Zeitgemäße Prüfungsformate für den Distanzunterricht

Von Ricarda Dreier, Axel Krommer, Björn Nölte und Oliver Schmitz

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Der folgende Text ist ein Beitrag zur Diskussion über Prüfungsformate, die auch im Distanzunterricht funktionieren. Er bezieht sich auf den Deutschunterricht und zum Teil sehr explizit auf die schulrechtlichen Grundlagen in NRW, richtet sich jedoch prinzipiell an alle, die über zeitgemäßes Lernen und Lehren nachdenken. Dieser Text ist eine Überarbeitung unserer ersten Fassung und nimmt das ausführliche Feedback von Fachkolleg:innen, Fachleiter:innen und sogar Fachberater:innen des Faches Deutsch auf.

Eine im Volltext kommentierbare Version des Textes ist hier zu finden. Alle, die sich kritisch-konstruktiv in die Debatte einbringen möchten, sind weiterhin herzlich zur Mitarbeit eingeladen. Es gibt noch viele offene Fragen.

Das Problem

Seit den Sommerferien ist das Distanzlernen in NRW Distanzunterricht.

Was auf den ersten Blick wie eine unbedeutende begriffliche Korrektur aussehen könnte, hat gravierende Konsequenzen: Denn durch die „Zweite Verordnung zur befristeten Änderung der Ausbildungs- und Prüfungsordnungen gemäß §52 SchulG“ wurden Präsenz- und Distanzunterricht zu gleichwertigen Unterrichtsformen erklärt. „Gleichwertig“ bedeutet z.B., dass sich die Schulpflicht auch auf den Distanzunterricht erstreckt und dass Leistungen, die dort erbracht werden, in die Bewertung eingehen müssen.

Diese Gleichwertigkeit endet jedoch im Bereich der (schriftlichen) Leistungsüberprüfungen. Denn in der gerade erschienenen Handreichung zur lernförderlichen Verknüpfung von Distanz- und Präsenzunterricht heißt es zunächst sehr deutlich:

„Klassenarbeiten und Prüfungen finden in der Regel im Rahmen des Präsenzunterrichts statt.“ (Handreichung 2020)

Die Corona-Krise mag dazu beigetragen haben, bislang Selbstverständliches zu hinterfragen, innovative Perspektiven zu eröffnen und Schulentwicklungsprozesse voranzutreiben. Im Hinblick auf die institutionell verankerten Beharrungstendenzen des Prüfungswesens erweist sie sich jedoch als ziemlich unwirksam: Prüfungen sollen weiterhin unter strenger Aufsicht, in Einzelarbeit, handschriftlich, offline und weitgehend ohne Hilfsmittel geschrieben werden. Punkt.

Für diese Form der Prüfung, die oft als alternativlos gilt, bietet der Präsenzunterricht den traditionellen Rahmen, in dem die notwendigen Kontrollmaßnahmen besonders gut zu realisieren sind (vgl. hierzu Lauer/Demantowsky 2020).

Wenn man versucht, die präsentischen Kontrollstrukturen 1:1 auf den Distanzunterricht zu übertragen, entstehen beängstigende Szenarien, die man momentan an den Hochschulen beobachten kann, wo Studierende durch Proctoring-Dienste wie Examity während der Prüfung per Webcam, Mikro, Tastaturabfrage etc. vollständig überwacht werden (vgl. hierzu Chin 2020). Schon um solche Dystopien zu verhindern, müssen Ideen entwickelt werden, wie man Klassenarbeiten und Prüfungen im Distanzunterricht schreiben (lassen) kann.

Unter Corona-Bedingungen, d.h. wenn vor Ort nur unter verschärften Hygienebedingungen und mit erhöhtem Raum- und Personalbedarf gearbeitet werden kann, sind Klassenarbeiten im Distanzunterricht zudem mit erheblichen organisatorischen Erleichterungen verbunden (vgl. Schmitz 2020).

Zentral ist jedoch die Einsicht, dass zeitgemäße Formen der (schriftlichen) Leistungsüberprüfung entwickelt werden müssen, um überkommene Prüfungsformate als eine „zentrale Hürde bei der Verbesserung von schulischen Lernkulturen” (Wampfler 2020) zu überwinden. Das kann nur gelingen, wenn folgende Fragen überzeugend beantwortet werden:

Wie genau sollen Prüfungen aussehen, die im Distanzunterricht geschrieben werden können? Wie stellt man die Eigenständigkeit der erbrachten Leistungen sicher? Wie unterbindet man Betrugsversuche, wenn die aus der Präsenz bekannten Formen der Kontrolle nicht mehr greifen? Wie vermeidet man soziale Ungerechtigkeiten, die daher rühren, dass einige Schülerinnen und Schüler zu Hause — personelle oder technische — Hilfen in Anspruch nehmen können, die anderen nicht zur Verfügung stehen? Wie geht man mit denen um, die zu Hause hinreichende technische Ausstattung besitzen oder nicht einmal einen ruhigen Platz zum Lernen haben? etc.

Diese Fragen bekommen durch die oben skizzierten rechtlichen Änderungen für das Schuljahr 2020/2021 zusätzliche Aktualität. Heißt es doch in der bereits zitierten Verordnung auch:

Daneben [gemeint ist die Leistungsüberprüfung im Präsenzunterricht, Anm. der Autoren] sind weitere in den Unterrichtsvorgaben vorgesehene und für den Distanzunterricht geeignete Formen der Leistungsüberprüfung möglich. (Zweite Verordnung zur befristeten Änderung der Ausbildungs- und Prüfungsordnungen gemäß § 52 SchulG, §6.3)

Um zumindest auf einige dieser Fragen erste Antworten zu liefern, sollen im Folgenden drei Strategien skizziert werden, die helfen können, zeitgemäße Prüfungsformate für den Distanzunterricht zu konzipieren.

Lösungsstrategien

Die Entwicklung zeitgemäßer Prüfungsformate für den Distanzunterricht setzt voraus, über das Verhältnis von Kontrolle und Vertrauen neu nachzudenken. Lars Mecklenburg hat das prägnant formuliert:

„Der Notfallfernunterricht begrenzt die Möglichkeiten zur Kontrolle seitens der Lehrer:innen. Dadurch entsteht ein Leerraum, den man sinnvoll als Freiraum nutzen könnte. Ihn den Schüler:innen vertrauensvoll in die Hände zu legen, könnte über die Notsituation hinaus Wege öffnen.“ (Mecklenburg 2020)

Den Lackmustest zeitgemäßer Bildung bestehen Prüfungsformate nur dann, wenn sie den Schwerpunkt nicht mehr auf Kontrolle und Überwachung, sondern auf Vertrauen und Verantwortung legen. Dieser Paradigmenwechsel wird nicht einfach sein, denn alle Beteiligten sind im Rahmen eines Schulsystems sozialisiert worden, das Prüfungen ganz selbstverständlich an Präsenz und Kontrolle knüpft.

Als Ausgangspunkt für die Entwicklung neuer Formate können die wenigen Ausnahmen dienen, die sich (de jure) jetzt schon bieten:

In der Sekundarstufe I kann beispielsweise pro „Schuljahr eine Klassenarbeit durch eine andere, in der Regel schriftliche, in Ausnahmefällen auch gleichwertige nicht schriftliche Leistungsüberprüfung ersetzt werden.“ (§6 Abs. 8 APO-SI) In der Handreichung zur lernförderlichen Verknüpfung von Präsenz- und Distanzunterricht heißt es in diesem Zusammenhang:

„Die Fachkonferenzen können fachbezogene, zu den Klassenarbeiten alternative Formen der Leistungsüberprüfung entwickeln, die sowohl im Präsenz- als auch im Distanzunterricht genutzt werden können. Als alternative Formen bieten sich beispielsweise Portfolios, aufgabenbezogene schriftliche Ausarbeitungen, mediale Produkte (ggf. mit schriftlicher Erläuterung) sowie Projektarbeiten an.“ (Abschnitt 3.5)

Aus diesen Vorschlägen für alternative Prüfungen wird deutlich, dass die Entwicklung zeitgemäßer Formate nicht nur eine punktuelle Veränderung der konkreten Prüfungssituation bedeutet, sondern die Planung einer kompletten Unterrichtssequenz betrifft (vgl. hierzu auch die QUA-LiS-Unterstützungsangebote). Nur dann, wenn u.a. auf selbstgesteuerte Lernprozesse, Medienkompetenz, Kommunikation, Kooperation sowie die kritische Reflexion eigener (und anderer) Lernprodukte gesetzt wird, lassen sich z.B. auf der Grundlage von (E-)Portfolios oder Projektarbeit auch neue Prüfungsformen nutzen. All dies muss mit den Schülerinnen und Schülern gemeinsam sorgfältig vorbereitet und eingeübt werden.

Im Folgenden werden drei Strategien skizziert, wie man zeitgemäße Prüfungsformate entwickeln kann, die auch im Distanzunterricht umsetzbar sind.

Um die Selbst- und Eigenständigkeit der Prüfungsleistungen zu gewährleisten, die nicht unter Aufsicht entstanden sind, wird in Strategie 1 und 2 ein direkter Bezug zum individuellen bzw. gemeinsamen Lernprozess hergestellt. Die Idee dahinter: Die Schülerinnen und Schüler kennen sich in ihrem Lernprozess am besten aus. Die Einarbeitung einer helfenden Person wäre deutlich aufwendiger als das selbstständige Erfüllen der Aufgaben. Strategie 3 befördert die Eigenständigkeit dadurch, dass die Leistungsüberprüfung durch Peer- und vor allem Lehrer:innen-Feedback bereits im vorausgehenden Lernprozess vorbereitet wird. Da die Aufgaben bereits weit vor der eigentlichen Leistungsüberprüfung bekannt sind, besteht kein Bedarf für eine Täuschungshandlung während der Prüfung.

Sollten dennoch Zweifel an der Eigenständigkeit einer Leistung aufkommen, weil z.B. in der Prüfung der individuelle Stil der Schülerin oder des Schülers nicht hinreichend erkennbar ist, genügt in der Regel ein kurzes persönliches Gespräch, um sich Klarheit zu verschaffen. Diese einfache Form der (Rest-)Kontrolle könnte man als „Dopingprobe“ transparent in das Konzept integrieren: Nach jeder Prüfung werden dann zufällig einige Schülerinnen und Schüler ausgewählt, die ihre Ergebnisse mündlich erläutern sollen.

Strategie 1: Die Leistungsüberprüfung verarbeitet den Lernprozess

Im vorbereitenden Unterricht erarbeiten die Lernenden mit Hilfe digitaler Medien und Tools (kollaborativ) digitale Lernergebnisse. Es entstehen so zum Beispiel: kuratierte Linklisten, digitale Diskussionen, Peer- und Lehrer:innen-Feedback, Leseprotokolle, Analysen und Diskussionen von Texten, Visualisierungen, Präsentationen, Filme. Diese Lernergebnisse können am besten in einem (E-)Portfolio gesammelt werden.

Die Leistungsüberprüfung nimmt dann konkret und ausgewiesen Bezug auf diese Ergebnisse. Ideal hierfür sind natürlich die Aufgabenart IV (SII) bzw. Aufgabentyp 2 (SI), weil sie sich auf eine zuvor erstellte Materialsammlung beziehen. Aber auch alle andere Aufgabentypen sind denkbar. Wie immer können Lehrerinnen und Lehrer hier zwischen Obligatorik und Freiheit variieren. Medien, Arbeitsergebnisse und Feedback, auf die Bezug genommen werden soll, können vorgegeben oder von den Schülerinnen und Schülern ausgewählt werden.

Beispiele

Sekundarstufe I, Aufgabentyp 2 (Informierendes Schreiben)

Unterrichtsvorhaben: Alles in Bewegung — Vorgänge beschreiben (Klasse 6)

Aufgabe nach der im Unterricht erstellten Skizze oder dem Bau einer Rube-Goldberg-Maschine:

  1. Beschreibe und erkläre, wie deine Rube-Goldberg-Maschine funktioniert. Gliedere deine Beschreibung in Einleitung, Hauptteil und Schluss.

Hinweis: Gib deinen Text zusammen mit einer Skizze / einem Foto / einem Film deiner Maschine ab im LMS / per E-Mail ab.

Sekundarstufe I, Aufgabentyp 5 (Überarbeitendes Schreiben)

Unterrichtsvorhaben: Schildern (Klasse 7)

Aufgabe nach der Anfertigung einer Schilderung im vorbereitenden Unterricht:

  1. Überarbeite deine Schilderung nach den Kriterien aus dem Kompetenzraster „Schildern“. Gehe so vor:
  2. Lies noch einmal das Kompetenzraster „Schildern“. Wähle die Kriterien aus, die du verbessern willst, und kennzeichne sie im Kompetenzraster. Überarbeite danach deine Schilderung.
  3. Markiere die überarbeiteten Stellen in deinem Text und erkläre deine Überarbeitung.

Hinweis: Gib zum Schluss das bearbeitete Kompetenzraster, beide Versionen deiner Schilderung und deine Erklärung im LMS / per E-Mail ab.

Sekundarstufe I, Aufgabentyp 3 (Argumentierendes Schreiben)

Unterrichtsvorhaben: Materialgestützt argumentieren (Klasse 9)

Aufgabe auf Basis einer individuellen Stoffsammlung zum Thema „Chancen und Risiken sozialer Netzwerke“ im vorbereitenden Unterricht:

  • Schreibe für unsere Schulwebsite einen Blogbeitrag, in dem du zu der Frage „Einsamkeit oder Gemeinsamkeit in sozialen Netzwerken?“ Stellung nimmst. Gehe so vor:
  1. Nutze ausgewählte Materialien aus deiner Stoffsammlung, um überzeugende Argumente sowie Beispiele, Zitate oder Belege zu finden.
  2. Führe mindestens drei Argumente mit Beispielen an und entkräfte mindestens ein Gegenargument.

Hinweis: Gib zum Schluss deinen argumentierenden Blogbeitrag und die von dir genutzten Materialien im LMS / per E-Mail ab.

Sekundarstufe II, Aufgabenart I (Typ b: Vergleichende Analyse literarischer Texte)

Unterrichtsvorhaben: Lyrische Texte zu einem Themenbereich aus unterschiedlichen historischen Kontexten: „unterwegs sein“ — Lyrik von der Romantik bis zur Gegenwart (Grundkurs)

Aufgabe nach der Erstellung eines E-Portfolios (Inhalt: eigene Gedichtauswahl aus verschiedenen Epochen mit einem selbstgewählten Schwerpunkt (Inhalt, Stil oder Motiv), verschiedene Materialien zu den Gedichten und den Dichterinnen und Dichtern, eigene Analyseansätze und Dokumentation der Rückmeldungen durch Peer Feedback oder Lehrenden):

Die Schülerinnen und Schüler bekommen für die Distanzprüfung drei Gedichte (a, b, c) aus verschiedenen Epochen zur Auswahl.

  1. Wählen Sie ein Gedicht (a, b oder c) aus, das Sie mit einem Gedicht (d) aus Ihrem Portfolio vergleichen möchten. Begründen Sie Ihre Entscheidung. Beziehen Sie sich dabei auf ausgewählte Materialien aus Ihrem Portfolio.
  2. Vergleichen Sie beide Gedichte miteinander im Hinblick auf die Bedeutung des Reisens. Nehmen Sie abschließend kurz Stellung zur Lebenseinstellung (Haltung, Motivation etc.) des lyrischen Ichs. Beziehen Sie sich dabei auch hier auf ausgewählte Materialien aus Ihrem Portfolio.

Sekundarstufe II, Aufgabenart III (Erörterung)

Unterrichtsvorhaben: Information und Informationsdarbietung in verschiedenen Medien

Aufgabe zum Text von Bernd Graff, Die neuen Idiotae — Web 0.0 (Musteraufgabe Abitur u.a. NRW 2015):

  1. Analysieren Sie den Text hinsichtlich seiner Argumentationsstruktur.
  2. Erörtern Sie die Position des Autors zu Beteiligungsmöglichkeiten im „partizipativen Netz“. Nehmen Sie dabei Bezug auf
  • mindestens zwei Kommentare zum selben Thema, die im Kurs mit hypothes.is bearbeitet wurden,
  • mindestens zwei Beispiele der von Bern Graff beschriebenen Texte,
  • die in Kialo geführte Diskussion zum Thema.

Hinweis: Geben Sie zum Schluss Ihre Klausur, den bearbeiteten Klausurtext und alle Medien, die Sie benutzt haben, im LMS / per E-Mail ab.

Sekundarstufe II, Aufgabenart IV (Materialgestütztes Verfassen eines Textes mit fachspezifischem Bezug)

Unterrichtsvorhaben: Sprachvarietäten und ihre gesellschaftliche Bedeutung — Dialekte und Soziolekte

Aufgabe nach der Erstellung eines digitalen Portfolios zum Thema im Unterricht

Ausgangssituation:

In Ihrem Schulort schlägt die regionale Tageszeitung vor, das Dialektlernen an den lokalen Schulen zu stärken. An Ihrer Schule wird nun überlegt, den regionalen Dialekt im Wahlpflichtbereich der Mittelstufe als Fach anzubieten. Daraus hat sich eine Diskussion unter Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften ergeben.

  1. Verfassen Sie auf Grundlage von fünf ausgewählten Materialien aus unserem Portfolio (sowohl kontinuierliche als auch diskontinuierliche Texte) einen informierenden und argumentierenden Leserbrief an die regionale Tageszeitung, in welchem Sie über den an Ihrem Schulort gesprochenen Dialekt und sein Ansehen in verschiedenen Bevölkerungsgruppen informieren, Argumente für und gegen ein Schulfach Dialekt erläutern und sich argumentativ zum Thema positionieren.

Hinweis: Geben Sie zum Schluss Ihre Klausur und die verwendeten Materialien aus unserem Portfolio im LMS / per E-Mail ab.

Strategie 2: Die Leistungsüberprüfung reflektiert den Lernprozess

Die Schüler:innen erstellen (kollaborativ) im vorbereitenden Unterricht ein Produkt, das in der Leistungsüberprüfung reflektiert wird: Wie ist es zustande gekommen? Was sind Stärken? Schwächen? Wie war der Prozess? Learnings? etc. Hierfür eignen sich die Aufgabentypen 2 und 3 (SI) bzw. Aufgabenart III (SII). Diese Aufgaben müssten natürlich im vorausgehenden Unterricht ebenfalls eingeübt werden. Zur Bewertung von Reflexionsleistungen eignet sich der Ansatz der Reflexionsstufen von Nina Brendel.

Beispiele

Sekundarstufe I, Aufgabentyp 3 (Argumentierendes Schreiben)

Unterrichtsvorhaben: Einen Jugendroman lesen und verstehen (Klasse 5)

Aufgabe nach der Erarbeitung des Jugendromans „Wunder“ von Raquel J. Palacio im reinen Distanzunterricht:

Deine Deutschlehrerin hat dir eine E-Mail geschrieben:

Betreff: „Wunder“ noch einmal im Distanzunterricht?

Liebe … / Lieber …,

wir haben den Roman „Wunder“ im sogenannten Distanzunterricht gelesen und

untersucht. Dabei habt ihr euch in verschiedener Weise mit dem Roman und den Figuren auseinandergesetzt und auch eure Meinung zu verschiedenen Fragen genannt und begründet, z.B.: Lese-Tandems per Telefon — Inhaltsquizz mit „Kahoot!“ — Aufgaben zu Figuren und Handlung in Partnerarbeit per Chat, Videokonferenz oder Telefon — Visualisieren der Handlung in einem Zeitstrahl — Diskussionen zum Verhalten der Figuren in Videokonferenzen — digitale Schreibkonferenz zur Frage „Ist Jack Augusts Freund?“ — Verfassen einer E-Mail an die Autorin — Verfassen einer Leseempfehlung für die Schulwebsite).

Jetzt frage ich mich, ob ich den Roman mit meiner nächsten fünften Klasse im nächsten Schuljahr noch einmal in derselben Weise lesen und besprechen soll. Lernt man den Roman und seine Figuren gut kennen, wenn man sich darüber nur digital austauschen kann?

Ich freue mich auf eine Antwort von dir.

Herzliche Grüße …

  • Sollte der Roman in der nächsten fünften Klasse in derselben Weise gelesen und besprochen werden?
  • Antworte deiner Deutschlehrerin in einer E-Mail, in der du deine Meinung zu der Frage nennst und sie mit zwei Argumenten begründest.
  • Gehe dabei auf deine persönlichen Erfahrungen im digitalen Distanzunterricht ein.

Hinweis: Schicke zum Schluss deine E-Mail an Deine Deutschlehrerin (E-Mail-Adresse angeben)

Sekundarstufe I, Aufgabentyp 2 (Informierendes Schreiben)

Unterrichtsvorhaben: Werbung — Anzeigen und Filmspots untersuchen und gestalten (Klasse 7)

Aufgabe nach der Erstellung eines Klassenblogs im Unterricht zum Thema Werbung:

  • Beschreibe in einem informierenden Text, was du durch die Erstellung unseres Klassenblogs über Werbung gelernt hast. Gehe dabei insbesondere auf verschiedene Formen der Internetwerbung sowie verschiedene in der Werbung vermittelte Rollenbilder ein.
  • Erläutere und begründe mit Bezug auf ausgewählte Arten von Werbung, mit welchen Werbemaßnahmen wir unseren Blog erfolgreich bewerben könnten.

Sekundarstufe I, Aufgabentyp 3 (Argumentierendes Schreiben)

Unterrichtsvorhaben: Über Vorbilder informieren (Klasse 8)

Aufgabe nach der Erstellung eines digitalen Portfolios zum Thema „Sind das Helden?“:

Am Ende deines Portfolios über eine heldenhafte/vorbildhafte Person hast du deine Lernergebnisse in einem Bewertungsbogen reflektiert.

  • Erläutere kurz, über welche Aspekte du in deinem Bewertungsbogen reflektiert hast.
  • Nimm abwägend Stellung zu der Frage, inwiefern sich ein digitales Portfolio eignet, sich einer heldenhaften/vorbildhaften Person zu nähern. Stütze deine Argumente mit konkreten Beispielen aus deiner Portfolioarbeit.

Hinweis: Gib zum Schluss deine beiden Klassenarbeitsaufgaben, dein Portfolio und deinen Bewertungsbogen im LMS / per E-Mail ab.

Sekundarstufe II, Aufgabenart III (Erörterung)

Unterrichtsvorhaben: Verhältnis von Sprache, Denken und Wirklichkeit, Aktualität der Sapir-Whorf-Hypothese

Aufgabe nach der Erstellung eines Erklärvideos zum Thema im vorbereitenden Unterricht:

Erörtern Sie die fachliche Qualität Ihres Erklärvideos zur Sapir-Whorf-Hypothese, indem Sie die im Unterricht erarbeiteten Qualitätskriterien zu Erklärvideos anwenden. Nehmen Sie dabei auch Bezug auf Materialien aus dem Unterricht, die Sie entsprechend auswählen.

Hinweis: Geben Sie zum Schluss die Erörterung, Ihr Erklärvideo und Ihre Zusammenstellung der Materialien im LMS / per E-Mail ab.

Sekundarstufe II, Aufgabenart I (Analyse eines literarischen Textes mit weiterführendem Schreibauftrag)

Unterrichtsvorhaben: Robert Seethaler: „Der Trafikant“

Aufgabe nach der Recherche entsprechender Informationen und der Zusammenstellung eines Portfolios mit Materialien zum historisch-gesellschaftlichen Hintergrund sowie zu psychologischem Fachwissen im vorbereitenden Unterricht:

  1. Analysieren Sie den Auszug aus Seethalers Roman „Der Trafikant“. Berücksichtigen Sie dabei die jeweilige Situation Franz Huchels und Sigmund Freuds sowie die erzählerischen und sprachlichen Gestaltungsmittel. Untersuchen Sie die Gestaltung der Autor-Rezipienten-Kommunikation in Bezug auf die Darstellung der Figur Sigmund Freud.
  2. Erläutern Sie, inwiefern Ihnen die recherchierten Materialien aus dem Portfolio zum historisch-gesellschaftlichen Hintergrund und zum psychologischen Fachwissen geholfen haben, die ironische Brechung der Figur Sigmund Freud in dem Romanauszug zu erfassen.

Hinweis: Geben Sie zum Schluss Ihren Klausurtext sowie Ihre Materialauswahl aus der Mappe im LMS / per E-Mail ab.

Strategie 3: Die Leistungsüberprüfung wird durch individuelles Feedback vorbereitet (Master-or-die)

Diese Strategie basiert auf dem Prinzip des formative assessment, das traditionelle Formen der Leistungsüberprüfung konterkariert: Anstatt lediglich am Ende einer Unterrichtseinheit einen Test, eine Klassenarbeit oder eine Klausur zu bewerten (=summative assessment), wird der gesamte Prozess durch vielfältige Formen des Feedbacks begleitet und unterstützt, um zielgerichtet Kompetenzen zu fördern und das Lernen systematisch zu verbessern („assessment FOR learning statt assessment OF learning“, vgl. Nölte 2020).

Die Methode „Master-or-Die“ (vgl. Nölte 2020) nutzt das formative assessment in kreativer und lernförderlicher Weise, um Schülerinnen und Schüler bei einer komplexen Aufgabe zu unterstützen, die sich über einen längeren Zeitraum erstreckt. Die Grundidee ist, dass Lernende während des gesamten Arbeitsprozesses jederzeit kriteriengeleitetes Feedback von Lehrenden und Peers einfordern können, das ihnen hilft, die erzielten Ergebnisse weiter zu verbessern. Das Feedback kann auch eine Zwischennote umfassen, die den aktuellen Stand der Arbeit bewertet.

Jede Schülerin und jeder Schüler setzt sich vor dem Beginn der „Master-or-Die”-Phase ein gleichermaßen anspornendes wie realistisches Notenziel, das am Ende der Sequenz erreicht werden muss. Schülerin A kann z.B. eine „1“ anstreben, Schüler B eine „3+“. Gelingt es den Lernenden, ihre persönlichen Ziele zu erreichen, erhalten sie die angestrebte Note. Verfehlen sie dieses Ziel, wird die Leistung mit der Note „5” bewertet (daher: „master-or-die”).

Jede Arbeit wird am Ende mit dem erreichten Stand bewertet, d. h. mindestens mit dem selbst gesteckten Ziel — oder aber mit der „5“. Die Alternative der Note „5“ bewirkt eine spielerische Dramatik. In der Durchführung sollte es vor allem darauf ankommen, dass Schüler und Lehrer ein produktives Arbeitsbündnis eingehen — so dass die Note „5“ wirklich nur ein Ausnahmefall bleibt.

Strategie 3 ist in der Sekundarstufe I ideal für den Aufgabentyp 4 (analysierendes Schreiben), aber auch für die Aufgabentypen 3 (argumentierendes Schreiben) sowie 5 (überarbeitendes Schreiben) geeignet.

In der Sekundarstufe II bieten sich die Aufgabenarten I (z.B. Analyse eines literarischen Textes) und II (z.B. Analyse eines Sachtextes) sowie III (z.B. Erörterung von Sachtexten) an.

Ausblick

Die hier grob skizzierten Strategien zeigen, dass es durchaus Möglichkeiten zur Entwicklung zeitgemäßer Prüfungsformate (nicht nur) im Distanzunterricht gibt.

Es steht zu hoffen, dass ähnliche Ideen auch für andere Fächer entwickelt werden und dass die in den jeweiligen Fachdidaktiken bereits vorhandenen Potenziale genutzt werden.

In einem nächsten Schritt müssen die Fragen, die noch unbeantwortet geblieben sind, in den Blick genommen werden. Die Frage nach Bildungsgerechtigkeit im Distanzunterricht wird hier eine zentrale Bedeutung besitzen.

Wir hoffen, dass sich möglichst viele Kolleginnen und Kollegen an den damit zusammenhängenden Diskussionen beteiligen werden.

Schüler am Niederrhein. Lehrer D/Phil/KR/Lit in Bilderstöckchen und Shanghai. Schulleiter in Kalk. Vater in Bensberg.

Schüler am Niederrhein. Lehrer D/Phil/KR/Lit in Bilderstöckchen und Shanghai. Schulleiter in Kalk. Vater in Bensberg.