Thomas Leppert
Jul 30 · 4 min read

Nur wer Fenster und Türen für neue Impulse öffnet, kann sich für die Zukunft fit halten. Und manchmal liegen die wertvollsten Erfahrungen an unerwarteten Orten. Bericht einer Lernreise.

Ja. Ich habe eine Ausbildung gemacht, studiert, promoviert und mehrere Weiterbildungen durchlaufen. Aber in der Mitte meines Berufslebens angekommen muss ich feststellen: Ich habe die für meinen Beruf wesentlichsten Fähigkeiten nicht in diesen formalen Ausbildungen, sondern über eine andere Perspektive, nämlich im sogenannten Ehrenamt im sozialen Sektor erlernt.

Als Gründer der auf freiwilligem Engagement basierenden sozialen Organisation Heldenrat e.V. habe ich mich dort in vielen Dingen ausprobieren können, zu denen ich im Job nicht ohne weiteres Gelegenheit gehabt hätte. Dazu zählen Tätigkeiten wie Moderation, das Management von Beratungsprojekten, Auftragsklärungen, Coaching, laterales (und sinnorientiertes) Führen, öffentliches Sprechen, Onboarding und Training neuer Mitarbeiter, Konzeption und Durchführung von Workshops, Prozessmanagement, Strategieentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit, Umgang mit Social Media und vieles mehr. Ganz zu schweigen von den themenspezifischen Kompetenzen, die ich dabei sammeln konnte: Mein Übergang aus der Wirtschaft in die Robert Bosch Stiftung und damit eine der großen zivilgesellschaftlichen Förderinsitutionen in Europa wäre nicht möglich gewesen, wenn ich im Ehrenamt nicht zuvor knapp zehn Jahre profunde Kenntnisse in zivilgesellschaftlichen Fragestellungen und in Social Entrepreneurship gesammelt hätte.

Meinen Kolleginnen und Kollegen beim Heldenrat geht es da ganz ähnlich — auch sie berichten immer wieder von den Gelegenheiten zum Erlernen wirklich “harter” Qualifikationen bei uns (und als Gründer musste ich dieses qualifizierenden Aspekt für die Ehrenamtlichen auch erstmal verstehen, der war gar nicht eingeplant).

Nun ist das Thema “Engagementlernen” ja nun wirklich nicht neu. Ob bei ”Corporate Volunteering” in der Unternehmenswelt oder beim ”Service Learning” an Universtitäten und Schulen: Die Tatsache, dass gesellschaftliches Engagement auch Lernort sein kann, ist mittlerweile allgemein verstanden. Strategisch gesehen kann der Einsatz in sozialen Organisationen auf vielfältige Weise zum Kompetenzerwerb beitragen. Eine Studie von UPJ weist unter den Wirkungen auf die Teilnehmenden von Corporate Volunteering-Programmen auch durchaus einige Kompetenzaspekte aus:

Quelle: Corporate Volunteering in Deutschland (Studie), UPJ 2018

Ich habe aber mitunter den Eindruck, dass ehrenamtliches Engagement als Lernfeld von Unternehmen und Mitarbeitern noch systematischer genutzt werden kann:

  • Nach meiner Beobachtung bleiben die Angebote bzw. Lernziele von CV-Programmen oft ein wenig an der Oberfläche. Oft wird das Engagement von Unternehmensmitarbeitern zumindest implizit als eine Art Spende gesehen, durch die im besten Fall bereits bestehende Kompetenzen an die soziale Organisation vermittelt werden (“Kompetenzspende”). Erlernt werden sollen bei den Mitarbeitern dann meist sogenannte „Soft Skills“ wie der berühmte Blick über den Tellerrand, Sensibilisierung für andere Lebenswelten o.ä. Ich persönlich habe aber das freiwillige Engagement durchaus als Schule auch für „harte“ Fähigkeiten wie oben benannt erlebt.
  • Eine systematische Planung, Durchführung und Evaluierung von Kompetenzerwerb über CV-Programme (oder das Lebensumfeld des Mitarbeiters) findet nach meiner Beobachtung auch eher selten statt. Gesellschaftliches Engagement als wirkungsorientiertes Instrument der Personalentwicklung mit “explizit formulierten Lernzielen, lernzielbezogenem Design und der Einbindung in ein Personalentwicklungsprogramm” scheint generell nur punktuell verankert (UPJ 2018, S. 15).
  • Auch ein Verständnis von Corporate Volunteering als Öffnung eines Unternehmens hin zu sozialen Organisationen, um von dort Innovationsimpulse zu erhalten und womöglich neue Kooperationsmöglichkeiten und Marktfelder zu erschließen, ist nur selten anzutreffen.

Mit der Heldenrat GmbH als Tochter des Heldenrat-Vereins werben wir mittlerweile bei Unternehmen für diese Form des Kompetenzerwerbs “in fremden Lebenswelten” und der gezielten Zusammenarbeit mit dem sozialen Sektor. Wir glauben, dass hier deutliche Lern- und Innovationspotentiale liegen. In bald 15 Jahren Beratung sozialer Projekte sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass in diesem Sektor wesentliche Erfahrungen zur Bearbeitung aktueller betrieblicher Herausforderungen wie New Work, Führung, Purpose, Kooperationen, Mitarbeiterbindung oder neue gesellschaftliche Ansprüche liegen. Diesen Erfahrungsschatz gilt es zu heben — die Öffnung zum sozialen Sektor erscheint uns als angemessener Weg dazu.

Wir werben dafür, dass das soziale Engagement von Mitarbeitern nicht nur unter dem Aspekt der Motivation und allgemeinen Persönlichkeitsentwicklung gesehen, sondern auch als Teil der betrieblichen Weiterbildung und der Stärkung der eigenen Management- ind Innovationsfähigkeit diskutiert wird. Auf diese Weise kann gleich ein dreifacher Mehrwert entstehen:

  • Für die Mitarbeiter, deren freiwilliges Engagement eine Wertschätzung durch den Arbeitgeber erfährt und die dabei vor allem in ihrer Kompetenzentwicklung unterstützt werden.
  • Für die Unternehmen, die von den erlernten Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter profitieren, durch ihr gesellschaftliches Engagement Reputationsgewinne erlangen und nicht zuletzt neue Felder für dringend notwendige Innovationsimpulse für Produktentwicklungen und Managementherausforderungen erschließen.
  • Und nicht zuletzt für die sozialen Initiativen, die sich im besten Fall über den längerfristigen Zuwachs an qualifizierter Unterstützung freuen können (statt nur temporärem einmaligen Aktionismus).

Regelmäßiges und kontinuierliches Engagement der Mitarbeiter erhält dadurch Einzug in die systematische Personalentwicklung und die strategische Unternehmensensentwicklung. Es geht also nicht nur um gesellschaftliches Engagement, sondern vor allem um die Stärkung von Unternehmensresilienz und Zukunftsfähigkeit. Dafür ist mehr notwendig als kurzfristige Engagements in Form von jährlich stattfindenden einzelnen Volunteering-Days und vergleichbaren Aktivitäten.

Ich habe mich immer gewundert, warum die Unternehmen, in denen ich gearbeitet habe, mir zwar durchaus Wertschätzung für mein Engagement entgegengebracht haben — aber nie den Versuch unternommen haben, die dort erworbenen Kompetenzen systematisch zu nutzen und deren Erwerb durch Perspektivwechsel gezielt zu unterstützen. Wenn ich zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen beim Heldenrat mit unseren Erfahrungen anderen Organisationen und Menschen dabei helfen kann, solche Lernpotentiale zu erschließen, machen wir das gern. Wir haben entsprechende Formate und Angebote. Sprecht mich gern an.

(Bildnachweis: Andre Mouton / Unsplash)

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Thomas Leppert

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Schreibt über Wirtschaft, Soziales und technologischen Wandel. Geschäftsführer Heldenrat GmbH in Hamburg. Trust me, I‘m a Chancemaker.

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