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“Schatz, ich will noch ein Kind mit dir haben” —

“Ok, wenn du grad schon dabei bist, bring mir doch bitte ein Bier aus dem Kühlschrank mit”.

Das Kinderkriegen im Jahr 2050 ist emanzipierter, getimter und pragmatischer. Jede Frau ist in der Lage, ihre Zellen einzufrieren und entscheidet selbst, wann sie diese aus dem Eisfach in ihren Uterus umsiedeln will. Jedes Paar kann die Gene seines Kindes vor der Geburt beliebig beeinflussen — wir könnten alle zu perfektionierten Supermenschen werden. Doch davor steht die Frage, ob wir dabei unsere Identität als Menschen verlieren.

Vom ersten Retortenbaby zur Generation tiefgekühlter Embryonen

Vor 38 Jahren erblickte das erste sogenannte Retortenbaby, Louise Brown, das Licht der Welt. Nach jahrzehntelanger Forschung schafften Wissenschaftler es, Eizellen in einer Petrischale zu befruchten und ihrer Spenderin wieder einzusetzten. Die Süddeutsche Zeitung schrieb vom Wunderkind, die katholische Kirche nannte es “unmoralisch” und nicht mit den Gesetzen der Natur vereinbar.

Heute hinterfragt die Technik kaum noch jemand. In Vitro Befruchtung ist weitestgehend sozial akzeptiert. Man darf sich in Deutschland sogar In Vitro gezeugte Embryonen fremder Eltern einpflanzen lassen. Diese sind bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben. Ärzte befruchten pro Versuchszyklus etwa 15– 20 Eizellen, davon werden der Frau jedoch maximal die drei meistversprechenden wieder eingesetzt. Was übrig bleibt, wird bei -196 Grad schockgefrostet: “kryokonserviert”.

Vermittlungsagenturen wie das Netzwerk Embryonenspende vermitteln solche Embryonen dann an ungewollt kinderlose Paare. Ein ethisches Dilemma: Vernichten man die Eier, verweigert man einem zukünftigen Lebewesen die Existenz. Pflanzt man sie der fremden Frau ein, greift man noch vor der Geburt fundamental in das Leben eines Kindes ein. Sollte das Kind nicht vor der Situation, zwei Elternpaare zu haben, geschützt werden?

Die Organisation Spenderkinder zeigt sich besorgt über die künftigen Generationen von sogenannten Embryospendenkindern. Im Jahr 2050 werde es in Deutschland tausende Jugendliche geben, die ihre genetischen Eltern suchen. Sie schätzt, dass heute ca. 100.000 Kinder von Samenspendern in Deutschland leben, von denen nur wenige wissen, dass sie nicht durch Sex gezeugt wurden. “Meldet euch — Wir könnten Halbgeschwister sein” heißt es auf der Website der Gruppe. Die Mitglieder fordern das Recht ein, ihre genetischen Väter ausfindig zu machen. Immerhin: In Deutschland haben sich mittlerweile mehrere Initiativen diesem Problem angenommen.

Im Nachbarland Tschechien hingegen stellt sich die Lage als etwas komplizierter dar. Hier ist erlaubt, was die Stammzellenforschung in Zukunft nach Deutschland bringen könnte: Die komerzielle “Produktion” von Embryonen. Etwa so wie der Urvater der Genetik Johann Georg Mendel Ende des 19. Jahrhunderts Erbsenpflanzen im Klostergarten kreuzte, sammeln tschechische Ärzte Eizellen und Spermien von Spendern, verschmelzen diese in einer Petrischale und verkaufen die Embryos dann an kinderlose Eltern.

Auf den Webseiten, meistens in deutscher und englischer Sprache, bieten die Klinikien All-inclusive Pakete an: Flug, Behandlung, 4-Sterne Hotel und Embryo für 2.800 Euro. Manche werben mit günstigen Zweitversuchen oder geben Rabatte für “Social Freezing”. Wer die Webseite der Kinderwunschklinik Averta besucht, fühlt sich an die virtuelle Welt “Der Sims” erinnert. Wer einen Vater mit dunklen, glatten Haaren, blauen Augen, hellem Teint sucht, der maximal 1,80 groß und 80 Kilo schwer ist, dem wird ein Typ mit dem Spitznamen VITO vorgeschlagen. Er studiert, mag Computer und Musik. Dann noch die passende Eizelle dazu und fertig ist das Wunschkind. Für viele ist die Anonymität der Spender ausschlaggebend. Eltern müssten ihren Kindern niemals von deren “anderen” Eltern erzählen.

Gerrit Glas, ist Professor für Philosophie und Bioethik an der Freien Universität Amsterdam. Er arbeitet in einer interdisziplinären Abteilung, in der Philosophen, Biologen, Mediziner und Juristen zusammenkommen, um über die ethischen Fragen der Medizin zu diskutieren. Er ist der Meinung, das Einpflanzen von Embryonen unter Geheimhaltung würde nicht lange gut gehen.

“Menschen haben einen starken Drang herauszufinden, wo sie herkommen. Das macht einen großen Teil unserer Identität aus. Diese Kinder werden das früher oder später merken und Fragen stellen.”

Aber was ist mit all den Embryos, die nicht gewollt werden, keine deutschen und britischen Eltern finden? Es gibt dazu keine offiziellen Daten, aber irgendwo in Tschechien liegt eine ganze Generation von Embryos eingefroren.

Das klingt sehr nach Science-Fiction, fast so sehr wie Männer, die Eizellen produzieren können.

Weibliche Spermien und männliche Eizellen

Es ist sehr wahrscheinlich, dass im Jahr 2050 homosexuelle Paare Kinder mit ihrem eigenen Erbmaterial zeugen können. Wie soll das gehen? Muss dafür nicht die Biene auf die Blume, beziehungsweise das Spermium auf die Eizelle treffen?

Ja, theoretisch schon, aber durch eine wissenschaftliche Errungenschaft aus der Stammzellenforschung, die In Vitro Gametogenese, oder Keimzellenentwicklung im Reagenzglas, wird sich das bald ändern.

Aus menschlichen Stammzellen, der Ursubstanz, können jegliche Zellen entstehen, auch Spermatogene oder Oocyten (Eizellen). Forscher in den USA und Brasilien haben es kürzlich geschafft, diesen Prozess bei Mäusen und Schweinen aktiv zu lenken. Bald wird man im Labor aus menschlichen (männlichen oder weiblichen) embryonalen Stammzellen Keimzellen züchten können. Ein schwules Paar könnte eigene Eizellen kultivieren; jede Frau könnte Spermien produzieren, um mit ihrer Partnerin ein Kind zu zeugen. Entstehen würden Kinder, die das exakte genetische Abbild ihrer homosexuellen Eltern wären.

Auch Professor Glas ist sich sicher, dass bis 2050 homosexuelle Paare Kinder haben werden:

“Das einzige, was dem in Europa und auch in Deutschland im Weg steht, sind die restriktiven Gesetze zur Stammzellenforschung und die ethische Debatte rund um die Frage, ob die Kinder in der Gesellschaft akzeptiert wären — aber die Toleranz nimmt zu.”

Die Stammzellen, aus denen Keimzellen bisher entstehen können, sind sogenannte embryonale Stammzellen. In Deutschland verbietet seit 2002 das Embryonenschutzgesetz das Herstellen solcher Zellen, da eine Eizelle innerhalb der 24 Stunden nach der Kernverschmelzung als entwicklungsfähig und schützenswertes Leben gilt. Auch das Importieren von embryonalen Stammzellen aus dem Ausland zu Forschungszwecken ist stark reguliert und unterliegt der Ethikkommision des Robert-Koch-Instituts, welches wiederum direkt der Bundesregierung unterstellt ist.

Professor Ralf Stoecker ist Mitglied dieser Ethikkommission und beschäftigt sich an der Universität Bielefeld mit philosophische Fragen und Problemen der Biowissenschaften, insbesondere der medizinischen Ethik. Er ist sich sicher, dass der Sinn des derzeitigen Embryonenschutzgesetzes in Deutschland in naher Zukunft wieder hinterfragt wird und es eine neue moralische Debatte über den Status des Embryos geben wird:

“ Vor allem dann, wenn sich zunehmend Möglichkeiten auftun, Stammzellen nicht nur für hochrangige Forschung zu nutzen, sondern auch stärker anwendungsnah. Das geschieht aber sicher nicht erst in 35 Jahren.”

Tatsächlich scheint die wissenschaftliche Forschung mit so großen Schritten voranzuschreiten, dass Bürger und soziale Institutionen ständig die moralischen und ethischen Grundfesten neu definieren müssen.

Auf dem Weg zum Supermenschen

Es gibt noch viel zu perfektionieren — bisher kann man Paaren helfen, die sich Kinder wünschen. In Zukunft soll es vermehrt darum gehen, was für Kinder man will.

Schon 2045 könnten in Deutschland vorrangig kleine Superkinder geboren werden. Der Yale Informatik Professor Walter Gerbeter prophezeit, dass wir im Jahr 2050 Geschlecht und Aussehen unserer Kinder selbst bestimmen können. Nicht nur das, die Technologie wird auch so weit sein, sagt er, dass man den IQ 10–15 Punkte nach oben korrigieren kann. Vorausgesetzt, man hat Geld. Tatsächlich arbeitet die Forschung zur Zeit daran, Erbkrankheiten aus der DNA mit gesunder DNA zu überlagern. Erbkrankheiten könnten so langsam verschwinden, aber auch unschöne, vererbbare Charakteristika wie schlechte Zähne oder Plattfüße.

“Eine der ersten ethischen Fragen, die sich immer stellt, so auch bei der Verbesserung der Gene, ist, ob die Technologie allen zugänglich sein wird. Meistens bleibt es am Ende eine finanzielle Frage,” sagt Bioethiker Glas aus Amsterdam.

Auch junge Eltern wissen heute nicht, wie sie mit der Frage umgehen sollen. Joost Rentema, 36, ist gerade Vater geworden und möchte, dass seiner Tochter alle Türen offen stehen.

“Ich weiß nicht, was ich machen würde. Wenn im Jahr 2050 alle Eltern den IQ ihrer Kinder anheben, dann möchte ich natürlich auch nicht, dass mein Kind zurück bleibt.”
Junge Eltern antworten auf die Frage, ob sie den IQ ihrer Kinder manipuliren würden.

Viele Deutsche versuchen schon heute, ihren Kindern eine möglichst sorgenfreie Zukunft zu bereiten. Sei es durch private Klavierlehrer oder Chinesischunterricht im Kindergarten. Ist das nicht der Wunsch aller Eltern? Natürlich spielt dabei das Vermögen eine Rolle: Ein Monat in der Villa Ritz in Potsdam, Deutschlands vornehmstem Elitekindergarten, kostet 1.000 Euro. Wer Geld hat, kann sich schon heute Qualitätssperma kaufen, frei von Erbkrankheiten, oder Eizellen besonders attraktiver Frauen. Wer sicher das Geschlecht seines Kindes bestimmen möchte, kann in die USA fliegen und sich in In-Vitro Fertilisationskliniken die richtigen Eizellen einpflanzen lassen. In Europe ist dies aktuell nicht erlaubt. Reiche Kinder und Eltern werden immer einen Vorteil haben. Das Verbessern der Gene, so die Position einiger Forscher, würde diesen bloß vor die Geburt verlegen.


Nur, was bedeutet das dann für die Kinder? Wenn wir im Jahr 2050 Kinder bekommen, deren IQ 15 Punkte höher liegt und sie dann fünf Jahre später Geschwister bekommen sollen, ist die Technologie eventuell so weit, dass man den IQ 20 Punkte höher setzen kann. Fühlt sich dann jede Generation automatisch dümmer, wertloser als ihre Nachfolger? Oder noch schlimmer, werden ehrgeizige Mütter, die durch normalen Sex schwanger geworden sind, ihre Kinder abtreiben, sollten diese nicht begabt, groß oder musikalisch genug werden?

Und schon ist man in der Eugenik-Debatte, die Frage, ob man durch aktive Auslese, das menschliche Geschlecht verbessern kann und soll. Die Nationalsozialisten taten es durch Zwangssterilisierung, heute tut man es durch Frühdiagnostik und Abtreibung, in der Zukunft eventuell durch die Veränderung der Gene noch vor der Geburt. Stammzellforschung und die Modifikation von Genen lässt die Grenze zwischen Prävention und Verbesserung verschwimmen. Allerdings stellt das Verändern der Gene einen klaren Eingriff in das Leben einer ungeborenen Person dar, der sich auf seine Identität auswirken wird. Auch Bioethiker Glas sieht die Problematik:

“Es öffnet einen ganz neuen Rahmen der Möglichkeiten und Unsicherheiten darüber, wer wir eigentlich sind und greift die Basis unserer Identität an. In Zukunft werden sich die Menschen fragen, was echt ist und was versteckt wurde.”
Was versteckt sich hinter den Masken? Was ist die wahre Identität?

Es gibt noch eine andere kritische Stimme, die Supermenschen der Zukunft problematisiert. Hier stehen die sozialen Folgen und das Zusammenleben in Deutschland im Jahr 2050 im Vordergrund. Sollten Kinder wirklich bis auf einige ungewisse Variablen designt werden können, entstünde eine ganz andere Beziehung von Eltern und Kindern, schreibt Havard-Philosoph Michael Sandel in seinem Buch “The Case against Perfection”. Kinder würden fortan mehr zu einem geplanten Produkt der Eltern werden, anstatt ein Geschenk zu sein, das man akzeptiert, wie es ist. Eltern verlören so die Demut vor der Schöpfung und ihr menschliche Mitgefühl.

Und die kleinen Supermenschen? Sie werden sich wohl die Frage stellen müssen, ob sie wirklich diejenigen sind, die ihre Eltern gewollt haben.

Text, Video und Bilder Annabella Stieren

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