Bildnis einer schönen Frau auf dem U-Bahnsteig


Du siehst nicht die Wolke von Ideen, von Stimmen,
von ihren Gedanken und Visionen, die
um ihr gebeugtes Haupt sich wölbt. Dein Blick
verfängt sich in dem Flirren ihrer Locken,

Gleitet langsam über den Sturz ihrer Schultern.
Unter dem Rüschenkragen trägt sie ihre
ganze Welt. Momente und Erinnerungen wie
behauene Steine türmen sich hinter ihr auf,

Du siehst sie nicht. Nur ihren Busen, umfangen
von der Beuge ihrer Arme, in denen sie
ihre noch namenlosen Sehnsüchte verbirgt.
Blau leuchtet ihr Smartphone mit fremden Worten.

Ihre Hüften, meinst du, sie lächeln. Ihre Beine:
das Zucken einer Antilope vor dem Sprung. Du
kannst nicht wissen, wohin sie flieht, noch vor wem.
Was weißt du von den Sternen ihrer Nächte? Nichts.

Was aber siehst du? Zwinge deine Augen hin
zu der unsichtbaren Schönheit, die im Warten
durch ihre Ränder bricht — denn sie sieht dich:
Wirst du dein Leben ändern?

14. Juli 2015