Lass uns mal versuchen, das richtig gute Zeug viral gehen zu lassen

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Okay, also ich ziehe nach Holland. Aufgewachsen in der Schweiz, nach einem verrückten Abenteuer als freier Journalist in den USA, fange ich bei Blendle als leitender Redakteur für Deutschland an.

Ich werde ein Team von Redakteuren führen, das einen täglichen Newsletter für Blendle-Nutzer produziert, über redaktionelle Strategie nachdenken und nach neuen Wegen suchen, den weltbesten Journalismus an unsere Leser zu bringen.

Für alle, die Blendle nicht kennen: Die Gründer des niederländischen Start-ups nennen es gerne das „iTunes für Journalismus“ (ich würde da noch hinzufügen, dass das Design und die Nutzerführung unendlich viel besser ist). Auf ihrer Plattform findet man den besten Journalismus einiger der vertrauenswürdigsten Quellen der Welt. Wenn du darauf etwas lesen willst — aus dem SPIEGEL beispielsweise — brauchst du kein Abo. Du bezahlst nur für einzelne Artikel. Eine Story kostet zwischen 15 Cent für kürzere, bis etwa 35 Cents für längere Geschichten, und um die 80 Cent für tief gehende, lange Recherchen (die Verlage bestimmen den Preis selbst). Wer sich von einer Schlagzeile in die Irre geführt fühlt, erhält das Geld zurück. Heute, nur ein wenig über ein Jahr nachdem es gestartet ist, hat Blendle 400.000 Nutzer. Und das in Holland, einem winzigen Land.

Als Journalist finde ich das eine aufregende Idee. Ich glaube, Blendle ist ein einzigartiges Start-up mit einem tollen Team, einem großartigen Geschäftsmodell und smarten Investoren. Aber was mich am meisten überzeugt, ist die Mission.

Blendle will den weltbesten Journalismus für alle verfügbar machen.

Ihre Technologie verschafft einfachen Zugang zu Journalismus, der bisher in Bündeln von Papier oder hinter teuren Paywalls versteckt war. Und stellt sicher, dass ihre Hersteller bezahlt werden. Das ist eine Win-Win-Situation. Für Leser ermöglicht Blendle ein Medienmenü, das nicht nur aus werbefinanziertem, kostenlosem Zeug besteht. Für Medienmarken erlaubt es Blendle, für tiefe Recherchen entlohnt zu werden, genauso für eine herausfordernde Denke und packende Schreibe. Oder für diesen einen, nerdigen Artikel über das Joggen.

Die Anekdote über diesen Artikel war eine der ersten, die ich erzählt bekommen habe, als ich das Blendle HQ in Utrecht außerhalb Amsterdams besucht habe. In Holland gibt es dieses kleine Jogging-Magazin, „Runner’s World“, mit etwa 35.000 Abonnenten. An einem Tag vor ein paar Monaten war einem unserer Redakteure eine Geschichte daraus ins Auge gestochen. Eben diese nerdige Story über das Laufen und seine Effekte auf den Körper. Er entschied, das Stück im Newsletter mit unseren Lesern zu teilen. Daraufhin fing es auf Blendle an zu trenden. Bald verbreitete es sich auf anderen Netzwerken wie Facebook und Twitter. Dann passierte das gleiche erneut mit einem zweiten Stück. Dann mit einem dritten.

Innerhalb von wenigen Tagen erreichten die Artikel eine enorme Zahl von Menschen. Sie verbreiteten sich viral.

Die fröhlichen Geeks von Blendle, ein paar meiner neuen Kollegen.

Weil wir momentan noch keine genauen Lesezahlen bekannt geben, müsst ihr mir einfach vertrauen, dass sich die Stories zu einer weit höheren Zahl an Menschen verbreitet haben, als „Runner’s World“ abonnieren. Manche werden jetzt sagen, dass das täglich passiert im Internet. Doch das stimmt nicht. Normalerweise ist das Zeug, das sich verbreitet, kostenlos. Wer es gemacht hat, erhält Aufmerksamkeit. Und macht aus dieser Aufmerksamkeit Geld, in dem er neben das, was die Leute so fasziniert hat, Werbung platziert. Warum sollte man auch etwas teilen, wenn es hinter einer Paywall eines nerdigen Magazins steckt?

Die Antwort: Wenn sich diese Paywall nicht wie ein verdammter Stacheldraht anfühlt. Im erwähnten Falle wurde „Runner’s World“ entlohnt. Entlohnt für ihre Expertise und die gute Schreibe. Mit Geld. Geld von Menschen, die niemals eine Ausgabe des Magazins am Kiosk gekauft hätten oder möglicherweise nicht mal wussten, dass das Magazin existiert. Die aber diese Stories auf Blendle geliebt haben und den Artikel mit einem Klick kaufen konnten.

In Deutschland stehen wir noch ganz am Anfang. Jeden Morgen gegen sieben telefonieren wir und diskutieren über die Dinge, die wir in den Zeitungen und Magazinen gefunden haben. Wir haben die Titel aller wichtigen Verlage auf an Bord — DIE ZEIT, Süddeutsche und NEON sind nur einige davon — wöchentlich kommen neue hinzu. Nicht nur deutsche. Auf Blendle findest du auch internationale Titel wie The Economist, The Wall Street Journal oder The Washington Post.

Mein Team und ich haben den wohl coolsten Job Deutschlands: Auf der Suche nach diesem richtig guten Zeug ganz viel lesen.

Letzte Woche haben wir die Plattform für ein paar Hundert Nutzer geöffnet. Und sofort verbreiteten sich Blendle-Links auf Twitter. Noch im kleineren Stile, weil wir in der Beta-Phase sind. Aber diese bezahlten Geschichten verbreiten sich genau wie die kostenlosen. Wie Katzenvideos, von denen wir nicht genug bekommen. Wait But Why?-Geschichten. Oder das hier. Ich liebe all dieses Zeug. Aber lasst uns auch Dingen, die nicht mit Werbung finanziert werden, eine Chance geben. Hochwertige, einzigartige Recherchen, die dich smarter machen, dich besser informieren und deine Sicht auf die Welt verändern.

Lass uns mal versuchen, auch das richtig gute Zeug viral gehen zu lassen.

(Hier kannst du dich anmelden. Wir starten bald. Und übrigens: Wir haben globale Lizenzen.)

Lass mich wissen, was du denkst; über die Zukunft des Journalismus, die perfekte Leseempfehlung, oder worüber auch immer. Schick mir eine E-Mail: jarjour@blendle.com oder tweete @derjarjour.