Product. Life. Cycle.

Was mein Fahrrad mit digitaler Produktentwicklung gemein hat

Die Restaurierung des Stahlrahmen-Tourers meines Vaters aus den 1960er Jahren, der im Keller langsam aber sicher Rost anzusetzen begonnen hatte, stand schön etwas länger im persönlichen Backlog.

Die Aktualität des Themas hatte nochmal beträchtlich zugenommen, als sich mein bronzenes Vintage-Rennrad inklusive seiner ultrasensiblen tubeless Bereifung, des Boxerlenkers und Einfachbremshebeln der stilechten, aber eben alten Shimano 600 Gruppe als vollkommen ungeeignet zum Transport eines Kindersitzes — und insbesondere des zugehörigen Kindes darin — herausgestellt hatte.

Das vorherzusehen war in dem ganzen Trubel irgendwie untergegangen. Bei der ersten Fahrt unter realen Bedingungen hatte mich das Thema aber beeindruckend schnell eingeholt. Keine Bremsmöglichkeit in aufrechter Sitzposition, jede Bordsteinkante durch Mehrgewicht und veränderten Schwerpunkt eine Gefahr für Material und Mitfahrende. Aufsteigen bedeutete akute Verletzungsgefahr, mindestens aber ungelenke Hampelei. Fazit: Null Prozent Tauglichkeit in diesem, meinem neuen Alltag.

Beim folgenden Umbau—ein „aus Zwei mach Eins plus Extras“ — habe ich eine Reihe Parallelen zu meiner Arbeit in UX und Design festgestellt, die meinen Blick auf die dortigen Herausforderungen nochmal geschärft haben.

Vorstellungen werden selten Realität. Es lohnt also nicht, an ihnen festzuhalten.

Hätte man mich vorher gefragt, wie das richtige Rad für mich aussieht, ich wäre ziemlich sicher nicht direkt auf die nun vorliegende Lösung gekommen. Ich hätte wahrscheinlich ein eleganteres, schlankeres Teil im Kopf gehabt. Sicher nicht diesen Hybriden mit Ballonreifen, den ich nun fahre.

So ähnlich geht es auch vielen Product Ownern, Stakeholdern und anderen Projektbeteiligten. Sie haben ein eigenes Bild vom Ergebnis im Kopf. Ist ja auch ganz normal und gut so. Wichtig ist jedoch, im laufenden Prozess von dieser Vorstellung loslassen zu können, wenn sich eine andere Lösung als geeigneter erweist.

Nicht nur aber auch, da auf diese Weise Einzigartigkeit entstehen kann. Etwas, dass bei vielen (digitalen) Produkten, zumindest was die UX und das UI angeht, immer öfter abhanden zu kommen scheint. Auch weil mit dem Argument von gelernten Patterns und Paradigmen, von Erwartungskonformität und pauschalen „das ist beim Wettbewerber genauso“ Aussagen zu schnell Diskussionen über innovative Lösungen unterbunden werden. Dabei ist es am Ende doch ganz oft die Einzigartigkeit, die uns ein Nutzungserlebnis in Erinnerung behalten lässt. Deshalb ist es wichtig, nach ihr zu suchen und sich wenn nötig dabei auch von den eigenen Vorstellungen zu trennen.

„Gut“ ist ausschließlich ein Maßstab im Kontext. „Schön“ noch mehr.

Wirklich gut ist ein Produkt dann, wenn es den aktuellen Nutzerbedarf zielgenau adressiert und das Problem bestmöglich löst. Das Beste für den Zweck eben. Ich habe mich deshalb beim Umbau des Rades für eine Nabe mit Rücktrittbremse entschieden. Das schließt eine hohe Zahl an Gängen und damit eine sportliche Reisegeschwindigkeit zwar aus, bedeutet aber eine Bremsoption mehr. Eine, bei der ich mich nicht allein auf die Hände verlassen muss. Für meine Zwecke eine gute Lösung, zumal in der norddeutschen Tiefebene, wo Gangschaltungen ohnehin überbewertet sind. Der Kontext bestimmt die Bewertung.

Ob ein digitales Produkt mit “Gut” zu bewerten ist, wird allerdings noch viel zu oft eindimensional und isoliert vom umgebenden Ökosystem betrachtet. Zu oft gelten klassische und generische KPI (Reichweite, Bounce Rate, Verweildauer, etc.), die weder dem Produkt selbst noch dem eigentlichen Kontext (Zielstellung, Nutzergruppe und Verhalten, Budget & Timing, etc.) in vollem Umfang gerecht werden. Um wirklich zu bewerten, ob eine Lösung trägt, sollten die KPI so individuell sein wie Projekt und Ziel. Das ist beim Setup zwar anstrengender, liefert aber einen verlässlicheren Blick darauf, ob ein Produkt im Sinne seiner Funktion wirklich gut ist.

Das bedeutet natürlich nicht, dass das Ergebnis ausschließlich funktional sein muss. Nur der Gleichklang aus hoher Funktionalität und formschöner Gestaltung liefert eine exzellente Nutzerfahrung. Der viel zitierte „Joy Of Use“ stellt sich eben maßgeblich auch über die Optik ein, nicht nur über das reine „Fahrgefühl“, um im Bild zu bleiben. Was formschön ist, sollte abseits von Sehgewohnheiten aber ebenfalls der Kontext bestimmen. So kann es zwar vorkommen, dass man eine Lösung schafft, die auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig ist — Ballonreifen auf 2.3’’ breiten Felgen an einem 1 1/8’’ Stahlrahmen zum Beispiel. Diese sich dann aber über Zeit nicht nur als funktional sondern auch durchaus als schön herausstellt. Dazu gehört aber der Wille, sich über Gewohntes hinweg zu setzen und mit geltenden Regeln und Gewohnheiten zu brechen. Mehr Mut dazu tut sicher auch im digitalen Kontext gut.

Nichts geht ohne das richtige Werkzeug

Wenn man schon mal versucht hat, ohne Abzieher eine Kurbel zu lösen, bestätigt sich notfalls schmerzlich, dass es keine Alternativen zu professionellen Tools gibt. Es ist dabei ein weit verbreiteter Irrglaube, dass es egal ist mit welchem Werkzeug man arbeitet wenn man damit zum Ziel kommt. Die richtigen Tools zur richtigen Zeit sind mehr als bloße Erfüllungsgehilfen. Sie eröffnen erst die Möglichkeiten, ohne Kollateralschaden das volle Potenzial einer Lösung zu erschließen. Aber deren Anwendung will gelernt sein: erst wenn alle Beteiligten ihre Werkzeuge wirklich beherrschen und es keine Brüche in den Schnittstellen der Toolchain gibt, ist beispielsweise iteratives Arbeiten in adäquater Geschwindigkeit möglich.

Nur echte Testfahrten bieten verlässliche Ergebnisse

In einem typisch feuchten, grauen und viel zu langen Hamburger Winter lässt sich so ein Rad hervorragend zusammenschrauben. Die Lust auf eine Testfahrt aber — zumal ohne die alten Chromschutzbleche gerade gebogen und montiert zu haben — hält sich in dieser Zeit deutlich in Grenzen. Ich war mir aber ohnehin recht sicher, dass das Rad blitzsauber laufen würde.

In diesem Mindset werden oftmals auch digitale Anwendungen konzipiert. Und dann in kurzen Zyklen in geschützter Umgebung so lange iteriert, bis das bestmögliche Ergebnis vorliegt. Zumindest glaubt man das allzu gern. Aber nichts, tatsächlich gar nichts, ersetzt echtes User Feedback in einem Test unter realen Bedingungen.

Leider ist dieses Vorgehen nicht nur langsamer, sondern liefert auch immer mal wieder unangenehme Wahrheiten zurück, die nicht in den Projektplan, ins Budget, oder zu den Vorstellungen der Stakeholder (s.o.) passen. Und trotzdem gilt: Je eher, umfangreicher und ehrlicher unter echten Bedingungen getestet werden kann und je detaillierter das Feedback ausgewertet wird, desto besser wird am Ende das Ergebnis.

Im Falle meines Rades lieferte der erste, echte Test im Übrigen gewichtige Erkenntnisse über den Kettenstand unter voller Belastung und die Laufruhe an sich zurück. Was eher zur unangenehmen Sorte von Feedback gezählt werden dürfte. Back to work also.

„Fertig“ gibt es nicht. Pause machen darf man dennoch

Bei nahezu jedem Produkt gibt es dauerhaft Verbesserungspotenzial. Im digitalen Kontext ist es besonders leicht möglich, fortlaufende Optimierungen zu konzipieren und vergleichsweise kostengünstig zu implementieren. Dennoch ist es empfehlenswert, hin und wieder mal eine Pause einzulegen und dem Anwender Zeit zu geben, Vertrauen zum Produkt und seinen Eigenschaften aufzubauen. Etwas Abstand hilft außerdem dabei, die wirklich relevanten Veränderungen erkennen zu können und nicht zu viel Zeit und Ressourcen auf die Optimierung von Nebensächlichkeiten zu verwenden.

Natürlich können plötzliche Einflüsse von außen eine Weiterentwicklung nötig machen, spätestens dann ist die Entwicklungspause vorüber. Mit dem unlängst vorgenommenen Abbau des Kindersitzes war der Zeitpunkt auch für mein Rad gekommen. Denn mittlerweile fährt der Copilot eigenständig und hat selbst ein Interesse dafür entwickelt, am Rad herumzuschrauben. Gut so, denn fertig wird auch dieses Projekt ganz sicher nie sein. Zum Glück kommt der nächste Hamburger Winter ganz bestimmt.


Ich bin Tobi, Partner bei www.enable.to 
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