Transformation: Wiederholt die Autoindustrie die Fehler der Energiewirtschaft?

sovraskin Flickr / CC BY 2.0

Am vergangenen Freitag hat meine Kollegin Kerstin Eitner an dieser Stelle über den Niedergang der alten Energiewirtschaft und den sprichwörtlichen Sonnenaufgang im Osten geschrieben. Daran musste ich denken, als ich diese Woche die neuesten Nachrichten in der nicht enden wollenden Debatte um den Abgasskandal verfolgt habe.

Es ist manchmal schon erstaunlich, wie sich Geschichte zu wiederholen scheint. Es ist noch gar nicht lange her, da tönte es aus den Konzernzentralen der (ehemals) großen deutschen Energieversorger: Ganz nett die Idee, mit Wind und Sonne Strom zu erzeugen, aber unsere schicken großen Kraftwerke werden auch weiterhin den Ton angeben. Wie wir wissen, kam es anders.

Den Fehler, die Augen vor den Herausforderungen der Zukunft und den gewaltigen Veränderungen im Markt zu verschließen, machen nun auch die deutschen Autokonzerne. Ob sie so enden wie RWE und Co., ob sie schließlich aufgespalten werden und ihre Aktienkurse binnen weniger Jahre in den Keller rauschen – die Weichen werden jetzt gestellt.

Es mag alarmistisch klingen, einen Wirtschaftszweig, der hierzulande 812.000 Menschen beschäftigt, an einen vermeintlichen „Abgrund“ heranzuschreiben. Aber der Weg von ganz oben nach ganz unten – und umgekehrt – ist in der globalisierten Wirtschaft schnell zurückgelegt.

China, schon heute einer der wichtigsten Märkte deutscher Hersteller, hat eine rigide Elektroauto-Quote auf den Weg gebracht, die dazu führen wird, dass die fossil betriebenen Premiumfahrzeuge aus Wolfsburg, Stuttgart oder München künftig das Nachsehen haben. Dieser Tage erklärte nun Indien, bis 2030 ganz auf E-Mobilität setzen zu wollen.

Neben den Elektropionieren wie Tesla beginnen sich auch die ersten klassischen Autokonzerne zu bewegen: Volvo kündigte gerade an, vom Dieselmotor ganz zu lassen und stärker auf E-Antriebe zu setzen.

Ganz anders sieht es in Deutschland aus: Die Unternehmen klammern sich an die mehr als hundert Jahre alte Technik des Verbrennungsmotors und erlauben es, neuen Unternehmen und mutigen Vorreitern, ihre Kernmärkte zu erobern. Selbst am Diesel halten sie wie verzweifelt fest. Noch immer dominiert dieser Fahrzeugtyp mit Anteilen zwischen 73 Prozent (BMW) und 54 Prozent (VW) die Neuwagenflotten deutscher Hersteller.

Jeden Tag rollen 3500 fabrikneue Dieselfahrzeuge auf unsere Straßen, die nach Angaben des BUND im Regelbetrieb die Grenzwerte für tödliche Stickoxide deutlich überschreiten. So, als hätte es den Dieselskandal nicht gegeben.

Als letztes Argument führen nun ausgerechnet Autohersteller den Klimawandel ins Feld: Ohne die geringeren CO2-Emissionen von Dieselfahrzeugen seien die deutschen Klimaziele nicht zu schaffen. In Zeiten der Elektromobilität an sich schon ein Offenbarungseid.

Dabei zeigt ein internes Papier des Kraftfahrtbundesamtes, dass selbst an dieser weit verbreiteten Ansicht erhebliche Zweifel bestehen. Denn von der Behörde getestete Fahrzeugtypen stoßen sogar unter Laborbedingungen bis zu 36 Prozent mehr Kohlendioxid aus als angegeben.

Zu allem Überfluss fordert CSU-Chef Horst Seehofer nun, neue Dieselfahrzeuge sollten eine Kaufprämie aus Steuermitteln erhalten. Damit würde eine skandalgeplagte, überholte und aufgrund ihres Stickoxidausstoßes, tödliche Technik künstlich am Leben gehalten. Ein Irrweg, der die Zukunft der deutschen Autoindustrie und mit ihr die mehr als 800.000 Arbeitsplätze zusätzlich gefährden würde. Denn wohin falsche staatliche Finanzanreize führen können, haben wir schon am Beispiel der Atomkraft beobachten können. Sie verleitete die Großkonzerne, auf eine gestrige und risikoreiche Technik zu setzen – die vielen von ihnen nun wie ein Klotz am Bein den Aufbruch in die Zukunft erschwert.

k_stukenberg

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