Foto: Will Marré

Vision-Interview: Will Marré über verantwortungsvolle Führung

Als Mitbegründer und früherer Präsident des Covey Leadership Center ist Will Marré ein anerkannter Experte zum Thema „Führung“. Außerdem ist er ein mit dem Emmy-Award ausgezeichneter Schriftsteller, Berater der Grameen Foundation und Mitbegründer der Seacology Foundation, die sich primär für die Erhaltung südpazifischer Inselkulturen und Ökosysteme einsetzt. Derzeit fungiert er als Geschäftsführer der REALeadership Alliance, deren Ziel es ist, Menschen in Führungspositionen zu helfen, „neue, strategisch nachhaltige Geschäftsmodelle zu identifizieren, zu vermitteln und einzurichten“.

In seinem Buch über Führung, Save the World and Still Be Home for Dinner,plädiert Marré für einen grundlegenden Wandel der Art, wie Wirtschaft in unserer Welt funktionieren sollte. Er konzentriert sich weitgehend auf die Rolle von Individuen bei der Verwirklichung dieses Wandels.

Gina Stepp von Vision sprach mit ihm — nicht nur über Führung, sondern auch über verwandte Themen wie Integrität, Reife, Beziehungen, das Treffen von Entscheidungen sowie das Setzen von Zielen.


Vor einigen Jahrzehnten waren Sie an der Gründung des Covey Leadership Center beteiligt. In Ihrem Buch schreiben Sie, damals sei dieses Zentrum großartig gewesen, aber seither habe sich vieles verändert. Warum finden Sie, dass wir eine neue Herangehensweise oder Weltsicht brauchen?

Unsere [menschlichen] Institutionen sind Menschen mit effektivem Verhalten gegenüber eigentlich feindlich eingestellt. Die meisten verfahren nach der Vorstellung, dass, wenn Personen und Institutionen sich dafür einsetzen, ihre eigenen Interessen zu maximieren, würde das bedingen, dass sich stets die begabtesten Leute und die besten Ideen durchsetzen. Das ist eine von Grund auf konkurrenzorientierte Weltsicht. Eine konkurrenzorientierte Weltsicht ist aber letztlich gegen Innovationen eingestellt, die zwar der Allgemeinheit zugute kommen, sich aber nicht unmittelbar auszahlen.

Lassen Sie mich ein Beispiel dafür geben, wie Ineffizienz am Arbeitsplatz begünstigt wird. Es ist nahezu unmöglich, eine gesunde Lebenseinstellung zu behalten, und sehr schwierig, die emotionale Präsenz zu haben, die man für gesunde Beziehungen benötigt, wenn man ständig 50 oder 60 Stunden pro Woche arbeitet. Und — noch wichtiger — ständig an all den elektronischen Geräten hängt, die uns verbinden. Neue Ergebnisse der Hirnforschung lehren uns, dass im Gehirn bei kognitiver Überlastung Dopamin und andere Chemikalien ausgeschüttet werden, die uns ein trügerisches Selbstvertrauen geben. So entsteht die Illusion, Multitasking würde uns produktiver und effektiver machen.

„Neue Ergebnisse der Hirnforschung lehren uns, dass im Gehirn bei kognitiver Überlastung Dopamin und andere Chemikalien ausgeschüttet werden, die uns ein trügerisches Selbstvertrauen geben. So entsteht die Illusion, Multitasking würde uns produktiver und effektiver machen. […] Das Problem dabei: Dopamin gibt uns das Gefühl, clever zu sein, während wir vielleicht etwas Dummes tun. Darum sind Entscheidungen, die unter Stress getroffen werden, immer riskant.“

Wozu führt dieser Trugschluss?

In der gesamten Multitasking-Forschung bekommen bestimmte Testgruppen eine Reihe von Aufgaben, und man sagt ihnen: „Sie können auch an mehreren Aufgaben gleichzeitig arbeiten; erledigen Sie sie, wie Sie möchten.“ Andere Gruppen werden angewiesen, dieselben Aufgaben nacheinander abzuarbeiten; eine muss also abgeschlossen sein, ehe die nächste an die Reihe kommt. Es stellt sich heraus, dass die Gruppen, die linear gearbeitet hatten, alle Aufgaben schneller und mit weniger Fehlern abarbeiten als die „Multitasker“.

Aber wenn man die Multitasker befragt, sind sie sich ganz sicher, dass sie besser waren als die lineare Gruppe. Das ist ein Trick des Gehirns, damit wir besser mit Überlastung fertig werden. Das Gehirn sagt: „Ich gebe dir Dopamin, und dann wirst du zuversichtlich sein, mit diesem Stress klarzukommen.“ Das Problem dabei: Dopamin gibt uns das Gefühl, clever zu sein, während wir vielleicht etwas Dummes tun. Darum sind Entscheidungen, die unter Stress getroffen werden, immer riskant.

Sie sagen also, dass Stress auch dann seinen Tribut fordert, selbst wenn wir das Gefühl haben, wir kämen mit ihm zurecht.

Absolut. Stellen wir uns das im privaten Bereich vor. Sie sitzen abends am Computer, und Ihr Kind will sich mit Ihnen unterhalten. Sie sagen: „Ja, ich bin hier. Ist was in der Schule? Lass hören!“ Aber gleichzeitig lesen Sie Ihre E-Mails. Die Illusion ist, dass Sie ja tatsächlich in einer Weise, die Sinn ergibt und funktioniert, mit Ihren Kindern kommunizieren. Aber Jahre später müssen Sie vielleicht hören: „Mama, es ist echt ätzend, dass du immer am Computer sitzt, wenn ich versuche, mit dir zu reden!“ Und Sie antworten: „Ich dachte, das wäre okay, weil ich dir erlaubt habe, mich zu unterbrechen.“ „Aber ich habe dich nicht wirklich unterbrochen; wenn ich dich unterbrochen hätte, hätte ich vielleicht deine volle Aufmerksamkeit bekommen.“

„Wir haben eine Arbeitsweise entwickelt, die dem menschlichen Lebensrhythmus nicht entspricht.“

Ich denke, wir haben eine Arbeitsweise entwickelt, die dem menschlichen Lebensrhythmus nicht entspricht. Dass die Technologie uns das ermöglicht, bedeutet nicht, dass wir diese Technologie wahllos nutzen sollten.

Es fällt auf, dass „Save the World and Still Be Home for Dinner“ nicht in der typischen „Führungssprache“ geschrieben ist. Auch andere Bücher zum Thema „Führung“ handeln von Integrität, Reife, Weisheit und Beziehungen. Aber in der Führungshierarchie, für die Sie plädieren, haben diese Begriffe nicht die gleiche Priorität. Sie verwenden sie ganz anders. Warum ist das so?

Der Begriff „Führung“ ist in den vergangenen 40 Jahren von den sogenannten Business-Schulen gekapert worden. Diese Branche hat Führung als eine Reihe von Fähigkeiten definiert — zum Beispiel als Entscheidungsfähigkeit, Vision und Inspiration. Eigenschaften, die man Hitler und Stalin ebenso zuschreiben könnte wie Churchill und Roosevelt.

Das macht deutlich, dass das Wichtige die Absicht der Führung ist. Wenn wir mit einer noblen Absicht beginnen, oder mit einem Ziel, das über unseren Eigennutz hinausgeht, dann haben wir ein Fundament der Integrität und können von wahrer Führung sprechen. Wir könnten zum Beispiel nachhaltige Fülle für alle schaffen wollen.

„Wenn wir mit einer noblen Absicht beginnen, oder mit einem Ziel, das über unseren Eigennutz hinausgeht, zum Beispiel nachhaltige Fülle für alle zu schaffen, dann haben wir ein Fundament der Integrität und können von wahrer Führung sprechen.“

Sie schreiben, dass zur Integrität unbedingt Reife gehört.

Ja, Integrität bedeutet, das Richtige zu tun, und zwar aus dem richtigen Grund. Aber unser Verhalten wird durch unsere Weltsicht bestimmt, und unsere Weltsicht wird durch das Maß unserer Reife bestimmt.

Im Modell der Entwicklungspsychologie für Reife ist die niedrigste Stufe aggressiver Eigennutz. Das sieht man bei kleinen Kindern, bevor sie sozialisiert sind. Am Anfang bekommt ein kleines Kind deshalb was es will, weil es ein Verhalten an den Tag legt, das wir bei einem älteren Menschen tyrannisch nennen würden. Was ein Baby will, ist ein voller Bauch und eine saubere Windel. Wenn es das nicht bekommt, fängt es an zu schreien und zu brüllen; das ist ja seine einzige Möglichkeit, auf sein Problem aufmerksam zu machen.

Wenn wir etwas älter werden, kommt die Stufe des Kuhhandels. Entwicklungspsychologen nennen das Manipulation. Sie gestaltet sich im Grunde so: „Wenn du willst, dass ich im Laden still bin, Mama oder Papa, dann gib mir besser diesen Keks.“ Kinder lernen sehr schnell, wo sie ansetzen müssen und wie der Kuhhandel mit Eltern funktioniert, damit sie bekommen, was sie wollen. Forschungsberichten [in den USA] zufolge sind etwa 33 Prozent der Erwachsenen noch immer auf dieser Reifestufe. Wir kennen sie als Tyrannen und Manipulatoren. Häufig ist ihr Verhalten entweder offen und hartnäckig fordernd oder passiv-aggressiv und manipulierend — sie erreichen, dass andere Schuldgefühle bekommen. Viele Menschen dieser Gruppe sind im Gefängnis, weil ihre sehr geringe Reife mit Impulsivität einhergeht, die antisoziales Verhalten bewirkt. Doch in jeder Familie und Firma gibt es Erwachsene, die mit Hartnäckigkeit und Manipulation ihren Willen durchzudrücken versuchen.

Die nächste Stufe der Reife erreichen Kinder gewöhnlich erst, wenn sie sich dem Teenageralter nähern und das Interesse entwickeln, sich Gruppennormen anzupassen, weil sie „dazugehören“ wollen. Dann fangen sie an, ihre unmittelbaren Bedürfnisse dem Ziel, akzeptiert zu werden, zu opfern. Sie lernen, in der Clique mitzumachen: „Eigentlich würde ich lieber etwas anderes tun, aber alle gehen in diesen Film, also gehe ich auch in diesen Film, weil ich akzeptiert werden will.“ Tatsächlich ist dies ein sehr wichtiger Teil der Reife: eines der ersten Elemente der Selbstdisziplin. Zuerst erleben wir dies in unserer Familie, wenn die Eltern sagen, wer „zu uns gehört“, müsse seinen Teller leer essen oder sein Bett machen.

Welche Stufe sollten wir als Erwachsener erreicht haben?

Als Erwachsene gehen wir in der Regel über die Anpassung hinaus zu etwas, das Selbstregulierung, Selbstkontrolle oder noch besser Selbstdisziplin genannt wird. Das geschieht oft bei Heranwachsenden, wenn ihnen der untrennbare Zusammenhang zwischen Selbstdisziplin und dem Erreichen von Zielen klar wird. Sie können sogar süchtig danach werden, Ziele zu erreichen. Sie werden in der Schule und später bei der Arbeit und im Sport Hervorragendes zu leisten, weil sie beginnen, sich selbst anhand dessen zu definieren, was sie erreichen. Aber wenn wir anfangen, unsere Bedeutung anhand der Zahl unserer erreichten Ziele zu definieren und uns dabei überlasten, geschieht etwas mit unserer Psyche. Leute in gehobenen Berufen arbeiten oft 80 Stunden pro Woche, reisen ohne Pause, ignorieren ihre Familie, vernachlässigen ihre Hobbys, vergessen ihr spirituelles Leben. Warum? Weil das Gefühl, bei einem schwierigen Ziel erfolgreich zu sein, vorübergehend eine solche Erfüllung bringt, dass es zur Psychodroge wird.

„Leute in gehobenen Berufen arbeiten oft 80 Stunden pro Woche, reisen ohne Pause, ignorieren ihre Familie, vernachlässigen ihre Hobbys, vergessen ihr spirituelles Leben. Warum? Weil das Gefühl, bei einem schwierigen Ziel erfolgreich zu sein, vorübergehend eine solche Erfüllung bringt, dass es zur Psychodroge wird.“

Ich frage diese Leute dann oft: „Was passiert, wenn Sie Ihre Aufgabe nicht rechtzeitig erledigen, oder wenn Sie sie überhaupt nicht schaffen?“ Irgendeine negative Folge gibt es immer. Also frage ich: „Welchen Unterschied würde das in einem Jahr noch machen, oder in drei Jahren?“ Meistens keinen großen. Wenn Sie aber weiter Ihre Gesundheit vernachlässigen, oder Ihre Beziehung zu Ihrem Ehepartner, was ist dann die wahrscheinliche Folge in drei Jahren?

Menschen, die nach Zielen süchtig sind, tun sich sehr schwer damit, diesen Gedanken an sich heranzulassen. Sie können ihn verstandesmäßig begreifen, aber sich gefühlsmäßig von all diesen Zielen abzukoppeln, ist sehr schwer. Deshalb bleiben rund 55 Prozent der Bevölkerung auf dieser Stufe der Reife. Aber wir brauchen diese 55 Prozent, die dafür sorgen, dass alles funktioniert. Sie sind die verantwortungsbewussten Leute, die ihre Arbeit tun.

Bleiben noch etwa 10 Prozent der Menschen …

Etwa 10 Prozent der Bevölkerung leben auf einer Stufe der Reife, die ich Integrität nenne. Sie entscheiden sich bewusst — manchmal Minute für Minute, aber sicher Tag für Tag und Woche für Woche — , wofür sie ihre Energie einsetzen. Ihre Zufriedenheit ergibt sich daraus, dass sie nach bewussten Entscheidungen leben. Bei der Arbeit richten wir uns fast alle nach dem Willen eines anderen, der sich durchsetzt. Wenn Sie etwa in einer Aktiengesellschaft sind, arbeitet ein Geschäftsführer für die Ziele des Vorstands oder des Aktienanalysten. Solange wir von fremden Zielen bestimmt sind, empfinden wir, wenn wir sie erreichen, aber lediglich Erleichterung. Tiefe Zufriedenheit können wir jedoch nur mit selbst gewählten Zielen erreichen. Und Ziele, über die wir nicht nachgedacht haben, sind nicht selbst gewählt.

Oft fügen wir uns also einfach in das, was wir schließlich tun. Und das kann mit dem übereinstimmen, was uns am wichtigsten wäre, wenn wir darüber nachdächten — oder auch nicht.

Genau. Wir fügen uns in soziale Normen und tun, was alle tun oder getan haben. Natürlich können wir uns Zielen, die unser Arbeitgeber oder unser Ehepartner gewählt hat, anschließen; wir leben ja nicht in Isolation. Und dadurch, dass wir uns bewusst für diese Ziele entscheiden, entsteht ein emotional anderes Erlebnis, wenn wir sie erreichen. Zu wirklicher Integrität kommen wir aber nur, wenn wir unsere tiefste Motivation oder Sehnsucht erkannt haben.

„Zu wirklicher Integrität kommen wir nur, wenn wir unsere tiefste Motivation oder Sehnsucht erkannt haben.“

Unser Hauptmotiv ist entweder Liebe oder Angst, und es kann variieren: Wenn wir uns in Sicherheit und selbstsicher fühlen, können Motive der Liebe uns bestimmen; wenn wir uns bedroht und unsicher fühlen, bestimmt Angst unser Denken und Handeln.

Ist Angst wirklich die einzige Motivation neben der Liebe? Was ist mit Habgier?

In meinen Augen ist Habgier eine Manifestation von Angst. Warum ist man habgierig? Aus Angst, nicht haben zu können, was man will, oder dass jemand anderer mehr haben wird.

In Ihrer Vision von Nachhaltigkeit ist auch Weisheit ein wichtiger Begriff. Was bedeutet Weisheit für Sie?

Wenn man einmal versteht, wie das menschliche Denken funktioniert, dann sieht man, dass wir ständig Fehler machen. In den 1940er-Jahren begann Dr. Robert Hartman zu analysieren, wie das menschliche Denken strukturiert ist, um aufgrund dessen, was für uns wertvoll ist, Entscheidungen zu treffen. Für mich kann zum Beispiel ein gutes Essen wertvoll sein, ein sonniger Tag, eine liebevolle Beziehung oder eine gute Arbeit. Nehmen wir an, ich lege mehr Wert auf meine Freizeit als auf eine Arbeit. Dann wähle ich entweder eine Arbeit, die mir sehr viel Flexibilität bietet, oder ich werde ständig gefeuert.

Was ist also der Grund dafür, dass ein Mensch Unabhängigkeit und Spontaneität wertschätzt, ein anderer dagegen Gehorsam und Zuverlässigkeit? Dr. Hartman zufolge schauen wir durch drei Linsen, wenn wir eine Entscheidung treffen. Am seltensten sieht man durch die analytische Linse: konkrete Daten, Schwarz-Weiß-Denken, Pläne, Diagramme — etwas, das wir physisch als Daten wahrnehmen.

Eine weitere Linse ist der Alltagsverstand. Er fragt: Wie wähle ich eine Vorgehensweise oder ein Mittel, das mir hilft, die Ergebnisse zu erlangen, die ich will? Wir nutzen unseren Alltagsverstand etwa, wenn wir zur Arbeit gehen wollen und uns entscheiden, Straßenschuhe statt Flipflops oder Sandalen anzuziehen. Wenn wir dagegen joggen wollen, wählen wir unsere Laufschuhe. Das ist sehr praxisorientiert: Was funktioniert in diesem Fall, damit ich bekomme, was ich will?

Die dritte Linse — die höchste Ebene des Denkens — ist intrinsisch: die Fähigkeit, nicht analytische Daten wie die Gesamtheit der eigenen Erfahrung zu nutzen und hohe Formen der Intuition zu entwickeln. Viele Menschen sprechen von Bauchgefühl, aber das beruht in Wirklichkeit auf Daten.

Was wäre denn der richtige Weg bei einer weisen Entscheidungsfindung?

Der Fehler, den viele Menschen begehen, liegt darin, dass sie überwiegend nur eine dieser Entscheidungsquellen für sich nutzen. So gibt es Leute, die sehr schwarz-weiß denken, die einfach den Regeln folgen wollen, wie immer der Fall auch liegt, selbst wenn diese Regeln keinen moralischen Inhalt haben — wenn sie etwa auf die spezifische Situation nicht anwendbar oder für heutige Zwecke veraltet sind, oder wenn ihre Einhaltung schädliche Auswirkungen haben wird. Wenn Entscheidungen nur noch aufgrund von Regeln getroffen werden, kann dies viel unnötiges Leid bewirken. Viele Nazi-Soldaten taten entsetzliche Dinge, weil sie glaubten, den Regeln zu folgen sei wichtiger als die Regeln selbst.

Dagegen können Menschen, die rein nach dem Nützlichkeitsdenken handeln, letztlich viele gefährliche Abkürzungen nehmen. Sie tun einfach alles, damit sie jetzt bekommen, was sie wollen. Wenn also Abschreiben funktioniert, weil ich für eine Prüfung wirklich die volle Punktzahl brauche, und ich denke, dass ich damit durchkomme, dann schreibe ich ab.

Wenn ich mich hingegen bei allem auf meine Intuition verlasse — besonders in Bereichen, in denen ich nicht viel Erfahrung habe — , kann ich emotionale Befindlichkeiten mit Weisheit verwechseln und alle möglichen Fehler begehen. Das manifestiert sich oft im New-Age-Denken. Wer versucht, allein nach Intuition vorzugehen, wird eine Menge Leid verursachen. Erst wenn Intuition auf jahrelanger Information und Erfahrung beruht, ist sie sehr zuverlässig.

Die Weisheit liegt darin, alle drei Linsen zu nutzen. Wenn all diese Dinge zusammenkommen — wenn die Fakten, der Alltagsverstand und die Intuition übereinstimmen –, dann weiß man, dass das Risiko, einen Fehler zu machen, gering ist. Aber so treffen nur sehr wenige Menschen Entscheidungen. Aber es ist der Weg zu reifen Entscheidungen, die es uns ermöglichen, in Integrität und nachhaltiger Fülle zu leben.

Wie tun wir das in unseren Beziehungen? Sie schreiben: „Nachhaltige Fülle ist dadurch zu finden, dass wir unsere Dreierbilanz genau anschauen.“

Ja , Arbeit, Liebe und Spiel. Eines der Haupthindernisse für nachhaltige Fülle in unseren Beziehungen ist Zerstreuung. Wenn wir Menschen so viel Zeit mit passiver Unterhaltung wie Fernsehen verbringen oder mit irgendeiner Form aktiver, aber mediengebundener Tätigkeit wie dem Schreiben von SMS, dann empfinden wir wahrscheinlich viel oberflächliche Intimität. Aber wir verlieren das Gespür für echte Verbundenheit. Wenn wir etwas Unnormales lange genug akzeptieren, wird es unser neuer Normalfall. So können wir, obwohl wir Stunden mit Facebook verbringen, die Basis für Freundschaft verlieren.

„Wenn wir etwas Unnormales lange genug akzeptieren, wird es unser neuer Normalfall.“

Wir definieren Sie in diesem Zusammenhang den Begriff Freundschaft?

Es gibt zwei Ebenen von Freundschaft. Die erste ist die Ebene des wechselseitigen Nutzens: Ich gebe dir, damit du mir gibst. Die Beziehung gibt mir etwas, das für mich einen Wert birgt. Wenn sie keinen Wert mehr für mich hat, lasse ich die Beziehung verfallen. Die meisten unserer Beziehungen funktionieren so — und vielleicht war das immer so.

Aber die tiefste und beglückendste Beziehung beruht auf wechselseitiger Solidarität. Ich muss von dir nichts bekommen. Was ich will, ist, dass du ein möglichst gutes Leben hast, dass du Zufriedenheit und Erfüllung erreichst. Ich bin auf deiner Seite, weil ich will, dass du glücklich bist und dass es dir gut geht. Das ist eine sehr hohe Ebene der Liebe.

Die meisten von uns haben solche Beziehungen mit lebenslangen Freunden, die nicht über uns urteilen, weil sie hinter unserem Verhalten und unseren Fehlern unser Selbst erkennen. Sie können irgendwie etwas von unserer Seele oder unserem innersten Wesen sehen. Diese Art Freundschaft sagt nicht: „Ich rufe sie nicht an, weil sie mich nicht angerufen hat“ oder „Ich lade sie nicht ein, weil sie uns nie einladen.“ Wir kämen nie auf die Idee, Strichlisten zu führen.

Wenn zwei Menschen diese Art Beziehung leben, ist fast die Energie einer dritten Person da; die Beziehung wird größer als ihre Einzelpersonen, und das ist beglückend. Es ist eine solche Fülle an Gemeinsamkeit da, ohne Ablenkung durch triviale Fehler.

Warum erleben wir diese Freundschaft so selten?

In unserer Gesellschaft ist das, was zu dieser Art Freundschaft gehört, verloren gegangen, denn wir leben mit einem unmenschlichen Tempo. Wir sind besessen von oberflächlicher Intimität. Wir kennen eine Menge Fakten über das Leben anderer Menschen, vielleicht sogar ihre oberflächlichen Ansichten, aber nicht, wer sie sind. Oberflächliche Dinge übereinander zu wissen, bedeutet aber nicht Vertrautheit. Nur wenn wir wechselseitige Solidarität spüren — ich will das Beste für dich, ohne eine Bedingung — , dann können wir ein Gefühl von Vertrauen und gegenseitiger Akzeptanz erleben, das über normale Beziehungen hinausgeht.

„Wir sind besessen von oberflächlicher Intimität. Wir wissen eine Menge Fakten über das Leben anderer Menschen, vielleicht sogar ihre oberflächlichen Ansichten, aber nicht, wer sie sind. Oberflächliche Dinge übereinander zu wissen, bedeutet nicht Vertrautheit.“

Alle Studien darüber, was die größte Zufriedenheit im Leben bringt, kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass es zwischenmenschliche Beziehungen sind. Mithilfe vieler Umfragen wurde untersucht, wo in der Welt die glücklichsten Menschen leben; fast immer sind sie in Gesellschaften zu finden, in denen enge Beziehungen den höchsten Stellenwert einnehmen — selbst wenn der materielle Wohlstand dieser Menschen nicht sehr hoch ist. Wenn Menschen so weit kommen, dass sie nicht fürchten müssen, zu sterben, weil es ihnen an Nahrung, Geld oder Gesundheit fehlt und ihre Beziehungen reich, vertrauensvoll und langlebig sind, bezeichnen sie sich als sehr glücklich.

Welche Rolle spielen Extraversion und Introversion in Beziehungen?

Ob man introvertiert oder extravertiert ist, hat wenig damit zu tun, ob man zu langen und engen Beziehungen fähig ist. Introversion und Extraversion haben viel damit zu tun, welche Chancen Menschen haben. Extravertierte schaffen sich oft selbst mehr Chancen, einfach weil sie mehr Leute kennenlernen und bereit sind, über ihre Interessen zu sprechen. Enge Beziehungen kann aber jeder nur in begrenzter Zahl haben; darum haben Extravertierte davon nicht mehr als Introvertierte.

Das Begriffspaar extravertiert und introvertiert ist für bestimmte Situationen relevant. Die meisten Menschen, selbst extravertierte, empfinden es am Anfang als schwierig, einen Raum voller fremder Leute zu betreten. Gewöhnlich versuchen sie, eine Person zu finden, mit der sie ins Gespräch kommen können, und dann beginnen sie, Kontakte zu knüpfen. Genau das Gleiche könnte ein Introvertierter in dieser Situation tun. Der Unterschied liegt darin, dass ein Extravertierter, wenn er einen Raum voller Bekannter betritt, in der Lage ist, innerhalb von zehn Minuten der Mittelpunkt der Party zu sein.

Extraversion und Introversion haben also viel mit dem Gefühl emotionaler Sicherheit und emotionalem Wohlbefinden zu tun. Die meisten Extravertierten sind zu dem Schluss gekommen, dass die Belohnung für die Überwindung dieser Angst, missverstanden oder abgelehnt zu werden, größer ist als das Risiko der Isolation oder Ablehnung.

Noch einmal: Es geht nicht darum, wie viele Freunde Sie haben; es geht um die Qualität Ihrer Beziehung mit diesen Freunden. Wenn Introvertierte sich unter vier Augen mit einem vertrauten Freund wohl genug fühlen, dann öffnen sie sich ebenfalls weit genug (und bringen auch den anderen dazu), um diese wechselseitige Solidarität zu entwickeln.

Wir müssen allerdings etwas für solche Freundschaften tun, denn ohne sie wird unser Gefühl der Zufriedenheit im Leben nur sehr oberflächlich sein. Stellen Sie sich vor, Sie sind ganz allein in einer schönen Villa und schauen einen herrlichen Sonnenuntergang an. Wenn Sie neben einem anderen Menschen den Sonnenuntergang genießen und Sie ziemlich genau wissen, was er empfindet, und er weiß ziemlich genau, was Sie empfinden, dann brauchen Sie keine Worte, außer: „Ist das schön!“ Dieses vertraute, gemeinsame Erleben ist eine der beglückendsten Erfahrungen, die Menschen machen können. Und das immer wieder mit Freunden, einem Ehepartner oder einer Familie zu erleben, ist die wichtigste Quelle tiefer Zufriedenheit im Leben.

Warum bekommt es dann keine höhere Priorität?

Ich würde sagen, bei Menschen, die die höchste Stufe der Reife erreichen, hat es eine hohe Wichtigkeit. Aber wenn wir auf der zweiten Stufe stehen, wo wir uns nach dem definieren, was wir besitzen, erreicht haben oder darstellen, dann schreit uns unsere Selbstdefinition ständig an, dass wir lieber arbeiten sollten.


Dieser Artikel erschien im Original in der Printausgabe von Vision vom Frühjahr 2010 (Jahrgang 12, No. 2) und findet sich parallel auf der deutschsprachigen Webseite des Magazins.


WEITERE LESEHINWEISE ZUM THEMA AUF VISION.ORG:

Eine neue Weltsicht
Video-Interview mit Will Marré (in englischer Sprache)

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