Das glaube ich jetzt nicht!

Wieso wir nur das glauben, was wir glauben wollen

Wir erleben es tagtäglich, dass wir mit Menschen reden, wobei zwei verschiedene Sichtweisen und Überzeugungen kollidieren. Warum das zumeist nicht nur zwecklos, sondern in einer gewissen Weise auch gefährlich sein kann, das möchte ich dir in diesem Artikel zeigen.

“Meine Partei!”

Ich war aufgrund verschiedener Umstände schon in mehreren Familien ein Art “Familienmitglied”. Bevor es zu Familientreffen kam, wurde entweder extra erwähnt, dass bestimmte Themen nicht angesprochen werden dürfen oder es war einfach ein ungeschriebenes Gesetz.

Ich fand das nicht nur unglaublich langweilig, sondern auch sehr schade. Ich wollte meine Meinungen anpassen, hinterfragen und vielleicht sogar größtenteils verändern, doch da wir fast immer über die gleichen Themen redeten und niemand wirklich von seiner Überzeugung loslassen wollte, war das alles andere als einfach.

Das Problem ist, dass viele Menschen sich mit einer Überzeugung identifizieren und deshalb auf keinen Fall von dieser loslassen. Sie glauben, dass der Verein, die Partei, die Zeitung oder die Meinung zu ihrer Identität gehört.

Jedes “loslassen” oder hinterfragen dieser Überzeugungen würde bedeuten, dass sie ihre eigene Identität infrage stellen müssten und das wirkt für uns Menschen wie eine reale Bedrohungslage.

Um diese “Bedrohungslage” näher zu erforschen, untersuchte 2016 das Team aus Neurowissenschaftlern um Jonas Kaplan der University of Southern California in Los Angeles die neurologischen Grundlagen dieser Abwehrreaktion.

Dazu lagen die Probanden in einem Hirnscanner und durften die Gegenargumente zu politischen Statements der Parteien lesen, die sie zuvor als ihre bevorzugte Partei ausgewählt hatten.

Ein besonders interessantes Ergebnis war, dass die Teilnehmer weniger ihre Meinung änderten, je stärker beim Lesen der Gegenargumente ihrer Partei die Amygdala, das Angstzentrum, aktiv war. Dieses Angstzentrum kann bis zu einem gewissen Punkt nicht unterscheiden, ob wir uns in einer realen Gefahrensituation befinden oder ob unsere eigene Identität bedroht ist.

Tatsächlich fühlt es sich für Menschen genauso an. Sobald sie mit Informationen konfrontiert werden, die mit ihrer eigenen Ideologie, Identität und Persönlichkeit nicht übereinstimmen, fühlen sie sich bedroht und wehren die Informationen dementsprechend wehement ab.

Natürlich kommt es bei der Überzeugung darauf an, wie stark diese mit unserer Identität verknüpft ist. Die Identifikation z.B. mit einer Partei oder einer Religion ist für die meisten Menschen wesentlich wichtiger, als das Lieblingsgericht.

Der Sozial-/ und Wirtschaftspsychologe Tobias Vogel der Universität Mannheim erklärt, dass dies am einfachsten sei, wenn man Fakten grundsätzlich für falsch erklärt. Außerdem könnten wir auch das Gewicht der Informationen kleinreden.

“Überzeugte VW-Fans etwa sagen sich dann: >Okay, beim Schadstoffausstoß wurde getrickst, aber das ist ja nicht der Grund, warum ich diese Marke fahre<”, so Vogel.

Zudem sind wir über gerade bei Parteien oder Religionen umfassender informiert und können dadurch Gegenargumente viel besser abwehren.

Die Identifikation auflösen

Je stärker unsere Identifikation mit einer Sache ist, desto stärker wehren wir also entsprechende Informationen ab, die diese gefährden könnten.

Das digitale Zeitalter unterstützt uns mit der personalisierten Werbung dann auch noch in unserer Überzeugung:

Wir erhalten Werbung unseres Lieblingsvereins, unserer Lieblingspartei und der Meinungen, die wir unterstützen.

Dabei verlieren wir nicht nur den Blick für neue Meinungen oder Überzeugungen, sondern bleiben auch mit unserer Identität an der Stelle, an der wir uns vielleicht schon unser lebenlang befinden.

Gerade bei Menschen der älteren Generation erlebe ich, dass sie “ihre Partei” schon seit Jahrzehnten unterstützen.

Viele davon treffen regelrecht irrationale Aussagen und Entscheidungen, die nichts mehr mit der Partei zutun habe, die vor 10 oder 20 Jahren existierte.

Um rationale Entscheidungen zu treffen, müssen wir uns der Irrationalität unserer Identifikation stellen, sie erkennen und hinterfragen.

Wenn wir aufhören würden, uns mit den Dingen zu hinterfragen, dann wären wir in der Lage, uns in allen Bereichen weiterzuentwickeln.

Wir könnten neue Menschen kennen lernen, neue Meinungen entwickeln, neue Überzeugungen aufbauen und so ständig zu einem neuen Menschen werden.

Mir wäre es viel zu langweilig, mich ständig auf eine Sache festzulegen, egal in welchem Bereich. Zudem fände ich es anstrengend, andauernd gegen die Argumente anderer anzukämpfen.

Wenn du Buddha triffst, töte ihn.
Buddha

Ich ernähre mich z.B. vegan, aber ich bin kein Verganer. Das ist ein gewaltiger Unterschied, denn sich zu vegan ernähren ist eine Ernährungsweise, wobei Veganer zu sein eine Identifikation ist.

Ich höre mir sehr gerne die Meinungen anderer zu diesem Thema an, was mich allerdings selten umstimmt, da schnell klar wird, dass sie sich mit ihrem “Nicht-Veganismus” identifizieren und mich so als eine “Gefahr” ihrer Identität ansehen.

Ich lese mir auch gerne neue wissenschaftliche Berichte zu dem Thema Veganismus durch und kann von heute auf morgen meine Einstellung dazu ändern, was ich schon oft in meinem Leben getan habe. Ich habe so ziemlich alle Ernährungsweisen ausprobiert.

Es ist eine Ernährungsweise und nicht Teil meiner Identität.

Wenn ich Lust auf einen Kaffee mit Milch habe, dann trinke ich ihn. Ich muss mir dann zwar anhören, dass ich doch Veganer sei und mich “dementsprechend zu verhalten” habe, aber erwiedere jedes Mal gerne aufs Neue, dass es meine Ernährungsweise ist und ich die Regeln dazu festlege.

Das Leben bietet uns in allen Bereichen so viel mehr Abwechslung und Freude, wenn wir aufhören, uns mit den Dingen zu identifizieren, denen wir begegnen.

Baue neue Überzeugungen in dein Leben ein und höre dir gerne an, was andere dazu zu sagen haben. Wenn du die neuen Informationen für schlüssig hältst, dann kannst du deine eigenen Überzeugungen hinterfragen.

Grundvoraussetzung dafür ist nur, dass du dich mit diesen Überzeugungen nicht identifizierst. Dann steht dir die ganze Welt offen und keine beschränkte Sichtweise, die deinem Verstand folgt.

Wenn du deinem Herzen folgen möchtest, dann binde dich an nichts, sondern tue das, was dir Spaß macht.

Freiheit ist so viel angenehmer, als die Illusion der Sicherheit, wenn wir uns mit den Dingen identifizieren.


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