Rio2016: Olympia im Müll — diese Spiele sind absurd

Priscilla Jordão Flickr / (CC BY 2.0

Bei der gestern mit gewohntem Pomp veranstalteten Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Rio war zumindest für den Fernsehzuschauer aus Deutschland vom Notstand nichts zu sehen: Jubelnde Massen im Stadion (nur unterbrochen durch kurze Buhrufe für Brasiliens Interimspräsidenten Michel Temer), Akrobaten, Tänzer und natürlich die brennende Fackel zeigten die heile Welt des Sports.

Doch Rio ist pleite. Sieben Wochen vor Beginn der Spiele musste die Landesregierung den Finanznotstand ausrufen. Zahlreiche Schulen wurden wegen Streiks geschlossen, Krankenhäuser kämpften mit ausgehendem medizinischem Material, 110.000 Familien wurde die Sozialhilfe gestrichen und öffentliche Leichenhäuser weigerten sich zeitweise, Tote aufzunehmen.

„Irgendwie ist das ganze System aus den Fugen geraten“, sagte Anfang der Woche Heiko Kröger, der als Segler für Deutschland an den Paralympics in Rio teilnimmt. In Testfahrten vor Ort musste er feststellen, dass er und sein Team mit erheblichen Einschränkungen bei den Wettkämpfen rechnen müssen.

Damit ist ausnahmsweise nicht die angespannte Sicherheitslage in Rio gemeint, sondern die katastrophale Umweltsituation in der Stadt, die auch eine Folge des klammen Haushalts ist: Die Bucht von Guanabara, in der auch Freiwasserschwimmer, Ruderer, Triathleten und Wassersportler antreten werden, ist voller Abfälle, sodass Kröger und die anderen Segler aus aller Welt ihre Schiffe durch eine schwimmende Müllhalde steuern werden.

Olympia und der Umweltschutz passten in den vergangenen Jahren nie gut zusammen. Ich erinnere mich noch gut an die viel zu warmen Winterspiele vor zwei Jahren im russischen Sotschi, bei denen die Veranstalter extra Schneekanonen aus Israel bestellten, um den Sportlern auf den getauten Hängen überhaupt eine Abfahrt zu ermöglichen. Das Leitmotiv der Nachhaltigkeit, die nun für die Show in Rio ausgerufen wurde, muss einem geradezu absurd vorkommen: Ganze Viertel wurden abgerissen, viele tausende Menschen umgesiedelt und der Golfplatz für das olympische Turnier wurde kurzerhand in ein Naturschutzgebiet gewalzt.

Anders als bei den Spielen zuvor gefährdet der mangelnde Umweltschutz in Rio nun auch die Sportler: Eine unabhängige Analyse der Wasserqualität in der Guanabara-Bucht ergab, dass die Wassersportarenen eine hohe Dichte an Viren, Bakterien und multiresistenten Keimen durch ungeklärte Abfälle aufweisen — Werte, die laut Medienberichten 1,7 Millionen Mal so hoch sind wie das, was in Europa oder den USA als alarmierend gelten würde. Demnach infizieren sich Athleten, die nur drei Teelöffel des verschmutzten Wassers trinken, mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit an einem Darmvirus.

Dass die Bucht so stark belastet ist, verwundert angesichts der desolaten Lage in den Armenvierteln Rios nicht: Daten des Hygiene- und Gesundheitsinstituts „Trata Brasil“ zufolge haben 624.000 Haushalte in Rio keinen Trinkwasseranschluss und 1,61 Millionen sind nicht an die Kanalisation angeschlossen. Die Fäkalien und Abwässer eines Großteils der Favela-Bewohner landen in der Bucht, dazu die Abwässer einiger Industrieanlagen. Laut einer Untersuchung der Heinrich-Böll Stiftung fließen 18.000 Liter Abwasser in die Guanabara-Bucht — pro Sekunde.

Die deutschen Segler haben sich vorsorglich schon mal so gegen ziemlich alles impfen lassen, was möglich ist, und werden wasserdichte Anzüge tragen. Die Freiwasserschwimmer erhalten Spezialmasken, um das Verschlucken von Wasser zu vermeiden, Sportler mit offenen Hautverletzungen werden bandagiert und überall an den Sportstätten werden Duschstationen mit antibakterieller Seife eingerichtet, damit die Sportler nach dem Bad im Müll nicht gleich reihenweise erkranken.

Diese Spiele sind der pure Wahnsinn. Rund elf Milliarden Euro hat das Olympische Organisationskomitee veranschlagt, um in einer bankrotten und von Armut und Umweltverschmutzung gezeichneten brasilianischen Stadt ein Event auszurichten. Auf den Sport übertragen ließe sich hier ein Gedanke des chilenischen Architekten Alejandro Aravena, der in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins mit den Worten zitiert wird: „Welchen Wert hat eine Architektur, die sich mit sich selbst beschäftigt, aber kein Gewinn für die Gesellschaft ist?“

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