wiederherstellung wird kostspielig sein.“

Die Zahmen Xenien, ein häufiger Zufluchtsort Manns für die Kunst der Lebensführung, haben den Bleistift besonders auf sich gezogen. So auf die Verse:

Mit sich selbst zu Rathe gehn,

Immer wird’s am besten stehn:

Gern im Freien, gern zu Haus,

Lausche da und dort hinaus

Und controlire dich für und für,

Da horchen alt und jung nach dir.

Auf die politische Lage hin durchsichtig ist die Anstreichung des folgenden Xenions:

Ich habe gar nichts gegen die Menge;

Doch kommt sie einmal in’s Gedränge,

So ruft sie, um den Teufel zu bannen,

Gewiß die Schelme, die Tyrannen.

Auch im Kontext des Zweiten Weltkriegs erweist sich Goethes Spruchweisheit als überraschend aktualisierungsfähig: „Der Achse wird mancher Stoß versetzt,/ Sie rührt sich nicht — und bricht zuletzt.“ Bissigen Bemerkungen Goethes zur „deutschen Nation“, die „sich erst recht erhaben fühlt,/ Wenn all ihr Würdiges ist verspielt“, fehlte es ebenfalls nicht an Gebrauchswert.

Ähnliche Dichte erreichen die Markierungen in den Bänden mit Goethes Gesprächen. Hier findet man umfangreich und akribisch eben diejenigen Stellen hervorgehoben, die für Goethes halb göttliche, halb liederliche Erscheinung in Lotte in Weimar einschlägig sind. Beispielsweise: „seine Figur ist jetzt im vollkommensten Ebenmaß und von höchster Schönheit. […] Er ist ein geborner König der Welt.“ Auch das für Lotte in Weimar entscheidende Zeugnis von Charlotte „Lotte“ Kestner, geb. Buff, selbst ist intensiv mit dem Bleistift bearbeitet, darunter Passagen, die eben jene kalkulierte Selbstüberlieferung in Objekten betreffen, wie Mann sie nachgelebt hat. Mann benutzte Goethes Gespräche auch in der Einzelausgabe von 1890, die die betreffenden Passagen indes noch nicht enthielt.

Abb. 6: An- und Unterstreichungen Thomas Manns in der Weimarer Ausgabe: Bericht Charlotte Kestners über ihre Wiederbegegnung mit Goethe im September 1816

In den Erläuterungen zu Goethes Gesprächen finden sich Angaben zu Personen aus Goethes Umfeld hervorgehoben: zu Falk, Knebel, Bertuch, Ridel, Johann Heinrich Meyer etc. An den Erläuterungen interessierte Mann aber auch das Zitat von Goethes fulminantem Bekenntnis aus den Biographischen Einzelheiten: „Ich habe niemals einen präsumtuöseren Menschen gekannt als mich selbst […]. Niemals glaubte ich, daß etwas zu erreichen wäre, immer dacht’ ich ich hätt’ es schon. Man hätte mir eine Krone aufsetzen können, und ich hätte gedacht, das verstehe sich von selbst.“ In Dichtung und Wahrheit hat sich Mann konsequent angestrichen, was Friederike Brion, die Vorgängerin Lottes, betrifft.

Insgesamt erwecken diese Lesespuren den Eindruck, dass Thomas Mann hier, zunächst zwischen 1937 und 1939, Lektüren wiederholte und ergänzte, die er überwiegend bereits in der Propyläen- und in der Tempel-Klassiker-Ausgabe von Goethes Werken vorgenommen hatte. So heißt es unter dem 14. Juli 1937 im Tagebuch explizit: „Lektüre [in] G.-Gesprächen der Sophieen[!]-Ausgabe“. Die Anstreichungen in den Zahmen Xenien deuten klar auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges hin, eher sogar auf die Zeit um und nach 1942, wenn die „Achse“ so manchen „Stoß“ erhalten haben soll. Für die Entstehungsgeschichte von Lotte in Weimar und die Entwicklung seiner Selbstbespiegelungen in Goethe sind die Bücher damit von geringerer Bedeutung als diejenigen, die wie die Propyläen- und die Tempel-Klassiker-Ausgabe zur Zürcher Nachlassbibliothek gehören. Der Schenkung durch das Ehepaar Tubach verdankt sich gleichwohl eine Arrondierung der Überlieferung, die der Forschung zu Manns „Goethe-Mimikry“ (Werner Frizen) sehr willkommen sein wird.


Abb. 1: Bücherschrank im Salon, Pacific Palisades um 1948. Quelle: Thomas-Mann-Archiv, ETH Zürich, Sign. TMA_3203.

Abb. 2: Leseecke im Master Bedroom, Pacific Palisades um 1948. Quelle: Thomas-Mann-Archiv, ETH Zürich, Sign. TMA_AL29_6128.

Abb. 3: „Goethe-Ecke im Arbeitszimmer“ (Hintergrund links), Pacific Palisades um 1948. Quelle: Thomas-Mann-Archiv, ETH Zürich, Sign. TMA_3206.

Abb. 4: Die Bände der Weimarer Ausgabe (Hintergrund links), Pacific Palisades um 1948. Quelle: Thomas-Mann-Archiv, ETH Zürich, Sign. TMA_3204.

Abb. 5: Thomas Manns Exemplare der Weimarer Ausgabe in der heutigen Aufstellung im Thomas Mann House, Pacific Palisades 2019. Quelle: Thomas Mann House Los Angeles.

Abb. 6: An- und Unterstreichungen Thomas Manns in der Weimarer Ausgabe: Bericht Charlotte Kestners über ihre Wiederbegegnung mit Goethe im September 1816.


Stefan Keppler-Tasaki, geb. 1973 in Wertheim, Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes von 1993 bis 1999 und wieder von 2000 bis 2003, Assistent für neuere deutsche Literatur an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg von 2002 bis 2005 und an der FU Berlin von 2005 bis 2008, Juniorprofessor für neuere deutsche Literatur an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule der FU Berlin von 2008 bis 2012, Professor für moderne deutsche Literatur an der University of Tokyo, Graduate School of Humanities and Sociology / Faculty of Letters seit 2012, Einstein Visiting Fellow der FU Berlin seit 2014. Autor unter anderem von Grenzen des Ich. Die Verfassung des Subjekts in Goethes Roman und Erzählungen (De Gruyter, 2006) und Alfred Döblin. Massen, Medien, Metropolen (Königshausen & Neumann, 2018). Gründungsmitherausgeber der Buchreihen WeltLiteraturen (De Gruyter) und Rezeptionskulturen (Königshausen & Neumann).

VATMH

Villa Aurora & Thomas Mann House | Residency program and space for transatlantic debate in Los Angeles, California | vatmh.org

Villa Aurora · Thomas Mann House

Written by

www.vatmh.org | Residency program and space for transatlantic debate in Los Angeles, California.

VATMH

VATMH

Villa Aurora & Thomas Mann House | Residency program and space for transatlantic debate in Los Angeles, California | vatmh.org

Welcome to a place where words matter. On Medium, smart voices and original ideas take center stage - with no ads in sight. Watch
Follow all the topics you care about, and we’ll deliver the best stories for you to your homepage and inbox. Explore
Get unlimited access to the best stories on Medium — and support writers while you’re at it. Just $5/month. Upgrade