Persönliches Lieblingsbild von Prof. Rolf Nobel: Das zärtliche Miteinander von Pferd und Kind zeigt er in der Reportage “Ponykids”

“Die leisen Töne sind weniger geworden”

<<Vom Aufhören und Weitermachen>> zeigt den Wandel des Fotojournalismus in den letzten zwei Dekaden

Ein Interview von jVoTo mit Fritz Werner Oehlers (11. Juni 2016)

Der Meister und seine Schüler könnte man denken, wenn man die Ausstellung in der Eisfabrik betritt. Aber schnell zeigt sich: Die jungen Absolventen haben von ihrem Prof gelernt; doch sie gehen eigene fotografische Wege.

16 Jahre prägte Prof. Rolf Nobel den Studiengang “Fotojournalismus und Dokumentarfotografie” an der Hochschule Hannover. Die aktuelle Ausstellung “Vom Aufhören und Weitermachen” zeigt, wie sich die Fotografie verändert hat. Und wie sich das Umfeld der Fotojournalisten verändert hat. Spannend ist der direkte Vergleich der noch meist analog fotografierten Werke von Nobel mit den Reportagen seiner Studenten aus den letzten Jahren. Gemeinsam mit Fritz Werner Oehlers besuchte ich die Ausstellung in der Galerie für Fotografie (GaF Hannover).

Die Reportagen “Ponykids” und “Small Mines” fotografierte Nobel Ende der 1990er Jahre im Auftrag von Geo
Fritz, ist für dich “Vom Aufhören und Weitermachen” eher eine Rückschau oder ein Blick nach vorne?
Ich hatte die Erwartung, dass es ein Blick in die Zukunft sein würde — die Studenten standen bei mir stärker im Fokus. Die Ausstellung erwies sich dann nach meiner Einschätzung eher als eine Retrospektive. Ich habe besonders die Arbeiten von Rolf Nobel wahrgenommen. Obwohl die Anzahl und die Fläche der Arbeiten der Studenten und ehemaligen Studenten größer ist.
Das hört sich an, als seist du enttäuscht von der Ausstellung?
Nein, auf keinen Fall! Die aktuelle Ausstellung spannt einen sehr interessanten Bogen vom Fotojournalismus der 1990er Jahre bis heute. Den Wandel hatte ich bislang so deutlich noch nicht wahrgenommen — die Ausstellung hat es mir vor Augen geführt. Auch finde ich sehr schön, dass die Ausstellung relativ kompakt ist und dennoch eine sehr große Vielfalt bietet.
Die Studenten folgen ihrem Prof also nicht?
In einer Sache folgen sie der guten alten Tradition des Fotojournalismus: Sie sind sehr nah dran. Dem Leitspruch von Magnum-Gründer Robert Capa “If your photographs aren’t good enough, you’re not close enough” nehmen sie sich sichtbar zu Herzen. Und auch bei den Fotos von Rolf Nobel sieht man sofort, dass er immer mitten in der Geschichte ist. Aber die Bildsprache zwischen den 1990er Jahren und heute hat sich deutlich verändert.
In wie fern hat sich die Bildsprache verändert? Was ist heute anders aus deiner Sicht?
“Sessions” von Florian Müller
Ich empfinde die Fotos heute als lauter: Der Bildschnitt ist extremer und auch die Anschnitte. An manchen Stellen habe ich das Gefühl, dass die Fotos effektheischend sind; teilweise an der Grenze, das Dokumentarische zu verlassen. Gezielt werden nach meinem Eindruck einzelne Aspekte mit fotografischen Mitteln betont. Was Nobel vielleicht mit einem 50er Objektiv aus drei Metern Entfernung fotografiert hat, wird heute mit einer 24er Linse schräg von unten aus anderthalb Metern geschossen.
Kann man das mit der Entwicklung im “Text-Journalismus” vergleichen? Wenn wir dort Berichte und Reportagen von heute mit denen aus den 1990ern vergleichen, dann stellen wir fest, dass die Artikel heute viel mehr Leben, aber auch viel mehr persönliche Einordnung enthalten als früher. Viele Texte aus der FAZ oder der Süddeutschen würden wir heute nicht mehr lesen, da sie langweilig wirken …
Als langweilig möchte ich die alten Fotos auf keinen Fall beschreiben. Die sind auch heute noch total spannend. Das ist vielleicht wie in der Musik: Eine Sonate von Bach ist ja nicht langweiliger als ein Heavy-Metal-Konzert — beides ist Musik mit Kraft und Aussage. Vielleicht verlangt die alte Musik dem Zuhörer mehr ab. Und vielleicht muss man sich auf die Fotos von Nobel aus den 1990ern auch einfach etwas mehr einlassen als auf die neueren Bilder. Dann entfalten die Reportagen aus meiner Sicht jedoch eine viel stärkere Kraft als die Aufnahmen von heute.
“Der erste Arbeitstag” von Frank Schinski
Du meinst, dass das Einzelbild heute stärker ist als die gesamte Reportage?
Ich habe den Eindruck, dass die alten Reportagen in sich geschlossener sind und als Einheit wirken. Bei den Arbeiten der Studenten und ehemaligen Studenten von Professor Nobel sind dagegen die einzelnen Fotos sehr viel präsenter.
Ist das eine Parallele zur gesellschaftlichen Entwicklung? Das 5-Worte-Zitat sorgt für mehr Aufmerksamkeit als eine sehr reflektiverte Abwägung eines Themas.
Genau. Und der Fotograf muss einen Knüller als Aufmacher-Foto für die Titelseite oder das Facebook-Post mitbringen. Die ganze Geschichte tritt dagegen in den Hintergrund. Quasi lauter Knall statt einfühlsam erzählte Geschichte. Die leisen Töne sind weniger geworden. Nach meiner Einschätzung bringen die Fotos heute viel mehr die Deutung der Szene mit während beim Fotojournalismus der 1990er Jahre der Betrachter mehr Raum für eigene Interpretation hatte. Sich aber auch mehr mit den Fotos beschäftigen musste.
Welche Reportagen haben dir denn besonders gut gefallen?
Fritz bei den “Seacoalers” von Rolf Nobel
Sehr stark fand ich die “Seacoalers”, die “Seatangle Collectors” und die “Small Mines” von Rolf Nobel. Sie zeigen einen Teil von England oder Großbritannien, den man nur sieht, wenn man dort war und auf den Landstraßen das Land erkundet hat. Auch wenn es diese Szenen so heute vermutlich nicht mehr gibt, berühren mich diese Reportagen. Nicht nur, weil ich England-Fan bin.
“Gaucks Mongolei- und Koreareise” von Jesco Denzel trifft auf “Festivals” von Daniel Pilar
Aber auch die Reportage von Jesco Denzel, der Bundespräsident Joachim Gauck auf einer Mongolei- und Korea-Reise begleitete faszinierte mich. Sie gibt die Stimmung der Reise sehr schön wieder und zeigt Gauck in ganz unterschiedlichen Situationen. Da ist der Termindruck durchs Protokoll zu erahnen. Man sieht den Zuhörer Gauck, der sich sehr aufmerksam seinem Gegenüber zuwendet. Die Fotos erzählen eine Geschichte, die über die Szene hinausgeht. Aber sie gefallen mir auch handwerklich: Der sehr bewusste Umgang mit dem Licht und mit den Blickwinkeln ist toll. Und dazu kommt natürlich noch, dass es Schwarz-Weiß-Fotos sind — sie sind auch ohne Farbe eindrucksvoll.
Aus England berichtet ja auch Andreas Meichsner von der “War & Peace”-Show. Für uns Deutsche ist das eher befremdlich …
“War & Peace” von Andreas Meichsner
Ich finde, das ist eine sehr schöne, geschlossene Reportage über etwas typisch Englisches. Sie zeigt, was für Typen in die Rollen schlüpfen und wie sie sie leben. Natürlich sehen wir Stereotypen — und nicht immer sind es die Einstufungen, wie wir sie für richtig empfinden. Aber in diesen Fotos lässt sich sehr leicht lesen, worum es geht.
Zum Abschluss: Hast du ein Lieblingsbild unter den Fotos?
Den Rußbläser im Kohlekraftwerk Espenhein bei Leipzig finde ich toll. Rolf Nobel hat das Porträt im Rahmen seines noch nicht abgeschlossenen Projekts “Vaterland” aufgenommen. Daher weiß ich, dass es nach 1990 entstanden ist. Aber es könnte ebenso ein 100 Jahre altes Bild sein. Es steht für Schwerindustrie, es ist eine Zeugnis von Industriegeschichte. Zugleich frage ich mich, wie es wohl dem Menschen hinter der Schutzmaske geht. Auch diese Insektenaugen sind eindrucksvoll. Und durch die hervorragende Ausarbeitung der Kontraste wirkt es bestechend.

Impressionen aus der GaF

Knapp 500 Besucher nutzen bei der Ausstellungseröffnung am 18. Mai 2016 die Gelegenheit für einen ersten Blick auf die Fotos. Mit ein paar Eindrücken von diesem Abend schließen wir das Interview.

“Kolumbiens Weg zum Frieden” von Jonas Wrench
“Sessions” von Florian Müller führten in eine für viele unbekannte Welt des Fetischismus
“Wolodjas Weg” von Jan Lieske (rechts)
Auch das hannöversche Schützenfest gehört zu “Vaterland” von Rolf Nobel
Das Projekt “Vaterland” führte Rolf Nobel auch in die Lagerhalle des Simson-Werks in Suhl
Ein Eindruck von der Horner Rennbahn in der Serie “Vaterland” von Rolf Nobel
GaF und “Vaterland” spiegeln sich im Duschraum der Serie “Small Mines” von Rolf Nobel
“Seatangle Collectors” spiegeln sich in der Landstraße bei Mölln nach der Grenzöffnung 1989 (“Vaterland”, Rolf Nobel)

Die Ausstellung “Vom Aufhören und Weitermachen” ist noch bis zum
24. Juni 2016 in der GaF zu sehen.
Noch mehr Infos online zur Ausstellung gibt’s bei Freelens.

Galerie für Fotografie (GaF)

Seilerstraße 15d, 
30171 Hannover
Öffnungszeiten:
Donnerstag bis Sonntag von 12.00 bis 18.00 Uhr
Parkplätze sind knapp — zu Fuß oder mit dem Fahrrad hat man damit keine Probleme
Eintritt: frei
www.gafeisfabrik.de

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Alle Fotos: jVoTo
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