Club der Millionäre

Odyssee im Schnee zur alternativen Insel

‪Unter dem Licht des Diamanten fanden sich dieses Jahr fernab der Leipziger Buchmesse im verschneiten “Conne Island” wieder unabhängige freie Kreative, Hochschulen, Kollektive und Verlage zusammen.

Die Präsentation ihrer Arbeiten erfolgte parallel zu den Haupttagen der Leipziger Buchmesse, Freitag 16.3 und Samstag 17.3., an den in einem mittelgroßen Konzertschuppen aufgebauten Verkaufsständen. Die Location wird als Jugend- und Kulturzentrum genutzt.


Eintrittshürde: Wetterlage

Am Freitag reisten Podcasterin Lara Keilbart und die Verfasserin durch das vom Wintereinbruch überraschte Leipzig. Vom Messegelände im Norden bis nach Connewitz im Süden benötigen wir die dreifache Zeit. Die widrigen Umstände starken Schneefalls bei Temperaturen unter Null sollten die Messebesucher noch bis Montag vor einige Herausforderungen stellen. Wir erlebten live, wie alle Wege nach und nach zum Erliegen kamen. An unbekannte Orte verlegte Bushaltestellen und der drastische Abfall der Kapazität erkaltender Handyakkus machten die Reise unnötig dramatisch.

Ohne meine Reisebegleiterin wäre ich auf den letzten Metern aufgeschmissen gewesen. Aus dem Nichts tauchte schlußendlich Conne Island auf, die dekorativen Lichterketten gleich Leuchtfeuern im Nebel. Ein Kohlegrill, der Tofu und Fleisch gleichermaßen anbot, und eine Kochplatte für frisch gemachte Crêpes spendeten dem Serviceteam draußen Wärme. Endlich da.

Conne Island am 18.März. Der Schnee zu diesem Zeitpunkt: noch moderat.

Club der Vielfalt

Die Atmosphäre des Millionaires Club ist trotz des „abgerockten“ Charme schwarzer Wände, abgenutzter Flächen und verwinkelter Durchgänge der Location freundlich und zugänglich.

Dies mag vor allem an den sich weiter aus den Vorjahren fortsetzenden Trends sanft harmonierender Neonfarben, händischer Striche und nachdenklicher Motive liegen. Nicht zuletzt sind es die unaufgeregten Aussteller, die auf Nachfragen immer freundlich reagieren und keine Verkaufsgespräche aufdrängen.

Ein Stand, der mir letztes Jahr bereits aufgefallen war. Unter anderem finden sich hier Arbeiten des Cargo Collective.
links: Arbeiten von Jul Gordon; rechts: der Rest vom langen Tisch.

Fernab des Messetrubels wird hier Raum für neugieriges Stöbern gegeben und in wettbewerbsfreier Umgebung ein kleines, kreatives Inselreich vieler Nationen geschaffen.

Die Präsentation der Zines, Comics, Bücher, Drucke und mehr findet vor allem an den Verkaufstischen, aber auch in performativen Einheiten wie Lesungen statt.

Wir machten eine aufwärmende Runde durch die Location. Auf der Bühne lernten wir die Künstler Tiny Splendor und Tieten Met Haar kennen. Letztere veranstalten in Ghent das Zinefest Les VoiZines.

links: Adrian und Esther von Tiny Splendor, rechts: Tieten Met Haar
Tieten Met Haar veranstalten das Zinefest “Les VoiZines”. Rechts: der Flyer dazu.

Die Independent Verlage Rotopol und JaJa waren ebenfalls vor Ort. Ihr regelmäßiger, hochqualitativer Output von haptisch, wie visuell sehr ansprechenden Büchern bildet das Genre Comic immer wieder direkt am Puls der Zeit ab.
Die Verlage positionieren sich dabei weiter weg von Cartoons und näher an Grafik und Illustration. (Hierzu wurde man auch bei Avant und Reprodukt auf der LBM fündig).

Rotopols Geheimnis: farbige Tischdecken und Etagen-System.
Der Stand des JaJa Verlag mit immer weiter wachsendem Repertoire. Mittendrin: Chefin Annette Köhn (rote Mütze).

Neu veröffentlicht beim JaJa Verlag, der für das ultimative A/B-Testing parallel zu dieser Alternativveranstaltung einen Stand auf der Buchmesse bespielte, haben die Künstler Leah Wegner mit “Ich kaufe ein A und möchte lösen”, Maximilian Hillerzeder mit “Maertens” und Dominik Wendland mit seinem bereits im Kurzformat erprobten Publikumsliebling “Tüti”.

Nach diesem relativ kurzen Aufenthalt im “Clubhaus der Millionäre” brachen meine Reisebegleiterin und ich Richtung Innenstadt auf, um die “Krimilesung” der drei JaJa-Newcomer im Tschau Tschüssi, dem Produktdesign-Shop in der Galerie für Zeitgenössische Kunst zu sehen.


Off-Road Krimi

Für diese Fahrt bestellten wir ein Taxi und hatten Glück, bereits nach wenigen Löffeln hausgemachten Kartoffelsalats im Schneefall abgeholt zu werden. Dies sollte in den folgenden Tagen im Rahmen der Buchmesse einen seltenen Privileg darstellen. (Am Samstag warteten Aussteller zwischen 9 und 10 Uhr mindestens 45 Minuten auf Taxiverbindungen. S-Bahnen und Fernzüge standen still. In die überfüllten Straßenbahnen war kein Vordringen möglich.)

Mit Petersilienfahne bis nach Delitzsch stolperten wir in ein Café auf der Rückseite der Galerie, wo ein ernsthaft schweigendes Publikum uns bestätigte, dass wir falsch waren. Nochmal raus in den Schnee, einmal rum und rein in die mit bunter, großflächiger Kunst lockende Galerie.

Installation mit Außenwirkung in der Galerie für Zeitgenössische Kunst. Vorn links: der Büchertisch zur Lesung.
Das gebannte Publikum lauscht den drei Lesungen. Im Hintergrund: Elemente des Shops.

Bereits durch die Glassscheibe erkannten wir die Künstler und die vorbereitete Projektion. Der offene Vorraum der Galerie war neben dem Verkaufs- und Ausstellungsbereich des Tschau Tschüssi mit ca 30 Plätzen bestuhlt. Darüber hinaus verweilte weiteres Publikum im Stehen.

Es wäre keine Odyssee, wenn sich nicht auch hier Herausforderungen aufbäumten. Diese beschränkten sich auf den im Anschluss anstehenden Pinguin-Marsch über den dick vereisten Boden bei eisigem Wind auf dem Rückweg und das Zusammenbrechen einer Holzbank Marke Eigenbau, die uns die Veranstalterin eilig zur Verfügung gestellt hatte. Die Blessuren, die die Verfasserin eine Woche später noch spürt, sind nicht weniger farbenfroh als die Titelgestaltung von „Tüti“, mit deren Lesung der Abend beginnt.

Der inhaltliche Zusammenhang der Comics unter der Klammer „Krimi“ sei ganz zufällig, so Wendland.

Mit Mate durch den Abend: Maximilian Hillerzeder, Dominik Wendland (Mitte), Leah Wegner

Die Entstehungszeiträume sind auch recht unterschiedlich, genau wie die verwendeten Stile. Gemeinsam haben die drei den Bildungsweg als Illustrations-Studenten der HGB in Leipzig und das aktive Gestalten der unabhängigen Comicszene in Deutschland.

Wendland stellte sich auf der Frankfurter Buchmesse fünf Tage lang für einen Walk-In Workshop des 3. Frankfurter Comic Satelliten zur Verfügung. Er und Hillerzeder sind Mitglieder von Mondo, einem anthology mag, das wie JAZAM! namensgebend und gleichbedeutend mit einer Gruppe KünstlerInnen ist. Beide haben mit ihren Webcomics und Veröffentlichungen bereits eine lange, teils preisgekrönte Comic Vorgeschichte.

Wegner hat sich mit Slinga Illustration innerhalb kürzester Zeit zu einer Instagram Influencerin entwickelt, die ihre kritischen und ermutigenden Betrachtungen in verschiedenen Formaten ausführt. Ihre Sticker, T-Shirts, Malbücher, Pins und mehr erscheinen einmal im Monat in limitierter Auflage in ihrem Shop, den sie mit Hillerzeder führt. Sie zählt zu den vielen, aktiven Frauen der Szene, die eine neue, persönliche Narrative schaffen.


Messe echter Macherinnen

Insgesamt fällt die gleichwertige Vermischung der Szene positiv auf. Publikum wie Aussteller des Millionaires Club sind nicht dominant männlich, wie es den Comiclesern so oft zugeordnet wird. Darüber hinaus fällt nicht zum ersten Mal auf, dass die alternativen Strukturen und damit der potenzielle Proto-Mainstream von Frauen geschaffen und aufrecht erhalten wird. Um einige zu nennen: Rita Fürstenau von Rotopol, Annette Köhn von JaJa, Miriam Paulsen von Tschau Tschüssi, das gemischte Team des Millionaires Club, das mit Anna Haifisch, Marie-Luce Schaller, Szim und Andrea Rausch vier starke Konstanten im Boot hat.

Auf der Buchmesse selbst herrscht nicht weniger Geschlechterpräsenz, jedoch fehlt es im konservativeren Umfeld an Durchmischung und Auflösung. 
Bei den Comics in Halle 1 sahen wir fast ausschließlich Frauen an den Verlagstheken, z.B. bei Carsen Manga, wo Redaktion, Presse und Vertrieb sich um Künstlerinnen und Künstler, sowie Kundenanfragen kümmerten, oder am Stand vom Schwarzen Turm, wo die Künstlerinnen selbst präsentierten und verkauften.

Am Stand von Schwarzer Turm Verlag: Olivia Vieweg verkauft ihr neustes Werk EndZeit, unterstützt von “Massu Schmiedstochter”-Auteurin und Corgi-Expertin Ines Korth (Mitte); Illustratorin Lisa Rau und Autorin Daniela Goldschmidt mit ihrer Kollaboration “Hael und die Spiegeltore”

In der Artist Alley finden sich objektiv betrachtet überwiegend Manga-Zeichnerinnen, jedoch herrscht eine große Vermischung, die jegliche Trennung auflöst. Äußerliche wie inhaltliche Fronten gibt es hier ebensowenig wie im Millionaires Club. Dies bietet einen sehr notwendigen Raum für vorübergehende Schubladenfreiheit, besonders menschlich.

Links: Mim von Pushcart und Haiko Hörnig von Pengboom posen bei schlechtem Weißabgleich; rechts: Gabriel deVue (Twisted) in der Artist Alley

Bei Verlassen der Halle 1 dominierte die Präsenz von Anzugträgern, entgegen der Berichte, Cosplayer hätten einen inflationär gegenteiligen Effekt gehabt.


Messe der Bücher und Buchhändler

Hier geht es zum Spielfeld tatsächlicher und ambitionierter Millionäre: großen Verlagshäusern, Lizenzimperien und Anbietern von Produktion und Technik. Die Stände sind wahre Augenweiden und Kunstwerke des Messebaus, auf die perfekte Inszenierung getrimmt. Je größer eine Veranstaltung, desto stärker wird der Anspruch auf Fernwirkung eines Stands und gleichzeitig die Notwendigkeit, bei wachsendem Ansturm Nischen für User Experience zu schaffen.

Carlsen Signierstunde mit Haiko Hörnig und Marius Pawlitza am Stand von Comic Combo; links: Nachwuchsblogger Finn beim Selfie mit Hörnig

Im Gemeinschaftsstand Comic Combo, an dem Carlsen Comics jedes Jahr Signierstunden abhält, war dem Betreiber eine deutliche Genervtheit anzumerken. Verlagsleute, Künstler und Entourage mischten sich unübersichtlich mit Kunden. 
Im Andrang gingen die mit roter Kleidung gekennzeichneten Kassiererinnen unter, zumal das Prinzip der ‘mobilen Kasse‘, so clever es auch ist, immer wieder neu erklärt werden musste. 
Die User Experience: Platzmangel und Verwirrung.
Die Signierstunden liefen wie gewohnt mit sehr unterschiedlichem Andrang ab, abhängig von Uhrzeit und präsentiertem Titel.
Immer gut betreut von Carlsen Redakteurin Sabine Witkowski.

Am Samstag tropfte es von der Hallendecke. Jedoch war hierfür nicht (wie oft behauptet) die Kondensation menschlicher Ausdünstungen verantwortlich, sondern die undichte Kuppel. Rechts ein Blick aus dem ICE: Winter im März.

Für alle Aussteller spürbar war ein deutlicher Besuchereinbruch am Samstag aufgrund der Wetterlage. Den Besuchern selbst fiel dies sicher nicht auf, da es für stockende Fortbewegung in den Gängen bei schlechter Luft immer noch voll genug war.

2017 hatte die Messe mit knapp 208.000 Menschen ihren Besucherrekord mit einer Steigerung um 13.000 verzeichnet. Wie die Besucherzahlen 2018 ausfallen, wird zur Zeit noch ausgewertet.

Fazit

Meine persönliche Auswertung ist durchwachsen. Ich werde mir die Messe nächstes Jahr ersparen, da es mit der Comic Con Germany in Stuttgart eine zentrale Comicmesse im Hallenformat gibt, die Programm direkt für die Zielgruppe entwickelt und sich nicht für ihr Dasein rechtfertigen muss, wie die MangaComicCon der Leipziger Buchmesse in jedem einzelnen Jahr.

(Ich habe keinen Zweifel, dass die MCC als Publikumsmagnet der LBM weiterhin wachsende Besucherzahlen erzeugen wird.)

Das Bühnenschild, das zu Konzerten vor der Zudringlichkeit von Fans schützt, sorgte für kurzes Stocken.

Obwohl es 2017 in der Kolonnadenstraße für den Millionaires Club mehr Raum gab und die Verteilung auf mehrere Läden und Cafés mehr Aussteller zuließ, war die Platzierung in Conne Island bei dem Wetter vielleicht das Beste.

Während im Vorjahr das gute, frühlingswarme Wetter eine freundliche Erlebnisatmosphäre für die ganze Familie begünstigte, bei denen auf der Kolonnadenstraße im Freien Kaffee und Kuchen verzehrt wurde, bot die dunkle Höhle des Konzertgebäudes genau die richtige Zuflucht vor Eis und Schnee – und den passenden Boden für schneematschige Stiefel. Aber auch hier wird man einen relativen Mangel an Besuchern festgestellt haben, auch wenn es immer „voll genug“ war.

links: Key Visual des Millionaires Club 2017, rechts: Blick in die Kolonnadenstraße mit großen goldenen Ballons in den Initialen der Veranstaltung

Der Millionaires Club zeigte 2018 wieder seinen Reichtum: Kunst und Kultur abseits von Kundenkonkurrenz und Kommerz.

Das sollte man nicht verpassen.


Fotos: Eve Jay

Gerne gelesen? So kannst du unsere Arbeit unterstützen:

  • Applaudiere diesem Artikel, indem du auf das Klatschsymbol drückst. Je länger, desto besser.
  • Folge @comicsolidarity auf Twitter.
  • Bleib dran auf Patreon.