Willkommen im digitalen Dschungel

“Die Metamorphose vom Berater zum Digital-Schamanen scheint sich in ihrer Entwicklungsgeschwindigkeit am Mooreschen Gesetz zu orientieren.” (Foto: Dyaa Eldin)

Die Digitalisierung ist überall. Und nirgendwo. Selten war ein Hype so omnipräsent und gleichzeitig so undurchsichtig. Im Buzzword-Dschungel der Digitalisierung dominieren die Phrasen der Netzorakel. Dabei gibt es viele kluge Köpfe, die schlaue Dinge denken, schreiben und sagen. Eine Spurensuche im Digitalisierungs-Dickicht.

Kein Tag vergeht, an dem in der #Neuland-Republik keine Veranstaltung zur Digitalisierung stattfindet. Ob Unternehmen, Ministerien, Stiftungen oder (ganz besonders) Beratungsunternehmen: Niemand lässt sich die Diskussion über die Auswirkungen der Digitalisierung entgehen. Hinzu kommen unzählige Studien und Publikationen. Dies schreibend, verwundert es mich um so mehr, dass eine kurze Google-Recherche keinerlei Ergebnisse zur Digitalisierung der Kaninchenzucht hervor brachte.

All diese Bemühungen sind sicherlich gut gemeint. Und es wäre vermessen, allen Konferenzen, Twitterwall-Cargo-Cults und Glaskugel-Phantasien den Mehrwert abzusprechen. Doch bei vielen (nicht allen) Veranstaltungen, die ich in den vergangenen Monaten besucht habe, habe ich oft genug die immer wiederkehrenden Muster entdeckt:

Worüber reden wir eigentlich?

Ich habe bisher lediglich nur wenige Veranstaltung besucht, bei der Vortragende/r und Publikum sich zu Beginn zumindest ansatzweise über ein einheitliches Verständnis des Digitalisierungsbegriffs und/oder seiner Begleitwörter verständigt haben. Diese begriffliche Annäherung ist extrem anspruchsvoll und im Rahmen von Key Notes etc. sicherlich schwer leistbar. Und dennoch halte ich eine Auseinandersetzung damit, was wir unter “Digitalisierung”, “Arbeit 4.0”, “digital Mindset” und Co. überhaupt verstehen, für notwendig, um wirklich hilfreiche Lösungen zu entwickeln. Und damit meine ich keine wissenschaftlich-fundierte Analyse, sondern schlichtweg den Abgleich von unterschiedlichen Perspektiven: “Worüber sprechen wir gerade eigentlich?”.

Das Bullshit-Bingo, das allein beim Thema Digitalisierung herrscht, ist unerträglich, und so ist es fast überall. Wir brauchen keine Zeichen an der Wand, sondern mehr Klartext, Überblick und Zugang, ohne uns zu über- oder unterfordern. Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher — das ist die Formel der neuen Zeit. (Wolf Lotter, brandeins)

Positiv überrascht war ich in diesem Zusammenhang vom “4. Innovationstag Fachkräfte für die Region”. Dort stellte Dr. Norbert Huchler vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München in seiner Key Note zum Wandel der Arbeit eine Abbildung vor, die meiner Meinung nach mit einem Augenzwinkern gut verdeutlicht, in was für einem Begriffsdickicht wir uns bewegen. Die Abbildung, die in einem kurzen Brainstorming-Prozess entstanden ist und daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, finde ich als einen ersten Schritt sehr hilfreich. Sie verdeutlicht, wie vielfältig und komplex das Thema ist.

Dr. Norbert Huchler (ISF München): Wandel von Arbeit. Abbildung der Präsentation beim 4. Innovationstag 2016.

Dass die Beantwortung der Frage “Worüber reden wir eigentlich?” gut und dabei auch unterhaltsam gelingen kann, zeigt das Gespräch von Bastian Wilkat und Prof. Dr. Stefan Kühl, die sich mit dem Begriff “Arbeit 4.0” auseinandersetzen.

Lösungen nach dem Standardrezept

“Unternehmen müssten…”, “Organisationen sollten…” und “man müsste…” dominieren. All zu oft wird der digitale Zeigefinger erhoben, im Subtext schwingt ein “wie doof sind die denn, dass sie es immer noch nicht begriffen haben?”, mit. Was mir oft fehlt, ist das Verständnis für die organisationsimmanenten Stolpersteine, für die (un)sichtbaren kulturellen, prozessualen und strukturellen Hürden, die Organisationen daran hindern, Digitalisierung erfolgreich zu gestalten. Dieser Drang nach Simplifizierung widerspricht meiner Meinung nach aber der Komplexität der Aufgabe. Und damit sind wir bereits beim nächsten Punkt: Die Metamorphose vom Berater zum Digital-Schamanen scheint sich in ihrer Entwicklungsgeschwindigkeit am Mooreschen Gesetz zu orientieren. Oft werden dann Berater eingekauft, die Lösungen nach dem Standardrezept verkaufen. Das kann aus zwei Gründen nicht funktionieren: Erstens, weil die Antwort auf die Frage, was die Digitalisierung für Organisationen bedeutet, nur von innen heraus beantwortet werden und nicht von außen aufgestülpt werden kann. Zweitens, weil mit zunehmender Komplexität die Zukunft ungewisser und weniger vorhersehbar ist, denn je (falls sie dies jemals war). Was dies für die Beratung rund um New Work bedeutet, hat Ardalan Ibrahim in einem lesenswerten Artikel auf intrinsify.me erläutert.

Und nun?

Mit der Digitalisierung gehen Entwicklungen einher, die Organisationen grundlegend verändern werden — und zwar auf allen Ebenen: Struktur, Prozesse, Kultur. Dass die Digitalisierung nicht nur technologischen, sondern auch kulturellen Wandel bedeutet, haben glücklicherweise mittlerweile viele verstanden. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit dem, was da kommt, essentiell. Es ist also grundsätzlich begrüßenswert, dass das Thema aktuell auf vielen Agenden steht. Bevor jedoch die nächste App eingeführt und Mitarbeiter mit agilen Methoden überflutet werden, sollten die zwei Fragen “Worüber reden wir eigentlich?” und “Was bedeutet das für unsere Organisation, für den Markt auf dem wir agieren und für unsere Kunden?” beantwortet werden. Die Antwort darauf kann kein 08/15-Vorgehen sein, sondern eines, das die Historie und die Bedarfe der Organisation in den Mittelpunkt rückt. Es braucht Zeit, bevor die Anstrengungen sichtbar werden. Das Ergebnis dürfte aber wesentlich überzeugender sein als das hunderttausendste Pilotprojekt, das eher nach Backmischung als nach leckerem Blechkuchen (das einzige phänomenale Standardrezept) schmeckt.

Meine Empfehlungen für eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Thema:

  • Bastian Wilkat ist der Flaneur und spricht in seinem Podcast mit Menschen. Das klingt unspektakulär. Und genau dieses Bodenständige, diese Neugierde nicht nur an den Themen, sondern auch an den Menschen selbst, gefällt mir bei diesem Podcast besonders gut.
  • Johannes Kleske und Igor Schwarzmann haben mit Third Wave ein “Unternehmen für Strategie und Exploration” gegründet. Lesenswert ist ihre Textsammlung hier auf Medium. Johannes und Igor erklären die aktuellen Entwicklungen so, dass man sie auch versteht, wenn man sich noch nicht ausführlich mit dem Thema beschäftigt hat.
  • Ulf Rinne und Klaus F. Zimmermann gehen für “Aus Politik und Zeitgeschichte” der Frage nach, wie sich Arbeitswelt von heute und morgen unterscheiden. Hilfreicher Einstiegstext mit systematischer Herangehensweise.
  • Einen spannenden Ansatz wagt die Deutsche Bahn mit dem Expertennetzwerk “Arbeitswelten 4.0”. Hier gehen interne und externe Quer- und Vordenker gemeinsam der Frage nach, wie wir zukünftig arbeiten werden. Einblicke in das Netzwerk gewährt dieser kurze Film von der Konsolidierungsveranstaltung im Dezember 2015: