Kontext
Published in

Kontext

Im Interview: Botschafter Thölken nach seinem Besuch in Jordanien und im Libanon

Deutschland unterstützt in diesem Jahr Nothilfe Programme des UN World Food Programme (WFP) in Syrien und den Nachbarländern mit der historischen Rekordzuwendung von 570 Millionen Euro. Hinrich Thölken, Botschafter und Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei den Internationalen Organisationen in Rom, war in Jordanien und im Libanon und hat mit Syrern und humanitären Helfern gesprochen. Seine Eindrücke schildert er im Interview mit WFP.

1. Herr Botschafter, Sie waren vor kurzem in Jordanien und im Libanon und haben WFP-Programme für syrische Flüchtlinge besucht. Was sind Ihre Eindrücke?

Ein WFP-Mitarbeiter zeigt Botschafter Thölken, wie syrische Flüchtlinge mit elektronischen Gutscheinen von WFP in einem jordanischen Supermarkt einkaufen können. Foto: WFP/Mohammad Batah

Mir ging es bei dieser Reise darum, einen unmittelbaren Eindruck von der Arbeit des WFP zur Bewältigung der Syrienkrise zu erhalten. In beiden Ländern konnte ich mit vielen Flüchtlingsfamilien sprechen. Im Za’atari-Flüchtlingslager im Norden Jordaniens, das derzeit rund 80.000 Menschen beherbergt, habe ich soziale Einrichtungen besucht, mit den anderen dort tätigen Hilfsorganisationen und mit Vertretern Jordaniens gesprochen. In Libanon und Jordanien habe ich mich vom reibungslosen Funktionieren der von WFP bereitgestellten E-Card, einer Art Kreditkarte für Flüchtlinge zum Einkauf von Lebensmitteln, überzeugen können. Ich habe Hitze, Staub und Enge erlebt und erahnen können, was dies für viele Flüchtlinge bedeutet, die seit Jahren unter diesen Umständen leben müssen. Da waren viele verzweifelte Menschen, aber auch viele, die weiterhin hoffen und alles tun, um ihr Los selbst zu verbessern. Die internationale Gemeinschaft ist präsent, sie hilft und lindert die Not so gut es geht. Aber wir müssen auch anerkennen: diese Hilfe kann die verlorene Heimat nicht ersetzen.

2. Aktuell ist Deutschland der wichtigste Geber für WFP in Syrien und den Nachbarländern. Welche Bedeutung hat für Sie diese Hilfe vor Ort?

Deutschland ist nach der Zusage von 570 Millionen Euro durch die Bundeskanzlerin bei der Syrienkonferenz im Februar derzeit größter Geber für die Hilfsprogramme in der Syrienkrise. Ohne die massive Hilfe der Bundesregierung wäre die Versorgung der Millionen Flüchtlinge wohl zusammengebrochen. Das alles wissen die Menschen dort ganz genau und sie haben mir, stellvertretend für die Bundesregierung, immer wieder ihre Dankbarkeit bezeugt. Eine Familie in Amman war von dieser Hilfe aus Deutschland so bewegt, dass sie mir ihre auf der Flucht gerettete Kaffeekanne aus Aleppo schenkten. Ich konnte dieses Geschenk nicht ablehnen, sonst hätte ich die Familie beleidigt. Und so steht bei mir in der Residenz diese Kaffeekanne aus Aleppo und mahnt an das Schicksal der Menschen auf der Flucht.

3. Was hat Sie in Jordanien und im Libanon besonders überrascht/beeindruckt?

Mich hat der Mut vieler Menschen sehr beeindruckt und auch ihr Wille, ihre Lage durch eigene Anstrengung zu verbessern. Im Zaatari-Camp haben viele Flüchtlinge Handwerksbetriebe gegründet und Geschäfte aufgebaut, um sich ein zusätzliches Einkommen zu sichern. Dabei wird erstaunliches unternehmerisches Engagement und Geschick erkennbar: Als die Niederlande vor einiger Zeit Fahrräder für Flüchtlinge spendeten, öffnete bereits ein Tag danach die erste Fahrradwerkstatt im Lager. Heute gibt es davon viele.
Auch die Flüchtlinge, die nicht in Lagern sondern inmitten der libanesischen oder jordanischen Gesellschaft leben, lassen keine Gelegenheit aus, durch Arbeit ihr Los zu verbessern. Niemand will von Hilfeleistungen abhängig sein. Und eigentlich haben alle Flüchtlinge den gleichen Traum: Die Rückkehr in ihre Heimat, nach Syrien.

4. Welche Herausforderungen sind im Rahmen der Syrienhilfe in Zukunft besonders zu beachten?

Humanitäre Hilfsprogramme, die sich über fünf Jahre und mehr hinziehen, stoßen an Grenzen. Die Flüchtlinge brauchen auch nach Jahren weiterhin Essen und medizinische Versorgung. Was sie aber nach einer so langen Zeit fast noch dringender benötigen, ist Hoffnung und die Perspektive, dass sie ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen können. Wir können durch Schulunterricht für Kinder, Fortbildungen, Selbsthilfeprojekte dazu einen Beitrag leisten. Woran es aber mangelt sind Arbeitsplätze und Beschäftigungsmöglichkeiten. Dazu bedarf es einer dauerhaften politischen Lösung in Syrien. Hier dürfen wir, hier darf die Weltgemeinschaft nicht nachlassen: es muss Frieden in Syrien geben, damit die Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren können.

5. Sie sind inzwischen seit knapp einem Jahr im Amt des Ständigen Vertreters bei den Internationalen Organisationen in Rom. Wie würden Sie die Partnerschaft mit WFP über die Syrienkrise hinaus beschreiben?

WFP ist für uns ein ganz zentraler Partner. Der Bedarf an Humanitärer Hilfe steigt weltweit an durch zunehmende politische Krisen und vermehrt auftretende klimabedingte Notlagen. Wir sind immer wieder mit unerwarteten Situationen konfrontiert, die neuartige und kreative Maßnahmen erfordern. Das WFP stellt sich diesen enormen Herausforderungen und ist darin erfolgreich, in seiner Arbeit immer besser zu werden.
Ich bin beeindruckt vom effizienten Management dieser weltweit größten humanitären Organisation unter der Führung von Frau Ertharin Cousin. Ich bewundere das Engagement der vielen Tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die für ihre Aufgabe brennen — auch auf schwierigsten Posten, auch unter Inkaufnahme erheblicher persönlicher Risiken. Ich habe Vertrauen in WFP, weil dort der Dienst für den Menschen im Vordergrund steht und eine Kultur der steten Verbesserung der Unterstützung und Hilfeleistungen vorherrscht.

Veröffentlicht am 28. Juni 2016.

--

--

Der Blog des UN World Food Programme (WFP)

Get the Medium app

A button that says 'Download on the App Store', and if clicked it will lead you to the iOS App store
A button that says 'Get it on, Google Play', and if clicked it will lead you to the Google Play store