Eine mitfühlende Welt: Wie Kultivierung von Mitgefühl unser Leid schwächt

Teil 4 der Artikelreihe “Die Illusion vom Ich”

“Abgang” von Ursa

Es ist der 18.07.1995: In einem Vorort von Liverpool entführen zwei Elfjährige ein zweijähriges Kind. Die Schreie des Kindes sind eindeutig, denn es sind Todesschreie. Im nachhinein stellt sich heraus, dass 27 Bewohner das Kind hörten, doch niemand reagierte. Wenige Stunden später wird das Kind nackt in einem Wald aufgefunden. Es wurde gefoltert, vergewaltigt und getötet. Die Details erspare ich dir.

Wir identifizieren uns nicht mehr mit dem, was wir sind, da das Kind, das wir einmal waren, keine Identifikation war, die, so wurde uns gesagt, es wert sei. Nicht einmal das Kind, das wir heute noch in uns tragen, scheint eine Identifikation wert zu sein. Stattdessen identifizieren wir uns mit Reichen und Schönen, mit den Mächtigen und Starken und verlieren unser Selbst und das, was mit unserem Selbst untrennbar verknüft ist: Mitgefühl.

Die Wurzel des Übels

“Die Frage nach dem Mitgefühl des Menschen ist die Frage nach seinem Menschsein, seiner Identität. Es ist zugleich die Frage, mit wieviel Schaden an Körper und Seele er noch an seinem Menschsein festhalten kann.”
- Arno Gruen, Psychoanalytiker

Der Holocaust war ein Intensivbeispiel, in dem die Masse des fehlenden Mitgefühls so eindeutig war, dass wir davor zurückschrecken. Tatsächlich ist dieser Mangel an Mitgefühl immer noch unter uns, zumal wir uns heute noch mehr mit diesem Thema auseinandersetzen sollten, da die rohe Gewalt auf der Welt durch die Medien noch präsenter geworden ist.

Als Arno Gruen 1995 sein Buch “Der Verlust des Mitgefühls” schrieb, war der kollektive Zustand fern von dem, wie er heute existiert, weshalb viele seiner Thesen komplett umgeschrieben werden müssten. Heute mangelt es der Masse so stark an Empathie, dass sie nicht einmal in der Lage ist, diese ihrem Partner gegenüber zu entwickeln.

Doch wo ist die Wurzel?

Vielleicht bei der Überforderung im Umgang mit den ständigen Gewalttaten, mit denen wir täglich konfrontiert werden, woraus eine so starke Verdrängung erfolgt, dass wir nicht einmal mehr einem uns nahestehenden Inviduum Mitgefühl entwickeln können?

Rezessionen, Kriege, Zerstörung, Rassismus, Waffenloby, Bruderstreit, Gewalttätigkeit, Drogenkonsum, Kriminalität, Verachtung gegenüber Frauen und Kindern, Verrohung und Grausamkeit.

Oder bei der mangelnden Menschlichkeit in uns, da sich unsere Welt lediglich um uns selbst dreht, anstatt dass wir uns als einen Teil dieser sehen, in der Wesen unserer Spezies leben, die genauso wie wir selbst auch leiden?

Es ist eine Mischung.

Und die ist veheerend.

Die Angst vor dem Identitätsverlust

“Menschen verlieren ihre Identität. Sie sind nicht mehr dazu in der Lage zu erkennen, wer sie eigentlich sind. Ihre Rollen fallen von ihnen ab. Sie wünschen sich vergangene Zeiten herbei, in denen Menschen eine Rolle hatten, die sie sich für sich selbst herbeisehnen. Sie glauben, dass sie durch einen neuen Holocaust wieder jemand wären, der sie gerne sein würden. Sie suchen ihre Identität in alten Rollen. Das ist brandgefährlich.”
Richard David Precht

Nicht nur im Nationalsozialismus suchen Menschen ihre Identität, indem sie sich in eine Machtrolle stecken, die ihnen das Gefühl gibt, wieder jemand zu sein, wodurch sie jeglichen Funken von Mitgefühl verlieren, da sie sich nicht als Anderen gleichgestellt empfinden, sondern als übermächtig.

“Ich war am Leben und sie war tot. Ich war der Jäger und sie das Vieh.”
Edmund Emil Kemper, amerikanischer Serienmörder

Auch im Faschismus, egal von welcher Seite aus betrachtet, fügen sich Menschen einer Ordnung, um dadurch eine Identität zu erlangen. Sie sind so sehr mit den Mächten identifiziert, dass sie sich ihnen unterordnen, obwohl sie dies anderen Menschen gegenüber nie tun würden, denn genau diesen gegenüber entladen sie ihre Destruktivität in Form von Hass und Gewalt.

Die Entstehung des Bösen

Die Erforschung von Menschen, die zu eigentlich unmenschlichen Taten imstande sind, ist deshalb so schwierig, da sie sich selbst nicht als krank betrachten. Borwin Bandelow untersuchte jahrelang genau diese Menschen, um zu verstehen, woher das Böse eigentlich kommt.

Wie entsteht es?

Kann jeder böse werden?

In diese Reihe der Erkenntnisse reihen sich auf die Erforschungen des Psychiaters Phil Zimbardo, der für das “Standford Prison Experiment” verantwortlich war und dieses in den darauffolgenden 30 Jahren so gründlich erforschte, dass seine Erkenntnisse uns einen Einblick darauf geben können, wie Böses und somit auch der vollständige Wegbruch von Mitgefühl entstehen.

Natürlich ist es aufgrund unserer Individualität unmöglich, eine allgemeine Aussage darüber zu treffen, warum ein Mensch böse wird. Allerdings gibt es einige Merkmale, die er alle gemeinsam hat:

1. Antisoziale Eigenschaften
Ein Teil des Bösen, das Menschen in sich tragen, könnte vererbt sein. Jedoch sind die Umwelteinflüsse, wie auch bei “normalem” Verhalten, ebenfalls ein Bestandteil. Bei einer antisozialen Persönlichkeitsstörung fehlt den Menschen jeglicher Zugang zu ihren eigenen Gefühlen, von denen sie sich infolge unterschiedlicher Ereignisse in der Kindheit so extrem abgespalten haben, dass sie den Schmerz, den sie in sich tragen, bei anderen aufleben lassen, indem sie sie quälen, misshandeln, erniedrigen oder andersweitig körperlich bzw. seelisch verletzen..

2. Verdrängung
Verdrängung ist in erster Form Gewalt gegen sich selbst und Gewalt führt auch im emotionalen Bereich zu Gegengewalt, z.B. in Form von körperlichen oder weiteren psychischen Schmerzen. Um diese Schmerzen nicht spüren zu müssen, an die Gefühle im Inneren wird dabei gar nicht mehr gedacht, haben wir Menschen die Fähigkeit, die eigenen Gefühle zu verdrängen. Diese Form wird immer populärer und nimmt ein gefährliches Ausmaß an.

Kindern wird z.B. vermittelt, dass es besser sei, ihre Gefühle und Tränen zu vermeiden. Sie sollen ihre Gefühle nicht mehr zeigen, was sie damit gleichsetzen, dass sie keine Gefühle mehr haben dürfen. Ausgerechnet die Gefühle, deren Verbot sie für angemessen halten, projezieren sie im Erwachsenenalter in so konzentrierter Form auf andere, dass sie ihr eigenes Leid weitergeben, wie den Holzstab beim Staffellauf.

3. Trauma, Gewalttaten im Umfeld usw.
Nicht nur die Erziehungsweise trägt ihren Teil dazu bei, dass Menschen sich von ihren Gefühlen abspalten und Gewalt sich selbst und anderen gegenüber entwickeln. Traumata und Gewalt in der Familie sind ebenfalls ein Zeichen dafür, dass Leid immer weitergegeben wird.

4. Fehlende Selbstlosigkeit
Liebe, Dankbarkeit und Mitgefühl sind in Familien, die die ersten drei Probleme entwickeln, Mangelware. Die Eltern, die Geschwister, vorallem aber die Großeltern, die in Zeiten des 2. Weltkriegs fast keine Liebe oder Mitgefühl erhielten, geben weiter bzw. geben nicht weiter, was sie bekommen haben. Kinder wachsen größtenteils emotional so verkümmert auf, dass die nächsten Jahre nicht nur auf Psychologen viel Arbeit zukommen wird.

Den eigenen Schmerz zulassen

Wenn andere leiden, dann können wir dazu in der Lage sein, diesen Schmerz nachzuempfinden. Als Schutz vor unseren eigenen Schmerzen tun wir dies allerdings nicht und verrohen somit weiterhin, sowohl innerlich, als auch intersozial.

Mitgefühl lässt sich nicht trainieren, wie wir es mit einem Muskeln tun können. Wir können zwar sagen “Ich leide mit dir”, doch wir spüren dabei nichts, es sind nur Worte. Wir werden, während wir das sagen, wenn wir es überhaupt tun, unseren eigenen Schmerz von uns drängen, da er sich für uns lebensbedrohlich anfühlt.

Anderen Menschen gegenüber Empathie zu entwickeln, ist also ein Aufgeben der Illusion, dass wir bei der Konfrontation mit unseren emotionalen Schmerzen diesem Schmerz in der gleichen Form ausgesetzt wären, wie wir es waren, als er ausgelöst wurde.

Wir werden den Schmerz, den wir damals verspürten, nie wieder spüren. Er wurde ausgelöst, in eine Kiste gesperrt und in die Tiefen unseres Selbst geschlossen.

Warum?

Weil wir damals nicht dazu in der Lage waren, ihn emotional zu verarbeiten. Es ist vorallem in jungen Jahren eine schiere Notwendigkeit, unsere Schmerzen wegzusperren. Das haben wir mit allen Menschen gemein. Es ist Fluch und Segen zugleich.

Die Kiste, die den Schmerz in uns enthält, muss geöffnet werden. Die Schmerzen müssen gesehen, gefühlt und akzeptiert werden, ansonsten lösen sie sich nie auf, weder mit Geld, noch mit Macht, Gewalt oder Hass. Sie lösen sich durch “Radikale Erlaubnis” auf, wie der Psychologe Mike Hellwig es nennt.

Es ist ein allgegenwärtiges Phänomen, dass sich Menschen eher auf die Täter konzentrieren, als auf die Opfer. Sie empfinden dem Tätern gegenüber Mitgefühl und verunglimpfen die Opfer somit auf eine unmenschliche Art und Weise.

Ein Beispiel dafür ist ein Fall aus dem Jahre 1989. In diesem wurde über die Strafe für eine Mutter entschieden, die sich etwa zwei stundenlang auf die Brust ihres Sohnes gesessen hatte, um ihn zu bestrafen, da er mit Streichhölzern gespielt und sechs Cents aus dem Küchenschrank genommen hatte.

Die Schwester des Jungen verständigte die Polizei, als sie von der Tat mitbekam. Einige Tage später starb der Junge an einem Hirnschlag,

Das Urteil der Jury:

Die Mutter sei “nicht gefühllos mit dem Leben umgegangen”.

In Zeiten des Terrors lenken nicht nur Medien, sondern auch Einzelpersonen, ihre vollständige, emotionale Aufmerksamkeit auf die Täter. Sie versuchen oder zumindest tun so, die Schmerzen derjenigen zu verstehen, die zu unvorstellbaren Taten in der Lage waren.

Die Opfer erhalten keine Aufmerksamkeit. Im nächsten Schritt echauffieren sich dann die gleichen Menschen über diejenigen, meist die Medien, die die Opfer nicht beachteten. Doppelte Verdrängung und eine Perversion, über die selbst die Gebrüder Grimm nicht in der Lage gewesen wären, ein Buch zu schreiben.

Nachrichten werden von Menschenmassen für Menschenmassen gemacht. Das eine Kollektiv entwickelt also Verständnis und Mitleid dem Täter gegenüber und hilft dem anderen Kollektiv, diese Einstellung zu verstärken.

Warum ist das so?

Es ist eine kollektive Form der Verdrängung, die zeigt, dass wir uns nicht mit den Opfern identifizieren wollen, da wir ansonsten das Opfer samt seinem Schmerz in uns an die Oberfläche unseres Bewusstseins transportieren müssten. Aus dem Grund entwickeln wir lieber dem Täter gegenüber Mitgefühl, anstatt uns mit den Dämonen in uns auseinanderzusetzen.

“Wahres Mitgefühl wird ausgeschaltet, weil man das Opfer in sich selbst verachtet.”
Arno Gruen

Ich möchte damit nicht sagen, dass die Täter keine Opfer seien. Sie befinden sich genauso in einer Opferrolle, wie diejenigen auch, die sie zu Opfern machen. Der Unterschied ist allerdings genau dieser Umstand:

Sie machen andere zu Opfern, da sie sich mit ihrem eigenen, an ihre Schmerzen gebundenen Selbst, nicht auseinandersetzen wollen. Sie geben Schmerz weiter, sie verursachen Schmerz, aufgrund ihrere eigenen Unzulänglichkeit.

Diese fehlende Fähigkeit benötigt genauso Mitgefühl, wie den Opfern gegenüber auch, allerdings ist das Aussperren des Schmerzes der Opfer aus unserer Wahrnehmung eine gravierende Verschlimmerung der kollektiven Empathiefähigkeit und eine Stärkung dessen, was Eckhart Tolle den “Schmerzkörper” nennt, der für unsere eigenen und die Schmerzen der anderen verantwortlich ist.

Dieser Schmerzkörper wird von Generation zu Generation weitergegeben und erhalten. Fast niemand ist aus eigener Kraft und ohne einen schweren Schicksalsschlag dazu in der Lage, diesen Schmerzkörper aufzulösen, der uns auf der einen Seite vor unseren Schmerzen “beschützt”, auf der anderen Seite aber auch Liebe (und damit meine ich echte Liebe und nicht das, was heutzutage Liebe genannt wird) und wahres Mitgefühl verwährt.

Der Schmerzkörper wird aber auch durch fehlendes Wissen erhalten. Mit Wissen meine ich Lebenserfahrung und die Erkenntnisse, die du durch Artikel wie diesen erhalten kannst. Dadurch trägst du nicht nur einen Teil zur Linderung des weltweiten Leides bei, sondern auch zu deinem Eigenen.

“Unwissenheit ist Leid.”
Buddha

Das Nicht-wahrnehmenwollen vom Schmerz anderer fördert ihren Schmerz. Damit meine ich, dass Gespräche über Kindesmissbrauch, sexuelle Übergriffe an Frauen oder Folter im nahen Osten genauso oder sogar viel dringlicher besprochen und angesprochen werden sollten, und wenn nicht zumindest angesprochen werden dürfen, als die untalentierten Kandidaten von “Supertalent” oder die scheinbar mangelnde Sozialintelligenz der “Stars” aus dem Dschungelcamp.

Verschließen wir uns vor diesen Themen, nehmen sie nicht mehr als alltäglich wahr, sehen sie als Belastung für unser Selbst, da wir den Schmerz, der dadurch in uns ausgelöst wird, nicht ertragen, dann stehen wir vor allem uns selbst gegenüber in der Pflicht, einen Schritt nach vorne zu gehen, unserem Schmerz ein wenig näher.

Ansonsten verlieren wir mit jedem Mal mehr unsere Menschlichkeit und mit ihr all das, was uns zu einem Menschen macht und damit meine ich nicht die Fähigkeit, eine komplizierte Matherechnung zu lösen oder ein Haus zu bauen.

Schmerz als Schwäche

Bevor ich diesen Artikel zu schreiben began, wurde mir erneut bewusst, wie schon Kinder zu Wesen erzogen werden, die keinerlei Schwäche zeigen dürfen (ich wiederhole mich: Kinder setzen dies mit keine Schwäche haben dürfen gleich).

In einem Café stolperte ein etwa vierjähriges Kind und fiel mit dem Gesicht nach vorne auf den Boden. Die Mutter kam angerannt und für einen kurzen Moment hatte ich die Hoffnung, dass sie das Kind in den Arm nehmen würde, denn es weinte nicht, wie es manchmal der Fall ist, um die Aufmerksamkeit der Eltern zu erhalten, sondern aus Schmerz.

Die Mutter hob das Kind hoch, gab ihm einen Schlag auf den Po und sagte:

“Jetzt reichts! Wir gehen nach Hause, du spinnst wohl!”

Wenn Eltern in ihrer Kindheit selbst die Opfer der Umstände, die Opfer im Sinne von zu schwach, zu gefühlsvoll, zu emotional waren, dann schämen sie sich automatisch für ihre Kinder, wenn diese sich ebenfalls wie ein schwaches Opfer verhalten, das z.B. weint, weil es Schmerzen hat.

Die Mutter nahm unbewusst ihren eigenen Schmerz wahr. Den Schmerz, der irgendwann einmal unterdrückt wurde, als sie in Momenten der Schwäche von ihren Eltern nicht voller Mitgefühl umsorgt, sondern voller Hass, Ablehnung und emotionaler Verrohung mit ihren Schmerzen alleine gelassen wurde.

Es ist ein allgemeiner Irrglaube, dass ein Trauma eine besonders starke Form der Gewalt benötigt, um geschaffen zu werden. Genau diese Form der Verstärkung von Hilflosigkeit bei Kindern reicht schon aus, um in ihnen im Erwachsenenalter eine so destruktive Form der Unterdrückung auszulösen, dass dutzende Formen psychischer Erkrankungen möglich sind, bis hin zum Selbstmord (ich weiß wovon ich spreche).

“Wir sind beides, Opfer und Täter, weil wir den Bezug zum eigenen Schmerz verloren haben. Wir suchen dauernd Opfer, um das Opfer, das wir einst selbst waren, zu bestrafen.”
Arno Gruen

Sehen wir uns doch einmal genauer an, wie Ablehnung von psychischem Schmerz in der Kindheit aufgrund mangelnden Mitgefühls entsteht, um zu verstehen, dass das Wegschieben von eigenem Schmerz auch zur Ablehnung dessen bei Anderen und somit Mitgefühl ad absurdum führt.

Der kollektive Kindesmissbrauch

Die folgenden Ausführungen sind weder zur Verharmlosung, noch zur Abschreckung gedacht. Sie stellen Tatsachen dar, die ich in ihrer Schrecklichkeit weder tabuisieren, noch dämonisieren möchte, denn es sind Menschen, die in diese Geschehnisse verwickelt waren und keine Maschinen. Ganz im Gegenteil möchte ich dazu beitragen, dass dieses Thema nicht mehr verharmlost oder tabuisiert wird.

Du wirst höchstwahrscheinlich etwas in dir spüren, sei es Angst, den Text weiterzulesen, einen Druck auf der Brust, Hass, Wut oder Trauer. Das alles ist normal und bedarf keiner Einordnung. Gleichzeitig bietet es dir einen Einblick in deine eigenen Tiefen, deine Ablehnung von Schmerz oder deine Fähigkeit, Mitgefühl zu verspüren.

Lloyd de Mause beschrieb 1980 in “Hört ihr die Kinder weinen” den bestialischen Umgang mit Kindern in der Antike. Die Kinder wurden in Flüsse, Misthaufen und Jauchegruben geschleudert, in Gefäßen “eingemacht”, um sie darin verhungern zu lassen und an Wegrändern ausgesetzt, um sie von wilden Tieren zerreißen zu lassen.

Ein Kind, das nicht der Norm entsprach, wurde sofort getötet. Die Kinder wurden ständig sexuell missbraucht, weshalb es sogar sogenannte “Knabenbordelle” gab. Um dieser Arbeit zuvorzukommen, wurden bereits männliche Säuglinge kastriert, um dort später missbraucht zu werden.

Laut DeMause wurden Kindesmissbrauch und die Formen der Perversität zwar immer geringer, doch in den 16 Jahrhunderten von der Antike bis heute hat sich eine Sache nicht geändert:

Das Prinzip der Macht.

Selbst heute im 21. Jahrhundert wird Kindern weitestgehend jegliche Form von emotionalem Schmerz versagt. Eltern geben zwar vor, dass sie die Verantwortung, die sie in dieser Hinsicht ihren Kindern gegenüber haben, ernstnehmen, doch es ist eher eine sozioökonomische Moralvorstellung, als eine gefühlsorientierte Einstellung.

Vor allem in westlichen Religion gilt blinder Gehorsam Autoritäten gegenüber als Ausdruck eines starken Selbstwertgefühls. Diese Definition ist fern jeglicher Realität und zeugt u.a. von dem unglaublichen Missverständnis der meisten Religionen. So ist es fast schon eine Selbstverständlichkeit, dass Menschen unter dieser Wahrung des falschen Selbstwertgefühls missbraucht, gefoltert und getötet werden, um der höheren Autorität zu zeigen, dass man “verstanden” hat.

Dies ist einer der Hauptgründe für die lange Zeit nicht erkannten sexuellen Missbräuche im Christentum und Evangelismus, die selbst heute in Europa noch unter uns wohnen. Diejenigen, die die Kinder missbrauchen, sehen es auf der einen Seite als Selbstverständlichkeit an, denn schließlich sind sie es, die die Autorität ihrer Religion bewahren müssen.

Andererseits wurden sie schmerzablehnend erzogen, unter den kalten Doktrinen und Vorschriften der westlichen Religionen, die fast schon jede Form der Gefühle untersagen.

Es ist der Ausdruck der Priester und Kardinäle. der blinde Gehorsam, dem sie nachgehen, die Erhaltung und Wahrung ihres Machtgefühls, die Unterdrückung ihrer eigenen Schmerzen und auf der anderen Seite ähnliche Faktoren der Kinder, die glauben, dass dies die Norm sei.

Kinder wissen nicht, was Normalität ist. Sie glauben alles, was ihnen vorgelebt wird und fügen sich trotz körperlicher und seelischer Qualen. Meistens können sie erst im Jugendalter ihren Schmerz nicht mehr unterdrücken und erstatten dann, wenn überhaupt, Anzeige, aus Scham, aus Angst, obwohl es zu diesem Zeitpunkt schon lange zu spät ist.

Im Folgenden eine Auflistung der bekanntesten Kindesmissbräuche in der römisch-katholischen Kirche seit 1945. Das komplette Ausmaß ist etwa 8mal so groß und auf Wikipedia einsehbar:

1950–1960: mehrfacher Missbrauch von elf Schülern; 22 Missbrauchsfälle im Bistum Augsburg; jahrelanger Missbrauch einer Bewohnerin des Kinderheims der Hedwigschwestern; sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen in einem Heim für Behinderte in Essen (darunter auch sadistische Taten),

1945–1970: Peter Wensierski deckt in seinem Buch “Schläge im Namen des Herrn” den Missbrauch von über 500.000 Kindern in staatlichen und kirchlichen Heimen in Westdeutschland auf (u.a. schwerer, sexueller Missbrauch); 180 Missbrauchsopfer im Bistum Freiburg; sexueller Missbrauch eines Gehilfen in einem Kapuziner Orden über vier jahrelang,

1971: sexueller Missbrauch eines Minderjährigen im Bistum Eichstätt; sexueller Missbrauch in zwei Fällen im Bistum Erfurt

1978: sexueller Missbrauch in mehreren Fällen im Bistum Bamberg

1990: 58.000 Kinderporno Bilder und über 300 Videokassetten, die sexuellen Missbrauch enthielten, in Krefeld; Missbrauch von mindestens 17 Minderjährigen in Oberharmersbach; Missbrauch von acht Minderjährigen im Bistum Freiburg; sechs Fälle sexuellen Missbrauchs im Bistum Fulda

1995: mindestens 94 Verdachtsfälle von Missbrauch in 24 Bistümern; fünf Fälle von Missbrauch in Aichach

2000: ein Priester wird wegen mehrfachen Missbrauchs zu einer Haftstrafe verurteilt; sexuelle Belästigung eines minderjährigen Mädchens im Bistum Fulda; Missbrauchsvorwürfe gegen 44 Priester seit 1950 im Bistum Freiburg

2002: mehr als die Hälfte der 27 deutschen Bistümer gaben mindestens 47 Fälle von Missbrauch in den letzten 30 Jahren an; ein Seelsorger in Regensburg missbrauchte jahrelang einen Ministranten

2007: Missbräuche eines schwäbischen Pfarrers in über 59 Fällen; Missbrauch an 10 bis 15 Jungen in Augsburg

2010: 65 Missbrauchsopfer erstatten Anzeige gegen das Bistum Achen; 205 Fälle von sexuellen Missbrauch im Bistum Berlin; 50 Missbrauchsopfer an anderen Einrichtungen; über ein Dutzend mögliche Opfer melden sich wegen Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs im Bistum Essen; ein Domkapitular des Bistums Essen bezahlt einen 16jährigen für Sex; 110 Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs an 12–17jährigen seit 1950 im Bistum Freiburg; sexueller Missbrauch von sechs Jugendliche in bis zu 164 Fällen durch einen Schulpfarrer in Fritzlar; Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs gegen acht Prister im Bistum Fulda.

Kindesmissbrauch wird erst ein Ende haben, wenn die Menschen, die ihre eigene Unzulänglichkeit, ihre destruktiven Gefühle, als etwas erkennen, dass ein Teil ihrer Selbst ist, sich selbst gegenüber ehrliches Mitgefühl aufbauen (später dazu mehr) und sich nicht mehr als diejenigen sehen, die ihre Schmerzen lediglich auf andere projezieren und durch deren Schmerzen oder durch die Wünsche, die diese einem erfüllen, ihr Selbstwertgefühl heben.

Auch wenn die offensichtlichen Gewalttaten Kindern gegenüber in den letzten 16 Jahrhunderten gesunken sind, so hat sich die Art der Schmerzvermeidung nur verschoben, nämlich in Bereiche, die gesellschaftlich und gesetzlich gestattet sind.

So werden Kinder heute überversorgt und dabei beim kleinsten Anzeichen einer Schwäche einer Autorität untergeordnet, um diese Schwäche “zu entfernen”. Auch hierbei trennen sie sich wieder von ihren Schmerzen und von ihrer eigenen Fähigkeit, anderen und sich selbst gegenüber empathisch zu sein.

Hier ein paar Beispiele:

Wenn ein Kind aktiv, verspielt und beweglich ist, dann gilt es als “aufmerksamkeitsgestört” und ihm wird von den Eltern das Etikett “ADHS” aufgeklebt. Anstatt seine Stärken bewusst zu unterstützen und es zu fördern, wird jegliche Verschiebung der Norm als eine Schwäche betrachtet, die umgehend beseitigt werden muss. Das Kind soll wieder “normal” sein, nicht auffallen, sich dem Durchschnitt unterordnen, so wie es bei den Eltern vielleicht auch gewesen war.

Wenn ein Kind in der weiterführenden Schule den Lehrern gegenüber frech ist, die Autorität dieser nicht blind anerkennt, schlechte Noten schreibt und mit den Mitschülern nicht auskommt, dann gilt es als schlecht erzogen, sozial inkompetent oder dumm.

Obwohl diese Eigenschaften genauso ein Indiz für eine Hochbegabung sein könnten, wird auch hier die Verschiedung der Norm als eine Schwäche angesehen. Das Kind soll sich anpassen, nicht auffallen, gut in der Schule sein und die Wünsche der Eltern erfüllen.

Ein hochbegabtes Kind oder ein hochbegabter Jugendlicher wäre durchaus in der Lage, die Wünsche der Eltern zu erfüllen, doch es langweilt sich innerhalb des einheitlichen Schulsystems unter der Herrschaft und Macht der Lehrer so sehr, dass es irgendwann schlichtweg resigniert.

Der umgekehrte Fall, nämlich wenn ein Kind den steigenden Anforderungen des Schulsystems nicht gerecht werden kann und gerne eine “normale” Ausbildung machen würde, wird das sowohl von den Eltern, die durch ihr Kind ihre Wünsche noch erfüllen wollen, nicht akzeptiert, als auch von Eltern, die z.B. aufgrund narzisstischer Eigenschaften glauben, dass ihr Kind den gleichen Weg gehen müsste, wie sie selbst.

Die Eltern müssten sich in diesen drei Fällen, die Alltag in fast jeder Familie sind, ihren eigenen Schmerzen stellen. Sie müssten erkennen, dass sie selbst etwas in sich tragen, das ihnen vermittelt, dass sie nicht in Ordnung sind, so wie sie sind.

In Folge projezieren sie durch den bestehenden Schmerz ihre Wünsche auf das Kind oder bestrafen es, wenn es sich nicht ihren Vorstellungen beugt. In beiden Fällen sind sie nicht dazu bereit, die Schmerzen des Kindes zu erkennen und zu akzeptieren, die dabei ausgelöst werden. In beiden Fällen ist die Ursache Schmerz und die Wirkung ebenfalls.

Das Kind ist nicht dazu in der Lage, diesen Schmerz selbstständig zu erkennen. Es kann sich nicht sagen:

“Na gut, meine Eltern projezieren gerade ihre eigene Unzulänglichkeit, in welcher Form auch immer, auf mich, aber das tun sie nur aus Unwissenheit über ihren eigenen Schmerz und nicht aus Boshaftigkeit. Ich akzeptiere, dass sie das tun und übe mich in Selbstmitgefühl und Mitgefühl ihnen gegenüber.”

Die Opferrolle

Unseren Schmerz überdecken wir, indem wir ihn aufrechterhalten. Wir wollen nicht erkennen, dass er da ist, denn dann müssten wir ihn spüren. Wir identifizieren uns mit der festen Überzeugung, dass wir Opfer unserer Umstände waren oder sind und geben damit die Verantwortung ab, nicht nur für unser Leben, sondern auch für unsere Gefühle und die Anderer.

Dadurch entsteht Selbstmitleid. Wir glauben, dass nur wir mit diesem Schmerz alleine wären und drehen uns in der Spirale nach unten, die immer wieder durch Lautsprecher in unser Bewusstsein ein “Wieso ich? Wieso passiert sowas immer mir?” hallt.

Es ist paradox, aber hinter Selbstmitleid steht genau das, was wir anderen nicht geben, es aber im gleichen Zuge von ihnen verlangen, nämlich die unbändige Sehnsucht danach, von ihnen in unserer vermeintlich einzigartigen Situation gesehen zu werden und die Zuwendung zu bekommen, die wir nicht geben.

Wir verlangen von Anderen etwas, was wir selbst nicht geben können, da wir uns den Schmerzen, die diese Rolle auslösen, nicht stellen. Das ist ein Teufelskreislauf. In dieser Rolle spielen wir jemanden, der gar keine Hilfe möchte, sondern Liebe und Mitgefühl. Wenn uns jemand dann seine Hilfe anbietet, dann stehen wir zuerst verwirrt, dann entrüstet da und sagen “Das bringt doch sowieso nichts”.

Gleichzeitig sind wir natürlich nicht in der Lage, die Schmerzen anderer zu akzeptieren, denn das würde bedeuten, dass wir es bei uns selbst auch tun müssten. Diesen Vertrag gehen wir nicht ein. Dann geht es uns lieber schlecht und wir bauen weiterhin destrukive Gedanken auf und erhalten das entsprechend schädliche Verhalten, als uns den scheinbar zerstörerischen Schmerzen in uns zu stellen.

“Damit jemand echtes Mitgefühl für andere entwickeln kann, muss er zuerst ein Fundament haben, auf dem er Mitgefühl kultivieren kann. Dieses Fundament ist die Fähigkeit, sich mit den eigenen Gefühlen zu verbinden und sich um sein eigenes Wohlergehen zu kümmern. Fürsorge für andere bedarf der Fürsorge für sich selbst.“
Dalai Lama

Wir wissen natürlich nicht, dass diese Schmerzen nicht zerstörerisch sind, sondern es nur vorgeben, da wir uns immer wieder in einem Kreis um den Schmerz herum gedreht haben. Wir sind nie auch nur annähernd in seine Nähe gekommen und trotzdem behaupten wir, dass er zerstörerisch sei?

Das ist die Illusion. Es ist der Glaube, dass wir den Schmerz fühlen müssten, um ihn zu spüren. Wir müssen ihn nicht fühlen und wir können ihn nicht fühlen, denn wir sind nicht der Schmerz. Der Schmerz ist ein Teil von uns. Schmerzablehnung, vor allem innerhalb der Opferrolle, fühlt sich so an, als ob wir höchstpersönlich der Schmerz seien.

Woher kommt das?

Ganz einfach: Psychischer Schmerz drängt sich uns auf undzwar nicht nur psychisch, sondern auch körperlich. Schutzstrategien können ihn bis zu einem gewissen Grad von unserem Bewusstsein fernhalten, doch irgendwann sind wir nicht mehr dazu in Lage. Dann bricht all das, was wir jahrelang abgelehnt und verdrängt haben, was wir nicht fühlen wollten, mit einem Mal über uns her.

Der Verlust eines Menschen, z.B. durch Tod oder ein Beziehungsende, kann für unsere Psyche schon belastend sein. Jetzt stell dir einmal vor, was passieren würde, wenn jeder psychische Schmerz, von denen es in der Opferrolle täglich Dutzende gibt, da wir alles als eine Bedrohung ansehen, mit einem Mal über dich herbricht.

All die Verluste, die Ablehnungen, die sozialen Schwierigkeiten, das Mobbbing von damals, die Wut und der Hass auf die Eltern, die Wut auf den früheren Chef, die Angst zu Versagen, die Angst Fehler zu machen, die Angst keinen Job zu finden, die Angst nichts Wert zu sein, der Scham vor anderen Menschen, die sexuelle und berufliche Unzufriedenheit und die Trauer über die fehlende Sinnfindung.

Diese täglichen Probleme lösen in uns immer wieder Schmerzen aus und durch den Erhalt der Opferrolle erhalten wir sowohl die Probleme, als auch die Schmerzen dahinter.

Die Probleme zu lösen ist eine Sache. Die Schmerzen zu erkennen und zu akzeptieren eine ganz Andere. Wenn wir glauben, dass “das Leben”, “die Gesellschaft” oder “die Welt” für unser Leid verantwortlich sei, dann werden wir immer wieder Probleme haben. Die Schmerzen bleiben.

Gleichzeitig ist auch Narzissmus eine Form der Unterdrückung des eigenen Schmerzes. In der bestehenden Suche nach Anerkennung durch andere, bauen wir eine so übertriebene Selbstliebe uns selbst gegenüber auf, dass sie die Schmerzen aller anderen ausblendet.

Wir erhalten diese Selbstliebe und vermeiden wahre Liebe und echtes Mitgefühl anderen gegenüber, denn wir glauben, dass die nicht notwendig wären. Wir sagen “Ich beschütze mein verletztes Selbst, indem ich mich liebe.” Alleine dieser Satz besteht schon aus so vielen Ich-Anteilen, dass wir bemerken könnten, dass wir uns da nicht selbst lieben, sondern denjenigen Anteil in uns, der die Schmerzen enthält, nämlich unser Ego.

Wir glauben, dass diese Selbstliebe überlebensnotwendig sei, doch das ist sie nicht. Sie ist für das Ego überlebensnotwendig, doch das Ego sind nicht wir. Wenn wir allerdings glauben, dass wir unser Ego sind, dann würde die Aufgabe der Selbstliebe natürlich gleichbedeutend mit Selbstaufgabe sein und somit unser Überleben gefährden.

Wir benennen die Selbstliebe, den Narzissmus, natürlich als solchen. Für uns ist er schließlich keine Schwäche, sondern eine Stärke, da wir glauben, dass es etwas Besonderes und Wertvolles sei, sich selbst zu lieben, doch hier stecken wir wieder in der Illusion, in der wir “selbst” mit “ich” gleichsetzen, weshalb wir in dem Dillema festsitzen.

Hier bieten sich nun mehrere Möglichkeiten für Mitgefühl an, wenn wir erkennen, dass jemand anderes in einer Opferrolle steckt, sei es durch Selbstmitleid oder Narzissmus. Wenn wir dazu in der Lage sind, uns unseren eigenen Schmerzen zu stellen und sie dadurch nicht mehr durch uns leben, dann können wir anderen helfen, indem wir “mit ihnen fühlen”.

Wenn wir bemerken, dass sich jemand immer wieder um seine eigenen Probleme dreht und irgendwie nicht aus diesem Kreislauf austreten kann, dann fühlen wir mit ihm. Wir sagen ihm z.B.: “Ich fühle mit dir. Du scheinst gerade wirlich zu leiden, das muss schrecklich sein.”

Diese zwei Sätze erlauben uns, unsere eigenen Schmerzen zu fühlen, denn wir haben keine Angst davor, sie durch ein “zuviel an Gefühlen” zu spüren. Außerdem, und das ist die wahre Größe dieser Tat, erlauben wir dem Anderen, seine Gefühle spüren zu dürfen. Er wird eine Erleichterung spüren und gleichzeitig, vielleicht sogar das erste Mal in seinem Leben, dass er seine Schmerzen fühlen kann, ohne daran zu Grunde zu gehen.

Die Notwendigkeit der Anderen

Betrachten wir einmal eine Utopie, in der du der einzige Mensch auf der Erde sein wirst. Die Hintergründe sind unbekannt, wir hinterfragen das nicht weiter. Eine Opferrolle können wir verstärken, indem wir erkennen, dass es Anderen besser geht, als uns selbst.

Der Vergleich, den unser Verstand ständig anstellt, ermöglicht es uns immer wieder, uns entweder schlechter oder besser als Andere zu fühlen. Doch niemand hat behauptet, dass das kein Leid bringen würde.

In einer Utopie, in der du alleine auf dieser Welt wärst, wäre es schwierig, das eigene Leid zu verstärken. Es gäbe niemanden mehr, dem es besser ginge, als dir selbst. Da wäre niemand, der mehr Geld hätte, als du. Niemand wäre gesünder und niemand glücklicher.

Diese Utopie ist auch in der Gegenwart möglich, wenn wir aufhören, unsere Schmerzen immer wieder zu befeuern, unsere Wunden immer wieder aufzureißen, indem wir Andere als Notwendigkeit betrachten.

Ganz anders als in der Opferrolle, benehmen wir uns als Überlegener, der immer wieder ein Feindbild benötigt. Um die Schwächen in uns nicht sehen zu müssen, suchen wir uns Feinde im Äußeren, die uns vor unserer eigenen Fehlbarkeit ablenken.

Paradoxerweise suchen wir uns in den meisten Fällen sogar Menschen, die die gleichen Schwächen, die gleichen seelischen Wunden, wie wir auch, in sich tragen. Unbewusst machen sie uns auf unseren Schmerz aufmerksam, weshalb wir mit psychischer oder körperlicher Gewalt reagieren, um diesem Schmerz auf keinen Fall Nahe zu kommen und trotzdem fühlen wir uns zu ihnen hingezogen, da der Schmerz erkannt werden möchte.

Wenn wir z.B. bemerken, dass jemand leidet, da seine Eltern ihn schrecklich behandelt haben und wir deswegen unbewusst auch leiden, da wir Ähnliches erlebt haben, dann reagieren wir, je nach Stärke des Schmerzes in uns, mit unglaublicher Gewalt.

Wir lehnen uns gegen den Anderen, der plötzlich unser Feind ist, auf. In Wahrheit ist nicht er der Feind, sondern das Etwas in uns, das die Schmerzen in sich trägt, das wir aber nicht erkennen wollen. So ist es für uns erträglicher, das “äußere Etwas” anzugreifen, als uns unserem “inneren Etwas” zu stellen.

Eigentlich müssten wir uns auf den Boden werfen, zu schreien beginnen, das Leid, die Wut, die Schmerzen, aus uns herausschreien, um unseren inneren Schmerz zu lindern, doch das wäre genau die Hilflosigkeit, genau die Schwäche, die wir doch, so glauben wir, niemals zeigen dürfen, da uns genau das beigebracht wurde.

Wir würden unser Gesicht verlieren. Wir würden nicht mehr den starken, schmerzfreien Roboter spielen, zu dem wir erzogen wurden, ständig mit dem Gefühl, dass unser Vater hinter uns stünde und uns bei jeglichem Anzeichen von Schwäche,wieder anschreien, auslachen oder schlagen würde.

So wahren wir unser Gesicht.

So spielen wir nach Außen eine Rolle und somit auch nach Innen. Wir geben uns selbst vor, jemand zu sein, der wir nicht sind. Dadurch stärken wir den Schmerz, den wir nicht erkennen wollen.

Mit jedem Moment, in dem wir eine Rolle spielen und unser falsches Gesicht wahren. Heinrich Böll, Nobelpreisträger für Literatur, beschreibt dieses Verhalten so:

“Ich muss aber versuchen, gar kein Gesicht mehr zu haben, wenn es mir gelingt, die nächsten zehn Jahre bei Glück und Seife zu überstehen.”

Unsere Schutzstrategien werden solange erhalten bleiben, wie wir dieses falsche Gesicht erhalten oder uns nicht dem stellen, was hinter diesem Gesicht steht, was beschützt werden möchte.

In der obenbeschriebenen Utopie wäre die Erhaltung der meisten Schutzstrategien nicht mehr möglich bzw. möglich, aber nicht mehr zweckerfüllend. Schutzstrategien, wie Macht, Kontrolle, Abgabe von Verantwortung, Gewalt und Dissoziation benötigen eine Projektionsfläche, um von unserem Schmerz abzulenken und ihn zu erhalten.

So findet dieser Kampf gegen den eigenen Schmerz jeden Tag auf dieser Welt statt, egal ob in Katalonien, in Venezuela, in Russland, in der Ukraine, in Nordkorea, auf den Phillipinnen oder in Nordafrika. Überall auf der Welt wird ein Feindbild geschaffen, um sich nicht mit der eigenen Erkenntnis konfrontieren zu müssen, dass wir Menschen sind, die innerlich leiden.

Egal ob “Rassenkämpfe”, “Heilige Kriege”, der Kampf gegen Flüchtlinge, gegen die Regierung, gegen “Andersdenkende”, gegen Arme, Schwache oder Behinderte, ist es immer die Notwendigkeit der Schmerzen Anderer, die unser Leid erhält, die Mitgefühl verwährt, die Selbsthass bestärkt.

Wenn wir also in der Lage sein wollen, und das ist die einzig logische Intention, unsere eigenen Schmerzen zu lindern, dann müssen wir aus unserer beschränkten Realität austreten, sie nicht als “die Realität” ansehen, die uns früher als Realität vermittelt wurde. Wir müssen einen Schritt zur Seite gehen und erkennen, dass es eine Alternative gibt, die frei von seelischer und körperliche Gewalt gegen Andere und uns selbst ist, um ein Menschsein zu entwickeln, das dieses Leid nicht mehr erhält.

Da Realität für ein Konstrukt gehalten wird, indem wir uns an Verhaltensnormen und Moralvorstellungen anpassen, gilt jegliche Anpassung unseres Individuums, das wir ja alle sind, als geistige Störung.

Wenn wir allerdings erkennen, dass diejenigen, die uns diese Realität aufzwängen wollen, selbst frei von Liebe und Mitgefühl sind und dieses Verhalten als Realität empfinden, dann erkennen wir plötzlich, dass nicht wir es sind, die psychisch gestört sind.

Jiddu Krishnamurti, der sich jahrelang für einen Umbruch innerhalb der Psyche des Menschen einsetzte und die Möglichkeiten nicht in äußeren Einflüssen, wie Religion, Politik oder Gesellschaft sah, sagte dazu:

“Es ist kein Anzeichen von seelischer Gesundheit sich an eine zutiefst gestörte Gesellschaft anpassen zu können.
Jiddu Krishnamurti.

Wenn wir in der Lage sind, unsere eigene Realität zu schaffen, die fern von den Überzeugungen dieser “zutiefst gestörten Gesellschaft” ist, dann werden wir erst dazu in der Lage sein, dieser Gesellschaft gegenüber Mitgefühl zu entwickeln.

Wir erkennen, dass sie einer Illusion unterliegen. Dass sie, wie Truman in der “Truman Show”, glauben, dass ihre Welt die einzig Wahre sei, so wie wir es vielleicht auch einmal getan haben.

Doch wir dürfen nicht den Fehler machen, unser früheres Selbst wieder auf die Anderen zu projezieren, denn genau dies würde die Wahrhaftigkeit von Mitgefühl unterbinden, das frei vom Selbst ist.

Wenn wir unsere Vergangenheit benutzen, um Mitgefühl für Andere zu entwickeln, dann haben wir Mitgefühl mit unserem früheren Selbst und nicht mit den Menschen, die gerade leiden. Wir müssen uns nicht mit unserer früheren Geistesstörung vergleichen, um mit Anderen mitfühlen zu können.

Wenn ein Kind leidet und wir mit dem Kind mitfühlen, da wir unseren früheren Schmerz erkennen, dann projezieren wir diesen nur wieder auf jemand Anderen. Wir sagen uns zwar, dass es Mitgefühl sei, doch das ist es nicht.

Es ist Mitleid undzwar in erster Linie uns bzw. unserem früheren Selbst gegenüber.

Wir müssen erkennen, dass Mitgefühl kein eigenes Leid bedarf, um das Leid der Anderen spüren zu können. Es ist nicht die eigene Notwendigkeit von Leid, um das Leid anderer spüren zu können, sondern das Fernbleiben von eigenem Leid, mit dem wir uns nicht identifizieren.

Wenn wir von einem Kindesmissbrauch mitbekommen, dann müssen wir nicht selbst in unserer Kindheit missbraucht worden sein, das ist keine Voraussetzung. Wir können uns aber dem Schmerz stellen, der in diesem Moment ausgelöst wird, z.B. das Gefühl der Hilflosigkeit, das plötzlich in uns aufkommt. Wir müssen nicht darüber nachdenken, woher dieses Gefühl kommt, sondern es einfach nur als Etwas erkennen, dass da ist.

Sobald dieser Schmerz erkannt wurde, sind wir in der Lage, die Hilflosigkeit des Kindes ebenfalls zu fühlen. Wir sind nicht frei von unserem Schmerz und wünschen dem Kind auch nicht, dass es frei von diesem Schmerz sein wird, denn das ist doch genau die falsche Realität, auf die wir reingefallen waren, die uns allerdings nur noch tiefer in den Schmerz getrieben hat und jegliches fühlen desselbigen unmöglich machte.

Stattdessen sind wir mit dem Schmerz in uns, der in diesem Moment ausgelöst wird und somit auch mit dem Schmerz des Kindes.

Wir laden keine Wut und keinen Hass auf diejenigen ab, die dem Kind dieses Leid zugefügt haben und wenn sie aufkommt, dann erkennen wir sie einfach nur, aber sehen sie als Beiprodukt des Schmerzes und nicht als den Schmerz.

Wir erkennen sie zwar, aber fallen weder in eine Opferrolle, in die sie uns drängen wollen, noch in eine Rolle des Feindes. Beide distanzieren uns von unserem Schmerz und verhindern wahres, ehrliches und selbstloses Mitgefühl.

Gleichgültigkeit und die Entdeckung des Todes

Zu Zeiten Konrad Adenauers, also wenige Jahre nach der Macht der Nationalsozialisten im 2. Weltkrieg, erhob das Institut für Statistik und Demoskopie eine Umfrage.

In dieser gingen sie der Frage nach, wie die Menschen sich verhalten würden, wenn eine nationalistische Partei wieder versuchen würde an die Macht zu kommen.

25 Prozent der Befragten würden alles tun, damit so etwas nicht mehr passiert.

26 Prozent wären dagegen, würden aber nichts tun.

20 Prozent wäre es egal.

5 Prozent würden es begrüßen aber nichts dafür tun.

3 Prozent würden eine Nazipartei aktiv unterstützen.

19 Prozent waren unentschieden.

Fassen wir zusammen:

75 Prozent der Befragten verschlossen die Augen vor dem, was geschehen war und das, obwohl der zweite Weltkrieg gerade erst gegangen war.

Arno Gruen berichtet in seinem Buch “Der Verlust des Mitgefühls” über einen Vorfall im Jahre 1964 in New York, bei dem mindestens 38 Menschen zusahen, wie eine Frau ermordet wurde.

Der Mörder brauchte etwa eine halbe Stunde für seine Tat und trotzdem griff niemand ein. Dieser Vorfall war u.a. Anlass für das Forschungsprojekt über “Zuschauerapathie” und des “Bystander-Effects”.

Das Forschungsteam entschied, dass das Verhalten der Zuschauer moralisch unbedenklich gewesen sei:

»(…) angesichts einer Situation, aus der (für die umstehenden Personen) selbst kein Vorteil zu holen ist (…), wäre es wahrscheinlich überraschend, wenn überhaupt jemand eingreifen sollte (…) Es gibt nämlich wenig positive Belohnung für erfolgreiches Eingreifen bei einem Notfall.«

Die äußere Darstellung des Selbst, das in der heutigen Zeit sofort in das Internet projeziert wird, nimmt mitlerweile erschreckende Ausmaße an. Der kollektive Wegfall der Empathie wird deutlich, wenn wir uns vor allem die aktuelle Lage auf den Straßen und Autobahnen in Deutschland ansehen.

Im Juli 2017 wurden die Fahrer der A3 bei Nürnberg über den Seitenstreifen geleitet, da ein schwerer Unfall mit einem LKW und einem Auto erfolgte. Die Autofahrer fuhren in Schrittgeschwindigkeit an dem Unfall vorbei und filmten die Szenerie.

Mindestens 20 Gaffer wurden mit 90€ und einem Punkt in Flensburg bestraft.

„Möchten Sie, wenn Sie am Boden liegen, bluten und Schmerzen haben, gefilmt werden und sich später auf YouTube finden?“, fragt der Polizist einen Gaffer rhetorisch.

Das Ergebnis einer Studie aus dem Jahre 2002, die der ADAC veröffentlichte, machte die Problematik deutlich:

  • 35 Millionen Bürger unseres Landes haben Bedenken, Erste Hilfe zu leisten,
  • 25 Millionen würden warten, ob nicht ein anderer hilft,
  • bzw. 28 Millionen halten die Erste Hilfe für eine Sache der Profis (Mehrfachnennungen waren möglich).

Wenn wir andere zu Opfern machen, indem wir ihnen nicht helfen oder uns darüber lustig machen, und der Welt sogar zeigen, dass wir in diesem Moment kein Opfer waren, dann löst dies in uns das bereits erwähnte Machtgefühl aus und unterdrückt jegliche Form von Scham, Schuldgefühlen und Mitgefühl, was sich verdeutlicht, wenn wir uns die Reaktionen derjenigen ansehen, die ertappt und bestraft werden:

Sie reagieren wütend und agressiv, also ihren Schmerz beschützend, auf den sie plötzlich indirekt aufmerksam gemacht wurden.

So betrachtet ist das Verhalten von Gaffern, “Bystandern” und unterlassenen Hilfeleistern schlimmer, als das von den Menschen, die im 2. Weltkrieg zwar vom Holocaust wussten, aber nicht glaubten, dass es dort Tote gab.

Das ist indirekte Verleugnung und Verdrängung, die nicht am Ort des Geschehens stattfindet.

Direkte Verdrängung dessen, was gerade an Ort und Stelle passiert, ist weitaus schlimmer.

Es ist eine Möglichkeit zur Selbstreflexion:

Je öfter wir wegsehen, je mehr wir die Geschehnisse der Welt “beobachten”, wie eine Filmkamera die Schauspieler und je weniger wir dabei für die Opfer fühlen, desto größer ist unserer innerer Schmerz.

Die Entdeckung des Todes

Alles, was ich in diesem Artikel beschreibe, was das Fehlverhalten der Eltern ihren Kindern gegenüber aufzeigen soll, ist kein Vorwurf den Eltern gegenüber.

Dieser Artikel soll nicht als ein Bloßstellen der Eltern gesehen werden, sondern als ein Finden der Möglichkeiten für heutiges Handeln und als Erklärung für die fehlende Empathie im Kollektiv.

Im Folgenden ist es mir deshalb besonders wichtig, dass du nicht in deine Vergangenheit blickst und dich darüber aufregst, dass das Geschehene dich “entempathisiert” hat. Es sind im Prinzip nur antrainierte Verhaltensweisen, die du dir durch Erziehung zuleibe gemacht hast.

Durch “verlernen” dieser Verhaltensweisen wird u.a. Empathie frei. Es ist also ein lösbares Problem, eine Möglichkeit.

1988 beschrieb die Kindertherapeutin Françoise Dolto in ihrem Buch “Psychoanalysis and Paediatrics: Key Psychoanalytic Concepts with Sixteen Clinical Observations of Children”, wie die Reaktionen und Erwartungen des Kindes missachtet werden und nannte dies “Die Entdeckung des Todes”.

Wenn Eltern auf die Bedürfnisse ihrer Kinder nicht eingehen und somit ihre Gefühlswelt missachten, dann entsteht bei dem Kind ein Mangel an Empathie, den die Eltern nicht vermitteln und eine Förderung der Apathie.

Die Kinderärztin Margaret Ribble fand bereits 1943 heraus, dass fehlende Erwartungen an Reziprozität bei Säuglingen zum Tod führt, was u.a. das Sterben der Kinder in Ruanda erklärt, die plötzlich ihre Eltern verlieren.

Wenn die Kinder überleben, wie es in der westlichen Welt der Fall ist, da es genug “Elternersatz” gibt, führt die mangelnde Erkenntnis, dass das Kind Gefühle hat, die erkannt werden möchten, zu einer Gewalt gegen das Kind und somit zu seiner emotionalen Verrohung.

Achtung!

Im vorrigen Abschnitt finden sich die elementarsten Erkenntnisse der modernen Verhaltenstherapie wieder und auch für uns selbst. Es zeigt, dass wir uns selbst gegenüber nicht gefühlskalt oder verroht sein dürfen, da wir ansonsten Gewalt gegen uns selbst ausüben. Diese führen zu viel Leid, da Gewalt gegen uns selbst immer zu Gegengewalt führt.

Stattdessen kannst du dir selbst gegenüber liebevoll sein. Du kannst all deine Gefühle akzeptieren und sie einfach “so sein lassen”, wie sie sind, womit du genau das tust, was deine Eltern womöglich nicht getan haben. Es besteht kein Handlungsbedarf. Gefühle zu akzeptieren ist keine Handlung. Du musst dafür nichts tun oder jemand werden, sondern einfach nur das Wahrnehmen, was in dir passiert.

Da ein Kind sich hilflos fühlt, wenn seine Gefühle nicht erkannt werden, versucht es die Bedürfnisse und Erwartungen der Eltern zu erraten, um ihnen gerecht zu werden. Dadurch verschafft es sich die falsche Liebe der Eltern, die eher eine kurzfristige Anerkennung ist.

Die gleiche Suche nach Anerkennung bleibt dann natürlich auch als Erwachsener bestehen. Aus Angst davor, von anderen nicht die Liebe zu bekommen, die wir verlangen, geben wir unser Selbst auf. Wir sind ständig auf der Suche nach Möglichkeiten, von anderen eine Liebe zu erhalten, die wir so nie finden werden.

Wenn Eltern mit der Hilflosigkeit ihrer Kinder nicht umgehen können, dann drohen sie emotional und im jungen Alter sogar körperlich zu sterben. Nichts Anderes passiert, wenn wir nicht mit unserer eigenen Hilflosigkeit umgehen können, da wir Angst vor den Schmerzen haben, die mit dieser Hilflosigkeit verbunden sind.

Dadurch entstehen die Opferrolle (die Angst, das Leben nicht positiv steuern zu können), Helfersyndrome, psychosomatische Schmerzen, Panikattacken, Angststörungen, Depressionen, bis hin zum Suizid als letztmöglichen Ausweg.

Und das alles “nur” wegen dem fehlenden Bezug zu unseren Gefühlen, die wir an unserem mangelnden Mitgefühl anderen und uns selbst gegenüber erkennen können. Die Einstellung, dass Gefühle völlig überbewertet und “nicht gefährlich” seien sollte schleunigst überprüft und das Verhalten reguliert werden, denn gerade diese zeigt uns, dass Handungsbedarf besteht.

Die Entdeckung des Lebens

“Das Wachstum jedes Kindes wird gestört, wenn es nicht wie ein Entdecker leben kann.”
- Aarne Siirala, früherer Theologie-Professor

Uns selbst, also dem Kind in uns, Grenzen zu setzen und seine Möglichkeiten, also das Menschsein, zu beschränken, bedeutet, unsere Entfaltung und unser Leben zu beschränken.

Das Leben ist dynamisch, nicht eingefroren. Es fließt ständig, weshalb auch unsere Gefühlswelt ständig fließt. Es sucht nach unserer ständigen Haltung, die akzeptierend, mitfühlend und erlaubend ist.

Wenn wir umsere Kinder oder das Kind in uns bestrafen, wenn es die sozialen Grenzen überschritten hat und es belohnen, solange es diese Grenzen einhält, dann tragen wir zur Entmenschlichung bei.

Das Kind reagiert zwar mit dem Überschreiten der Grenzen agressiv, protestiert, bäumt sich auf, was ja menschlich ist, doch wir unterdrücken wieder seine Menschlichkeit, indem wir es maßregeln und bestrafen.

Das Kind schlussfolgert:

Ich darf keine Verletzungen (Gefühle) spüren, denn ansonsten werde ich nicht geliebt.

Im Falle des Kindes in uns schlussfolgern wir:

Ich darf keine Verletzungen (Gefühle) spüren, denn ansonsten werde ich nicht geliebt.

Herzlich Willkommen in der emotianal verrohten, angepassten und entfreiten Gesellschaft, in der niemand einen freien Willen hat, da er Angst vor Bestrafungen hat.

Diese Gesellschaft ist psychisch krank, denn fast niemand erkennt mehr, dass er einen freien Willen hat, sondern glaubt, dass selbst seine heutigen Taten noch bestraft und seine Gefühle verboten werden würden.

Diese Gesellschaft ist voller Ängste, denn Unfreiheit und dieses immerwährende Gefühl der Hilflosigkeit, dass uns ständig umtreibt, verursacht

  • Versagensängste
  • Verlustängste
  • Angst vor Kontrollverlusten
  • Angst vor Ablehnungen,

also alle Ängste, die unser Unterbewusstsein auslöst und uns täglich beschränkt.

Wie verheerend diese Ängste sein können und welche Wut dadurch entsteht, das fand Joachim Stork 1994 heraus. Hier wurde deutlich, wie schädlich und zerstörrerisch die Unterdrückung von Gefühlen Kindern gegenüber und dem Kind in uns sein kann:

Das Kind Ceasare wird direkt nach seiner Geburt wegen stöhnender Atmung und Kohlendioxid-Retention (Zurückhalten des CO2 innerhalb der Atemwege) an einen EKG-Atemmonitor angeschlossen. Im zweiten und dritten Monat hat es acht Atempausen, danach folgen Untersuchungen ohne organischen Befund. Es folgten zwölf weitere Anfälle.

Im sechsten Monat beginnt die Mutter mit dem Kind eine Psychotherapie. Die Mutter sprach über ihre Einstellung zu dem Kind:

“Ich habe mir so sehr einen blonden und blauäugigen Jungen gewünscht. Auch meine Mutter hat immer gesagt, es sei die Regel, daß die Buben ganz nach der Mutter geraten.”

Storck beschreibt die das Verhalten der Mutter während der Therapie:

“Ich höre eine schreckliche Mitteilung, die zu der Art und Weise passt, wie sie mir ihr Kind auf ihren Knien präsentiert. Sie hält es auf dem äußersten Ende ihrer Knie, es kann sich nicht mit dem Rücken an seine Mutter lehnen und wird von ihr in dieser unsicheren Position nur notdürftig mit der linken Hand gehalten.”

Die Mutter sagt:

“Sehen sie das Kind auf meinen Knien ist nicht das, welches ich mir gewünscht habe und welches mir versprochen wurde.”

Storck schreibt:

“Ich unterbreche die Mutter, um mich dem Baby zuzuwenden. Ich nehme bei dem Kind einen zögernden Blick voller Ängstlichkeit wahr, der kurz den Vater streift. Ich sage, dass er mich mit seinen heruntergezogenen Mundwinkeln wie ein erschreckender und auch wie ein Erschrecken erregender chinesischer Dämon ansieht. Ich mache zum anderen die wackelige Position auf den Knien der Mutter zum Thema, von denen er leicht herunterfallen könnte. Auch erzähle ich ihm von seinen ängstlich dreinschauenden Augen und dunklen Haaren, die sich seine Mutter anders gewünscht habe, und daß es für die Mutter arg sei, dass er nicht so aussehe, wie sich die Mutter ihn vorgestellt habe.”

Die Mutter antwortet:

“Wie er geschlafen hat, habe ich ihn schon in einem Sarg gesehen und ihm gesagt, er habe schön in seinem Sarg ausgesehen.”

Im nächsten Satz sagt sie:

“Ich verspüre die Notwendigkeit, mich mit meinem Sohn eins zu fühlen, doch ich habe solche Angst davor.”

Sie erschrickt vor ihrer eigenen Aussage.

Durch das Aussprechen der Gefühle, vor allem der Ängste der Mutter, bessern sich die Symptome des Kindes. Seine Atmung regelt sich, seine Aussetzer verschwinden.

Die Mutter hatte sich selbst und ihre eigenen Emotionen abgelehnt und tat das Gleiche bei ihrem Sohn, der kurz davor war aus diesem Grund zu sterben.

Wenn wir das Kind in uns nur auf unseren Knien tragen, Angst davor haben, es in den Arm zu nehmen, es ablehnen, seine Bedürfnisse nicht erkennen und es nicht akzeptieren wollen, dann töten wir uns selbst und damit jegliche Form der Emotionen in uns, so auch die Empathie.

SELBSTMITGEFÜHL

Selbstmitgefühl ist deshalb so unbeliebt und verpöhnt, da es mit Selbstmitleid oder Egoismus verbunden wird. Dr. Christine Brähler, Psychologische Psychotherapeutin, und Ausbilderin im Bereich achtsamkeitsbasiertes Selbstmitgefühlstraining (Mindful SelfCompassion, MSC) sagte dazu in einem Interview im reportPsychologie:

“Zum einen korreliert Selbstmitgefühl nicht mit Narzissmus, dafür aber mit Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen und Niederlagen, mit Zuversicht, Weisheit und Lebenszufriedenheit sowie mit einer gesünderen Lebensweise. Zum anderen können sich Personen mit mehr Selbstmitgefühl besser in andere hineinversetzen.
In Beziehungen werden sie als zufriedenere Partner erlebt und als kompromissbereiter, konfliktfähiger und empathischer beschrieben. Selbstmitgefühl macht uns also nicht egoistisch, sondern hilft uns, Verantwortung für unsere eigenen unerfüllten Bedürfnisse zu übernehmen — und somit mehr Kapazität zu schaffen, um für andere auf nachhaltige und authentische Weise da zu sein.”

Selbstmitgefühl drückt sich darin aus, wie wir uns in der Weise gegenüberstehen, wie wir es anderen Menschen gegenüber tun würden, wenn wir ihnen gegenüber Empathie sind.

Wie reden wir mit uns, wenn es uns schlecht geht?

Wie hart gehen wir mit uns ins Gericht, wenn wir einen Fehler machen?

Es ist die Art und Weise, wie wir mit dem Kind, das im übertragenen Sinne in uns lebt, umgehen. Da Selbstmitgefühl stark mit Scham, Selbstverurteilung und Unverständnis korreliert, sinken diese, sobald wir uns selbst gegenüber mitfühlender sind.

Wenn wir mit uns selbstmitfühlender, verständnisvoller und weniger verurteilend umgehen können, dann sind wir erst dazu in der Lage, dies Anderen gegenüber ebenfalls zutun, ohne uns selbst zu Schaden und ohne falsche Empathie, die übrigens jeder von uns unbewusst wahrnimmt.

Schmerzen akzeptieren

Mit der Praxis der Achtsamkeit können wir lernen, unsere inneren Schmerzen als das wahrzunehmen, was sie sind: berechtigt.

Doch wenn wir glauben, dass wir nun unsere Schmerzen gesehen und akzeptiert haben, dann sollten wir noch einen Schritt weitergehen, denn solange wir darüber nachdenken, sind wir noch nicht soweit.

Wenn wir noch keine emotionalen Ausbrüche hatten, die über Tage andauerten, dann sind wir noch nicht soweit.

Diese emotionalen Verbindungen, also das Einssein mit uns selbst, sind unangenehm und angenehm zugleich.

Sie fühlen sich zerstörerisch, aber auch auch entlasend an. Sie sind, wenn wir sie das erste Mal erleben, ein erster Einblick in die Welt, die wir immer für die Hölle in uns gehalten, die sich nun aber nach und nach als gefühlsvolles Etwas in uns enthüllt und alles freigibt, alles erlaubt, was wir jemals verneint haben.

Sage “ja” zu dem, was ist.
- Eckhart Tolle

Es ist komplette Hingabe, die es uns ermöglicht, uns Selbst und Anderen gegenüber zu erlauben, zu fühlen. Wir geben uns selbst leben und erlauben anderen, ebenfalls zu leben.

Der forensische Psychiater Murray Cox zeigt uns in einem Beispiel, das Mörder genau das Gegenteil tun. Ein psychotischer Mörder, den er behandelte, konnte sich nicht lebendig fühlen, weshalb er von anderen Besitz ergreifen musste. Der Mann beschrieb es so:

“Ich nahm ein Leben, weil ich eins benötigte.”

Das Böse in Anderen

Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob wir die Gräueltaten anderer akzeptieren, wozu wie bereits erwähnt auch das Wegsehen gehört, oder mit einem ganz klaren “Nein” unsere Haltung offenbaren.

Dadurch nähren wir nicht den Hass und die Wut dieser Welt. Doch wir müssen eine wichtige Sache beachten:

Selbst nicht in Wut und Hass zu verfallen, während wir die schrecklichen Dinge dieser Welt ablehnen. Uns selbst nicht in eine Position zu bringen, in der wir dem Täter die Gefühle überbringen, die ihn selbst genährt haben. Uns selbst das zu bewahren, was uns menschlich macht, nämlich durch Mitgefühl und Liebe.

“Das scharfe Schwert des Mitgefühls” aus dem Buddhismus hilft uns dabei, die schrecklichen Dinge auf der Welt zwar nicht zu tollerieren, den Menschen, die sie verursachen, aber auch keinen Hass oder Wut entgegen zu bringen.

Wir erkennen ihr Leid und, dass sie nicht aus Boshaftigkeit handeln, sondern aus Unwissenheit und eigenem Leid.

Sie wissen nicht, dass sie leiden, weshalb sie weiterhin leiden und anderen ebenfalls Leid zufügen. Kein Mensch dieser Welt ist von Grund auf böse, weshalb selbst Verhaltensforscher des FBI immer wieder an ihre Grenzen stoßen, wenn sie herausfinden wollen, ob ein Mensch von Geburt an böse ist.

Ihm ist Schreckliches widerfahren und er musste leiden. Wie können wir einem solchen Menschen noch mehr Schaden zufügen, indem wir ihn hassen und verurteilen? Damit helfen wir ihm nicht, sondern nähren sein Leid.

Mitgefühl seinen Schmerzen gegenüber und dem Leid, das er erfahren musste und gleichzeitig eine natürliche Ablehnung dessen, was er getan hat, ist möglich.

Schuld erkennen

Sobald wir in uns die Schuld erkennen, z.B. dass wir nicht mit einem Menschen mitfühlen, der gerade leidet, da wir das Opfer in uns nicht sehen wollen, bietet dies eine Möglichkeit zur Veränderung.

Wir werden uns unserer Selbst bewusst. Unser Blick wendet sich plötzlich, vielleicht nur kurz, von der Wahrnehmung nach außen nach innen. Wir spüren Scham, die aufkommt, sobald wir uns unserer Schuld bewusst werden.

“Wir können es nicht verstehen. Aber wir können und wir müssen verstehen, woher es entsteht, und wir müssen wachsam bleiben. Wenn es schon unmöglich ist zu verstehen, so ist doch das Wissen notwendig. Denn das Bewusstsein kann wieder verführt und verdunkelt werden: auch das unsere.”
Primo Levi, Holocaust Überlebender

Auch Scham bietet uns die Möglichkeit, aus unserem Schmerz kurzzeitig auszutreten, wodurch er frei wird.

Wir erkennen ihn, akzeptieren ihn und nehmen innerlich das Kind in den Arm, das diesen Schmerz verspürt. Dadurch bieten wir uns die Freiheit, die Schmerzen anderer fühlen zu können, ohne der Illusion zu verfallen, das wir dadurch sterben könnten.

Dadurch sind wir echt.

Dadurch sind wir menschlich.


Zur Zusammenfassung der Artikelreihe “Die Illusion vom Ich” gelangst du hier.


Du würdest gerne mehr über dieses und weitere Themen erfahren?

Hier gelangst du zu meinem umfangreichsten Artikel “WIE DU IN 8 SCHRITTEN ALLE DEINE ÄNGSTE AUFLÖST”

One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.