Aufgewühlte Wasser

Der Nahe Osten leidet unter ständigem Wassermangel, der manchmal zu nationalen Konflikten führt. Werden die Völker der Region eine gerechte Lösung finden?

Original von Rebecca Sweat

Mit leeren Milchkannen, Sprudelflaschen und Putzeimern machen sich Nahla Ameen und ihre beiden Kinder auf den kilometerlangen Weg von ihrem Haus in dem Dorf Ein Arik im Westjordanland zu einer kleinen Quelle direkt vor dem Tor der Siedlung. Es ist früher Morgen, und sie sind zu der Quelle gekommen, um Wasser zu holen, wie andere aus der Siedlung.

Für Nahla gehört das Wasserholen zur täglichen Routine. „Wir sind immer müde, wenn wir heimkommen“, sagt sie. „Wenn die Behälter voll sind, sind sie sehr schwer. Sie zurückzutragen ist eine Plackerei, besonders an heißen Sommertagen.“ Trotzdem beklagt sie sich nicht. Sie ist froh, überhaupt Wasser für ihre Familie zu bekommen.

„Wo wir wohnen, gibt es keine öffentlichen Wasserleitungen oder fließendes Wasser“, sagt Nahla. „Durch unser Dorf kommen Tankwagen mit Wasser, aber das können wir uns nicht leisten. Der Preis für eine Tankfüllung ist ein halber Tageslohn für meinen Mann. Das Wasser von der Quelle kostet wenigstens nichts.“

Nahla ist zwar froh, das Wasser zu bekommen, aber sie sagt auch, dass sie nicht so viel Wasser zurücktragen könne, wie ihre Familie eigentlich braucht. „Wir haben Wasser zum Trinken und Kochen“, sagt sie, „aber es ist nie genug da, um Wäsche zu waschen, den Boden zu wischen oder um mehr als zweimal im Monat zu baden.“

Die Familie Ameen ist kein Sonderfall. Für die meisten Menschen im Westjordanland — und im Grunde im ganzen Nahen Osten — ist Wasser keine Selbstverständlichkeit. In dieser Region der Welt ist Wasser knapp, und es wird immer knapper.

Nach Informationen der Weltbank leben im Nahen Osten und Nordafrika rund 5 Prozent der Weltbevölkerung, doch ihnen steht weniger als 1 Prozent der erneuerbaren Trinkwasserressourcen der Welt zur Verfügung. Innerhalb der Region sei die Verfügbarkeit von Wasser seit 1960 um 62 Prozent pro Person zurückgegangen, und in den nächsten 30 Jahren dürfte sie um weitere 50 Prozent sinken.

„Nach Informationen der Weltbank leben im Nahen Osten und Nordafrika rund 5 Prozent der Weltbevölkerung, doch ihnen steht weniger als 1 Prozent der erneuerbaren Trinkwasserressourcen der Welt zur Verfügung.“

Die durchschnittliche Verfügbarkeit von Wasser pro Person im Nahen Osten ist mit jährlich rund 1 200 Kubikmetern mit Abstand die geringste weltweit. „Das ist etwa ein Drittel der Verfügbarkeit in Asien, 15 Prozent in Afrika und nur 5 Prozent in Lateinamerika“, kommentiert Jamal Saghir, Wasserexperte der Weltbank für den Nahen Osten und Nordafrika. Im weltweiten Durchschnitt beträgt der jährliche Wasserverbrauch rund 7 500 Kubikmeter pro Kopf. Im Nahen Osten hat der Iran mit 1 800 Kubikmetern pro Jahr die höchste Pro-Kopf-Verfügbarkeit. Der Jemen, Jordanien, Kuwait, Gaza und das Westjordanland haben die geringste Verfügbarkeit in der Region — nur 200 Kubikmeter (oder weniger) pro Kopf und Jahr.

Praktisch gesprochen sind Dinge, die in vielen anderen Teilen der Welt Alltäglichkeiten sind — Kaffee kochen, ein Bad nehmen, abwaschen oder den Garten sprengen — im Nahen Osten oft Luxus. In manchen Gebieten wie dem Westjordanland und Gaza haben die meisten Einwohner keinen Anschluss an die Trinkwasserversorgung, und um Wasser zu bekommen, müssen sie entweder astronomische Preise zahlen oder lange vor öffentlichen Pumpen Schlange stehen, um Zisternen zu füllen. Andere, zum Beispiel in der Stadt Amman, sind an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen, aber das Wasser ist rationiert, und die Wasserbehörde schaltet die Pumpen nur zwei bis dreimal pro Woche ein.

Natürlich ist Wassermangel für die Region keine neue Herausforderung. „Der Nahe Osten hatte immer beschränkte Wasserressourcen“, schreibt Aaron T. Wolf, Associate Professor für Geographie, Projektleiter der Transboundary Freshwater Dispute Database und Mitherausgeber von Water in the Middle East (University of Texas Press, 2000). „Dürreperioden sind ein regulärer und natürlicher Bestandteil des Klimas. Die Niederschläge in der Region sind zumeist sehr unregelmäßig, lokal beschränkt und unberechenbar.“ Ein Großteil des Nahen Ostens hat gerade die schlimmste Dürre der vergangenen 100 Jahre erlebt, und dadurch sind die Wasserstände in Flüssen, Seen und Aquifern [Grundwasserkörpern] gesunken. Obwohl die Dürre in manchen Gebieten durch überdurchschnittliche Regenfälle im Winter gelindert wurde (so wurde zum Beispiel der See Genezareth, dessen Wasserstand seit 1992 abgenommen hatte, wieder vollständig aufgefüllt), spielen auch andere Faktoren als Regenmangel eine Rolle, wie Wolf erklärt.

WICHTIGE WASSERWEGE

Angesichts der zu erwartenden Verschärfung des Wassermangels in den kommenden Jahren halten viele es für unausweichlich, dass es zwischen den Völkern des Nahen Ostens zu einem Wettlauf um Wasserressourcen kommt. Es gab bereits mehrere Zusammenstöße deswegen, und mehrere politische Führer haben geäußert, dass es bei künftigen Konflikten vorwiegend um den Zugang zu Wasser gehen wird. Saghir meint: „Die Gewährleistung einer gerechten und angemessenen Verteilung des Wassers in der Region ist lebenswichtig für einen dauerhaften Frieden zwischen den Völkern des Nahen Ostens.“

Zwar gibt es in der Region viele grenzüberschreitende Flüsse und mehrere große gemeinsame Grundwasserkörper, doch am wahrscheinlichsten sind Auseinandersetzungen um Wasser in den drei größten grenzüberschreitenden Flusstälern des Nil, Tigris-Euphrat und Jordan-Yarmuk sowie in den besetzten Gebieten West Bank und Gazastreifen mit ihren Aquifern.

DER NIL

Der Nil — der längste Fluss der Welt — durchquert mit seinen Nebenflüssen die Staaten Ägypten, Äthiopien, Eritrea, den Sudan, Tansania, Uganda, Kenia, Zaire, Burundi und Ruanda. Unter ihnen ist Ägypten wohl am abhängigsten vom Nil. „Ägypten ist der einzige Nil-Anrainerstaat, der nicht genug Regen für den Ackerbau hat; seine gesamte Nahrungsmittelerzeugung hängt vom Nil ab“, erklärt Munther Haddadin, ein auf Wasserressourcen im Nahen Osten spezialisierter Berater, der von 1997 bis 1998 jordanischer Minister für Wasserwirtschaft war. „Alle anderen Anrainerstaaten haben Gebiete, deren Niederschlagsmenge für die Nahrungsmittelerzeugung ausreicht. Der nördliche Sudan ist eine Ausnahme, aber der Süden des Landes ist reich an Niederschlägen und landwirtschaftlich nutzbaren Flächen.“

Die größten Streitigkeiten um Wasser betrafen bislang vor allem Ägypten, Äthiopien und den Sudan. Ägypten beanspruchte lange die Kontrolle über den Nil. In den vergangenen Jahren jedoch protestierte Äthiopien immer schärfer gegen Ägyptens Nutzung des Nilwassers und behauptete, das Abkommen von 1959, das die Verteilung regelt, sei äußerst ungerecht. In den 1990er-Jahren begann Äthiopien, einseitige Pläne zur Ableitung von Nilwasser für seinen eigenen Gebrauch zu machen, da das Abkommen Ägypten und den Sudan einseitig begünstige.

Das flussabwärts gelegene Ägypten ist besorgt, Äthiopien könne Talsperren in seinen Gebirgen oder auch einen Kanal bauen; beides würde die Zuflüsse zum Nil deutlich mindern. In den vergangenen Jahrzehnten hat Ägypten sogar gelegentlich auf die Möglichkeit angespielt, militärisch gegen Äthiopien vorzugehen, falls es versuchte, Nilwasser zurückzuhalten und es nicht nach Ägypten weiterfließen zu lassen.

Auch der Sudan hat expansionistische Wünsche im Hinblick auf das Nilwasser angemeldet und im Jahr 1995 sogar gedroht, aus dem Abkommen von 1959 auszuscheren. Dies hat die Nachbarländer zunehmend destabilisiert, da es sowohl Äthiopiens als auch Ägyptens Zugang zum Wasser gefährdet.

EUPHRAT UND TIGRIS

Die Quellflüsse des Euphrat und des Tigris entspringen in den Bergen der südöstlichen Türkei. Von dort fließen sie durch Syrien und den Irak in den Shatt-al-Arab, der wiederum in den Persischen Golf mündet.

In den vergangenen Jahren gab es zwischen dem Irak, Syrien und der Türkei wegen der Nutzung dieser gemeinsamen Flüsse immer wieder gegenseitige verbale Drohungen. Die Türkei führt derzeit ein Erschließungsprogramm durch (das Südostanatolien-Projekt, GAP), das den Bau von 22 Dämmen und Stauseen am Tigris und am Euphrat vorsieht. „Dies ist ein Zankapfel für die Nachbarländer Irak und Syrien“, kommentiert Aaron T. Wolf, „die verlangen, dass die Türken mehr Wasser an ihren Talsperren vorbei durch den Euphrat und den Tigris weiterfließen lassen.“

Bis heute hat die Türkei ihr GAP-Projekt etwa zur Hälfte fertiggestellt. Sobald es vollständig in Betrieb ist, wird die Wassermenge, die in den Irak gelangt, Schätzungen zufolge nur noch 80 Prozent der Menge von 1980 entsprechen und die Menge, die Syrien erreicht, wird um 40 Prozent geringer sein.

Ein weiterer Streitpunkt ist die Wasserqualität. „Wenn die Türkei mehr Wasser am Oberlauf des Euphrat entnimmt“, erklärt Haddadin, „wird süßeres Wasser entnommen, und flussabwärts, in Syrien und im Irak, steigt der Salzgehalt. Was noch schädlicher sein wird: Nach der Bewässerung der Flächen am türkischen Oberlauf fließt schwach salziges (brackiges) Sickerwasser in den Fluss zurück. Dadurch werden die Umweltprobleme des Euphratwassers in Syrien und im Irak vervielfacht werden.“

Noch komplizierter wird die Lage durch Syriens Unterstützung der Kurdischen Separatistenpartei PKK in ihrem Widerstand gegen die Türkei — eine Politik, auf die die Türkei mit der Androhung einer Wasserblockade antwortet.

„Keiner der Streitpunkte um das Euphrat-Tigris-Einzugsgebiet ist beigelegt“, stellt Wolf fest. „Und es gibt keinen Mechanismus, etwa einen gemeinsamen Ausschuss der Anrainerstaaten, um eine gerechte Lösung auszuhandeln. Die Türkei kann ihre Pläne durchführen, weil sie wirtschaftlich und militärisch dominant ist.“ Zurzeit werde über einen Kompromiss nicht einmal diskutiert, weil die Türkei, der Irak und Syrien sich nicht einig seien, wie Eigentum an Wasserressourcen zu definieren sei, und es jedem der Länder vor allem um Eigentum statt um gerechte Verteilung gehe.

DER JORDAN, DER YARMUK UND DIE GRUNDWASSERKÖRPER

Das dritte wichtige Flusssystem im Nahen Osten ist kleiner als die anderen — doch dies gilt nicht für sein Konfliktpotenzial. Das Einzugsgebiet des Jordan umfasst den Oberlauf, den Unterlauf und vier Nebenflüsse; der größte davon ist der Yarmuk. Das System ist lebenswichtig für die Wasserversorgung in Jordanien, Syrien, dem Libanon, Israel und dem besetzten Westjordanland; seit vielen Jahren ist es zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn immer wieder Anlass zum Streit.

Auslöser des Konflikts ist die Tatsache, dass der gesamte Jordangraben, zu dem auch das Galiläische Meer (auch See Genezareth oder Kinnereth-See genannt) in Nordisrael und die Golanhöhen gehören, seit dem Sechstagekrieg von 1967 unter israelischer Kontrolle ist. Darüber hinaus kontrolliert Israel die Gebirgs- und die Ost-Grundwasserkörper im Westjordanland und die Küsten-Aquifern im Gazastreifen.

„Die Araber in der Region finden generell, dass die Israelis mehr Wasser verbrauchen, als ihnen zusteht“, sagt Saghir. Laut Statistiken der Weltbank kommen die Palästinenser und Jordanier mit nur 200 Kubikmetern Wasser pro Kopf und Jahr aus, während Israelis im Durchschnitt 447 Kubikmeter verbrauchen.

Bei einem Großteil der Reibereien der vergangenen Jahre ging es um die Gebirgs-Grundwasserkörper, die Israel mehr oder minder mit den Palästinensern im Westjordanland teilt. Israel deckt ein Drittel seines Wasserbedarfs aus Grundwasserkörpern. Zwar fließt ein Teil des Wassers aus diesen Aquifern auf natürlichem Wege nach Israel, doch der weitaus größte Teil wird in Palästina abgepumpt. Israel jedoch kontrolliert die Pumpstationen und verbraucht rund 80 Prozent des Wassers, erklärt der Grundwasserexperte Abdel Rahman Tamimi von der Palestinian Hydrology Group (PHG). Dies sorgt ständig für Konfliktstoff, denn die Palästinenser finden, dass dieses Wasser von Rechts wegen ihnen gehört: „Die israelischen Siedlungen haben Wasser, Rasen und Swimmingpools, während Dutzende palästinensischer Dörfer ohne angemessene Wasserversorgung sind und unter Wassermangel leiden“, klagt Tamimi.

Viele Quellen und Brunnen im Westjordanland sind versiegt, und darunter leidet die Landwirtschaft. Die PHG ist überzeugt, dass Israel daran schuld ist — dass es den Palästinensern das meiste Wasser wegnimmt und ihnen verbietet, neue Brunnen zu bohren oder bestehende Brunnen zu vertiefen. Die Israelis halten dagegen, alle in den besetzten Gebieten bekämen unbeschränkt Trinkwasser, aber weder die Israelis noch die Palästinenser dürfen neue Brunnen für die Landwirtschaft bohren, wenn der Grundwasserspiegel derart niedrig ist.

Bisher konnten weder für die Grundwasserkörper in der Region noch für die Gewässer des Jordangrabens umfassende Vereinbarungen über eine gerechte Verteilung erzielt werden. Laut Aaron T. Wolf „hat die Knappheit des Wassers die Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern erheblich verschärft, zusätzlich zu den ethnischen Konflikten und Grenzstreitigkeiten. Ich denke, die Palästinenser sehen das Wasser als eines der Machtmittel, die Israel bei der Besetzung des Westjordanlands und Gaza eingesetzt hat. Die Kontrolle über das Wasser erhält hier Symbolkraft, genau so wie das Land, Jerusalem und die Flüchtlinge.“

Angesichts der verhärteten Fronten in der Region dürfte das Wasser auf absehbare Zeit ein wesentlicher Streitpunkt bleiben.

MÖGLICHE LÖSUNGEN

Sicher gibt es keine Patentlösungen für den Wassermangel im Nahen Osten, doch es stehen einige technische Möglichkeiten zur Verfügung, die zur Lösung der Probleme in Bezug auf die Quantität und Qualität des Wassers beitragen können.

Eine dieser Möglichkeiten wäre die Wiederverwendung von aufbereitetem Abwasser und Sickerwasser für die Landwirtschaft. Dadurch könnte Süßwasser eingespart werden, das dann als Trinkwasser zur Verfügung stünde. Israel ist Vorreiter in dieser Technik. Eine Projektanlage in Tel Aviv bereitet schon genug Brauchwasser auf, um über 8 000 km² Ackerboden zu bewässern. Das aufbereitete Wasser ist so sauber, dass es nicht schadet, wenn man es zufällig trinkt.

Eine andere Möglichkeit ist die Entsalzung. „In der [Wüste] Negev wird die Verwendung von Brackwasser aus fossilen Grundwasserleitern entwickelt“, berichtet Uri Shamir, der Gründungsleiter des Stephen and Nancy Grand Water Research Institute am Israel Institute of Technology in Haifa; doch „derzeit ist Entsalzung für die Landwirtschaft noch zu kostspielig, zumindest bis es keine anderen Optionen mehr gibt oder bis es neue, billigere technische Lösungen gibt“.

Andere Strategien gegen den zunehmenden Wassermangel sind die Verbesserung der kommunalen Wasserversorgungssysteme und die Sanierung der Leitungen, um die Verluste durch lecke Leitungen zu verringern; eine Verlangsamung des Bevölkerungswachstums; sowie Medienkampagnen, um die Öffentlichkeit über den nachhaltigen Umgang mit Wasser aufzuklären.

Jede dieser Strategien könnte die Lage verbessern, aber die wirkliche und notwendige Lösung ist natürlich Friede. „Letztlich ist Kooperation und Zusammenarbeit der einzige Ausweg“, meint Aaron T. Wolf. „Wir können die Maßnahmen zur Erhaltung der Ressourcen oder die technischen Lösungen durchführen, aber die eigentlichen Probleme wird das nicht lösen, solange wir keinen Frieden in der Region haben. Die finanziellen Mittel sind ohnehin schon sehr knapp. Wenn die Sicherheit ständige Hauptsorge ist, hat man einfach keine Mittel übrig, um sie für diese Maßnahmen auszugeben. Warum in neue Pumpsysteme investieren, wenn immerzu die Gefahr besteht, dass sie in die Luft gejagt werden? Unendlich viel menschliche Kreativität und Energie fließt in den Konflikt, statt dass man gemeinsam daran arbeitet, die Wasserprobleme zu lösen.“

DIE ZUKUNFT

Über die Wahrscheinlichkeit künftiger Konflikte um Wasser in der Region sind die Fachleute unterschiedlicher Ansicht. Einige meinen, sie seien angesichts der gestiegenen politischen Spannungen unvermeidlich. Die Angst vor zunehmender Wasserknappheit und das Fehlen geeigneter Verträge und internationaler Gesetze für die Wasserwirtschaft erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Konfrontationen.

Im Jahr 1989 hielt der verstorbene jordanische König Hussein eine Rede an der University of Ottawa und sagte: „Die Konkurrenz um Wasser ist ein bedeutender Faktor der Spannungen in der Region.“ Sein wissenschaftlicher Berater Abdullah Toukan sagte dem National Geographic im Jahr 1993: „In dieser trockenen Region ist Wasser Leben. Geld mag Entsalzungsanlagen bringen, aber die wirkliche Lösung ist nach wie vor, dass Jordanien wieder seinen gerechten Anteil am Wasser bekommt.“ Vor einigen Jahren sagte der frühere Generaldirektor des israelischen Landwirtschaftsministeriums, Meir Ben-Meir: „Im nächsten Krieg im Nahen Osten wird um Wasser gekämpft werden.“

Andere halten künftige Konflikte um Wasser hingegen für unwahrscheinlich. „Die Staaten haben es in der Hand, zu entscheiden, Wasser als Basis der Zusammenarbeit statt als Anlass für Konflikte zu nutzen“, behauptet Shamir. In den vergangenen 50 Jahren habe es nur sieben bewaffnete Scharmützel wegen Streitigkeiten um Wasser gegeben, und keines sei zu einem regelrechten Krieg eskaliert. Im gleichen Zeitraum seien Hunderte von Wasserverträgen implementiert worden, selbst in Zeiten gespannter Beziehungen zwischen den Vertragsparteien (zum Beispiel Indien und Pakistan, Jordanien und Israel). „Die Menschen sind bereit, zusammenzuarbeiten, wenn es um Wasser geht, weil es zu wichtig ist, um darum zu kämpfen und weil die Zusammenarbeit allen nützt. Wenn man einen Grund zum Kämpfen sucht, gibt Wasser die Gelegenheit dazu. Wenn man aber Frieden sucht, kann Wasser eine Brücke sein.“

„Wasser ist ein guter Vorwand dafür, zusammenzukommen und zu reden. Es zwingt praktisch zur Zusammenarbeit, selbst in Zeiten der Spannung.“ — Aaron T. Wolf

Auch Aaron T. Wolf ist dieser Ansicht: „Wasser ist ein guter Vorwand dafür, zusammenzukommen und zu reden. Es zwingt praktisch zur Zusammenarbeit, selbst in Zeiten der Spannung.“ Als Beispiel nennt er die geheimen Wasserverhandlungen zwischen Israel und Jordanien, lange bevor beide Länder diplomatische Beziehungen aufnahmen. Obwohl im September 2000 die zweite Intifada begann, gaben die israelischen und palästinensischen Wasserbehörden drei Monate später eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie sowohl Israel als auch Jordanien aufforderten, die Wasser-Infrastruktur zu respektieren, da es von entscheidender Bedeutung sei, die Wasserlieferungen, die in Verträgen wie dem Oslo-Abkommen von 1993 vereinbart worden waren, zu gewährleisten.

„Menschen in aller Welt haben gezeigt, dass ihnen das Thema Wasser, wenn sie ihre Probleme lösen wollen, nicht nur nicht im Wege steht, sondern hilft, zu kooperieren“, merkt Wolf an. „Schauen Sie sich die erbittertsten Feinde überall auf der Welt an — Inder und Pakistanis oder Israelis und Araber oder Aserbaidschaner und Armenier: Sie alle haben fürchterliche politische, ethnische und religiöse Konflikte, und sie alle haben irgendwann Wasserverträge ausgehandelt. Ich denke, was die Leute zur Zusammenarbeit treibt, ist die Einsicht, dass beide Seiten darauf angewiesen sind. Was immer man von seinem Feind halten mag, irgendwo tief im Inneren weiß man, dass er die gleichen Grundbedürfnisse hat wie man selbst. Über Land oder Öl oder fast alles andere kann man das nicht sagen. Aber irgendwie glaube ich, dass Wasser wirklich anders ist.“


Dieser Artikel erschien im Original in der Printausgabe von Vision vom Sommer 2003 und findet sich parallel auf der deutschsprachigen Webseite des Magazins.

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