Das alte Morsche ist zusammengebrochen.

Eine moralische Zeitenwende ist eingeleitet, alte Gewissheiten über das Gute und Erstrebenswerte gelten nicht mehr. Die Menschen tun gut daran, das zu erkennen, das Alte wegzuräumen und dem Neuen Platz zu machen.

Wenn wir anderen Menschen Schaden zufügen, gibt es im Prinzip drei Haltungen, damit umzugehen: Die „Scheissegal“-Haltung: Uns kümmern die Konsequenzen nicht, wir sind uns selbst die Nächsten und tun das immer wieder. Die „Sorry, aber geht nicht anders“-Haltung: Wir versuchen, es wieder gut zu machen, aber leider wird das wieder passieren müssen. Die „Kommt nicht wieder vor“-Haltung: Wir verstehen, dass unser Verhalten blöd ist, entschuldigen uns und stellen es ein. Sofort.

Soweit, so (nicht) gut.

In der Nachhaltigkeits-Die-wollen-uns-das-Schnitzel-und-Autofahren-verbieten-Debatte liegen die Verhältnisse gar nicht mal so anders. Gestehen wir es uns ein: Unser Lebensstil schadet direkt oder indirekt anderen Menschen und ist selten gut für‘s Gemeinwohl. Ressourcenverbrauch, Schadstoffemission, Aussterbene Tier- und Pflanzenarten, Schäden für Mensch und Umwelt: So ziemlich alles, was unser Leben bequem, fortschrittlich und lecker macht, schadet meistens uns selbst, unseren nächsten und weiter entfernten Mitmenschen oder nachfolgenden Generationen. Nein: Die hemmungslose Maximierung von individuellem Nutzen, und sei es beim kollektiven Genussverzehr der heiligen Schnitzel, ergibt in Summe eben kein höheres Gemeinwohl. Sondern in Abwägung aller Nutzen und Schäden meistens eben doch mehr Probleme. Mindestes in the long run oder im Haus nebenan.

Vielleicht würde es der Debatte gut tun, wenn wir uns – ganz wert- und urteilsfrei – mal auf dieses simple Eingeständnis verständigen könnten. Unser Handeln produziert Folgen und die sind ziemlich oft nicht gut. Ja, Autofahren verpestet die Luft. Ja, für billige Klamotten bezahlen die Familien in den Produktionsländern. Ja, für die Rohstoffe unserer Zivilisation werden Kriege geführt. Muss man halt wissen. Haben wir bisher akzeptiert, aber jetzt müssen wir mal reden. Mensch entwickelt sich ja weiter.

Wenn man das tun würde, könnte man im nächsten Schritt überlegen, welche Haltungen man in jeder Einzelfrage einnehmen will. Und das würde dazu zwingen, sich zu positionieren. Und klar und deutlich zu sagen „Ja. Mir ist das Rumheizen mit meiner Harley wichtiger als Dein Ruhebdürfnis. Deal with it.“ Oder: „Ich will Fleisch essen und komm‘ nicht davon los. Aber ich kauf‘ dafür CO2-Zertifikate.“ oder eben: „Ich hab’s verstanden, alle 4 Wochen neue Klamotten aus dem Sweat-Shop sind unnötig, ich kauf‘ meine Sachen seltener und dafür lieber Öko-fair.“

Dieser Schritt würde auch in der politischen Debatte klarer machen, wer auf welcher Seite steht. Egoistisch-egal? Kompensatorisch? Einsichtig? Das würde die Welt noch nicht sofort retten. Aber die Debatte wäre wenigstens ehrlich und nicht an Scheinargumenten („Verbotspartei!“ „Alte weiße Männer!“) aufgehängt. Und man würde besser erkennen, wer wann welche Opfer zu bringen bereit ist. Und wie schnell Kollaterschäden abstellen will.

Eins muss aber auch klar sein: Wir leben in einer Welt, in der das Alte in Frage gestellt wird. Und das bedeutet in diesem Fall: Die „Scheissegal“-Haltung hat ausgedient. Wer nach dieser Maxime handelt und argumentiert, wird damit nicht mehr durchkommen. Die Welt wird nicht mehr sein wie bisher. Die Maßstäbe haben sich verändert, das globale Gemeinwohl wird immer mehr zum Gradmesser für die Angemessenheit des eigenen Handelns.

Das ist vielleicht das Alte, das nicht mehr gültig ist. Und dem Neuen Platz machen muss. Wer das erkennt, hat schon den ersten Schritt in die richtige Richtung gemacht. Oder um es mit den Worten eines alten weisen Mannes zu sagen:

Die Zeichen der Zeit Du erkennen musst, alter Jedi.

(Photonachweis: @ Thomas Leppert)

Wirtschaft & Soziales

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    Thomas Leppert

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    Schreibt über Wirtschaft, Soziales und technologischen Wandel. Geschäftsführer Heldenrat GmbH in Hamburg. Trust me, I‘m a Chancemaker.

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