Bild: Annie Spratt @ StockSnap

Scheitern im Social Entrepreneurship

Anmerkungen zur Weiterentwicklung der Debatte um eine neue Fehlerkultur

„Fail fest“. „The fuckup night“. „Scheiter heiter“. Die Veranstaltungen, bei denen eine neue Kultur im Umgang mit Fehlern und Scheitern beschwört wird, häufen sich. Auch die Zahl der entsprechenden Publikationen nimmt zu und wenn auch brand1 das Thema „Fehler“ auf die Titelseite hievt, ist es wohl endgültig mainstreamtauglich.

Gut so. Denn zweifelsfrei müssen wir unsere Fehlerkultur ändern. Im beruflichen und sozialen Miteinander. Und natürlich in einer sozialen Gründerszene, bei der die meisten Vorhaben nicht zum gewünschten Erfolg führen (ja, auch diese Geschichte muss erzählt werden).

Und doch: So sehr man diese Entwicklung begrüßen muss, fühle mich bei der öffentlichen Diskussion zu dem Thema schon länger etwas unwohl. Ich stehe unter dem Eindruck von Erfahrungen der letzten Monate, die mich nachdenklich machen. Die mich den Hype mittlerweile schon fast als zuviel und zu laut wahrnehmen lassen. Da ist der gute Freund und Gründer eines gehypten Sozialunternehmens, der mangels finanziellem Erfolg in einen Konzern gewechselt ist und sich jetzt nicht mehr unter die Leute traut: „Ich bin momentan zögerlich, mich in Social Entrepreneurship-Kreisen zu zeigen weil ich das Gefühl habe, (…) gescheitert zu sein (wiewohl es ja parallel weiter läuft) und zum „Feind“, dem Konzern, übergelaufen zu sein“. Ein anderer Gründer, der mir von seinem Burnout und dem damit verbundenen Ausstieg erzählt. Die Gerüchte über Suizid und Selbsthilfegruppen in der Social Entrepreneurship-Szene. Und nicht zuletzt der Eindruck von Projektbesuchen wie dem, bei dem mir der Gründer von seiner entnervten Aufgabe nach 8 Jahren berichtet und dabei eine fiese zynische Haltung entwickelt hat. Mit seinem Weggang wird wohl ein Projekt den Bach runtergehen, das verdammt gute und wichtige Arbeit für hunderte betroffener Menschen leistet.
Diese Dimensionen und Auswirkungen von Fehlern passen für mich nicht zu dem, was da derzeit auf den Podien besprochen wird und was wir in „Heiter Scheitern“-Workshops und „Failure-Of-The-month“-Prozeduren behandeln.

Es geht tiefer.

Um einen falschen Eindruck zu vermeiden: Ich glaube sagen zu dürfen, dass wir beim Heldenrat das Thema schon lange auf dem Zettel haben. Unser erster Blogbeitrag dazu stammt von 2007. Wir haben einen der ersten kleinen Workshops gemacht, bei dem die Ini’s über ihre Fehler gesprochen haben. Intern nutzen wir jede Chance, Probleme und Fehler zu besprechen und daraus gemeinsam zu lernen. Kurzum: Fast allen Aussagen im Rahmen der Diskussion um Fehlerkultur kann ich vollen Herzens zustimmen.
Aber mittlerweile glaube ich, dass da noch mehr ist und wir das Thema weiterdenken müssen. Weiter als mit der Forderung nach Transparenz, Mut und Kultur. Ich kann noch nicht genau sagen, wie. Aber genau das macht mich nachdenklich und darum drehen sich meine Gedanken.

Eine mögliche Kategorie zur Sortierung dieser Gedanken ist vielleicht die der Verantwortung. Wer trägt sie? Und Verantwortung wofür?

Die Verantwortung der Nebenstehenden.
Ich frage mich: Wieviel Druck üben wir aus, wenn wir auf wohlmeinenden Foren eine neue Fehlerkultur herbeireden, anschließend aber doch wieder die Erfolgsgeschichten bejubeln und den großen Namen und Stories hinterherhecheln? Wie wirkt unsere immer wieder geäußerte Erwartung nach Wirkung und Nachhaltigkeit auf die, die diese Erwartungen nicht erfüllen können? Wir äußern fortwährend hohe Erwartungen nach Erfolg, Einsatz und Mut — muss das nicht nicht einschüchternd wirken? Und: Sind wir wirklich gut darin, „andersartige“ nicht zu diskriminieren? Haben wir wirklich keine Probleme damit, Menschen jenseits unserer Erwartungsmuster wertzuschätzen — ob Alte oder Behinderte, Low-Performer, Spinner oder eben Erfolglose? Wem geben wir unser Geld, unsere Aufmerksamkeit und unsere Wertschätzung wirklich, wenn es zum Schwur kommt? Mir steckt da immer noch zuviel Rethorik dahinter und im praktischen Handeln des Einzelnen zuwenig Wert­schätzung für das Andersartige und Erwartungsenttäuscher. Das gilt übrigens auch durchaus für kollegiale Beziehungen auf der gleichen Hierarchieebene innerhalb von Organisationen. Mir fehlt die Debatte darüber, welche Verantwortung wir alle und jeder Einzelne füreinander haben.

Die Verantwortung des Individuums.
Vielleicht reicht es aber nicht, nur ein anderes, wertschätzenderes Miteinander zu fordern. Neben der Verantwortung der Nebenstehenden gehört vielleicht auch noch die Verantwortung jedes Einzelnen für sich selbst dazu. Wie sehr identifiziere ich mich mit diesen Ansprüchen der anderen und mir selbst? Das ist erstmal meine Entscheidung. Selbstoptimierung und Leistungswahn werden uns nicht nur von außen aufgedrängt — die Verantwortung dafür, dass sich im Umgang mit meinem Scheitern etwas ändert, liegt glaube ich zuerst mal bei mir selbst. Es ist nur allzu menschlich, mein eigenes Scheitern in dieser Frage auf Strukturen und Außenstehende zu schieben. Aber schon da fängt ja das Wegschieben eigener Verantwortung an.
Häufig wird im Kontext der Diskussion um Fehlerkultur ja auch auf die Führung einer Organisation geschaut. Mir steckt da zuviel Abladen von Verantwortung drin. Sie ist wichtig und sie bildet einen Teil der Rahmenbedingungen. Aber ob ich mir selbst und anderen gegenüber zu einem Fehler stehe, hängt zuerst einmal von mir selbst ab. Das braucht im Zweifel auch ein entsprechendes Umfeld, keine Frage. In der Praxis erlebe ich aber leider zuviel vorauseilenden Gehorsam: Weil die Reaktion der Oberen gefürchtet wird, bleiben Fehler und Ängste ungeäußert. Überraschenderweise ernte ich in meiner eigenen beruflichen Tätigkeit jedoch auf Leitungsebene häufig Verständnis, wenn ich über Probleme und Fehler berichte — teilweise mehr als im Gespräch mit Kollegen. Und selbst wenn die Offenheit in oberen Etagen nicht geteilt wird, ist das kein Gesetz und muss keineswegs so bleiben: Natürlich haben wir alle miteinander die Kraft, eine Kultur auch von unten heraus zu ändern. Die häufig geäußerte Ansicht, dass Veränderungen von oben getragen bzw. ausgehen werden müssen, negiert die Möglichkeit und Kraft demokratischer Veränderung. Die Initiative dafür muss mindestens gleichzeitig von uns ausgehen. Das einseitige Zeigen auf die Leitungsebene ist mir da zu einfach. Ich bin der festen Überzeugung, dass es auch ohne Führung gehen würde — wenn sich alle einig und mutig genug sind, haben sich in der Geschichte Diktatoren selten durchgesetzt. Das gilt — trotz der Abhängigkeitsverhältnisse — in letzter Konsequenz auch für Organisationen.

Die Verantwortung für die Folgen.
Und natürlich: Wie ordnen wir eigentlich die Folgen von Fehlern ein? Wenn ein Impact Hub nicht aufgebaut wird (darin sind wir selbst gescheitert) — geschenkt. Ein missratener Workshop oder ein unzufriedener Kunde? Lachen wir drüber. Ich möchte aber, dass der Pilot, der mich gerade nach Hause fliegt, bitte keinen Fehler macht. Die Frau, die meine Steuererklärung macht, bitte auch nicht und auch nicht die Professorin, die über meine Diplomnote entscheidet. Sie tragen Verantwortung — dafür, dass eben keine Fehler passieren, weil diese Fehler höchst unangenehme Konsequenzen haben. Wenn gute Projekte aufgeben müssen und Menschen leiden, kann das auch nicht witzig sein. Und wenn eine Stiftung ein Projekt über eine Million EUR auflegt, stecken dahinter zusätzlich mindestens 200 TEUR, die wir alle als Gesellschaft mit der Bedingung ihrer gemeinwohlorientierten Verwendung durch Steuerverzicht subventioniert haben. Auch da sollte eine Verantwortung dafür vorhanden sein, dass mit diesem Geschenk etwas sinnvolles passiert — dafür sind unsere Mittel zu knapp und die Kindergärten und Obdachlosenheime in diesem Land zu arm.

Kurzum: Die Debatte über Fehlerkultur ist nach meinem Geschmack an diesem Punkt noch undifferenziert. Es fehlt noch an einer Diskussion darüber, welche Fehler passieren dürfen und welche nicht. Vor allem: Wie ein Wertesystem aussieht, anhand dessen eine solche Einordnung passiert. Und natürlich hängt damit die Frage zusammen, wie ich als Individuum oder als Organisation ein solches Wertesystem entwickle. Das dürfte dann der Ansatzpunkt für eine Dialog- und Diskursoffenheit sein, die wir in Projektentwicklung und Führungsverständnis brauchen.

Spass und Verantwortung.
Ich frage mich, ob in unserem Jubel über Erfolg und ausgesprochenen Erwartungshaltungen nicht schon der größte Fehler in Sachen Fehlerkultur liegt. In unserer Tendenz, Verantwortung für die Ursachen unseres Handelns abschieben zu wollen, das größte Hindernis. Und vielleicht im Dialog darüber, welche Fehler passieren dürfen, die beste Chance. Ich habe kein Patentrezept dafür, wie wir diese — ja oft auch in der menschlich Natur liegenden — Probleme bearbeiten sollen. Wahrscheinlich gibt es auch gar keins. Aber ich fände es zumindest wichtig, wenn die Debatte um Fehlerkultur um diese Aspekte erweitert wird und wir neben dem Spass am Fehler auch die darin liegende Ernsthaftigkeit einbeziehen.

Thomas Leppert, Heldenrat e.V. Juni 2015