Wenn die Chefredaktion mit den Trollen in den Ring steigt — und die Kommentarkultur gewinnt

Eine Live-Debatte mit den Nutzern zum Thema Leserkommentare und was wir daraus gelernt haben.

Summary:

  • Wir haben ein Trollproblem bei t- online.de
  • Wir haben uns entschieden, das Thema aus den Kommentarspalten ins Rampenlicht zu heben und es live mit unsere Nutzern zu diskutieren
  • Leser konfrontierten zwei Mitglieder der Chefredaktion (Sascha Hornung und Axel Schrüfer) und zwei Redakteure (Julian und ich) zwei Stunden lang mit Fragen, Vorwürfen, Verschwörungstheorien, Lob und Lösungsvorschlägen.
  • Die Chefredaktion hatte die Gelegenheit, die Argumente der Problem-Kommentatoren zu kontern und ihre Haltung vor einem großen Publikum zu verteidigen.
  • In Zahlen: 21.000 Leser, 1800 Kommentare, über 6000 Voting-Teilnehmer, fast 12 Minuten Verweildauer pro Leser.
  • Ergebnis: Wir haben unsere Kommentatoren noch besser kennengelernt und sind enger mit den Nutzern zusammengerückt. Und: Wir wissen jetzt, wie die Leser das Trollproblem lösen würden — an unserer Regelung für die Kommentare arbeiten wir noch.

Eine Online-Debatte, wie wir sie vergangenes Jahr für uns erfunden haben, ist immer ein Sprung von der Klippe. Der CvD stellt den Teaser live und die Fragen und Meinungen der Nutzer perlen herein. In diesem Fall sind sie herein gerast: über 1800 Leserbeiträge wurden in 120 Minuten abgegeben. Wir haben es geschafft, 67 davon stellvertretend zu thematisieren.

Wir hatten das heißeste Eisen der Community von t-online.de angefasst und unsere Nutzer gefragt: Wie sollen wir mit dem Trollproblem umgehen? Eine Live-Debatte mit unseren Nutzern, moderiert von zwei Redakteuren, im Zentrum zwei Mitglieder der Chefredaktion: Sie sollten die Fragen der Leser beantworten, den Zorn vieler Kommentatoren kanalisieren und im Idealfall zusammen mit ihnen eine Lösung erarbeiten.

Sascha Hornung (vorne) und Axel Schrüfer bei der Live-Debatte

Kurz zuvor waren wir gezwungen gewesen, die meisten unserer Artikel für Kommentare zu schließen, weil wir dem Ansturm der unsachlichen, gewaltverherrlichenden und rassistischen Meinungen nicht mehr Herr geworden sind. Bei 15.000 bis 20.000 Kommentaren pro Tag und Trollen, die selbst Umwelt-Themen für ihre Anti-Islam-Hassbotschaften kapern, war das nicht mehr zu stemmen.

Was wir von der Debatte gelernt haben:

Wir haben unsere Nutzer noch viel besser kennengelernt. Ergebnis: Die Kommentatoren zerfallen in sieben Gruppen, die alle zu Wort kamen:

  1. Die Eiferer, die glauben, sie hätten wegen der Meinungsfreiheit das Recht, alles zu verbreiten und zwar überall dort, wo sie wollen. Wenn ihre rassistischen Tiraden oder Aufrufe zu Gewalt gelöscht werden, ist das für sie Zensur und das Ende der Demokratie.
“Sie können sich ja auch nicht ohne Weiteres auf den Balkon Ihres Nachbarn stellen und Brandreden halten.” Sascha Hornung, Chefredaktion t-online.de

2. Die Trolle, die einfach nur beleidigen und provozieren möchten.

Sorry, keine Plattform für Euch

3. Die Thrill-Seeker, die Spaß an der Provokation haben, aber akzeptieren, dass es auch eine rote Linie gibt.

4. Die Rassisten/Verschwörungstheoretiker/Hassredner, die wirklich nicht merken, dass sie welche sind.

5. Die Hardliner, die Kommentare überall abschaffen würden.

6. Diejenigen, die das Kommentieren und Löschen als einzige Möglichkeit verteidigen

7. Die Pragmatiker, die eine konkrete Lösung vorschlagen.

Was uns die Debatte gebracht hat:

  • Die Gelegenheit, die eigenen Argumente endlich mal nicht als Verlautbarung unter die Nutzer zu bringen - sondern in einer Diskussion auf Augenhöhe.
  • Wir haben in einer innovativen Form die Chefredaktion unmittelbar mit den Nutzern zusammengebracht.
  • Die Chefredaktion konnte sich mal wieder ins Tagesgeschäft stürzen — und hat zum ersten Mal live gebloggt.
  • Wir haben einen Haufen Ermutigung und Rückendeckung von Nutzern aus allen Lagern bekommen, die dankbar waren, das Thema auf höchster Ebene diskutieren zu können.
  • Und tatsächlich haben wir eine genaue Vorstellung gewonnen, wie die Nutzer selbst das Problem lösen würden (an diesem Voting zum Beispiel haben über 4000 Personen teilgenommen).

Manchmal, ja manchmal weiß man auch nicht mehr, was man antworten soll:

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