Trendexpedition UK (1): Manchester

Ende Januar war ich eine Woche in England unterwegs. Und ich habe mich dort nicht nur mit Nudging auseinandergesetzt, sondern auch das Land genossen und viele Eindrücke gesammelt. Einige davon, die sich auf Innovationen und die Zukunft beziehen, möchte ich hier teilen (und damit auch die schon auf Instagram und Twitter geposteten Erlebnisse etwas ergänzen). In diesem ersten Post widme ich mich den Eindrücken aus Manchester, in einem zweiten Post später diese Woche dann Beobachtungen aus London.

1. City of Firsts

Mitte des 19. Jahrhunderts proklamierte der damalige britische Premierminister Benjamin Disraeli: “What Manchester does today, the rest of the world soon follows” und verglich die Errungenschaften Manchesters für die Menschheit mit denen Athens. Die glorreichen Zeiten der Industrialisierung von “Cottonopolis” sind inzwischen lange vorbei, aber es war beeindruckend zu sehen, wie viel Innovationskraft Manchester seit damals dennoch aufrechterhalten hat.

Im Museum of Science and Industry geht es mitnichten nur um Webstühle, Dampfmaschinen und Eisenbahnen. In Manchester stellte auch James Dalton seine Atom-Theorie auf, und Ernest Rutherford spaltete das erste Atom an der University of Manchester. Ebenfalls an der Uni wurde kurz nach dem 2. Weltkrieg der erste Computer mit einem gespeicherten Programm, Baby, entwickelt. Einen Nachbau dieses Computers kann man im Museum in Aktion besichtigen.

Links: Nullen und Einsen, noch sichtbar als Welle. Rechts: Baby in seiner Gesamtheit, im Vordergrund ein heutiger Computer in seiner Gesamtheit

Aber auch im Textilienbereich kommen aus Manchester heute noch Innovationen. Ein Anti-Schweiß-Hemd mit “SmartWeave-Technology” wurde von Studenten in Manchester entwickelt. Ebenfalls an der Uni entwickelt wurde ein biologisch abbaubarer Stoff aus Nanofasern, mit dem verletzte Sehnen im Körper schneller wieder zusammenheilen können. Und dann sind da natürlich all die Textilinnovationen, die die besonderen Eigenschaften des Nano-Kohlenstoffs Graphen verwenden und damit ihren Ursprung in Manchester haben.

2. National Graphene Institute

Viel mehr als das Gebäude bekam ich vom National Graphene Institute leider nicht zu sehen.

In Manchester befindet sich nämlich das National Graphene Institute, die wahrscheinlich weltweit führende Forschungsanstalt für alles, was mit dem nur wenige Atome schmalen “2D-Material” zu tun hat. Eine Blitzrecherche in meinem Archiv nach Innovationen aus Manchester kurz vor meiner Abreise machte das sehr deutlich. Die Forscher aus Manchester haben ihre Finger im Spiel bei der Erzeugung unbegrenzter sauberer Energie, haltbareren, flexibleren Laufschuhen, einem beim Atmen die Farben wechselnden Kleid, und bei einem Sieb, mit dem Meerwasser trinkbar gemacht werden kann.

Leider blieb diese Cutting-Edge-Forschung für mich hinter verschlossenen Türen. Meine E-Mail-Anfrage nach einem Besuchstermin im Institut blieb unbeantwortet, und die freundliche Pförtnerin dort konnte mir leider auch nicht helfen: “Key-card access only!” Außerdem wären in dieser Woche alle sehr beschäftigt. Ähnlich wurde ich auch im University of Mancheste rInnovation Center abgewiesen, wo einige der kommerziellen Graphene-Spin-of-Startups hingezogen sind. Sie seien leider momentan “short-staffed”, und ohnehin könne man mir natürlich nicht zeigen, was die Mieter in den Räumen des Inkubators anstellen. Schade.

3. Google Digital Garage

Ganz anders wurde ich empfangen, als ich außerhalb von Manchesters universitärem Innovation District eher zufällig über die “Google Digital Garage” stolperte. Ich hatte keinen Termin und offenbar waren gerade auch mehrere Schulungen im Gange, trotzdem wurde mir alles gezeigt und erklärt, ich durfte Fotos machen (Hashtag #digitalgarage!) und mich am Magic Piano austoben, das daraufhin Informationen über Manchester präsentierte.

Die Google Digital Garage in Manchester ist eine von nur drei solchen Einrichtungen weltweit. Alle drei befinden sich in den UK (in Sheffield, Birmingham und Manchester), wo das Konzept zunächst mit einem Piloten in Pop-Up-Stores getestet wurde, und dann an diesen drei Orten in feste Schulungsräume zog. Inzwischen wird aber schon wieder eine neue Ausweitung des Programms getestet, mit einem Workshop-Bus, mit dem die Seminare auch in kleineren Städten durchgeführt werden können. Übrigens lernt man in den Kursen nicht nur Google-Produkte kennen. Der Social Media-Kurs dreht sich, wie mir die Google-Mitarbeitern erzählte, selbstverständlich nicht um GooglePlus, sondern eher um Facebook und Instagram. Beeindruckend.

4. Robots Exhibition

Beeindruckend war auch die Spezialausstellung zu Robotern im Museum of Science and Industry. Die Ausstellung gliederte sich in fünf Teile.

Im ersten Abschnitt, Marvel (1570–1800) wurde die frühe Anfangsphase dargestellt, als man anfing, den menschlichen Körper mit mechanischen Apparaten zu vergleichen, und mit uhrwerks-ähnlichen Mechanismen Puppen und Figuren zu menschenähnlichen Bewegungen animierte, um damit Gläubige (in Kirchen) oder Gäste (bei reichen Leuten) zu beeindrucken.

Der zweite Abschnitt, Obey (1800–1920) setzte sich mit der ersten Welle der Automatisierung auseinander, als Maschinen das erste Mal in Konkurrenz zu menschlicher Arbeitskraft traten. Dieser Teil der Ausstellung war leider der bei weitem kürzeste; gerade in Manchester, Geburtsort der Industrialisierung und Hochburg der Arbeiterbewegung, hätte ich mir hier mehr gewünscht.

Do android DREAM of electric men, too?

Von dort ging es in zwei parallelen Abschnitten weiter: Dream (1920–2009) präsentierte die Darstellungen von Robotern und künstlicher Intelligenz durch die Dekaden des 20. Jahrhunderts in Film und Popkultur. Build (1940–heute) hingegen bestand aus riesigen Exponaten, die die Entwicklung der Robotertechnik vom Beginn des 20. Jahrhundert, als Roboter noch eher statische, und nur menschenähnlich anmutende Blechkästen waren, hin zu (Teil-)Robotern, die Inspiration bei der Anatomie echter menschlicher Bewegung suchten.

BUILD: Früher breite Alu-Schultern, heute breite Kinect-Vision

Im letzten Teil, Imagine (2000-???), fanden sich moderne Roboter, die die Bandbreite der verschiedensten Funktionen, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz und moderner Kybernetik heute denkbar sind, abbilden. Man trifft auf REEM, der die Ausstellung erklärt, Robo-Pflegerin Robina, Robo-Thespian, der eine beeindruckende Gestik und Mimik an den Tag legt, iCub, das lernt wie ein Kind, Kodomoroid, die aussieht wie ein Mensch und Nachrichten vorliest und Telenoid, der aussieht wie ein gruseliges Alienbaby, aber den Platz von Freunden einnehmen soll, die aus der Ferne mit uns kommunizieren, Kaspar, der ebenfalls eher aussieht wie eine Mischung aus Jason und Chucky der Mörderpuppe, aber autistischen Kindern helfen soll, stressfrei einfache Interaktionen zu erlernen, Yumi und Baxter, die zunehmend komplizierte Aufgaben in Fabriken übernehmen können, un auch alte Bekannte wie die schnippische Rezeptionistin Inkha und die Roboter-Gefährtin Pepper.

Hallo, Futurama! (Robina & Toyota HRS)
Down into Uncanny Valley (Komodoroid, Kaspar, Telenoid)

5. humansbeingdigital

Ein schönes Vergleichsprogramm zur Roboterausstellung im Museum of Science and Industry war die Sonderausstellung humansbeingdigital im Lowry in den Salford Quays. In dieser werden mit neun künstlerischen Exponaten die Beziehung zwischen Menschen, Emotionen, Maschinen und Digitalität beleuchtet.

Vier Exponate haben für mich diese Beziehung besonders interessant dargestellt. Direkt am Eingang der Ausstellung steht die “Machine with Hair Caught in It”. Es ist genau, wonach es klingt: Eine Menge sich drehender Zahnräder, aus denen Haarsträhnen wachsen, deren Enden wiederum in den Zahnrädern eingeklemmt sind. Die Räder drehen sich, die Haare werden mal weiter reingezogen, dann wieder freigelassen. Ein sehr verstörender Anblick.

Etwas mehr in der Ecke findet man ein Buch auf einer Kommode und daneben einen Bildschirm, Lady Chatterley’s Tinderbot. Das Buch wie auch der interaktive Screen zeigen Unterhaltungen, die auf Tinder zwischen echten Menschen auf der Suche nach einem Date und einem Bot stattgefunden haben, der nur Zeilen aus dem Liebesroman Lady Chatterley’s Lover rezitiert.

Ein bisschen wirkt es, als wären am anderen Ende auch Bots…

Teilweise ganz amüsant, eigentlich ganz schön gemein, und insgesamt bei weitem leider nicht so gut wie das vergleichbare, vor kurzem erschienene Digital-Real-Kunstwerk “Die cops ham mein handy”.

Im hinteren Teil der Ausstellung befindet sich ein dunkler Raum mit einer ganzen Reihe Bildschirme, das Exponat “Backdoored.” Vor dem Raum ist eine Überwachungskamera angebracht, und wenn man den Raum betritt, kann man auf einem der Bildschirme sich selbst ein paar Sekunden vorher vor der Kamera entdecken. Die anderen Bildschirme zeigen ganz verschiedene Szenen: einen Park, eine Garage, mehrere Wohnzimmer, einen Flur, einen Garten.

In der Beschreibung des Exponats erfährt man: alle Bildschirme zeigen die Inhalte ungesicherter Webcams aus ganz England, deren Besitzer sich höchstwahrscheinlich nicht bewusst sind, dass das Bild ihrer Kamera in alle Welt, insbesondere in eine Kunstaustellung in Manchester, gestreamt wird. Dystopisch und bedenklich.

Den letzten Ausstellungsraum, das ich hier vorstellen möchte, konnte ich gar nicht vollständig besichtigen. “A Hipster Bar” verteilt kostenlose Getränke an Hipster. Für Nicht-Hipster bleibt die Tür allerdings verschlossen. Wer Hipster ist, entscheidet automatisch ein Algorithmus, der mit tausenden Fotos von echten Hipstern (natürlich von Instagram) gefüttert wurde und durch Bilderkennungssoftware jetzt jedem, der vor die Kamera-Tritt, einen Hipster-Score zuweisen kann. Wer mehr als 90% Hipster ist, darf eintreten, der Rest muss draußen bleiben. Mein glorreicher, nicht völlig überraschender Score: 16,8%. Ups.

BONUS: Northern Quarter

Zum Glück hat der Algorithmus mich nicht an die Ladenbesitzer im hippen Northern Quarter von Manchester verpetzt, dort gibt es nämlich eine Reihe spannender Geschäften von und für Künstler, Designer und Nerds. Mein Spezialtipp für Design-Fans und Innovateure in Manchester zum Abschluss: der Magma-Buchladen. Hätte ich nicht noch weiterreisen müssen, hätte ich dort gerne den halben Laden leergekauft.