Prellbock auf dem für die Zwischennutzung freigegebenen BASF-Areal (Foto Zukunft.Klybeck)

Nach der Syntheseplanung: Wie steht es um die Anliegen der Bevölkerung?

Matthias Bruellmann
Feb 21 · 7 min read

Klybeckplus hat den Synthesebericht zur Testplanung Klybeckplus publiziert. Da stellen sich für Zukunft.Klybeck zwei Fragen: Wie werden in dem Bericht die Anliegen der Bevölkerung behandelt? Und wie wird das offensichtliche Potential der Bevölkerung als Experten des Alltags in den weiteren Schritten genutzt?

Kurze Rückblende: Novartis und BASF benötigen grosse Teile ihrer Industrieareale im Klybeck nicht mehr. Sie streben einen Verkauf an, um eine neue Nutzung zu ermöglichen. Das geht natürlich nur zusammen mit dem Kanton und der Bevölkerung. Daher schlossen die beiden Konzerne im Mai 2016 mit dem Kanton eine Planungsvereinbarung (PDF) für das Areal ab.

Aber wie verwandelt man ein ausgedientes Industrieareal in ein blühendes Stadtquartier? Sind die in der Planungsvereinbarung genannten Ziele überhaupt erreichbar? Wie will die Bevölkerung?

Im November 2016 wurden vier namhafte Architekturbüros (Albert Speer + Partner, Frankfurt, Diener & Diener Architekten, Basel, Hans KollhoffArchitekten, Berlin, OMA (Office for Metropolitan Architecture), Rotterdam) mit einer Testplanung beauftragt. Sie sollten bis im Juni 2017 verschiedene Szenarien für die Entwicklung des Klybecks zu einem neuen, gemischt genutzten Stadtquartier vorschlagen. Im November 2017 wurde die Syntheseplanung abgeschlossen. Ende Januar 2019 wurde nun der Synthesebericht (PDF) publiziert.

Beteiligungsveranstaltung 3 (Pressefoto Klybeckplus)

Mitwirkung

Laut § 55 der Basler Kantonsverfassung bezieht der Staat die Quartierbevölkerung in seine Meinungs- und Willensbildung ein, sofern ihre Belange besonders betroffen sind. Insgesamt wurden drei Beteiligungsveranstaltungen und ein Informationsanlass durchgeführt; die Ergebnisse und Erkenntnisse der Beteiligungsveranstaltungen sind dokumentiert.

  1. Im Workshop am 24. September 2016, zwei Monate vor Beginn der Testplanung, gaben rund 150 Personen Ideen, Wünsche und Kommentare zur Entwicklung des Klybecks ein. Protokoll | Auswertung
  2. Am 17. Juni 2017 (PDF) wurden der interessierten Bevölkerung die Ergebnisse der Testplanung vorgestellt; die rund 180 Teilnehmenden konnten Feedback geben. Auswertung
  3. An der dritten Beteiligungsveranstaltung am 19. September 2017 (PDF) wurden die vorläufigen Erkenntnisse der Syntheseplanung vorgestellt; die rund 140 Teilnehmenden konnten diese kommentieren. Protokoll | Auswertung
  4. An der Informationsveranstaltung am 21. November 2017 wurde die abgeschlossene Syntheseplanung vorgestellt.

Diese Einleitung bringt uns zur Hauptfrage:

Wie sind die Anliegen der Bevölkerung eingeflossen?

Die Bevölkerung konnte sich — wie oben erwähnt — am 19. Septemeber 2017 zum Zwischenstand der Syntheseplanung äussern. Die wichtigsten Aussagen sind im Synthesebericht zusammgefasst aufgeführt (S. 77 ff). Sie betreffen die Themen Stadtstruktur, Freiraum, Nutzungen, Verkehr, Identitätsstiftende Merkmale und Weiterer Prozess. Diese Zusammenfassungen sind im folgenden unter den entsprechenden Zwischentiteln zitiert. Sie dienen als Checkliste für den Umgang der Planungspartner mit den Anliegen der Bevölkerung:

Aussagen der Bevölkerung zum Thema „Stadtstruktur”

Es ist deutlich zu machen, was mit einer baulichen Dichte von 3 .0 (AZ) gemeint ist. Die angestrebte bauliche Dichte verlangt nach grossen zusammenhängenden Frei- und Grünflächen. Der Klybeckplatz wird begrüsst. Der Charakter und die Ausstrahlung des Platzes sind zu schärfen. Genauer aufzuzeigen ist auch, wie der Platz trotz Verkehrsknotenpunkt eine gute Aufenthaltsqualität erreicht .

Dazu heisst es im Bericht:

Die Testplanung hat ergeben, dass für den gesamten Perimeter eine minimale Nutzungsdichte von 3 .0 (AZ) (= min . 900'000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche) angemessen ist. Um den Klybeckplatz und in den Arealen 1 und 2 ist eine überdurchschnittliche Dichte möglich.

Es bleibt unklar, was diese Nutzungsdichte bedeutet. Auch bleibt offen, wie die Widersprüche zum Beispiel beim Klybeckplatz zwischen hoher Verkehrsdichte und guter Aufenthaltsqualität aufgelöst werden könnten.

Aussagen der Bevölkerung zum ThemaFreiraum”

Es fällt auf, dass die Teilnehmenden keine klaren Vorstellungen von Freiraum haben. Der Begriff Freiraum ist noch nicht klar definiert. Es ist deutlich zu machen, welche Arten und Formen von Freiräumen angestrebt werden und welche Freiraumprinzipien wo zu finden sind. Zu schärfen ist ebenfalls die Freiraumachse . Dabei ist aufzuzeigen, wie diese zugleich als Tramachse und öffentlicher Freiraum funktionieren kann .

Ebenfalls unklar ist, wie im Bereich von Rhein und Wiese Freiraum und Bebauung aussehen sollen.

Eine Vergrösserung des Horburgparks wird begrüsst. Grundsätzlich sind grössere Frei- und Grünflächen an verschiedenen Orten notwendig.

Die Erkenntnisse zum “Freiraum” sind ausführlich und konkret beschrieben. Die offenen Punkte sind weitgehend geklärt.

Aussagen der Bevölkerung zum ThemaNutzungen”

Das Nutzungskonzept konnte kaum beurteilt werden. Es liegen zu wenige Angaben vor. Die Verteilung von Funktionen und Nutzungen ist aufzuzeigen . Die unterschiedlichen Nutzungszonen sind zu definieren und zu verorten (Wohnzonen, Gewerbezonen, 24h-Lärmzonen, Nachtnutzungszonen).

Ankernutzungen, wie städtisch relevante Leuchtturmprojekte im Bereich Bildung, Kultur und Freizeit sind festzulegen.

Es ist aufzuzeigen, wie und an welchen Standorten ein vielfältiges, etappierbares Nutzungsangebot realisiert werden kann (Mischnutzungen mittels kleineren Parzellen mit verschiedenen Investoren).

Es sind Aussagen zu treffen, wie günstiger Wohnraum realisiert werden kann. Gefordert wird, dass der Kanton Basel-Stadt Land erwirbt, um gemeinnützigen Wohnungsbau zu ermöglichen.

Eine Aufteilung der Wirtschaftsflächen in kleinere, durchlässigere Einheiten und ihre Zuteilung auf verschiedene Standorte erscheint notwendig.

Die Angaben zur Nutzung sind konkreter geworden. Die Idee einer 50'000 Quadratmeter grossen zusammenhängenden Wirtschaftsfläche wird verworfen. Jetzt sind es noch 30'000 Quadratmeter; die restlichen 20'000 sollen verteilt werden.

An der Mauerstrasse könnten verschiedene kulturelle Einrichtungen angesiedelt werden.

Die dringende Forderung nach einem 24-h-Quartier kann gemäss Bericht im Areal 1 Süd (Geviert zwischen Rhein, Horburgstrasse, Klybeckstrasse und verlängerter Mauerstrasse) eingerichtet werden. Die Rede ist von einem “Labor” zur Auslotung künftigen Stadtlebens. Was darunter verstanden wird und wie der Forschungsprozess in diesem Labor abläuft, lassen die Planungspartner offen.

Was den günstigen Wohnraum angeht, so gehen die Planungspartner von einem Anteil von mindestens 15 Prozent aus. Was “günstig“ ist, wird nicht konkretisiert. Eine Klärung wäre auch deshalb nützlich, weil etwa 30 Prozent der Basler Bevölkerung in irgendeiner Form Sozialhilfe beziehen. Es gibt auch keine Aussagen dazu, wie der Spagat zwischen hippen Wohn- und Arbeitsorten für die zahlungskräftige urbane Elite und denjenigen bewältigt werden soll, die notgedrungen oder aus Überzeugung ihren Konsum einschränken.

Aussagen der Bevölkerung zum ThemaVerkehr”

Das Verkehrskonzept folgt einem konservativen Ansatz. Gefordert wird eine innovativere Verkehrsplanung, die bereits jetzt auf künftige Trends eingeht und neue Formen der Mobilität fördert. Eine Reduktion des MIV ist anzustreben. Besser aufzuzeigen ist die Bedeutung der Verbindungsachsen Wiese–Klybeckplatz und Mauerstrasse für den ÖV, MIV und Langsamverkehr.

Hier bleibt es beim konservativen Ansatz bzw. bei dem, was wir heute schon kennen. Forderungen nach einem autofreien Quartier und nach alternativen Verkehrsinfrastrukturen wie Hängebrücken zwischen Hochhäusern und Kanäle werden nicht diskutiert.

Aussagen der Bevölkerung zum ThemaIdentitätsstiftende Merkmale”

Klar ist, dass bestehende Gebäude identitätsstiftend sind. Sie spiegeln den Industriecharakter des Gebiets wider. Als identitätsstiftend wird aber auch die Nutzung und Bespielung des öffentlichen Raumes verstanden. Auch die Zwischennutzung von Gebäuden unterstützen die Identitätsbildung .

Gewässer sind als identitätsstiftende Elemente zu verstehen und stärker in die Konzeption einzubeziehen.

Was heisst “identitätsstiftend” für wen in einem Gebiet, das für die Öffentlichkeit bisher gar nicht zugänglich war? Viele machen den Begriff an der bestehenden Bausubstanz fest. Ein klares Bekenntnis zum Erhalt von möglichst vielen der bestehenden Bauten fehlt jedoch. Bei “einigen” soll die Schutzwürdigkeit und Schutzfähigkeit abgeklärt werden. Das lässt alles bis zum totalen Abriss zu.

Klybeck — das Areal (Pressefoto Klybeckplus)

Wie wird das Potential der Bevölkerung weiterhin genutzt?

Dazu lautete die Rückmeldung aus der Bevölkerung folgendermassen:

Weiterer Prozess

Der Entwicklungsprozess ist aufzuzeigen. Im Prozess braucht es Innovation, Laborcharakter und eine kontinuierliche öffentliche Beteiligung aller Zielgruppen und Generationen.

Der Synthesebericht geht auf diese Forderung wie folgt ein (im Management Summary):

Die Planungspartner haben sich entschieden, die erfolgreiche Beteiligung der Phase 1 weiterzuführen. Nach der Definition der Arbeitspakete müssen die entsprechenden Formate, abgestimmt auf die Beteiligung im Rahmen des Stadtteilrichtplans, definiert werden. Im Prozess Stadtteilrichtplan sind drei übergeordnete Veranstaltungen zu den Themen Städtebau, Freiraum und Verkehr angedacht, bei denen die verschiedenen Planungen (u .a . Hafen- und Stadtentwicklung, Fokusgebiete Dreiländereck, ExEsso und Ex Migrol Areale, klybeckplus) im gesamten Perimeter berücksichtigt werden. Der Fokus der Beteiligung im Rahmen von klybeckplus liegt beim Teilprojekt Initialnutzungen und läuft parallel zu den anderen Formaten. Der Ausstellungsraum klybeckplus soll zukünftig auch als Anlaufstelle für Basel Nord dienen und die Planungen umfassend abbilden.

Ergänzend dazu teilten die Planungspartner Ende Januar mit: “Die nächste Beteiligungsveranstaltung wird voraussichtlich nicht vor Herbst 2019 stattfinden.”

Die für die Zwischennutzung freigegebenen Gebäude 106 und 104 (rechts — Foto Zukunft.Klybeck)

Fazit

Die Synthese wurde vor einem Jahr abgeschlossen. Warum der Bericht erst jetzt veröffentlicht wurde, ist ein Rätsel. Zumal die Synthese laut Planungsvereinbarung unverbindlich ist und informellen Charakter hat.

Ist der Bericht deswegen Schnee von gestern? Für die Bevölkerung sicher nicht. Die Beteiligungsveranstaltungen haben aufgezeigt, dass die Bevölkerung willens und fähig ist, sich im Entwicklungsprozess konstruktiv zu engagieren. Die Mitwirkungsveranstaltungen haben viele ganz konkrete Vorschläge, Wünsche, Ideen und Befürchtungen hervorgebracht. Diese müssten nun vertieft bearbeitet werden. Günstiger Wohnraum, öffentliche Schwimmhalle, Kultur- und Gemeinschaftszentren, Plätze, alternative Wohn- und Arbeitsformen, umweltverträgliche Mobilität, 24-Stunden-Ort — wie geht das genau?

Die Behörden haben letztes Jahr verschiedene Vertiefungsstudien durchgeführt oder führen sie durch. Die Bevölkerung wurde bei diesen Arbeiten nicht einbezogen. Wie weit ihre Anliegen vertieft untersucht wurden, ist daher unklar. Diese bleiben aktuell. Ebenso die Forderung, die Bevölkerung bereits in die Planung der weiteren Mitwirkung einzubeziehen.

ZukunftKlybeck

Klybeck ist ein 40 Fussballfelder grosses Areal in Basel. Bis jetzt wurde es von den Firmen BASF und Novartis gebraucht. Diese benötigen es nicht mehr. Deshalb soll hier ein neuer Stadtteil entstehen. ZukunftKlybeck engagiert sich für die Mitwirkung der Bevölkerung.

Matthias Bruellmann

Written by

Ex-journalist and public servant — special interest in political participation. Co-Founder of Zukunft.Klybeck (https://zukunftklybeck.ch)

ZukunftKlybeck

Klybeck ist ein 40 Fussballfelder grosses Areal in Basel. Bis jetzt wurde es von den Firmen BASF und Novartis gebraucht. Diese benötigen es nicht mehr. Deshalb soll hier ein neuer Stadtteil entstehen. ZukunftKlybeck engagiert sich für die Mitwirkung der Bevölkerung.

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