Busyness ≠ Business: Wie wir arbeiten

Teil 1 von 2

Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung meines Talks vom Design Festival Bern am 6. Mai.

Klingelnde iPhones und zwitschernde Timelines: Unterhaltung war nie günstiger, hat aber ihren Preis. Auf dem Spiel steht die Qualität deiner Arbeit. Geschäftigkeit wird zum Indikator der Produktivität. So wird aus deinem Business zunehmend ein “Busyness” mit langfristigen Konsequenzen. Ein Plädoyer für weniger Oberflächenbeschäftigung. Dein Ansporn für mehr Herzblut und Fokus auf die Substanz unseres kreativen Schaffens.


Digitales Maß

Ich möchte nicht die Errungenschaften unserer modernen Welt schlechtreden. Sehe ich mich in der Welt um, dann sehe ich Menschen, die sich mit Bildschirmen von der Außenwelt isolieren — der Ursprung von Wortkreationen wie dem Smombie. Aus diesem Grund hat die Stadt Augsburg an Tramstationen Ampellichter im Boden installiert, weil die Menschen gedankenverloren über die Schienen eilten. Technik ist bereichernd, wenn wir sie wie mit vollem Bewusstsein benutzen. Ein Glas Bordeaux auf der Couch kann wunderbar sein. In vollem Genuss und ganz bei der Sache. Sobald ich jedoch Schnaps auf der Arbeitstoilette verstecke habe ich ein Problem — und wieviel Leute nehmen ihr Smartphone mit auf die Toilette?

Schlafen ist wie arbeiten

Damit meine ich nicht, dass wir bei der Arbeit schlafen sollten oder beim Schlafen arbeiten sollten. Wer bedeutungsvolle Kreativarbeit leisten möchte, sehnt sich nach Flow. Nach Csíkszentmihályi ist das ein “beglückend erlebtes Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit.

Genau wie erholsamer Tiefschlaf vorangegangene leichte Schlafphasen erfordert, so bewegen wir uns durch leichte Arbeitsphasen, bis wir im Flow-Zustand florieren. Niemand kann auf Knopfdruck komplexe Probleme lösen.

Foto: Benjamin Child

Das Büro

Wir mieten eine teure Fläche in zentraler Lage. Anschließend möbelieren wir diese Fläche für noch mehr Geld. In diesem Raum sollen Mitarbeiter jeden Tag ihre beste Arbeit erledigen. Fragt man Menschen jedoch, wo ihre besten Ideen enstehen, dann ist die Antwort selten “das Büro.” Ich befürworte keine full-remote Unternehmenskonzepte, aber für bestimmte Phasen eines Projektes ist die ortsunabhängige Arbeit ein Bonbon für Qualität und Produktivität. Wer in seinem Unternehmen kein Home Office erlauben möchte (“wegen den vielen Ablenkungen zuhause”), traut seinen Mitarbeitern wenig Selbständigkeit zu. Remote arbeiten ist nicht das Problem.

Jeweils 60 Minuten.

Eine Stunde ist nicht eine Stunde

Öffne deine Kalender-App und scrolle durch die letzten paar Wochen. Wie sahen deine Tage aus? Hattest du öfters längere Zeitabschnitte nur für dich und deine Problemlösung? Stille 60 Minuten ohne Unterbrechung? Oder bist du in 15-Minuten-Blöcken durchgetaktet? Hüte dein Kalender, du musst nicht in jedem Meeting sein.

Aktive und passive Kommunikation

Heutzutage arbeiten wir oft in Großraumbüros. Kurze Kommunikationswege, flache Hierarchien, spontane Kollaboration. Das führt dazu, dass wir uns ständig mit kurzen Fragen und Geplauder beschäftigen. Wir sind eben menschlich, wir unterhalten uns! Wenn in einem Büro nie Regeln aufgestellt werden für die Zusammenarbeit, dann führt das dazu, dass wir immer wieder aus einem Gedankengang gerissen werden.

Beispiele für aktive Kommunikation: “Hey, ich habe dir gerade die E-Mail wegen dem Ding da weitergeleitet”, “Weißt du gerade wo das Druckerpapier ist?”, “Heute Mittag Thailänder?”

Beispiele für passive Kommunikation: E-Mail und Messenger-Apps. Diese können ebenfalls ablenkend sein. Ich entscheide jedoch, wann ich diese Ablenkung erlauben möchte.

Die eine Form ersetzt nicht die andere und das ist auch gut so. Wir brauchen jedoch klare Regeln, damit sich Mitarbeiter auch zurückziehen können, um konzentriert arbeiten zu können. Wir brauchen eindeutige Signale, wann jemand unterbrechungsfrei arbeiten möchte.

“Wir müssen uns auf das Machen besinnen. Wir müssen es bewusstmachen und bewusst machen.” — Otl Aicher