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3 Lösungen gegen Klimafolgen! So einfach erklärt, als wären sie nicht kompliziert.

Die Weltgemeinschaft sucht nach Antworten auf die vielleicht wichtigste Frage unserer Generation: Was tun gegen den Klimawandel? Drei innovative Lösungen setzt das UN World Food Programme (WFP) schon heute mit deutscher Hilfe um. Ein Überblick:

Tschad: Dank neuen Dämmen und Bewässerungssystemen können Kleinbauern trotz Dürre Tomaten und Bohnen anpflanzen. Foto: WFP/Alexis Masciarelli

Klimawandel = Hunger

Der Meeresspiegel steigt. Die Wüsten wachsen, die Ackerflächen schrumpfen. Es gibt zu viel oder zu wenig Regen. Überflutungen, Stürme und Dürren zerstören Land, Vieh, Vorräte und Ernten. Ein Desaster vor allem für Kleinbauern. Menschen verlieren ihre Lebensgrundlagen oder sogar ihr Leben. Besonders Frauen und Kinder leiden. Klimawandel ist eine der größten Hungerursachen überhaupt. Warum der Klimawandel und nicht das vieldiskutierte Wetter?

Der Klimawandel erhöht die Intensität und Häufigkeit der Katastrophen. Für arme Familien sind oft schon kleine Wetterschwankungen katastrophal. Sie zerstören, wovon die Familien leben: Die Ernte verdirbt, Tiere ertrinken und Felder trocknen aus. Nur mit drastischen Maßnahmen schaffen sie es zu überleben. Sie essen weniger und schlechter. Viele verkaufen alles, was sie haben: Tiere, Geräte, Werkzeug. Sie können es sich nicht mehr leisten, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Dieser Teufelskreis aus Wetterkatastrophen, Hunger und Armut ist in Zahlen messbar:

  • 90 Prozent aller Naturkatastrophen sind Überflutungen, Stürme oder Dürren. Seit Anfang der 90er-Jahre hat sich die Häufigkeit dieses extremen Wetters verdoppelt.
  • 95 Millionen Menschen leiden akut Hunger und leben gleichzeitig unter extremen Klimabedingungen. Das sind 76 Prozent aller Menschen, die akut an Hunger leiden.
  • Bei 2 Grad Celsius Klimaerwärmung könnten 189 Millionen mehr Menschen als heute an Hunger leiden. Bei 4 Grad Celsius sogar 1.8 Milliarden.

Klimawandel = lösbar

Dass der Klimawandel maßgeblich menschengemacht ist, ist wissenschaftlich bewiesen. Aber es zeigt eines: Wir haben die Zügel in der Hand. Wir können den Klimawandel lösen. Zurzeit findet die UN-Klimakonferenz COP24 in Kattowitz in Polen statt und WFP ist mit dabei.

Was tut WFP gegen den Klimawandel?

Vor allem leistet WFP Ernährungshilfe nach Klimakatastrophen, um Menschenleben zu retten. WFP arbeitet mit den Menschen daran, Infrastruktur wiederaufzubauen und Familien und Dörfer widerstandsfähiger gegen zukünftige Schocks zu machen.

Dann arbeitet WFP mit Regierungen, Gemeinschaften und Partnern an einer Klimaanalyse, um den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und Hunger besser zu verstehen. Diese Daten führen dann zu einem genauen Programmplan.

Somalia: Dürren vertreiben weltweit Millionen von Menschen aus ihrer Heimat. In einem Camp für Vetriebene sind Familien auf Ernährungshilfe angewiesen. Foto: WFP/Georgina Goodwin

WFP teilt sein Wissen und seine Daten mit Regierungen in Form von politischer und technischer Kooperation, damit sie ihre eigenen Lösungen entwickeln und sich eines Tages aus eigener Kraft helfen können.

WFP greift auf eine ganze Werkzeugkiste voll innovativer Instrumente zurück: Von „low-tech“ Lösungen wie brennstoffsparenden Öfen und gemeinschaftlichem Gemüseanbau, über soziale Sicherheitsnetze, Wetter-Versicherungen, bis hin zu „high-tech“ Satelliten- und Drohnenaufnahmen und mobilen Frühwarnsystemen.

Deutschland ist nicht nur der zweitgrößte Regierungsgeber von WFP, sondern auch in Sachen Klimafinanzierung ein Vorreiter. Mit Mut zur Innovation finanziert Deutschland drei neue Klimainitiativen von WFP und seinen Partnern mit der großzügigen Summe von insgesamt mehr als 30 Millionen Euro. Diese Zuwendungen laufen über mehrere Jahre, wodurch WFP vorausschauender und effizienter planen kann.

1. Pro-aktiv statt reaktiv: Forecast-based financing

Auch in der humanitären Hilfe gilt: Je früher auf ein Risiko reagiert wird, umso besser und effizienter. Bei weitem am effizientesten ist es, im Falle einer Klimakatastrophe gar nicht erst auf die Katastrophe zu warten. Eine Rechnung veranschaulicht den Vorteil ganz deutlich: Jeder Euro, der in die Katastrophenvorsorge und das Risikomanagement gesteckt wird — etwa in Frühwarnsysteme, bessere Wettervorhersagen und schützende Infrastruktur wie Dämme — spart bis zu vier Euro in der humanitären Hilfe nach der Katastrophe.

Äthiopien: Nach Katastrophen wie Überflutungen kann WFP Menschen in Not oft nur schwer erreichen. Fotos: WFP/Abdikadr Farah und WFP/Abdihakin Abdirisak

Dank forecast-based financing, also der Finanzierung von Hilfsmaßnahmen auf Basis von Prognosen, können sich die lokale Bevölkerung und die Helfer gezielt schon vor dem Eintritt des Notfalls helfen.

WFP kann also das Risiko managen, statt nach dem Schock Nothilfe zu leisten. WFP kann agieren statt reagieren.

Wie funktioniert forecast-based financing? Vereinfacht gesagt steht am Anfang eine genaue Analyse des Risikos, das von Klimaschocks auf die Ernährungssituation der Menschen ausgeht. Zusammen mit Regierungen und der lokalen Bevölkerung legt WFP fest, was zu tun ist, falls sich eine Katastrophe wie eine Dürre oder Überschwemmung abzeichnet. Zum Beispiel müssen im Falle einer Überschwemmung Nahrungsmittel in Sicherheit gebracht, Ackergeräte und Vieh gerettet werden. Dazu werden Grenzwerte und Schwellen bestimmt: Ab wie wenig Regen zu welchem Zeitpunkt der Regensaison ist eine Dürrekatastrophe wahrscheinlich? Wenn diese zuvor vereinbarten Grenzwerte überschritten werden, kann die Hilfe noch vor dem Ernstfall gestartet werden. Das reduziert die Kosten und auch die negativen Auswirkungen.

Ein Pilot in 14 hochwassergefährdeten Bezirken in Nepal hat die Wirksamkeit von forecast-based financing bestätigt.

Ein eindrucksvoller Pilotversuch von WFP in Nepal hat gezeigt, dass mit forecast-based financing die Kosten für die Nothilfe für 175.000 Menschen in hochwassergefährdeten Gebieten von 32 Millionen US-Dollar auf nur 10 Millionen US-Dollar gesenkt werden konnten. Wie? Der Hochwasseralarm erreichte Betroffene 15 Tage statt 5 Stunden vorher, und wesentlich weniger Menschen waren unvorbereitet getroffen. Die Nothilfe war aufgrund der vereinbarten und geübten Abläufe und Maßnahmen schneller und effizienter und die Infrastruktur wurde weniger stark beschädigt. Die Menschen konnten ihre Lebensgrundlagen rechtzeitig schützen und schneller mit dem Wiederaufbau beginnen.

Das Auswärtige Amt unterstützt WFP’s forcecast-based financing Aktivitäten im Zeitraum 2015 bis 2020 mit rund 7 Millionen Euro in Nepal, den Philippinen, Bangladesch, Haiti und der Dominikanischen Republik.

2. Besser versichert: ARC Replica

Was hilft im Schadensfall? Eine Versicherung, sofern abgeschlossen. Nach dem gleichen Grundprinzip, aber auf viel größerer Ebene, funktionieren sogenannte Makroversicherungen. Das Brillante: Statt einzelner Menschen, die sich selbst versichern, können Staaten und jetzt auch humanitäre Organisationen wie WFP Bedürftige gegen Klimarisiken — etwa Dürrekatastrophen — versichern. Genau das ist die Idee von ARC Replica. Doch von vorne:

Niger: Mit Drohnenaufnahmen wird zum Beispiel der Vegetationsrückgang beobachtet. Foto: WFP/Laura Lacanale

ARC steht für African Risk Capacity (ARC) — eine Klimarisikoversicherung der Afrikanischen Union, über die afrikanische Staaten Versicherungspolicen gegen Dürrekatastrophen kaufen können. Innovativ daran ist, dass diese Versicherungen automatisch ausgeschüttet werden, wenn — ähnlich wie bei forecast-based financing — ein vorher definiertet Schwellenwert (der sogenannte Index) überschritten wird. Dafür kommen neueste Technologien zum Einsatz, zum Beispiel werden über Satellitenbilder Anzeichen einer Dürre — etwa Rückgang der Vegetation — überwacht. Wird der Schwellenwert überschritten und die Versicherung ausbezahlt, ist die Hilfe effizienter: Damit die Hilfe im Notfall reibungslos abläuft, hat WFP schon vorher für jedes abgedeckte Land mit der Regierung einen operativen Plan entwickelt. Darin steht, wie im Katastrophenfall die Ressourcen und Hilfe verteilt werden. Der tritt nun in Kraft und die gefährdeten Familien bekommen schneller Hilfe, und können schneller dem Teufelskreis aus Hunger und Armut entkommen.

Das Neue an ARC Replica ist, dass es humanitären Organisationen jetzt ebenfalls möglich ist, eine Replik — also gleichwertige Kopie — dieser ARC-Versicherungen für Bedürftige abzuschließen. Das hat den Vorteil, dass die Regierungen bei Risikoanalysen und Katastrophen-Szenarien eng mit Hilfsorganisationen koordinieren. Und jeder lernt vom anderen.

Mit der ARC können sich afrikanische Staaten solidarisch gegen Klimarisiken versichern. Mit der ARC Replica können jetzt auch internationale Hilfsorganisationen den Betroffenen des Klimawandels durch Versicherungen helfen. Die ersten Länder, die über WFP von der Versicherung-Replik profitieren, sind Mauretanien und Mali — beide Länder sind immer wieder Dürrekatastrophen ausgesetzt.

Mauretanien: Unregelmäßiger Regen bedroht die Lebensgrundlagen der Familien am Land. Foto: WFP/Adrien Rebours

„Der ARC Replica-Pilot ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie WFP und Regierungen Fachwissen und innovative Finanzierungsmöglichkeiten bündeln können, um frühzeitig und koordiniert auf Schocks zu reagieren. Das trägt dazu bei, dass auch nationale Regierungen besser vorbereitet sind und schneller reagieren können”, sagt Jean-Noël Gentile, WFP-Landesdirektor in Mauretanien.

„In der Sahelzone ist das absolut entscheidend. Frühzeitige Interventionen vor dem Höhepunkt der ‘Hungersaison‘ [der Zeit zwischen dem Punkt, an dem die letzte Ernte verbraucht ist und der neuen Ernte] können die negativen Auswirkungen der Dürrekatastrophen auf Menschen und Lebensgrundlagen lindern.“

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützt ARC Replica mit 10 Millionen Euro, die über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) 2018 und 2019 an WFP und Start Network fließen.

3. Vorsorge statt Sorge: R4 Rural Resilience Initiative

Die R4 Rural Resilience Initiative — kurz R4 — zäumt das Pferd gewissermaßen von hinten auf und bietet Kleinbauern direkt eine Versicherung gegen Klimarisiken an. Im Gegensatz zur Makroversicherung ARC Replica ist R4 also eine sogenannte Mikroversicherung. Durch die neue Idee können auch arme Kleinbauern, die sich die Versicherung nicht leisten können, durch ihre Arbeitskraft eine Police erwerben und der Armut entkommen. Wie das geht?

Malawi: R4-Teilnehmerin Cathreen Thomas verpackt den Mais, den sie dank der neu geschaffenen Bewässerungskanäle ernten konnte. Foto: WFP/Badre Bahaji

R4 bekommt seinen Namen durch die Kombination von vier Strategien aus dem Risikomanagement: Viele Kleinbauern haben nicht genügend Einkommen, um sich eine Versicherung leisten zu können. Genau hier setzt R4 an. Arme Kleinbauern erhalten über WFP eine Versicherungspolice im Gegenzug für ihre Mitarbeit an einem Groß-Projekt in ihrem Dorf. Sie bauen etwa Acker-Terrassen oder Bewässerungssysteme für ein besseres Management der Ressourcen. Dadurch fördert ihre Arbeit auch die Widerstandfähigkeit ihrer Gemeinden. Schritt eins ist also, das Risiko zu minimieren.

Wenn ein Klimaschock wie eine Dürre eintritt und die Ernte klimabedingt ausfällt, kommt der zweite Schritt: wird die Versicherung ausgeschüttet. Die Bauern müssen nicht verzweifelt ihre Lebensgrundlagen — etwa Vieh oder landwirtschaftliches Gerät — verkaufen. Sie müssen sich weniger sorgen, sie haben vorgesorgt. Schritt zwei ist also, das Risiko auf die Versicherung zu übertragen.

Da die Kleinbauern jetzt gegen Ernteausfälle geschützt sind und über das Programm auch Zugang zu günstigeren Krediten haben, können sie investieren: In Saatgut, Dünger oder neue Technologien, die ihre Produktivität erhöhen. Schritt drei ist also, Investitionen zu ermöglichen oder ein moderates Risiko einzugehen.

Malawi: Cahtreen Thomas grub Bondesenken, um Regenwasser zu sammeln und erhielt im Gegenzug eine Versicherungspolice. Foto: WFP/Badre Bahaji

Durch die erhöhte Produktivität und Sicherheit können sich Teilnehmer Ersparnisse aufbauen. Das stärkt nicht nur ihre Widerstandsfähigkeit gegen Klimaschocks. Auch im Krankheits- oder Todesfall sind die Familien nicht mehr auf Hilfe angewiesen. Im R4-Programm in Äthiopien hat sich gezeigt, dass Bauern mit Versicherung mehr als doppelt so viel sparen konnten wie ohne. Und mit dem Ersparten konnten sie investieren. Schritt vier ist also, Risikoreserven anzulegen.

Der Clou an R4 ist, dass Kleinbauern im letzten Schritt Reserven anlegen und dadurch zum ersten Schritt der Risikoreduktion beitragen. So können sie mittelfristig ihre eigene Versicherung abschließen, aus dem Programm ausscheiden und selbstständig wirtschaften.

2018 erreichte R4 bereits über 100.000 Kleinbauern (und damit rund 500.000 Menschen) in Äthiopien, Kenia, Senegal, Malawi, Sambia und Simbabwe. Rund 1,5 Millionen US-Dollar an Versicherungsleistungen wurden ausgeschüttet, um wetterbedingte Schäden auszugleichen. Dank der Zuwendung des BMZ von 20 Millionen Euro über fünf Jahre, die über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) an WFP fließen, kann R4 nun in Äthiopien innerhalb von fünf Jahren von rund 30.000 auf 185.000 Kleinbauern (und damit rund 1 Million Menschen) ausgeweitet werden.

Mehr Informationen auf de.wfp.org

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Der Blog des UN World Food Programme (WFP)

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