Kurt Stukenberg
Apr 28, 2016 · 3 min read
Dornröschen — Lebendes Bild mit Prinz Otto als Märchenprinz / Wikipedia Public Domain

In der Fassung der Grimm’schen Märchen von 1812 ist Dornröschen eine tragische Figur: Die neugeborene Königstochter wird von einer rachsüchtigen Fee mit einem Fluch belegt, weil die nicht zu ihrer Taufe eingeladen wurde. Der Fluch wirkt, als Dornröschen 15 Jahre alt ist: Sie sticht sich beim Spinnen an der Spindel und fällt in einen hundertjährigen Schlaf. Das ist auch deshalb tragisch, weil sie für die Einladungen zu ihrer Taufe ja gar nicht verantwortlich war und von dem Fluch mit der Spindel nichts wusste. Glücklicherweise macht sich irgendwann ein mutiger Prinz auf die Suche nach ihr und küsst sie wach. Ende gut, alles gut. Aber das ist eben nur ein Märchen.

In der Realität hat die Autoindustrie die Rolle von Dornröschen inne: Seit etlichen Jahren ist sie im Innovations-Schlaf gefangen und träumt von der Beständigkeit des Verbrennungsmotors, anstatt an der Zukunft der Elektromobilität zu arbeiten. Die Rolle des Prinzen will nun Wolfgang Schäuble spielen, der zusammen mit seinen Kabinettskollegen diese Woche bekannt gab, mehr als eine Milliarde Euro Steuergelder zum Kauf von Elektroautos locker zu machen. Damit sollen VW, BMW und Daimler nun endlich aus ihren Diesel-Träumen wachgeküsst werden.

Anders als bei den Gebrüdern Grimm haben sich die deutschen Autokonzerne aber selbst verschuldet in Schlaf versetzt, weich gebettet auf üppigen Gewinnen ihrer klimaschädlichen Limousinen und SUVs. Sie selbst waren es, die die Zukunft der Elektroautos marginalisiert und sich das Geschäft von der amerikanischen und asiatischen Konkurrenz haben wegnehmen lassen.

Fraglich ist nun, ob der Geld-Kuss von Wolfgang Schäuble wirklich zum gewünschten Ergebnis führt. Dass bis heute erst wenige tausend E-Autos auf deutschen Straßen unterwegs sind, liegt sicherlich nicht an der fehlenden staatlichen Förderung. Die Reichweiten der Stromer sind ein noch immer nicht gelöstes Problem, wie auch mein Kollege Matthias Lambrecht für eine Reportage im Greenpeace Magazin unlängst am eigenen Leib erfahren musste. Außerdem fehlt es an Ladeinfrastruktur und einem übergeordneten Mobilitätskonzept. Denn man kann nicht auf der einen Seite Elektroautos fördern und gleichzeitig die unsinnige Subvention von Diesel-Kraftstoff einfach weiterlaufen lassen. Auch sind E-Autos keinesfalls eine Antwort auf die CO2-Emissionen im Verkehrssektor: Wer heute seinen Stromer an die Steckdose hängt, lädt zu 24 Prozent Braunkohlestrom, zu 18 Prozent Steinkohle, zu 14 Prozent Atomenergie und zu neun Prozent Erdgas.

Am märchenhaften Happy End für die Autoindustrie prangt also ein dickes Fragezeichen. Klar ist indes, dass die Subvention eine glatte Frechheit ist: Großkonzerne, die im vergangenen Jahr zwischen 8,9 Milliarden Euro (Daimler) und 6,4 Milliarden (BMW) mit ihren Fahrzeugen verdienten, brauchen keinen Prinzen Schäuble, der sie mit Steuergeld wachküsst. Von ihnen kann man erwarten, dass sie von alleine aufwachen — oder eben noch 100 Jahre weiterschlafen.

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Kommentare zum aktuellen Zeitgeschehen aus Politik, Wirtschaft und Umwelt. Die Reihe erscheint immer Freitags auch im Newsletter des Greenpeace Magazins: www.greenpeace-magazin.de/newsletter

Kurt Stukenberg

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Journalist · Chefredakteur Greenpeace Magazin · Ltg. Digital-Strategie · Politik Wirtschaft Umwelt

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