Design Thinking oder Design Sprint — das ist hier die Frage

Warum Design Thinking nicht gleich Design Sprint ist und Tipps aus dem X-O “Nähkästchen”.

In der Welt der Innovation werden, wie in anderen Fachbereichen, gern und häufig Buzzwords abgefeuert, dabei aber leider fast genauso oft falsch eingesetzt. Ein typischer Fall, der mich persönlich wirklich quält, ist das In-einen-Topf-werfen von Design Thinking und Design Sprints. Ich möchte daher einmal die Abgrenzung klären und dabei noch die ein oder andere Anregung zum Einsatz geben. Los geht’s!

Wer hat’s erfunden?

Design Thinking und Design Sprint sind Begriffe, die aus dem Umfeld der Produktinnovation kommen. Design Thinking ist dabei schon viel älter und wurde schon um 1990 von der Design- und Innovationsagentur Ideo geprägt und durch die Weiterentwicklung des Hasso-Plattner-Instituts mit der “School of Design Thinking” ab 2007 in Deutschland modern. Design Sprints sind eher neu und wurden offiziell um 2010 von Google und Jake Knapp entwickelt.

Was ist was?

Ab hier kommt schon Interpretation ins Spiel, da gerade der Begriff Design Thinking auch von Fachleuten sehr unterschiedlich eingesetzt wird. Mein täglicher Umgang mit dem Thema und Erkenntnisse aus der Fachliteratur lassen sich aber so zusammenfassen:

  1. Das Design Thinking beschreibt ein Set an Methoden (aus dem “Designer Toolkit”).
  2. Der Design Sprint ist ein fester Prozess, ein Ablauf, der zum Teil auch Design Thinking Methoden verwendet.
Äpfel und Birnen? Bildquelle: Harmakdon / photo on flickr

Wenn ich mal kurz den Semantikschlaumeier rauslasse, kann man sich die Unterscheidung sogar aus den Begriffen ableiten. Thinking ist eine Aktivität ohne festgelegten Anfang und Ende. Das kann man jederzeit machen = Methode. Ein Sprint dagegen, aus dem Sport entlehnt, hat einen Startpunkt, eine Strecke und ein Ende = Ablauf.

Soweit, so einfach. Jetzt kommt das Aber: Auch Design Thinking folgt idealerweise einem Prozess. Also schauen wir doch kurz in die Details.

Wie geht Design Thinking?

Für Design Thinking hat sich ein idealtypischer Ablauf herauskristalisiert. In der reinen Lehre folgt Design Thinking fünf Schritten, die jeweils verschiedenen Methoden beinhalten: Empathize (sich in den Nutzer hineinversetzen), Define (konkretisieren), Ideate (Ideen entwickeln), Prototype (erlebbar machen) und Test (überprüfen). Die größte Vielfalt an Methoden gibt es meiner Meinung nach bei “Empathize” und “Ideate”, denn das kann man auf ganz unterschiedliche Arten und Weisen angehen. Beim Hineinversetzen in den Nutzer geht es darum, Insights zu sammeln. Die oben schon genannte “Mutter des Design Thinking”, Ideo, hat viele hilfreiche Methoden beschrieben und sehr gut illustriert, z.B. wie man ein Fotojournal aufsetzt oder die “Warum-Fragetechnik”, um im Gespräch mit der Zielgruppe zum Kern von Verhaltensweisen vorzudringen. Mit diesen Methoden arbeiten wir auch. In der jüngsten Vergangenheit setzen wir zusätzlich viel Bewegtbild ein, was ich in meinem Beitrag über Ideas Sprints beschrieben habe.

Beispiel einer ersten Visualisierung im Ideas Sprint

Unsere Erfahrung als Innovationslabor zeigt aber auch, relevante Insights kommen nicht nur aus den eigentlichen Nutzern. Daher fassen wir “Empathize” etwas weiter und versetzen uns in alles Mögliche hinein. Dazu komme ich nochmal im letzten Abschnitt.

Wie geht ein Design Sprint?

Design Sprint beschreibt einen Prozess mit dem Ziel, in kürzester Zeit (daher “Sprint”) einen ziemlich konkreten Prototypen zu erschaffen und zu überprüfen. In seiner Urform dauert ein Design Sprint 5 Tage und passt genau in eine Arbeitswoche von Montag bis Freitag.

Am Montag wird die Herausforderung umrissen und mit Expertenmeinungen unterfüttert (hier steckt “Empathize” und “Define” in Kurzform drin). Am Dienstag werden Inspirationen gesammelt und in mehreren Durchläufen mit steigendem Komplexitätsgrad Lösungen skizziert (hier wird viel aus Vorbildern abgeleitet, aber auch “Ideate” Techniken verwendet, wie mein Favorit die “Crazy 8”). Am Mittwoch wird eine Idee ausgewählt und konketisiert, vor allem auch visuell. Am Donnerstag wird ein realistischer Prototyp gebaut — je nachdem was es ist, z.B. als physisches Modell, als Klick- Dummy oder Rollenspiel. Am Freitag geht der Prototyp mit fünf Zielgruppenvertreter:innen in den Test.

Das ist Produktentwicklung mit Schnell-Vorlauf-Taste. Die Erkenntnisse sind sehr konkret und kürzen die oft langwierigen Innovationsprozesse von Unternehmen eklatant ab. Apropos…

Wer macht das?

Wer beschäftigt sich eigentlich mit Design Thinking und Design Sprints?
Na, zum Beispiel wir. Design Thinking als Methodenset kann für jede kreative Herausforderung eingesetzt werden. Unsere Kunden sind dabei am ehesten Führungskräfte und ihre Teams aus Innovation, F&E, Marketing und Business Development. Design Sprints sind auch sehr flexibel und dabei leistungsstark, um neue Produkte und Services zu entwickeln oder zu verbessern. Auch hier sind die typischen Ansprechpartner Entscheider aus Innovation, F&E und Marketing, aber natürlich auch häufig aus dem Produktmanagement. Wir “ersprinten” dabei aktuell am häufigsten digitale Produkte und Unternehmensstories.

Was geht noch beim Design Thinking?

Unser Anspruch sind immer schnelle, gute Ergebnisse. Daher haben wir aus dem Methodenset mit Ablaufempfehlung “Design Thinking” auch einen Prozess gemacht, den “Ideas Sprint”. Der geht über 3 Tage, nutzt eine Vielzahl von etablierten Methoden aus dem Design Thinking Toolkit, aber auch viele weitere aus unserem eigene X-O Toolkit, je nach Aufgabenstellung. Wie oben schon angekündigt, fassen wir Forschung und “Hineinversetzen” weiter. Getreu des Zitats von Henry Ford “Wenn ich die Leute gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt, schnellere Pferde”, ziehen wir Grundlagen für Insights auch aus technologischen Trends, aus Verhaltensweisen ganz anderer Gruppen, aus kulturellen Strömungen und so weiter.

Dazu eine Mini Übung: Erinnere dich an einen Moment in der Vergangenheit, wo sich Menschen aus deiner Sicht auffällig verhalten haben.

Beispielsweise Kaffee trinken im Freien sobald die Sonne scheint, auch bei 5 Grad, in Hamburg. Dabei wird klar, dass die Wahrnehmung von Wetter auch von Gewohnheit und vom Kollektiv geprägt wird.

Für weitere Details möchte ich an dieser Stelle nicht weiter ausholen, sondern auf unseren Ideas Sprint Case verweisen.

Was geht noch beim Design Sprint?

Jeder Sprint hat seine starken und schwachen Momente. Wir rekapitulieren nach jedem Auftrag und passen hin und wieder etwas am Prozess an. Das machen natürlich alle guten Sprint-Coaches. In jüngster Vergangenheit hat sich in der Szene dabei der 4-Tage-Sprint durchgesetzt, damit am fünften Tag Zeit für eine ordentliche Anknüpfung (z.B. Aktionsplan und Business Modell etc.) ist. Dieses zielorientierte, feste Follow-up machen wir schon länger im Ideas Sprint, aber jetzt auch vermehrt im Design Sprint. Denn, wer schätzt es nicht, am Ende eines anstrengenden Prozesses auch die interne “Verkaufspräsentation” frei Haus geliefert zu bekommen?!

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