Eine Anleitung zur Selbstfürsorge

Sich um uns selbst kümmern und zutun was wir lieben hat NICHTS mit Egoismus zutun

Gerade in unserer westlichen Welt wird uns schon als Kind beigebracht, dass wir selbstlos und auf keinen Fall egoistisch sein sollen. Natürlich hat Altruismus viele Vorteile für unser geistiges und körperliches Wohlbefinden, doch die Nachricht, die uns vermittelt wird, oder die wir aufnehmen, ist, dass wir unsere Bedürfnisse nicht ausleben dürfen, andere bevorteilen und dauerhaft produktiv sein sollen.

Wenn wir nicht im Einklang damit sind, wer wir eigentlich sind und was wir wollen, dann bringen wir ausschließlich Opfer, die uns nicht nur verletzen und limitieren, sondern sich auch negativ auf die Auswirken, die wir um uns haben.

Sokrates gab uns hierzu zwei Ratschläge: sich um uns selbst kümmern und und uns selbst kennen. So sagte er zum Beispiel:

“Mensch, erkenne dich selbst, dann weißt du alles.”

Sokrates und andere Ethiker gaben uns schon zu verstehen, dass Selbstfürsorge nicht nur eine Haltung ist, die uns selbst nützt, sondern auch anderen.

Außerdem erkannten sie, dass wir uns durch das verstärkte Pflegen der eigenen Person mehr auf unsere Gedanken und Einstellungen innerhalb der Selbstreflexion und der Meditation kümmern und unsere Handlungen eher darauf abzielen, wie wir den idealen Zustand des Seins erreichen können.

Somit ist die Aufrechterhaltung einer gesunden Rücksicht auf uns selbst und die Entwicklung von Selbstmitgefühl und Selbstbewusstsein von absolut grundlegender Bedeutung für die Basis eines guten Lebens für uns selbst und die Menschen, die uns am wichtigsten sind.

Und hier zeige ich dir, warum wir dies tun sollten, gefolgt von Erfahrungen meiner Klienten und mir selbst:

1. Wenn wir uns erschöpft fühlen, dann können wir nichts geben.

Ständig die Bedürfnisse anderer zu priorisieren führt dazu, dass wir Energie einbüßen. Wir alle kennen den Unterschied zwischen einem Gefühl, dass wir jemandem etwas Gutes tun können, z.B. für unseren Partner etwas kochen, einem Freund einen Gefallen zutun usw. und auf der anderen Seite dem Gefühl, dass wir etwas tun sollten.

Im Endeffekt kommen die Aufgaben auf das Gleiche heraus, aber unsere Haltung verändert sich, denn unsere Intention war eine andere. Wenn wir uns selbst gegenüber fürsorglicher und rücksichtsvoller sind, dann sind wir eher dazu bereit, anderen Menschen zu helfen, die uns wichtig sind.

So kann das z.B. Essen, dass wir für unseren Partner gekocht haben, angebrannt oder versalzen sein, da wir zwar das Bedürfnis des anderen erfüllen wollten, unsere Energie und Liebe allerdings nicht in das Kochen selbst stecken konnten.

“Ich sitze hellwach in meinem Bett, während mein Mann und meine Kinder endlich schlafen. Ich versuche leise zu weinen, da ich nicht möchte, dass mein Mann mir meine Hilflosigkeit anmerkt. Ich kann einfach nicht mehr. Ich möchte nicht, dass diese Minuten, kurz bevor ich einschlafe, nicht nur die einzigen sind, die ich für mich selbst habe, sondern auch die, während denen ich überhaupt in der Lage bin meine Gedanken und Gefühle wahrzunehmen.”

2. Wir verlieren uns selbst in einer “Macher-Gesellschaft”.

Ich kenne einige Eltern, die täglich weit über ihre Grenzen hinausgehen, um es ihren Kindern recht zu machen. Sie sind nicht nur Geschäftsführer ihrer Kinder, sondern auch Fahrer, Psychologen, Aufräumer, Koch, Pflegekräfte, Lehrer, Coaches usw. Ich kenne auch Menschen in Beziehungen, die sich ausschließlich darauf konzentrieren, was sie für ihren Partner tun können.

Wir haben uns noch lange nicht an die Digitalisierung angepasst, die uns das Leben nicht nur leichter macht und gleichzeitig verfallen wir immer wieder in die Mentalität der heutigen “Macher-Gesellschaft”, die die höchste Quote von Suiziden und psychischen Krankheiten aller Zeiten aufweist.

Außerdem fand eine aktuelle Studie aus den USA heraus, dass Menschen, diedauerhaft im Stress waren, mit einem höheren Status in Verbindung gebracht wurden. Durch ein mangelndes Selbstwertgefühl kann dieser erhoffte Status, natürlich neben vielen anderen Statussymbolen, zu einem erhöhten, gesellschaftlichen Druck führen.

Automatisch suchen wir nach Leistungen, die uns unseren Wert beweisen sollen, aber gleichzeitig bemerken wir nicht mehr, wie viel uns die Arbeit an sich eigentlich noch Wert ist. So kann es auch dazu kommen, dass wir Aktivitäten vermeiden, die uns diesen Wert nicht verdeutlichen und uns mit unserem Selbst konfrontieren. Wir verlieren also nicht nur uns selbst, sondern machen es den Menschen um uns herum auch schwer, dieses Selbst zu erkennen, denn was wir selbst nicht zulassen, können andere nicht wahrnehmen.

“Als mich mein Mann gestern unerwartet verlassen hat, bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Ich habe mich über 30 jahrelang um ihn gekümmert und jetzt fühle ich mich einfach nur noch wertlos. Es kommen Gedanken auf, die ich noch nie gesehen habe. Es kommt mir so vor, als ob ich nicht wüsste, wer ich eigentlich bin.”

3. Wenn wir das tun, was wir lieben, dann füllen wir unsere Akkus auf.

An etwas mit freudiger Erwartung heranzugehen, weil wir es gerne machen und lieben, erfüllt uns mit Energie und Positivität, die wir automatisch an andere weitergeben.

Haben wir unseren Eltern damals Vorwürfe gemacht, wenn sie sich mal die Zeit genommen haben, um sich mit Kollegen zu treffen oder zu einem Date zu gehen? Wir stehen wir heute selbst dazu?

Es ist weder egozentrisch, noch egoistisch, sich eine Auszeit zu nehmen, wenn man das Verlangen danach hat. Egozentrische und egoistische Menschen handeln immer so, dass sie ihre eigenen Wünsche in den Mittelpunkt stellen und nicht davor zurückschrecken, andere Menschen dadurch Schaden zuzufügen.

Wenn sich etwas gut anfühlt, dann bedeutet das nicht, dass wir andere vernachlässigen oder ihnen schaden, auch wenn es sich vielleicht so anfühlt, weil das schlechte Gewissen aufkommt.

Es ist eine Illusion zu glauben, dass Selbstfürsorge und das Erfüllen der eigenen Bedürfnisse anderen Menschen schaden würden. Stattdessen sind wir dadurch erst in der Lage, unserer Familie, Freunden, Kollegen usw. die Möglichkeit zu bieten, unsere beste und vollkommenste Version kennen zu lernen.

“Niemand verurteilt mich, wenn ich mal einen Tag nicht erreichbar bin. Diese Ängste haben sich nur in meinem Kopf abgespielt und selbst, wenn sich heute jemand darüber beschwert, dass ich mir mal eine Auszeit nehme, dann ist das in Ordnung. Ich kenne meine persönlichen Grenzen, sowohl körperlich als auch psychisch. Ich muss diese Grenzen einhalten und achte ganz genau darauf, ob ich diese dauerhaft überschreite. Dann klingeln bei mir alle Alarmglocken.”

4. Wir stärken unseren “Inneren Kritiker”, wenn wir uns selbst verlieren.

Wenn wir uns verpflichtet fühlen “hilfsbedürftig”, “produktiv” oder “selbstlos” zu sein, dann macht es Sinn, einfach mal nach Innen zu sehen, um zu erkennen, was uns da eigentlich antreibt. Wollen wir damit jemanden oder uns selbst glücklich machen? Fühlen wir uns in irgendeiner Art und Weise dazu gezwungen? Dieser “Antreiber” in uns ist der sogenannte “Innere Kritiker”, der uns erzählt, dass wir etwas tun müssen, um geliebt zu werden oder wertvoll zu sein.

Oft ist der Innere Kritiker schon seit unserer Kindheit präsent, weshalb wir ihn gar nicht mehr als etwas wahrnehmen, das ein Teil von uns ist. Wir sehen uns eher als einen “Sklaven unserer Selbst”.

Hierbei ist es wichtig, diesen Inneren Kritiker zu erkennen und uns ein paar Fragen zu stellen, z.B. “Lebe ich das Leben, dass ich leben möchte?” oder “Kann ich anderen etwas Positives bieten, wenn ich ständig unter Strom stehe?”

Es geht nicht darum, dir selbst oder deinem Inneren Kritiker (zwei unterschiedliche Teile deines Ich) zu kritisieren oder anderen einen Vorwurf zu machen. Wir müssen keinen Schuldigen finden, denn wichtig ist nur, dass wir jetzt etwas ändern. Das können wir tun, indem wir unsere Laune und unser Verhalten beobachten, sobald wir uns innerlich “getrieben” fühlen, weil wir z.B. den Wunsch haben, perfekt sein zu wollen.

“>Sei nett, sei brav, tu das, was andere wollen.< Ich kann es nicht mehr hören. Ich habe ständig das Verlangen, wie mit einem Fernglas danach Ausschau zu halten, wer jetzt wieder etwas von mir möchte und wie ich demjenigen gefallen könnte. Ich erkenne es, sobald ich dieses Verlangen habe und dann tue ich genau das Gegenteil davon. Wenn ich das Verlangen verspüre, jemandem zurückschreiben zu müssen, dann schalte ich mein Handy aus. Dann warte ich, was passiert. Schon kommt ein neues Verlangen auf: >Mach deiner Freundin etwas zu essen<. Das erkenne ich und dann frage ich sie, ob wir zusammen kochen wollen.”

5. Wir verpassen es Selbstmitgefühl praktizieren zu können.

Der Drang, die Gefühle und Bedürfnisse anderer erfüllen zu wollen, führt dazu, dass wir unsere eigenen nicht mehr wahrnehmen können. Umfassende Studien haben herausgefunden, dass Selbstmitgefühl und liebevoll uns selbst gegenüber zu sein, unser Wohlbefinden beeinflusst.

Die Studienleiterin Dr. Kristin Neff argumentierte ebenfalls, dass eine liebevolle Haltung uns selbst gegenüber uns dazu befähigt, unsere eigenen Fehler besser zu erkennen und daraus zu lernen.

In Bezug auf Selbstliebe beschrieb sie zwei weitere, wichtige Punkte: Achtsamkeit, durch die wir lernen, unsere Gedanken und Gefühle zu akzeptieren, ohne mit ihnen identifiziert zu werden, und ein Verständnis von Menschlichkeit, das besagt, dass wir uns selbst mit unseren Problemen nicht von anderen Menschen unterscheiden.

Diese drei Komponenten, Selbstmitgefühl, Achtsamkeit und Menschlichkeit, helfen uns zu erkennen, wer wir sind und was wir brauchen, ohne uns selbst dafür zu verurteilen. Wir können uns in Selbstmitgefühl und Achtsamkeit üben und dadurch lernen, dass es vollkommen in Ordnung ist, uns um uns selbst zu kümmern.

“Ich nehme mir täglich 20 Minuten. Diese 20 Minuten gehören ausschließlich mir. Ich gehe dazu immer mit meinem Hund an einen schönen Platz im Wald. Dann schließe ich meine Augen und achte auf meine Gedanken und Gefühle. Ich warte, was mir mein Kopf heute sagen möchte. >Du hast dich heute zu wenig um dein Kinder gekümmert< höre ich. Das sehe ich nicht so, aber ich erkenne den Gedanken trotzdem. Ich verspüre ein Gefühl von Angst, dass meine Kinder böse sein könnten. Ich sage mir >Du bist toll so, wie du bist. Ich liebe dich und meine Kinder tun das auch<. Nach 20 Minuten fühle ich mich einfach wundervoll und kann mit einem klaren Kopf wieder weitermachen.”

6. Selbstpflege steigert unsere Leistung.

Wenn Stress zu einer Gewohnheit wird, dann fühlt er sich normal an und wir werden sogar von ihm abhängig. Dadurch bauen wir uns einen Kreislauf auf, der für viele als etwas Besonderes und Wertvolles gesehen wird. In unserer Leistungsgesellschaft wird es gerne gesehen, wenn Menschen über 60 Stunden die Woche arbeiten und gleichzeitig noch mindestens vier Kinder erziehen.

Dieses Stresslevel ist kein möglicher Dauerzustand. Wir sollten unseren Blick ein paar Jahre weiter schweifen lassen und uns fragen, wie lange wir in dieser Weise noch weitermachen können. Stress führt zu massiven mentalen und körperlichen Beschwerden, die immer häufiger werden. Dadurch sind wir nicht mehr in der Lage unser Leben zu genießen, mal abgesehen davon, wie wir mit anderen umgehen, denn auch hier entstehen Konflikte, Spannungen und letztendlich Trennungen bzw. Scheidungen, da der Stress uns in einen Ausnahmezustand versetzt, in dem wir wortwörtlich nur noch an unser “Überleben” denken.

“Ja, es war eher ein überleben, als ein leben. Erst nach meinem vollständigen Zusammenbruch, der mir sechs Jahre meines Lebens in der Depression raubte, erkannte ich, dass nie jemand etwas dergleichen von mir verlangt hatte und ich trotzdem die Bedürfnisse jedes Menschen erfüllen wollte. Niemand wurde davon ausgeschlossen, selbst dem Postboten oder den Bedienungen im Restaurant habe ich teilweise Arbeit abgenommen, ohne es zu bemerken.”

7. Stress schädigt uns und den Menschen um uns herum.

Studien von “The Energy Project” fanden heraus, dass Angestellte, die sich nicht um ihre Selbstfürsorge kümmerten, z.B. weniger schliefen und Probleme damit hatten, sich auf eine Sache zu konzentrieren, da sie einfach abgelenkt werden konnten.

Der Leiter von “The Energy Projekt” schrieb: “Wenn wir unsere Bedürfnisse nicht an den Anfang stellen, dann sind wir nicht in der Lage, angemessen zu handeln und anderen gegenüber freundlich zu begegnen.”

Selbstfürsorge macht also nicht nur unser privates Leben besser, wir werden auch zu Arbeitern, die sich durch nichts mehr aus der Ruhe bringen lassen.

“Die bessere Selbstfürsorge überträgt sich auch auf meine Arbeit, ich mache da keine Unterschiede mehr. Ich stehe sowohl in meinem Privatleben, als auch in meinem Arbeitsleben an 1. Stelle und das wird sich nie wieder ändern.”

Es gibt genügend Gründe, weshalb wir uns selbst auch etwas geben in unserem Leben geben sollten. Wenn wir den Kontakt zu uns verlieren, die einzigartige Kraft, die Passion, die uns zu dem macht, wer wir sind, dann verlieren wir viel Lebenqualität.

Wenn wir uns Zeit nehmen für das, was wir brauchen und gerne tun, dann sind wir nicht nur für uns selbst und die Menschen um uns herum jemand, der sich wertschätzt, sondern trainieren auch das richtige Maß an Selbstfürsorge und Altruismus, sodass jeder etwas von unserer besonder Art mitnehmen kann.


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