Weihnachten ist auch keine Lösung

Es ist Sonntag? Es brennt eine Kerze? Dann ist Advent. Mach es dir gemütlich bei einer kleinen, gemeinen Weihnachtsgeschichte. 98% nicht besinnlich.

Zu Gast bei Feinden

von Tom Diander

Ich hasse Weihnachten. Nicht das Fest an sich. Ich finde an bunt leuchtenden Tannen nichts verwerfliches. Aber Heiligabend? Im Schoße meiner mich drangsalierender Eltern? Ist wie: Sissi Teil Eins bis Drei in Endlosschleife schauen. Gefolgt von Doktor Schiwago mit Werbe-Unterbrechungen von Vom Winde verweht.

Als ich noch klein war, so um die sieben Jahre alt. Da sagte mein Vater zu mir: Das Christkind hat angerufen und es tut ihm auch sehr leid aber zu Weihnachten gibt es nur ein Überraschungsei. Ich dachte: Klar. Sicher. Lachte mit meinem Vater um die Wette.

An Heiligabend dann, mein Bruder packt seine neue E-Gitarre aus, suche ich den kugel-bunten Baum nach meinen Geschenken ab. Finde ein Überraschungsei. Irritiert lache ich. Dann suche ich. Dann schluchze ich. Es muss doch irgendwo das gewünschte Skateboard sein? Meine Eltern ersticken fast an ihren grölenden Gelächter. Ich beginne wild tobend, hemmungslos bis jämmerlich zu heulen. Die Familie widmet sich derweil wieder ihrem Sauerbraten. Mein Vater raunt nur ein: Das war es mir wert.

Jedes verkackte Jahr suche ich nach einer passenden Ausrede um mich vor dem weihnachtlichen Familienessen drücken zu können. Die letzten drei Jahre gelang mir das auch ohne seelische Verletzungen. Dieses Mal habe ich allerdings zugesagt. Angeblich haben meine Eltern eine fette Überraschung für mich auf Lager. Wer nichts erwartet kann nicht enttäuschst werden. Also gebe ich mir ein Zeitfenster von gut einer Stunde. Ich werde nur kurz was essen, die Überraschung miterleben und dann schneller als der rote Blitz wieder nach Hause jagen.

Ich naives dummes Dingens

Es schneit. Wahnsinn. Seit Jahren gab es keine weiße Weihnacht mehr. Das ist ein gutes Zeichen. Gestriegelt und geschniegelt stehe ich vor der Haustür meiner Eltern. Meine Hände zittern. Ich würde es ja auf die Kälte schieben aber ich zittere immer wenn ich meiner Mutter so nahe bin. Ich spüre ihre Anwesenheit selbst durch das Gestein und dieser massiven Haustür. Soll ich klingeln? Erfahrung und jahrelange Demütigungen sollten mir eigentlich gute Lehrer gewesen sein. Ach, scheiß drauf.

Die Tür öffnet sich und der Geruch von Glühwein und Zimt steigt mir in die Nase. Meine Mutter strahlt breit über alle Backen. Sie drückt mich herzlich und hilft mir beim ausziehen meines Mantels.

Du siehst schlecht aus, Junge. Du musst mehr essen.
Danke, Mutter.

Ich gehe nach hinten ins große Wohnzimmer. Mein Vater würdigt mich keines Blickes. Er arbeitet noch hoch konzentriert am künstlichen Weihnachtsbaum. Mir ist es ein Rätsel wie man diese unechten Dinger gut finden kann. Der festliche Baum meiner Eltern sieht jedes Jahr gleich aus. Jede Kugel ist in einem Abstand von drei Zentimetern zueinander, akkurat an die einzelnen Zweige gehängt. Ich hab es mal mit einem Lineal nachgemessen. Mein alter Herr überlässt da nix dem Zufall. Es gibt im ganzen Baum ausschließlich weiße Kugeln. In der Mitte dann eine einzige funkelnde Rote. Jeweils drei Lametta Fäden in mattem Silber, werden im rechten Winkel auf exakt zehn Zweige gelegt.

Mein Vater ist grad beim Letzten angekommen. Er streicht mit seiner linken Hand noch mal das Lametta glatt und legt es langsam und überaus vorsichtig wie ein Spezialist des Bombenentschärfungskommando ab. Schnaufend und wie der Held in einem schlechten Actionfilm tupft er sich den Schweiß von der Stirn. Ich sage: Hallo.

Du bist spät.
Draußen tobt ein winterlicher Schneesturm. Das Taxi kam nur langsam voran.
Bist trotzdem spät. Hast du deiner Mutter was mitgebracht?
Was?
Es ist Heiligabend, Junge. Du hast nichts dabei? Nicht mal ein Strauß Blumen?

Mein Blut fängt direkt in meinen Adern zu kochen an. Mein Bruder kommt rein und rettet mich vor einem peinlichen Rechtfertigungsversuch. Adam ist jetzt knapp 30 und hat den Absprung in eine eigene Wohnung nicht mehr geschafft. Er ist in der Hölle gefangen oder ihm ist einfach nur alles scheiß egal. Ich habe außer an Feiertagen nichts mit ihm zutun. Wir laufen uns nie über den Weg, telefonieren nie und eigentlich vergesse ich meistens das ich überhaupt einen Bruder habe. Ich sage: Hallo.

Adam nimmt sich eine Flasche Bier und setzt sich schon mal an den Esstisch. In der Küche höre ich unsere Mutter werkeln. Mein Vater hat, wie es aussieht, den Schallplattenspieler aus dem Keller gekramt und legt “Stille Nacht” auf. Das Cover der Langspielplatte ziert das grinsende Gesicht von Peter Alexander. Das wird ein harter Abend.

Zu Tisch

Als ich klein war, musste ich zu Festlichkeiten wie Geburtstagen, immer an den Katzentisch in der hinteren Ecke des Zimmers. Da ich keine Freunde hatte die ich hätte einladen können, saß ich da jahrelang allein. Jetzt hocke ich gleichberechtigt neben den Großen mit am Haupttisch. Oh, was bin ich stolz. Mein Vater, der Chef des Hauses, ruht natürlich als allein herrschender König des Weihnachtsfestes vor Kopf. Ich links und mein Bruder rechts von ihm. Son bisschen sehne ich mich nach meinem kleinen Außenseiter-Tisch zurück. Besonders, da ich den Raclet Bräter in der Mitte des Tisches entdeckt habe.

Normalerweise gibt es zu Weihnachten immer Sauerbraten mit Klößen und Rotkohl. Und ich bin mir nicht zu schade, um ehrlich zu gestehen, das dass verdammt lecker ist, was meine Mutter da jährlich zaubert. Aber Raclet? Auf Heiligabend? Dieser verkackte Mist mit den kleinen Pfännchen und dem andauernden Warten? Raclet ist ein Party-Essen. Wo du dich mit Menschen die du magst, unterhältst und eine gute Zeit verlebst. Nichts davon trifft auf diesen Abend zu.

Mutter kommt mit Ihrem selbstgemachten Kartoffelsalat herein. Ich schütte mir derweil Rotwein ins Glas und dann rein in die Birne. In der Hoffnung das es schnell wirkt.

Und wie geht es dir, mein Junge? Wir haben ja ewig nichts mehr von dir gehört.
Oh, mir geht es soweit gut. Viel zu tun. Auf Arbeit und so. Aber danke, es ist soweit alles in Ordnung. Und bei euch so?
Dein Vater hat die Winterreifen drauf gemacht.
Echt jetzt? Ist ja toll.

Wir belegen die Pfännchen. Es gibt reichlich rohes Fleisch, Zwiebeln und geriebenen Käse. Dann heißt es warten. Mein Vater nimmt mich ins Visier.

Bist du noch mit dieser Trulla zusammen?
Nein, wir haben uns getrennt.
Das rührt mich ja zu Tode, Junge.
Danke Paps für deinen Gefühlsausbruch.

Möchte jemand Salat?
Danke Mutter.
Warum seit ihr denn auseinander?
Darüber möchte ich nicht sprechen. War ne harte Zeit.

Hat das Mädchen doch noch herausgefunden das du eher. Wie drücke ich es aus, ohne deine Gefühle zu verletzen? Das du eher das andere Ufer im Blick hast. Nichts für ungut, Junge.
Herman, lass doch den armen Jungen.

Wie jetzt?
Dein Vater meinte gestern noch zu mir als wir über dich sprachen, dass er sich nicht wundern würde, wenn du uns heute Abend deinen neuen Freund vorgestellt hättest. Hast du einen neuen Freund?
Nein. ich habe keinen Freund. Nichts gegen Schwule aber ich bin nicht…
Das macht doch nichts, Mausebär. Wir sind doch immer sehr tolerant gewesen. Schon bevor es Mode wurde in diesem Land. Dein Vater und ich haben kein Problem mit der Zeit zu gehen.

Ich schütte mir schnell was von dem Rotwein nach. Wie bekomme ich das Thema gewechselt? Zum Glück scheint das Fleisch in der Pfanne fertig zu sein. Ok, zu früh gefreut. Ist wie auf einem Tannenzapfen rum zukauen.

Also nur so fürs Protokoll. Ich bin nicht schwul. Damit das klar ist.
Mein Gott, Sohn! Ich zieh dich doch nur auf. Die Frage war ein Scherz.
Meine Antwort nicht.

Vater schmunzelt vor sich hin. Ich bin immer noch in seinem Fokus. Die Flasche Wein ist leer. Ersatz ist nicht Sicht.

Du sagst, viel los auf Arbeit?
Ja, ist richtig viel zu tun.
Komisch. Ich hab vorgestern deinen Abteilungsleiter auf dem Weihnachtsmarkt getroffen. Er meinte, euer Laden hätte schon letzten Monat dicht gemacht.
So. Hat er das.

Ich möchte im Erdboden versinken und meinen Bruder grundlos mit der roten Christbaumkugel beschmeißen. Peinlicher kann es eh nicht mehr werden.

Wirklich Junge. Haben sie dich entlassen?
Nein, Mutter. Das Unternehmen ist nur pleite gegangen.
Aber warum sagst du dann so einen Unsinn?
Weil ich nicht darüber sprechen wollte.
Aber deswegen deinem Vater so ins Gesicht zu lügen. Schäm dich junger Mann. Schäm dich. Noch Salat?
Nein Danke.

Am liebsten würde ich dir ja in den Arsch treten.
Wenn dir das hilft Papa.
Was wirst du jetzt machen? Hast du schon einen Plan?
Ich weiß es noch nicht.
Du kannst doch nicht auf der faulen Haut liegen?
Warum nicht. Macht Adam doch auch.

Nein Spätzchen. Dein Bruder ist jetzt ein Star im Internet.
Ach echt. Wie denn das?
Da gibt es dieses YouTube und da hat er schon ganz viele Freunde, und diese Daumen, die nach oben zeigen.
Wow. Super.

Mein Bruder nimmt Blickkontakt auf. Ich fühle mich nicht geschmeichelt. Finde es trotzdem klasse, das er mich mal wahrnimmt.

Ich hab dir ne Mail geschickt. Mit den Links zu den Videos.
Cool. Du redest ja doch mit mir.
Hast du meine Videos gesehen? Die gehen grad voll Gronkh-mäßig durch die Decke. Wirst sehen.
Jetzt erinnere ich mich. Klar. Deine Videos auf YouTube. Ich habe alle deine Videos gesehen, gelikt und Abo da gelassen. Ich habe sie alle angeschaut. Ich habe kein Video ausgelassen. Ich habe sie alle Beide gesehen.

Mach dich nicht über deinen Bruder lustig.
Sorry, Papa.
Wer im Glashaus sitzt. Du weißt was ich meine.
Manchmal glaube ich ja, du magst mich nicht besonders. Und langsam bin ich sogar ein bisschen stolz drauf.
Außer über dich zu lachen. Was könnte ich sonst noch für dich tun? Du scheinst es ja anders nicht zu kapieren. Das Leben ist ein hartes Pflaster, Junge. Ich habe mein Leben hart dafür geschuftet, dass es euch Rotzblagen gut geht. Und was ist der Dank? Ein weicheiernder Lügner und ein vorm Rechner onanierendes Faultier.

Aber Hermann. Jetzt lass die Jungs doch in Ruhe. Es ist Weihnachten.
Ändert nichts daran dass deine Söhne einen an der Waffel haben. Beide kriegen nichts auf die Kette. Der eine meldet sich das ganze Jahr nicht und der Andere hat sich mit Sicherheit nicht mal die Hände gewaschen bevor er sich hier hingesetzt hat. Ist es nicht so?

Ich rede nicht mehr mit dir.
Na, sieh an. Der Herr YouTube ist beleidigt.

Können wir nicht einfach das Thema wechseln?
Jammert das Weichei dazwischen.
Ich bin kein Weichei. Und überhaupt was bedeutet das überhaupt.
Das du ein verweichlichtest Muttersöhnchen bist. Du hast kein Rückrad. Versteckst dich sogar vor deiner eigenen Mutter. Lügst das sich die Balken biegen. Aber was rege ich mich auf. Du kommst anscheinend halbwegs klar in deinem peinlichen Leben. Dein Bruder hingegen denkt nur mit dem Penis.
Ich glaube, das ist biologisch unmöglich aber wenn du es sagst.

Möchte noch jemand Salat?

Ich stelle mich auf den Balkon um durch zu atmen. Drehe mir eine Zigarette. Habe ich mir mehr als verdient. Handy raus und Taxi anrufen. Eigentlich habe ich ja noch Glück gehabt. Adam hat heute deutlich mehr abbekommen als ich. Fühle mich trotzdem scheußlich. Na supi. Meine Mutter gesellt sich neben mich. Schaut mich verdattert an.

Spatz, warum hast du eine Zigarette im Mund?
Weil ich Raucher bin. Mutter.
Ah, gut. Kommst du bitte rein? Dein Vater und ich möchten euch von der großen Überraschung erzählen.
Stimmt, da war ja was?
Oh, du wirst Augen machen, mein Schnurzelchen.
Bin ich mir sicher.

Ich drücke die halbe Kippe aus und folge meiner Mutter zurück ins Wohnzimmer. Der Tisch wurde in der Zwischenzeit abgeräumt und mein Vater sitzt bedeutungsschwanger in seinem Ledersessel. Mutter ist ganz aufgeregt. Sie gibt jedem von uns ein Glas Sekt in die Hand. Ich frage Adam was der Aufriss soll.

Hast du nen Plan was gleich kommt?
Nein. Die beiden machen seit Wochen einen riesen Heckmeck deswegen.
Dir haben sie also noch nichts gesagt?
Hast du was an den Ohren? Ich sagte doch, Nein.
Ich mein ja nur. Weil du doch hier wohnst.
Als wenn mich der Quatsch meiner Eltern interessieren würde. Die haben ihre Geheimnisse. Und ich habe meine. Ende der Geschichte.
Du wohnst immer noch in deinem alten Kinderzimmer. Die Türen lassen sich nicht mal abschließen. Wie kannst du bitte hier ein Geheimnis für dich behalten?
Ich verrate dir mal ein Geheimnis?
Ich bin ganz Ohr.
Ich weiß Dinge und verrats keinem.
Du bist ein Arsch.
Danke.

Der Moment der Wahrheit ist gekommen. Bin gespannt was kommt. Hoffe das sich der ganze Stress auch gelohnt hat. Vielleicht ist Vater krank und es gibt was zu erben?

So, habt ihr alle euer Sektchen?
Ja, Mutter.
Gut. Dann kommen wir jetzt zu unserer Überraschung.

Ende


“Zu Gast bei Feinden” ist die erste von vier Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest. Die nächste Story erscheint pünktlich am Sonntag, wenn das zweite Lichtlein brennt. Ho, Ho, Ho!