Purpose-Rauschen im Blätterwald (Photo: Th. Leppert)

Die große Frage nach dem Purpose-Business oder: Wer hat’s erfunden?

Thomas Leppert
Jan 28, 2020 · 4 min read

Auch Unternehmen fragen sich nun nach ihrem eigentlich Sinn für das Gemeinwohl, dem Purpose. Dabei nehmen sie lange Wege in Kauf — die Öffnung hin zu den Profis im purpose-business würde ihnen manchen Umweg ersparen.

Die Sinnfrage, die Definition von Purpose, ist in der Unternehmenswelt angekommen. Die Medien sind voll von Berichten über Sinn und Unsinn dieses Managementtrends und Veranstaltungen zu Change Management, Leadership und Marketing greifen das Thema dankbar auf. Wenn der Eindruck nicht täuscht, fragt sich gerade mindestens jedes zweite größere Unternehmen, was es eigentlich beizutragen hat zu Nachhaltigkeit, Frieden und diesem gutem Leben, von dem jetzt alle reden.

Was andere als gesunden Menschenverstand bezeichnen — die Frage nach dem Sinn der eigenen Existenz gehört schließlich zum Grundkanon menschlicher Selbstvergewisserung — hält nun auch Einzug in Unternehmen. Nicht immer ist dabei klar, ob die gefundenen Antworten auf diese Sinnfrage nur knackig formulierte, ansonsten aber belanglose Mission-Statements mit gesellschaftsfreundlichem Anstrich sind, oder es sich um ernst gemeinte Beiträge zum Erhalt unserer Gesellschaft handelt.

In jedem Fall aber kann man nur froh darum sein, dass der Samen gesät ist. Denn jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt.

Denn natürlich hat sich da etwas in den letzten Jahren breit gemacht, was für uns alle nicht gut sein kann: Die über allem stehende Definition der bloßen Existenz eines Unternehmens als schierer Daseinszweck. Natürlich: Arbeitsplätze wollen gesichert sein, Menschen müssen Geld verdienen. Aber die Frage nach dem Preis all dessen verliert darüber an Bedeutung, wenn alle Entscheidungen der Frage nach dem Wohlergehen des Unternehmens untergeordnet sind. Das mag im Einzelfall zwar florierende Organisationen und gar ganze Ökonomien mit sich bringen. Aber nur in Ausnahmefällen steht dieser ja auch durchaus bewundernswerte Erfolg im Einklang mit anderen Zielen, die wir uns als Menschen, als Gesellschaft eben auch setzen. Unternehmerischer Erfolg, das muss man leider sagen, hat viel zu oft eben auch die Kehrseite von Kollaterialschäden, die unter dem Primat der Unternehmensexistenz in Kauf genommen werden.

Und deswegen ist es gut, dass Unternehmen mit der Frage nach dem Purpose beginnen. Es stellt das Problem endlich wieder vom Kopf auf die Füße. Purpose-Entwicklung beginnt mit der Frage nach dem „Why“. Warum braucht es uns? Welchen Mehrwert bieten wir? Womit machen wir das Leben und diese Welt besser, ohne gleichzeitig Schaden anzurichten?

Was dabei in der bisherigen Praxis aber auffällt: Nicht nur, dass die konsequente Ausrichtung des unternehmerischen Handelns an dem neu gefundenen Sinn häufig noch verbesserungsfähig ist. Überraschenderweise bleiben aber auch diejenigen, die das gemeinwohlorientierte Arbeiten erfunden haben, dabei fast außen vor. Dabei könnten sie soviel davon berichten — die Viva con aguas, die WWFer, die Klinikclowns oder die Leselernhelfer dieser Welt: Wie es ist, mit einem echten, gesellschaftlichen Bedarf zu starten. Wie man eine soziale Innovation entwickelt und großmacht, sie skaliert. Wie man die eigene Organisation konsequent auf diese Mission ausrichtet. Wie diese soziale Mission als Kristallisationspunkt für alle Stakeholder innerhalb und außerhalb der Organisation dient. Und vor allem: Wie die Wirkung des eigenen Handelns auf dieses Ziel permanent beobachtet und verbessert wird. Gerade in diesem Bereich sind viele „Social Profits“ den klassischen Unternehmen voraus. Sie wissen, wie gesellschaftliche Wirkung, der sogenannte „Impact“, überhaupt geplant, realisiert und beobachtet werden kann und verfügen über entsprechende Modelle und Instrumente.

Keine Frage — es gibt sie. Die Profis in Sachen Purpose und dessen hochprofessioneller Umsetzung. Die sogenannte “purpose-driven-economy” ist keine Zukunftsvision, sondern längst gelebte Realität, getragen von hunderttausenden gemeinwohlorientierten Organisationen.

Allein: Sie bleiben bislang zuwenig gehört. Obwohl man so viel von ihnen lernen könnte.

Unternehmen werden sich ändern müssen, so der landläufige Konsens. Rücksichtslose Maximierung ökonomischen Profits zu Lasten von Mensch und Umwelt sei nicht zukunftsfähig. Aber: Es ist ein langer Weg von dieser Erkenntnis bis zur praktischen Umsetzung. In den Restrukturierungsprojekten, im Einkauf, in der Produktentwicklung und im Marketing gilt sie noch viel zu häufig: Die harte Denke in Kostensenkungs- und Umsatzsteigerungspotentialen um jeden Preis. Die Unterschiede in den Wirkungslogiken zwischen Social Profit- und Financial Profit-Organisationen sind, wenn man tiefer in Produktions- und Managementprozesse einsteigt, immer noch so riesengroß, dass es wehtut. Auch wenn die Grenze mitunter verwischt und neue Akteure entstehen, die beide Welten zu verbinden suchen: Es bleibt ein langer Weg.

Die Öffnung von Unternehmen hin zu Social Profit-Organisationen und zu sozialen Innovatoren kann dabei helfen, diesen beschwerlichen Weg besser zu gestalten. In Kooperations-, Collective Impact-, Shared-Value-und Impact-Investing-Projekten liegen große Lernpotentiale — für beide Seiten. Aber auch das gute alte Zuhören, das Lernen in anderen Erfahrungswelten und nicht zuletzt der persönliche Austausch können dabei helfen, Wege zur nachhaltigen Transformation von Unternehmen zu ebnen. Führungskräfte- und Mitarbeiterentwicklung hin zu cross-sektoraler Impact-Orientierung bilden dabei einen wichtigen Baustein. Formate und Elemente der Öffnung gibt es unzählige.

Je mehr diese Offenheit befördert wird, je mehr Unternehmen die Gelegenheit zum Austausch mit den echten Profis im Purpose-Business suchen und pflegen, desto wahrhaftiger wird ihre Suche nach dem Sinn. Damit es nicht nur bei Statements bleibt, sondern daraus auch echtes, wirkungsvolles Handeln für Mensch und Gesellschaft entsteht.

Wirtschaft & Soziales

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