Die Zukunft wird lang

Text und Bilder Annabella Stieren

Irgendwann rief die Polizei fast täglich bei uns an. Manchmal mitten in der Nacht, um zu fragen, ob sie jetzt die Tür aufbrechen sollten oder nicht. Ob wir wüssten, ob in Omi Helgas Wohnung diesmal tatsächlich Räuber seien, die dabei sind ihren Schmuck zu stehlen. Meistens fanden wir die Ketten und Ohringe einige Tage später wieder, irgendwo versteckt oder im Müll. Wenn man sie Omi dann wiedergab, hatte sie den Vorfall schon vergessen.

Wer zugesehen hat, wie ein geliebter Mensch langsam aber sicher das Gedächtnis und Tag für Tag ein Stück seiner Persönlichkeit verliert, der wünscht sich nicht selten, dass die Forschung schneller forscht. Endlich eine neue Wundermedizin auf den Markt bringt und das Dahinsiechen der Demenzkranken beendet. Doch was kann die Genforschung schon? Könnte sie im Jahr 2050 Omi Helgas Sterben aufhalten und wie wird sich dann das Ende des Lebens verändern?

Organe und griechische Mythologie

Die erste gute Nachricht ist, dass es im Jahr 2050 keinen Organmangel mehr geben wird. Derzeit warten in Deutschland mehr als 10.000 Patientinnen und Patienten auf ein Spenderorgan, etwa 8.000 auf eine Niere. Das sind laut der Deutschen Stiftung für Organtransplantation dreimal so viele Menschen, wie Transplantate vermittelt werden können. Für Herz und Leber gilt: Einige Patienten müssen wegen schlechten Allgemeinzustandes von der Warteliste genommen werden, andere sterben, weil kein Organ rechtzeitig zur Verfügung steht.

Damit wird im Jahr 2050 Schluss sein, vielleicht schon früher. Während man bereits Blasen im Labor züchten und transplantieren kann, bereiten andere Organe noch Schwierigkeiten. Ein Wissenschaftsteam des SALK Instituts in Kalifornien hat kürzlich jedoch eine neue Art Stammzellen entdeckt, sogenannte “region-selective pluripotent stem cells” (rsPSCs). Sie sind besonders resistent, vielfältig einsetzbar und vermehren sich prächtig im Labor. Erste Erfolge zeigten sich an Mäuse Embryonen. Das Endziel sei es aber, menschliche Organe komplett in Tieren auszubilden. Dazu würden sich Schweine eignen. Verantwortlich dafür ist das Kock-out Generatz: Durch das Einbringen artifizieller DNA in einen Schweineembryo wird die Gensequenz ausgeschaltet (“ausgeknockt”), die für die Bildung der Bauchspeicheldrüse verantwortlich ist. Danach werden Stammzellen der menschlichen Bauchspeicheldrüse in den Embryo eingebaut. Während der Entwicklung des Tieres wächst diesem dann eine menschliche Bauchspeicheldrüse. In Deutschland sind solche Versuche noch nicht legal.

In Zukunft wachsen also menschliche Organe in Tieren. Das heißt aber auch, es entstehen Mensch-Tier Kreaturen, Chimären, Mischwesen. Ein Gedanke, der bei vielen Unbehange hervorruft. Nicht zuletzt, weil in unserem westlich-geprägten kulturellen Bewusstsein Mischkreaturen aus der griechischen Mythologie, wie etwa die Zentauren oder die Sphinx meistens mit Tod und Unheil verbunden sind.

Angenehmer scheint der Gedanke, Organe aus dem 3D- Drucker zu drucken. Die Bewunderung für Forscher Anthony Atala der in einem TED-Talk zeigt, wie das gehen soll, ist daher weitaus größer.

Endlose Organe bedeuten jedoch nicht automatisch endloses Leben. Bei allem Fortschritt wird es schwer sein, ein komplettes Gehirn transplantieren zu können. Das Organ, das vielen Alterskrankheiten zum Opfer wird.

Das Vergessen bleibt kompliziert

Die Zahl der an Alzheimer und anderen Demenzen, sowie Parkinson leidenden Menschen in Deutschland wird sich laut Prognose des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen bis 2050 nahezu verdoppeln. Betroffen wären dann drei Millionen Menschen. Professor Gerrit Glas, Bioethiker an der Freien Universität Amsterdam zeigt sich pessimistisch, was die Forschung in diesem Bereich angeht:

“Seit Jahren versprechen uns die Forscher Durchbrüche auf dem Gebiet der Demenezerkrankungen. Bisher müssen dafür embryonale Stammzellen verwendet werden. Aber wenn man mal ehrlich ist, sind die Erfolge eher überschaulich.”

Tatsächlich sind Hirnerkrankungen, wie Alzheimer so komplex, dass eine Heilung bisher nicht möglich ist. Im Fall von Parkinson suchen Wissenschaftler nach Wegen Stammzellen im Gehirn dazu zu bringen, sich in heilende Dopamin-bildende Zellen umzuwandeln. Bisher ohne große Erfolge. Allerdings kann die Entnahme von Stammzellen betroffener Patienten bereits helfen, Medikamente zu entwicklen, die den Fortschritt der Krankheit aufhalten sollen.

Wer auf eine schnelle Heilung der Demenzerkrankungen hofft, wird ebenfalls enttäuscht. Auch für Omi Helgas paranoide Störung, die sie im Verlauf ihrer Demenzkrankheit entwickelte, gibt es bis heute wenig Erklärungen und keine Gegenmittel.

Allerdings wird oft vergessen, dass Wissenschaft nicht linear fortschreitet. Das Human Genome Project ist dafür das beste Beispiel. Für 13 Jahre arbeiteten 1.000 Forscher aus über 40 Ländern daran, die komplette menschliche DNA zu entschlüsseln. Lange sah es so aus als wäre kein Fortschritt in Sicht. Im Jahr 1999, nach neun Jahren Forschung feiert man das Sequenzieren von einem Milliardstel der Basen der menschlichen DNA. Nur ein Jahr später im März 2000 sind zwei Milliarden Basen des menschlichen Genoms bekannt. Der Durchbruch scheint nichts mit unserer logisch-linearen Vorstellung von Zeit und Fortschritt zu entsprechen. Wissenschaftler sind deshalb oft optimistischer als Professor Glas. Viele gehen davon aus, dass auch Hirnkrankheiten bis 2050 heilbar sind.

80 ist das neue 60

Auf jeden Fall wird die Stammzellenforschung das Leben verlängern, beziehungsweise länger erträglich machen. Die Lebensqualität wird sich trotz Erkrankung steigern. Die “gesundheitlich angenehmen Jahre”, die Jahre bevor man pflegebedürftig wird, werden sich nach hinten verschieben.

Cornelia Daheim, 46, ist Zukunftsforscherin und Gründerin der Firma Future Impacts, die Unternehmen bei der strategischen Zukunftsplanung unterstützt. Sie beschäftigt sich vor allem mit dem Thema demografischer Wandel und der Zukunft der Arbeit. Der Fortschritt der medizinischen Forschung wird ihrer Meinung nach starke Auswirkungen auf das Zusammenleben von Jung und Alt in der Zukunft haben.

Das Phänomen des demografischen Wandels und die Problematik der alternden Bevölkerung, meint sie, sei eigentlich jedem bekannt. Die Zahlen für 2050 seien jetzt schon sehr verlässlich aber keiner mache etwas. Daheim verwendet das Bild eines Frosches im heißen Wasser: Schmeißt man ihn rein, würde er direkt rausspringen, kocht man ihn jedoch langsam, merkt er den Wandel nicht und stirbt. Deutschland sei wie der Frosch, es nimmt den Wandel nicht wah: eine graduelle Verschiebung ohne Knallpunkt.

Lebensqualität im Alter wird wichtiger.

Damit es im Jahr 2050 nicht zu Verteilungskäpfen zwischen Jung und Alt komme, müsse man allerdings jetzt Systemfragen stellen: Das Rentensystem überdenken oder neue Formen des sozialen, inklusiven Wohnens zu schaffen:

“Es könnte alles sehr schön werden, wenn die Alten dank medizinischer Fortschritte länger unabhängig leben können und den Jungen helfen, zum Beispiel bei der Kinderbetreuung. Man könnte so mehr voneinander profitieren, mehr miteinander leben.”

Generell, sei die Zukunft planbar. Selbst dystopische Szenarien, wie das der Millionen verarmter Alten ohne Pflegekräfte, seien vermeidbar. Leider, so Daheim, plane aber in Deutschland kaum jemand bis zum Jahr 2050. Ihre Klienten schrieben zwar gerne “strategische Zukunftsplanung” in ihre Jahresberichte, de facto sei es aber schwierig eventuell unbeliebte Entscheidungen zu treffen:

“Das Problem ist, dass Politiker nur für 4 Jahre gewählt werden und Manager nach Jahresperformance der Aktien beurteilt werden, wer trifft da schon zukunftsorientiert Entscheidungen?”

Unsterblich durch junges Mäuseblut

Bleibt also noch der Traum des ewigen Lebens. Der Transhumanismus, der Wunsch sich über die Schöpfung hinwegzusetzen und dem Tod auf irgendeine Weise zu entkommen. Wissenschaftler arbeiten bereits daran, die Gehirnfunktionen und das Bewusstsein eines Menschen in Roboter zu pflanzen. Neurologe Randal Koene sagt voraus, dass er 2045 soweit sein wird das komplette Gehirn abzubilden, seine Aktivitäten zu berechnen und in Computer Code umzuwandeln.

Aber auch die Stammzellenforschung liefert ihren Teil zum Verjüngungsstreben des Menschen. Im Jahr 2014 wurde zum ersten Mal der Wachstumsfaktor GDF11 gefunden. Ein Protein, das dafür verantwortlich ist, den Stammzellenrezeptoren zu sagen, wie sie sich entwickeln sollen. Bei älteren Mäusen so stellte man fest, sinkt der Anteil an GDF11. Wissenschaftler haben dann den chirurgisch Blutkreislauf junger Mäuse mit dem alter Mäuse verbunden. Im Grunde wurde so der Alterungsprozess auf einem genetischen Level in Herz, Gehirn und Muskeln von Mäusen umkehrt. Die alten Mäuse hatten wieder junge Herzen und sind im Gehege umhergeflitzt.

Müssen wir also in Zukunft as Blut junger Menschen trinken, um fit zu bleiben? Klingt ein wenig, nach einem schlechten Science Fiction Vampir Thriller. Fakt ist jedoch, dass es wohl eher eine Frage von Jahren nicht Jahrzehnten ist, bis GDF11 eingesetzt werden könnte. Gegen Krankheiten wie Herzinsuffizienz oder Demenz — wenn nicht sogar gegen das Altern selbst.

Dass Omi Helga das gemacht hätte, wage ich zu bezweifeln. In einem ihrer klaren Momente kurz vor ihrem Tod, sagte sie uns, dass sie bereit sei zu gehen. Sie wirkte fast, als würde sie sich freuen auf das, was danach kommt.

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