Die Heucheleien der Internet-Journalisten

Ich tue alles, um mit deinen Daten Geld zu machen. Und es tut mir leid.

von Quinn Norton, übersetzt von Nina Roßmann


Sein Geld im 21. Jahrhundert mit Journalismus zu verdienen ist schwer. Doch in den letzten Jahren ist es einfacher geworden, weil wir das neueste und lukrativste Geschäftsmodell der Welt für uns entdeckt haben: invasive Überwachung. News-Websites tracken die Nutzer im Auftrag Dutzender Unternehmen: Werbefirmen, Social-Media-Dienste, Daten-Verkäufer, Analysefirmen — sie helfen uns und wir helfen ihnen.

Über Jahre hinweg habe ich — als regelmäßige Autorin bei Wired — mit Unbehagen dabei zugesehen, wie dieses System zunehmend an Bedeutung gewann. Ich habe beobachtet, wie immer mehr Unternehmen Tracking-Cookies und Skripte in jeden meiner Artikel integrierten. Im Laufe meiner Karriere wurde die Liste immer länger. Im Gegensatz zu den meisten anderen Journalisten, die für Wired arbeiteten, waren mir die Auswirkungen dessen, was wir da taten, durchaus bewusst. Die meisten Journalisten haben keine Ahnung, wie umfassend das System ist, mit dem ihre Leser geschröpft werden. Ich allerdings habe keine Ausrede. Lange bevor ich Journalistin wurde, zu den frühen Anfängen des Netzes, habe ich im Datenbank-Marketing gearbeitet, das heute üblicherweise unter dem Namen Analytics bekannt ist.

Ich kam über meine Arbeit im Internet-Bereich zum Datenbank-Marketing. Für die Marketeers, die Datenbanken für Nutzerdaten erstellten, war das Web dagegen Liebe auf den ersten Blick. Die Einführung des Browser-Cookies war ein transzendenter Augenblick für Datensammler — vergleichbar mit dem Moment, wenn ein Schüler in Hogwarts das erste Mal seinen Zauberstab benutzen darf. Man wusste, dass es groß war, aber wie groß? Alles, was man sagen konnte, war „Das wird größer als ich es mir momentan vorstellen kann.“ — und das versuchte ich den Leuten klarzumachen.

Ich hatte eine vielversprechende Karriere vor mir. Wir waren nicht mehr auf demografische Daten angewiesen, um Menschen zu überwachen. Wir konnten alles überwachen. Ich konnte mir dein Leben aus der Datenbank zusammenstückeln. Alles, was du tust, konnte ich dazu verwenden, eine Botschaft so zu verfassen, dass sie nur dich allein anspricht. Ich habe zunächst für eine kleine schreckliche Firma gearbeitet, aber bekam bald Anrufe von den großen Unternehmen und Madison-Avenue-Firmen. Doch dann kam ich zur Besinnung. Ich verabscheute, was ich der Welt da antat.

Sechs Monate später arbeitete ich als Kellnerin in Florida. Ich war pleite, aber zumindest hasste ich mich nicht. Heute, 20 Jahre und einige Karrieren später frage ich mich, ob ich mich nicht doch hassen sollte.

Aber die Sache war die: Ich habe den Job geschmissen, aber ich war die einzige. Die anderen haben weiterhin an diesem riesengroßen Netz gesponnen, mit dem sie jeden einfangen, der sich darin bewegt.

1996 habe ich dem Bereich Technologie und Internet für einige Jahre komplett den Rücken zugekehrt. Ich erzählte allen, wie stark sie überwacht wurden: „Wir wissen, was du zum Frühstück gegessen hast und wir wissen, was du zum Mittagessen essen wirst.“ Doch keiner glaubte mir. Ich wurde als Spinnerin abgetan, dabei wusste ich doch genau, von was ich sprach. Schließlich habe ich selbst ihre Daten gesammelt — auch wenn die Überwachungsdaten, die wir damals hatten, im Vergleich zu heute nicht mehr waren als ein paar Tropfen im riesigen Datenmeer.

In den frühen Nuller-Jahren, als ich immer noch einzuordnen versuchte, was da gerade vor sich ging, versuchte ich zu glauben, dass wir ohne Privatsphäre leben konnten. Dass radikale Offenheit der stillen Gewalt der perfekten Überwachung vorzuziehen war. Das funktionierte allerdings auch nicht. Es war besser als nicht zu wissen, dass man überwacht wird, aber dadurch war das Problem der Kontrolle und Steuerung nicht gelöst.

Das „Netz“ war die perfekte Metapher für das, was wir erschufen. Ein Netz gibt deinen Aktionsradius vor.

Das Problem mit meiner Karriere in den 90ern und dem Erschaffen von Online-Überwachungs- und Kontrollsystemen war folgendes: Ich merkte, dass ich wirklich gut darin war. Glücklicherweise habe ich mir geschworen, nicht mehr darüber nachzudenken und es nicht mehr zu tun. Manchmal dachte ich über das Leben nach, das ich mit dieser Arbeit hätte haben können, aber ich weiß, dass ich mir damit nicht mehr in den Spiegel hätte schauen können.

Und dann half ich doch dabei, dieses Überwachungsnetz aufzubauen.

Vox runs scripts from 16 domains when you load the first page, and puts 12 trackers on your computer.

Wenn du die erste Seite bei Vox aufrufst, werden 16 Skripts ausgeführt und 12 Tracker auf deinem Computer platziert.

Ich habe ein Browser-Plugin namens Noscript und ein weiteres, das Ghostery heißt. Beide empfehle ich nicht weiter — nicht weil sie nicht gut sind, sondern weil sie Internetsurfen zum Vollzeit-Job machen. Keiner hat die Zeit, sich mit sowas zu beschäftigen. Um nicht überwacht zu werden, muss man konstant aufpassen, was auf den einzelnen Internetseiten passiert. Im Laufe der Jahre beobachtete ich bei Wired wie die Liste der Skripte von Drittanbietern in meinem Noscript-Fenster immer länger wurde. Und das war bei weitem nicht nur bei Wired so. Alle Newsseiten wurden nach und nach zu Ankern der Online-Überwachung im Dienste der Data-Warehouse-Betreiber und Werbefachleuten, die zur einzigen Überlebenschance der Nachrichtenbranche im 21. Jahrhundert geworden waren.

Manchmal dachte ich darüber nach, was ich mit den Daten Machen konnte, den Daten, von denen ich wusste, dass ich sie bekommen konnte.

Die Startseite von The Daily Beast führt Skripte von 13 verschiedenen Domains auf Ihrem Computer aus.

Ich könnte ein Dossier über dich zusammenstellen. Du hast eine eindeutige Kennung (Unique Identifier, UI), die auf alle demografisch relevanten Fakten über dich verweist und die ich einzeln oder gesammelt abrufen könnte.

Selbst wenn du deine ID oder deinen Namen geändert hast, würde ich dich aufgrund von unveränderlichen Spuren und Verhaltensweisen immer noch erfassen können — der gleiche Computer, das gleiche Gesicht, der gleiche Schreibstil, irgendetwas würde ich finden, mit dem ich dich zurückverfolgen könnte und das dich verrät.

Anonyme Daten sind schockierenderweise leicht zu entanonymisieren. Ich könnte dein Leben immer noch sehr genau umreißen. In Abstimmung mit anderen Datenbanken, Kreditkarteninformationen (die übrigens schon seit Jahrzehnten gehandelt werden), öffentlichen Registern, Wählerinformationen, tausenden Datenbanken, von denen du gar nicht wusstest, dass du dort erfasst bist, könnte ich ein Bild von dir zeichnen, das so genau ist, dass ich dich besser kennen würde als deine Familie, vielleicht sogar besser als du selbst.

Ich könnte beispielsweise sehr genau diagnostizieren, welche geistigen Krankheiten du hast — über Verhaltensweisen, die mit einer bipolaren Störung, Depression, Sucht etc. in Verbindung stehen. Ich könnte dich besser verstehen als jeder deiner Ex-Liebhaber/innen und du würdest niemals erfahren, dass es mich überhaupt gibt. Ich könnte dich zwar eigens aus der Datenbank herausziehen, aber die wahre Magie liegt darin, dass ich das gar nicht muss. Ich könnte Algorithmen zur Hilfe ziehen, die dich verstehen, durchleuchten und dir folgen. Nie würdest du etwas davon mitbekommen. Du würdest von tausenden dieser kleinen Helfer überwacht und beschrieben werden, ohne dass du diese jemals Gesicht bekommen würdest.

Aber das ist noch gar nicht der Heilige Gral meiner Überwachungsfähigkeiten. Als nächsten Schritt würde ich nämlich folgendes tun: eine Welt erschaffen, in der du dich bewegst und die zwar nicht deinem Geschmack entspricht, aber genau diesen mit der Zeit neu erschafft. Ich könnte die Werbebotschaften, und oft sogar die Inhalte, die du siehst, so zusammenstellen, dass ich damit langsam, aber sicher und zuverlässig deine Sicht auf die Welt verändern könnte.

Ich könnte dich mit den tausenden oder Millionen gezielten Botschaften und Inhalten in eine bestimmte Richtung stoßen und dich verändern — in winzigen Schritten, wieder und wieder und immer wieder. Ich könnte Testsysteme, die deinen Geschmack verändern sollen, automatisch gegeneinander testen, ein A/B-Test für die Veränderung deines Geschmacks über die Zeit hinweg, das Ganze dann wiederholen und somit eine immer perfektere Maschine zur Meinungsbildung erschaffen. Aber ich bin gegangen, bevor all das wirklich gut wurde. Ich weiß daher nicht, ob das wirklich das ist, was mit den riesigen Datenmengen, die über dich gesammelt werden, geschieht. Aber es gab jede Menge wirklich intelligenter Leute in diesem Business, einige der kreativsten und innovativsten Köpfe, die mir je begegnet sind.

Nicht deine Internet-Erfahrung ist in erster Linie das Ergebnis von Algorithmen auf Grundlage von Überwachungsdaten. Du bist es. Menschen sind modellierbar, können sich an alles Mögliche anpassen und mit der Zeit können Werbetreibende sich genau das zu Nutze machen, um aus dir das zu machen, was ihr Auftraggeber gerne haben möchte. Wenn ich darüber nachdenke, läuft es mir manchmal immer noch kalt den Rücken herunter. Es gibt da irgendwo in mir eine kleine böse Stimme, die flüstert: „Menschen sind die besten Spielzeuge, die es gibt”.

Doch das ist nicht, was ich getan habe. Stattdessen habe ich im Lauf der Jahre nur andere in die Lage versetzt, es zu tun, was mein Gewissen zumindest ein bisschen beruhigt. Ich habe Karriere gemacht, indem ich anderen Überwachung und Sicherheit erklärt habe, was im Netz passiert und wie — das Ganze allerdings auf Plattformen, die meine Leser mit allen vorhandenen technischen Möglichkeiten vergewaltigten.

Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, wie ich das ändern soll. Selbst wenn ich mein gesamtes Leben durch Crowdfunding finanzieren könnte, sind doch die einzigen Plattformen, die die nötige gesellschaftliche Tragweite haben, um die Leute zu Überwachung und Steuerung aufzuklären, sind genau die Plattformen, die diese Überwachung überhaupt erst möglich machen. Ich bin also im gleichen Netz gefangen wie ihr und füttere weiter die Maschinerie, vor der ich vor knapp 20 Jahren fliehen wollte.

1894 schlug Tolstoi vor, dass diejenigen, die ihre Heucheleien nicht bezwingen können, offen mit ihnen umgehen sollten, sie gegenüber aller Welt zuzugeben. Das scheint mir eine gute Idee zu sein, daher habe ich mir folgendes überlegt:

Ich möchte meinen Lesern helfen. Ich möchte die Welt ein Stück weit besser und gesünder machen. Aber ich mache mit euch Profit, um Geld zu verdienen und meine Zielgruppe zu erreichen. Ich verkaufe euch an hunderte Unternehmen und dutzende Regierungen. Ich verkaufe eure Familien und eure Communities, ich verkaufe jeden, mit dem du in Kontakt trittst — und nciht nur zu Zwecken der Überwachung, sondern auch der Steuerung. Ich verkaufe dich an Leute, die einen kleinen Realitätskäfig bauen, den du nie sehen wirst, aber der deine Welt jeden Tag deines Lebens prägt.

A subscription site doesn’t save you from being tracked and sold, it’s just how things are done now.

Das Netz zu verlassen würde bedeuten, sich vor der Welt zu verschließen, und das möchte ich nicht. Ich glaube immer noch, dass das Netz das beste Mittel ist, um aus dieser Falle herauszukommen, und zwar, indem wir lernen, es besser zu benutzen und es als das zu verstehen, was es ist. Wir können zu selbstbestimmten Zauberern werden, in einer Welt der Zauberer, und müssen nicht den alten Mächten Untertan sein, die uns momentan steuern. Allerdings wird das eine Menge Arbeit kosten. Wir müssen alle noch eine Menge lernen — die Journalisten, die Leser, die nächste Generation. Wir werden dann diejenigen zurückstoßen müssen, die uns beobachten und zu steuern versuchen, wer wir sind.

Bis es soweit ist, solltet ihr eure geheimen Gärten und Fantasiewelten bewahren. Schreibt immer mal wieder auf Papier. Seid neugierig und lernt mehr über das Netz, in dem ihr euch bewegt — digitale Kompetenz ist unsere beste Chance auf wahre Freiheit. Trefft euch immer wieder auch persönlich, ohne eure Telefone. Macht eure Offline-Zeit zu etwas wertvollem. Lest alte Bücher. Liebt die Dinge ohne Scham und nehmt euch die Zeit darüber nachzudenken, wer ihr wirklich seid — entgegen all den Dingen in der Welt, die euch sagen wollen, wir ihr zu sein habt.

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