Busyness ≠ Business: Wie wir leben

Teil 2 von 2



Deine Aufmerksamkeit ist deine Realität

Wir haben fast nichts unter Kontrolle. Ich kann auf meine Gesundheit Einfluss nehmen durch Ernährung, Bewegung und eine positive Geisteshaltung, aber letztendlich ist immer etwas Glücksspiel dabei. Meine Aufmerksamkeit ist einer der wenigen Dinge, über die ich voll und ganz verfüge. Jeder läuft mit seiner persönlichen Filterbrille durch die Welt. Welche Inhalte sollen mein Leben und Denken bestimmen? Der Pförtner zur Auswahl dieser Inhalte ist die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit lenken zu können. Meine Realität ist, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Der Philosoph Arthur Schopenhauer beschrieb diesen Umstand, dass “bei gleicher Umgebung jeder doch in einer anderen Welt lebt.”

Ändere die Perspektive entsprechend deinen Vorstellungen eines “guten” Lebens. Damit meine ich nicht, alles schönzureden. Niemand braucht Illusionen. Es wird Zeit, diesen gedanklichen Muskel zu trainieren, damit wir wieder Herr (oder Herrin) im eigenen Haus werden.

Be water, my friend.

Ich stelle mir gerne vor, dass ich am Tagesanfang mit einem vollen Glas Aufmerksamkeit aufwache. Jegliche Beschäftigung kostet tröpfchenweise ein Stück meiner Konzentration. Manchmal ist das Glas schon um drei Uhr Nachmittags leer, weil ich mich in den Untiefen von Sinnlosinhalten verloren habe. Daher die Frage: “Ist es dieses Panda-Video auf Facebook wirklich wert, dass ich heute Abend beim Essen mit Freunden geistig nicht mehr voll da bin?”

“Vielleicht gewinne ich ja beim nächsten Mal?”

Apps sind nicht das Rückgrat unserer Gesellschaft

Viele Anwendungen auf unserem Homescreen spielen eine wichtige Rolle in unserem Leben. Stell’ dir vor, wie es wäre, wenn wir kein Google Maps hätten? Kein WhatsApp, Netflix, Spotify, Wikipedia oder YouTube. Diese Werkzeuge haben einen riesigen Nutzen und sind eine Bereicherung, solange wir sie kontrollieren. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass dahinter private Unternehmen mit Profitabsichten stehen.

“Aufgrund der ausschließlichen Finanzierung über Werbeeinnahmen ist Facebook weniger daran interessiert, die Nutzer ausgewogen zu informieren, als vielmehr sie möglichst lange auf der Seite zu halten. Und dieses Engagement funktioniert nachgewiesenermaßen besser über Inhalte, die Emotionen ansprechen — selbst wenn es Wut ist. Oder über Dinge, die krasser sind als das, was ich sonst so zu sehen bekomme.”
Axel Maireder, Leiter des Social Media Forschungszentrum der GfK in Wien im Interview mit der brandeins, Ausgabe Mai 2017.

Unsere Verweildauer ist der Saft, mit dem die Werbemaschinerie läuft. Dafür gibt es sogenannte Attention Engineers, die sich aus der kompletten Trickkiste des Glücksspiels bedienen. Dazu gehören auch Designer. Diese Berufe sorgen dafür, dass wir erstmals so etwas wie einen digitalen Juckreiz ausbilden konnten. Das Unbekannte übt auf uns einen großen Reiz aus — vielleicht verpassen wir gerade etwas wichtiges? Das merkst du an dem unterschwelligen Kribbeln in dir, sobald ein kleiner roter Kreis an der Ecke des App-Symbols erscheint. Wie ein kleiner Schmutzfleck ist er ständig im Blickfeld, nur damit wir die App öffnen und uns endlich von der Benachrichtigung befreien können.

“Autopilot, bitte übernehmen Sie.”

Vertraue deinem Autopiloten

Archimedes war ein griechischer Mathematiker, Physiker und Ingenieur. Vor etwas über 2000 Jahren lag er gedankenverloren in der Badewanne. Wie vom Blitz ergriffen kam ihm die Lösung zu einem Problem, was später das Archimedische Prinzip begründete. Nackt und noch nass tropfend sei er damals durch die Straßen gerannt und habe “Heureka! Heureka!” gerufen: “Ich habe es gefunden!”

“Heureka!” (Ich habe es gefunden!)

Der rettende Einfall kommt meistens, wenn es am wenigsten erzwungen wird. Das Unterbewusstsein arbeitet weiter an Problemen, obwohl wir uns nicht aktiv damit beschäftigen. Nicht umsonst gibt es vor wichtigen Entscheidungen den weitverbreiteten Rat, man solle “eine Nacht darüber schlafen.”

Die Langeweile ist quasi ausgemerzt, dadurch dass eine aufregende Welt nur noch einen Griff zum Smartphone entfernt liegt. Wenn wir uns mit ständiger oberflächlicher Beschäftigung davon abhalten, in uns zu kehren, so kündigen wir unserem inneren Kompass. Lassen wir ihn die Arbeit machen. Autopilot, bitte übernehmen Sie.

“Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken.”
Friedrich Nietzsche in “Menschliches, Allzumenschliches” (1878)
Treffen sich zwei Fische. Sagt der eine: “Na, wie ist das Wasser?” Fragt der Andere: “Was ist Wasser?”

Wie merke ich, wenn ich unaufmerksam bin?

Wie soll man merken, dass man unaufmerksam ist, wenn man unaufmerksam ist? Es führt nichts darum eine eigene Achtsamkeitspraxis zu entwickeln. So kann ich mich bewusst dabei ertappen, wenn die Technik mich benutzt. Meditation ist sicherlich ein guter Weg. Das ist die Fähigkeit, sich selbst beim Denken beobachten zu können — und dabei nicht wertend zu sein. Es kann hilfreich sein, über den Tag verteilt Statuschecks einzuführen. Anfangs meinetwegen mit einer Erinnerung im Smartphone. Wie atme ich gerade? Wie ist meine Haltung? Was passiert um mich herum? Benutze ich die Technik oder werde ich benutzt?

Geschäftigkeit wird als Indikator für Produktivität benutzt. Wie viele Aufgaben konnte ich heute abhaken? Wurde jede Mail beantwortet? Es mag naheliegend sein, unseren Posteingang als To-Do-Lieferant zu sehen, um Tasks adhoc abzuarbeiten. Dabei verlieren wir jedoch schnell den Fokus auf die Substanz unseres Schaffens. Niemand bekommt mit dem neuesten iPhone eine Gebrauchsanleitung, in der erklärt wird, wie wir unser Telefon in Gesellschaft verwenden oder was das mit unseren Gehirnen macht.

“Either you’re the creator or you’re the audience. Either you’re waiting your turn or you’re taking it.” — Seth Godin

Nutze Technik mit vollem Bewusstsein. Die Digitalisierung birgt für uns viele Chancen. Kannst du der Versuchung widerstehen, in jedem Moment von einem Gerät abhängig zu sein? Finden wir es heraus, wir sind es uns schuldig.


Diese Artikelserie ist eine Zusammenfassung meines Talks vom Design Festival Bern am 6. Mai 2017. Speakeranfragen nehme ich gerne über meine Website entgegen.