Endlich ist der politische Wettbewerb zurück!

Brüssel, dieses Mini-Europa, in dem der Glaube an die ordnende Macht der Bürokratie jede Leitkultur ersetzt, in dem Technokraten und Lobbyisten per Handschlag im Hinterzimmer das Ende der Volkssouveränität auf dem Kontinent besiegeln — so diffamieren rechte und linke Kritiker immer wieder den Hauptsitz der Europäischen Union.

Doch ausgerechnet von dort kommt nun die Botschaft: Der politische Wettbewerb, der Kern der Demokratie, ist zurück! Am Place du Luxembourg, wo das EU-Parlament residiert, ist ein handfester Streit über die Nachfolge des scheidenden Präsidenten Martin Schulz entbrannt.

Es wäre für das Bild der EU-Hasser so passend gewesen, wenn die Übergabe des Präsidentensessels von der sozialdemokratischen S&D-Fraktion, deren Vertreter Schulz das Amt in den vergangenen Jahren innehatte, an die Konservativen (EVP) reibungslos geklappt hätte. Das war eigentlich die Verabredung zwischen den beiden großen Fraktionen, die sie im Juni 2014 auch schriftlich festhielten. Die Pressemitteilungen, mit Klagen über undemokratisches Postengeschachere, dürften schon in der Schublade von so manchem Pressesprecher auf ihre Veröffentlichung gewartet haben. Nun kommt es ganz anders.

Denn auf einmal buhlen gleich acht Bewerber um die Nachfolge des populären deutschen Sozialdemokraten. Der S&D-Fraktionschef Gianni Pittella aus Italien meldet selbstbewusst einen Anspruch an, auch sein Landsmann Antonio Tajani von der EVP will Präsident werden, ebenso Guy Verhofstadt, der Frontmann der europäischen Liberalen. Vier weitere, chancenlose Kandidaten von Rechten, Linken und Grünen bringen Bewegung in die Wahlkampagnen, die wohl noch bis Dienstagabend laufen. Nun müssen die Vertreter der großen Fraktionen um Stimmen werben, Positionen deutlich machen und sich profilieren — was Pitella diese Woche mit einem flammenden Plädoyer für ein Ende der Sparpolitik bereits tat. So sieht politischer Wettbewerb aus!

Erfreulich, dass ein Hauch dieses Geistes auch nach Deutschland herüberweht: Die vermeintlichen Traumkoalitionäre Union und FDP betonen nach einer heftigen Attacke von CDU-Generalsekretär Peter Tauber gegen FDP-Parteichef Lindner nun wieder stärker ihre Unabhängigkeit, Jürgen Trittin bringt durch seine jüngsten Wortmeldungen bei den Grünen Schwung in die Debatte um das beste Programm für die Bundestagswahl und auch die Linkspartei widmet sich nach Gregor Gysis Weggang und den populistischen Entgleisungen von Sahra Wagenknecht nun langsam einer Strategiedebatte.

Fehlt nur noch, dass SPD-Parteichef Sigmar Gabriel nun entgegen aller Erwartungen doch noch die mehr als 400.000 Parteimitglieder über die Kanzlerkandidatur entscheiden lässt. Dann ist eine Überraschung bei der Bundestagswahl im September doch noch möglich — und damit eine höhere Wahlbeteiligung wahrscheinlich.

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