Über Fortschritt, Rolltreppen und die Selbstständigkeit

Wer entscheidet, wie die „Normalarbeit” in Zukunft aussieht?

Catharina Bruns
May 1, 2018 · 16 min read

(Zitat via Wolf Lotter [1])

Innovation ist Fortschritt, wenn sie den Alltag besser und das Leben größer macht. Während auf innovative Produkte niemand verzichten möchte, tut sich bei der Bereitschaft für eine innovative Arbeitskultur erstaunlich wenig. Wenn die Roboter kommen, heißt es umdenken. Eine moderne Arbeitswelt braucht neue Visionen. Warum hat die hier keiner?

Anstellen

Als ich vor Kurzem aus Versehen in einem Kaufhaus war, fiel mir wieder auf, dass kaum jemand die Treppen nimmt, wenn es auch eine Rolltreppe gibt. Drei Leute gehen selbst, alle anderen lassen sich hoch- und runterfahren. Egal wie jung, egal wie viele Menschen sich dort schon drängeln, egal wie viel langsamer es sie an ihr Ziel bringt. Immer wenn ich das beobachte, denke ich an meine Vergangenheit in der Festanstellung. Zugegeben, ein schräger Vergleich, aber trotzdem erinnert es mich an die Konformität der Bürokarriere, in der alle sich anstellen, mitfahren, irgendwohin „befördert werden”, ohne unterwegs noch großen Einfluss zu haben.

Überhaupt repräsentiert so ein Kaufhaus irgendwie die Vergangenheit. Hier werden immer noch eine Menge Leute (vor allem Frauen) in Jobs geparkt, um die es nicht schade wäre, wenn sie denn bald ausstürben. Gelangweilte Verkäuferinnen, die den Nagellack bewachen, uninspirierte Kassiererinnen, die beim Abscannen gleichzeitig als Blitzableiter für gestresste Nörgler herhalten müssen, viele Hände, die Waren immer wieder säuberlich zurecht legen, weil achtlose Kunden sie zerpflückt haben. Dazu eine menschenverachtende Beleuchtung, die man sonst nur von Fahrstühlen kennt, in denen man es bekanntlich nicht acht Stunden, sondern nur ein paar Minuten lang aushalten muss.

Ich habe als Studentin zu Ostern und Weihnachten in einer Karstadt-Süßwarenabteilung an der Kasse gejobbt. Unter meiner Verkaufstheke fuhr alle paar Minuten die Untergrundbahn. Den ganzen Tag vibrierte der Boden, die Migräne-induzierende Beleuchtung tat ihr Übriges. Damals dachte ich, irgendwann kommt die Zeit, wo hier der Roboter die Ostereier abzählt und die Leute sich ihr Marzipan selbst abscannen.

Nun, da es bald soweit ist, steckt in der Arbeitswelt noch der übermächtige Geist der Fabrik. Und der wandelt nicht nur überall durch die Unternehmenskultur, sondern zeigt sich auch in einer selbstverständlich gewordenen Angestelltenmentalität. Jobs sind Jobs — aber Arbeit könnte in Zukunft besser werden.

Nach oben schauen

Wenn wir nun über die Zukunft sprechen, dürfen wir uns fragen, ob mit den neuen Möglichkeiten — subsumieren wir sie mal unter dem Begriff „Digitalisierung” — nicht auch neue Arbeitsmodelle und mehr Freiheit drin sind, ohne dass wir auf Wohlstand verzichten müssen. Zumindest darf man hierzulande darüber nachdenken, wo wir das Modell der abhängigen Beschäftigung weitgehend perfektioniert haben. Dabei drängt sich die Frage auf, ob für Fortschritt nicht ein ganz neues Verhältnis zur selbstständigen Arbeit nötig wird.

Die Probleme liegen auf der Hand:

1.Natürlich ist das normierte Anstellungsverhältnis bereits Fortschritt. Aber es ist der Fortschritt von gestern. Rolltreppen sind auch technischer Fortschritt, aber was nützt sie mir, wenn ich woanders hin will? Was wenn sie ausfällt? Die automatisierte Wirklichkeit steht vor der Tür und das Element der Fremdbestimmung gehört nicht zu den Errungenschaften der abhängigen Beschäftigung. Unsere auf planbare Abläufe und Routine ausgerichteten Arbeitsstrukturen haben nicht das kreative Individuum und den selbstständigen Menschen gefördert, sondern alle zu angepassten Mitarbeitern gemacht, die sich auf Weisungen und das Abarbeiten von kleinen Bereichen spezialisieren müssen.

2. Das gesamte Job-System baut auf Fremdbestimmung. Man kann nicht erwarten, dass in einer Arbeitskultur, die auf Anpassung, Anwesenheit, Kontrolle und Risikovermeidung baut, viel Kreativität und Abenteuerlust überlebt. Potenzialentfaltung und dieses ganze neumodische Gedöns waren im alten Fabrik-Deal noch keine Kriterien. Nun kommt nicht mal die eigene Firmen-Email-Signatur noch ohne genaue Vorgabe daher. Sicher ist sicher. Wenn die Roboter kommen, wird aber plötzlich Selbstbestimmung wichtig. Die Entwicklung zur „Arbeit ohne Anleitung” hinzubekommen, scheint mir daher am schwierigsten zu sein. Warum? Weil die zugehörige Kultur fehlt.

Mit einem gestörten Verhältnis zur Selbstständigkeit kommt man schnell an seine Grenzen.

Stehen bleiben

Wie die Kultur der abhängigen Beschäftigung Lebensentscheidungen bestimmt, sieht man auch daran, dass viele Leute ein Leben lang im falschen Job bleiben. Im angeleiteten Arbeitsalltag ist gut, was wir schon kennen, schlecht, was wir uns noch ausdenken müssen. Weil das so ist, gibt es auch so selten etwas Neues und dafür ganz viel schon Dagewesenes in anderer Auflage. Die nächste sichere Version, die sich als brandneu verkauft. An sich ist das aufeinander Aufbauende ja auch nicht verkehrt. Es sei denn, man baut in die falsche Richtung.

Schön zu beobachten ist das derzeit in der Debatte um „New Work”. Seitdem dieses „New Work” angeblich nur im Konzern stattfindet, kann man das Ganze nicht mehr ernst nehmen. Damit aber die Fallhöhe, vor allem für die selbsternannten New Work-Fachleute nicht so hoch ist, werden viele Wörter gefunden, die neuen Anstrich geben, ohne dass man die alten Sicherheiten aufgeben müsste. Der Begriff hat inzwischen nur noch wenig mit Inhalten zu tun, aber dafür viel mit Marketing, Experten-Profilierung, Bürogestaltung und neuen Anleitungen. Und lange wird es nicht mehr dauern, bis hierzulande auch Entrepreneurship, hauptsächlich im Kontext des „Intrapreneurships“, also der Festanstellung geläufig sein wird.

Die Diskussion ist bisweilen abgehoben. Nicht alle werden je frei und flexibel arbeiten können. Wie flexibel ist der Dienstplan eines Altenpflegers? Wie „remote” kann ein Landschaftsgärtner arbeiten? Hier offenbart sich die Ignoranz aller, die meinen New Work hätte nur etwas mit Bürokarriere zu tun. Tatsächlich geht es gar nicht nur um „agile” oder darum Workplace-Trends nachzueifern. Es geht um Wissensgesellschaft und die basiert auf Selbstständigkeit und, ja, auf Wissen — und davon haben besonders Leute aus der handfesten Praxis eine ganze Menge. Wenn man einen Beruf ergreift, der mehr mit Menschen, als mit Algorithmen zu tun hat, dann muss sich das Versprechen von New Work ganz anders einlösen. Übrigens nicht nur dann. Denn im Prinzip hat jede Arbeit am Ende mit Menschen zu tun, denn sie hat immer irgendwo einen Kunden, auch wenn man ihn noch nie persönlich kennengelernt hat. Für alle, denen Arbeit mehr bedeutet, als ihr momentaner Job, spielen Menschen und Inhalte eine Rolle. Man wird ja nicht Altenpfleger, weil man zuhause vor dem Laptop sitzen will.

Wir reden immer über „New Work”, aber viel zu wenig über Arbeitsinhalte und Kontext.

Für „New Work” und eine neue Arbeitskultur, die den Namen verdient, muss grundlegend über die bewusste Beziehung zwischen Mensch und Unternehmen, bzw. dem Ich und der Arbeit nachgedacht werden.

Befördert werden

Das „Normalarbeitsverhältnis” ist eine hohe Errungenschaft, für dessen Annehmlichkeiten lange gekämpft wurde und wird. Es brachte Wohlstand, es brachte Aufstieg, es brachte Planbarkeit und Sicherheiten. Hochfahren, sozusagen. Plötzlich wurden aus Arbeitern, Angestellte und aus allen anderen Arbeitsuchende. Der ausgebaute Sozialstaat lässt sich bisher nur mit der abhängigen Beschäftigung organisieren: jeder (der Arbeit hat) ist den ganzen Tag beschäftigt, zahlt automatisch seine Beiträge und trägt schön das bei, was er soll. Bei brummender Wirtschaft ein unschlagbares Wohlstandsmodell. Aber wo es viel „Employment” gibt, da gibt es auch viel „Misemployment”. Und wo es wenig Unternehmer gibt, da gibt es eben auch viel Abhängigkeit. Wenn der Computer nun immer mehr menschliche Handgriffe erledigt, muss man sich überlegen, wie man die echten Errungenschaften der Festanstellung erhalten kann, ohne weiterhin alle zur Austauschbarkeit auszubilden.

Jetzt, wo neue Ideen gefragt sind, hängt nicht nur unser Sozialversicherungssystem, sondern unsere gesamte Arbeitskultur an der „Normalarbeit”. Es fährt hier nur mit, wer „normal” arbeitet, wer selbst läuft ist der Dumme. Nicht weil die Leute nicht freier arbeiten könnten, sondern weil wir uns nichts anderes vorstellen können.

So kann es nicht bleiben. Den Menschen die Zukunft nicht zuzutrauen, ist ein armseliger Blick auf ihre Potenziale. Sie werden in der Debatte um Automatisierung und Arbeit der Zukunft systematisch unterschätzt. Als könnten sie sich gegen das Heer der Roboter nicht durchsetzen, die ihnen die zwar öden, aber so schön zur Gewohnheit gewordenen Jobs klauen. Was für ein Unsinn. Nicht alles was neu ist, ist schließlich auch Fortschritt. Am Ende entscheidet die Gesellschaft, ob das Neue etwas taugt. Nur weil Roboter immer mehr Tätigkeiten übernehmen können, heißt das doch nicht, dass sie das auch überall tun werden. Elon Musk kam gerade ins Grübeln und gab zu bedenken, dass die „übertriebene Automatisierung” bei der Fertigung von Tesla ein Fehler war. Menschen seien unterbewertet.

Sieh an.

Nicht das „Substituierungspotenzial” ist ein Problem, sondern, dass dem Bürger nicht zugetraut wird zu wissen, was er machen soll, wenn keiner es ihm sagt. Dabei ist es fortschrittlich, dass der Mensch sich in einigen Bereichen überflüssig machen kann und die Arbeit trotzdem erledigt wird. Plötzlich hat er die Zeit, sich woanders zu engagieren. Überall dort, wo Roboter nichts taugen. Wo es um Kreativität, Mitgefühl, Selbstständigkeit (als Qualität) Zuwendungsfähigkeit, Humor, Engagement und Entrepreneurship geht. Neues entstand schon immer aus der Begeisterung von Tüftlern, kreativem Unternehmertum und vor allem, wenn das Alte nicht mehr passte.

Wenn etwas besser werden soll, muss man sich ab und zu etwas einfallen lassen. Noch zwickt es vielleicht nicht stark genug, aber wer bestimmt eigentlich was zukünftig „Normalarbeit” ist?

Wolf Lotter schreibt: „Innovation ist, in einem Satz, der berechtigte Anlass für die Hoffnung, dass es besser wird. Der Beweis, dass die Zukunft existiert. Dass es einen Fortschritt gibt, eine Perspektive.” [2]

Weil langsam auffällt, dass Deutschland in der Innovationskraft zurückzufallen droht, wird von den politischen Akteuren regelmäßig eine neue Gründerzeit ausgerufen. Es sollen mehr Startups her. Aber woher nehmen, wenn es gar keine zugehörige Kultur der Selbstständigkeit gibt?

Was Selbstständige so machen, schauen sich Politiker gern in Statistiken an, nur um zu analysieren, wo sie ihnen durchs Abgabesystem oder Sicherungsnetz flutschen. Unternehmertum ist für sie etwas, das man in erster Linie zur Verantwortung ziehen muss, nicht etwa die legitime Möglichkeit zu einem individuellen Lebensentwurf, der beste Weg zu persönlichem Aufstieg und nebenbei, zu mehr Vielfalt im (virtuellen) Regal für alle.

Das Siechtum der Gründermentalität in Deutschland wird zwar regelmäßig beklagt, aber das Problem stets nur versucht mit Geld zu lösen. Dabei gibt es bereits unzählige Fördertöpfe. Gerade gab der neue Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier trotzdem den feierlichen Startschuss für eine neue Gründerplattform, die in Zusammenarbeit mit der KfW (der größten nationalen Förderbank) entstanden ist. Das ist gut gemeint und das kann man machen, aber wird mehr von derartigen Förderangeboten wirklich zu mehr Selbstständigkeit führen? Ich glaube nicht.

Gründungsmentalität wird nicht durch staatliche Fürsorge gezüchtet, sondern Unternehmertum fördert man am besten, wenn man die Rahmenbedingungen für die Selbstständigkeit und freie Arbeit verbessert.

Gründen ist nicht unattraktiv, weil es keine Fördermittel gäbe — sondern weil das Land sich seit Jahrzehnten nur auf Arbeitnehmer konzentriert. Nun fehlt die unternehmerische Mentalität und Kultur der Selbstständigkeit und das ist kein Wunder. Bürokratie, hohe Belastungen, kein passendes Sozialversicherungssystem und viele Pflichten, teils sogar Ungerechtigkeiten, um die man sich als Angestellter und Konsument keine Gedanken machen muss.

Unternehmer sollen natürlich nicht jammern. Aber wenn etwas in der Gesellschaft derart unattraktiv ist, dass nur eine kleine Minderheit sich noch dazu entschließt, dann kann man vielleicht zur Kenntnis nehmen, dass es tatsächlich etwas zu stark belastet wurde. Und wenn in einer Zeit, in der es um Ideen und kreative Konzepte geht, niemand mehr gründen kann, ohne am Fördertropf zu hängen oder erstmal nach Wagniskapital zu rufen, dann sind wir von einer selbstbestimmten Arbeitskultur so weit entfernt, wie Martin Schulz von der Kanzlerschaft.

Wo dank „Normalarbeit” grade so eine schöne Ordnung herrscht, haben wir zu lange darauf vertraut, dass das bisschen Innovation bei uns nicht aus der Gründergarage oder der Kreativ-Werkstatt kommt, sondern aus der „Abteilung Innovation” des Großkonzerns. Während die Freigeister und Tüftler, die Entrepreneure und Selbermacher anderswo in der Welt Spaß daran haben, das Internet mit Geschäftsmodellen zu füllen und Google die „Alphabetisierung” durchzieht, kämpfen wir hier für mehr Freizeit und finden es wichtiger den „digitalen Kapitalismus” zu bekämpfen, anstatt in Führung zu gehen und zu zeigen, wie das Ganze in der sozialen Marktwirtschaft laufen kann. Qualifikation soll in Zukunft noch besser von der Behörde begleitet werden — wer meint dabei kommt eine innovative Arbeitswelt heraus, der irrt sich womöglich gewaltig.

Von der Kita in die Ganztagsschule in die unbefristete Vollzeit, ohne Zeit und Muße sich mal auf sich selbst zu konzentrieren, dank lebenslanger Anpassungsqualifizierung aus der Karrierebehörde — soll das etwa die Zukunft sein? Modernisierung? New Work?

All das hat nichts mit Selbstständigkeit und auch nichts mit Fortschritt zu tun. Und ebenso wenig mit Freiheit.

Störung

Während hier weiter alles auf Anleitung und Sicherheit baut, wird anderswo Kreativität und Eigeninitiative belohnt. Da ist man noch wer, wenn man sich selbst etwas einfallen lässt und ins Risiko geht. Da wird Enthusiasmus und das Ausprobieren belohnt und nicht die Furcht vor Fehlschlägen durchanalysiert.

Ich finde es mieft. Zeit mal ein Fenster aufzumachen.

Wir brauchen für das Neue aber nicht mehr Startup-Gründer, die es im Kern auch nicht anders machen. Damit sich hier etwas verändert, muss die gesamte Arbeitskultur belüftet werden. Das Alte muss auch nicht weg, aber es darf das Neue nicht verhindern. Was hilft, ist nicht nur Platz im Büro für ein unternehmerisches Lebensgefühl, sondern auch Platz dafür im echten Leben — egal ob angestellt, oder nicht.

Was im Land der „Normalarbeit” fehlt, ist nicht die Unterstützung — es fehlt der HUNGER. Die LUST auf etwas Neues.

Ja, das hat mit Arbeitskultur zu tun. Eine Arbeitskultur, die auf Sicherheit und Pflichterfüllung baut, ist in einer digitalisierten Ökonomie nicht nur der Friedhof für Ideen, sondern auch der Grund für so viel Unsicherheit was die Zukunft betrifft. „Was wird aus mir?” fragt man sich mit dieser Mentalität, wenn der Wind der Veränderung weht und nicht: „Was will ich als Nächstes gestalten?”

Mit Jahrzehnten an kultivierter Unselbstständigkeit, die das Leben mehr oder weniger gut finanziert hat, entstehen eben nicht die dollsten Zukunftsideen, sondern die größten Verlustängste. Und wenn man satt ist, dann ist man eben nicht hungrig. Binse!

Wie bekommt man nun wieder Hunger?

Selbstständigkeit ist nicht „befördert werden”, sondern sich selbst bewegen. Eine gesellschaftliche Veränderung ist ohne die persönliche nicht zu haben. Nun ist es ebenso legitim seine Arbeit nur als Job zu verstehen und jeden Funken mehr an Enthusiasmus für die eigene Tätigkeit abzulehnen. Die Welt dreht sich aber trotzdem weiter. Und wie viel Platz für gut bezahlte Jobs, die einem egal sein können es in Zukunft noch gibt, wird sich zeigen. Ich halte weder übertriebenen Arbeitseifer, noch das Glorifizieren von Freizeit für zukunftsweisend. Aber grundsätzlich gilt schon: Wer seine Arbeit wertschätzen kann, der hat insgesamt eine bessere Zeit und mehr Lust auf Entwicklung.

Nun ist Innovationslust, wie Kreativität, nicht planmäßig abrufbar. Sie lässt sich weder staatlich, noch in Unternehmen anordnen. Neue Ideen wachsen nur dort, wo man Bewegungsfreiheit hat. Man bekommt sie, in dem man aufmerksam durch die Welt geht. Diese Neugier ist nah verwandt mit der Offenheit. Man muss sehen, was nicht alle sehen, sich eine Vorstellung von einer besseren Zukunft machen und Lösungen anbieten wollen, die vielen weiterhelfen. „Es könnte auch besser sein!” — Wer das denken kann, der kann sich auch auf den Weg machen.

Dafür braucht es Interesse, besser noch Begeisterung. Und damit ist die größte Hürde benannt, die Unternehmen haben, die nicht innovativ sind. Sie schaffen es nicht, das Potenzial ihrer Mitarbeiter zu entfesseln, weil ihre Jobs sie beschränken. Begeisterung ist in der Selbstständigkeit heute überlebenswichtig, im Job immer noch Glückssache. Viele sind nicht frei in der Gestaltung und Abteilungen sind oft auch nicht durchlässig genug um Ideen kommunizieren zu können. „Working Out Loud” — soll dabei helfen, aber geht es diesmal auch um Inhalte, oder ist es nur der neueste Schrei der alten Unternehmensführung?

Das Neue braucht Begeisterung, die zugehörige Arbeit Ausdauer.

Enthusiasmus ist der einzige Treibstoff, der etwas taugt. Und der muss aus einem selbst kommen. Das bestätigt sich überall — egal ob im Job oder in der Arbeitslosigkeit. Zerstört wird er am schnellsten durch Fremdbestimmung.

Sind wir nun nicht innovativ, weil es keine passende Kultur dazu gibt, oder gibt es die Kultur nicht, weil wir nicht mehr innovativ sind?

So dreht es sich im Kreis. Dabei ist es ganz einfach: Potenzialentfaltung führt zu Innovation — nicht Vorgabe, oder Einigkeit und schon gar nicht Führungsverweigerung. Nicht Routine, nicht Ordnung oder Gleichheit. Sondern Freiheit. Unterschiedlichkeit, Vielfalt und die Lust auf Wettbewerb.

Sich selbst befördern

Neues entsteht, wo es die Freiheit selbst zu denken und etwas in Eigenverantwortung umzusetzen gibt, das man tatsächlich wichtig findet. Und damit wäre die zweite große Hürde benannt: Jobs sind immer etwas, das man für andere erledigt. Wenn es sich nicht um die eigene Firma handelt, wann decken sich die Unternehmensziele schon mit den persönlichen? Früher war das nicht wichtig, in Zukunft dürfte eine Übereinstimmung aber zu den wichtigsten Kriterien der Zusammenarbeit zählen. Wenn Unternehmen anfangen Mitarbeiter wie mündige Erwachsene zu behandeln (siehe dazu etwa die berühmte „Netflix Culture”) und Menschen ihre Arbeitskraft konsequent an eigene Werte binden, sich also mündig verhalten, werden alle Beteiligten Klarheit über den Sinn der (Zusammen-)Arbeit haben müssen. Das wäre ein großer Schritt, hin zu einer selbstbestimmten Arbeitskultur mit mehr Transparenz, Freiheit und Eigenverantwortung, ohne dass von Ausbeutung die Rede sein kann.

Alle, die mit der Freiheit umgehen können, haben außerdem einen entscheidenden Vorteil: Sie können auch mit Unsicherheiten umgehen. Alles was neu ist, ist unsicher. Selbermachen schafft Selbstsicherheit. Daher ist die Selbstständigkeit und unternehmerische Arbeitsweise innerhalb und außerhalb von Unternehmen so wichtig.

Wann arbeiten Menschen gern und sind nebenbei innovativ?

  • Wenn sie offen sind und neugierig auf die Möglichkeiten
  • Wenn sie einen Grund haben! Einen inneren Antrieb für ihre Arbeit und Lust haben ein Problem zu lösen
  • Wenn sie nicht Perfektion anstreben, sondern Fortschritt, nicht Stabilität, sondern Weiterentwicklung
  • Wenn sie frei sind etwas zu probieren und wieder zu verwerfen
  • Wenn sie die richtige Person am richtigen Ort sind und sich selbst zuständig machen wollen, anstatt zuständig gemacht zu werden
  • Wenn sie sich die richtigen Partner/Umfeld suchen können und nicht vorgesetzt kriegen
  • Wenn sie an ihre Arbeit glauben: Inhalte vor Äußerlichkeiten
  • Wenn sie Verantwortung für sich und ihre Arbeit übernehmen
  • Wenn ihnen auch mal egal ist, ob Montag oder Samstag ist (atmen Sie weiter!)

Wer diese Selbstständigkeit im Unternehmen kultiviert, der braucht sich um Innovationen keine Sorgen machen. Und nur mit dieser Haltung wird der Einzelne auch keine Probleme mit einer Arbeitswelt haben, die weniger auf Anleitung und Sicherheiten baut.

Viele werden bestätigen: all das ist dem typischen Normalarbeitsalltag fremd. Jeder, der zwischen alter und neuer Arbeitswelt wandelt, weiß wie schwer es ist mit den Großen tatsächlich mal etwas umzusetzen. Nicht weil sie nicht wollen, sondern weil sie gefangen in ihren Abläufen sind. Wäre Innovation Resultat von Planungsaufgaben, Deutschland wäre nicht einzuholen.

Das heißt nicht, dass es keine Entwicklung gibt: Firmen tun schon viel für die Glückseligkeit am Arbeitsplatz. Sie wünschen sich schließlich den innovativen Mitarbeiter. Wir können beobachten, wie Konzerne mehr und mehr zu Arbeitnehmeroasen umgebaut werden, in der Hoffnung, dass das richtige Setting zu den gewünschten Ergebnissen führt. Aber in den Tempeln der Normalarbeit braucht alles eine Strategie, Planung und kontrollierbare Prozesse. Dort ist man zwar sicher, aber frei sein kann man dort nicht. Anstatt Selbstständigkeit zu ermöglichen, wird Selbstständigkeit simuliert. Wer heute einen der größeren Co-Working Spaces besucht, wird dort mehr Festangestellte treffen, als Freie. Aber man kann so viele Open-Space- und Desk-Sharing-Konzepte implementieren wie man will — solange auch sie nur Vorgabe sind, passiert nicht viel, außer dass eben alle mitmachen. Innovation wird daher eingekauft— aber die passende Kultur kann man nicht kaufen.

Für mehr Innovationen braucht es aber eine neue Kultur, die Selbstständigkeit belohnt und auch ein ganz neues Unternehmertum. Aber nicht so, wie es dem traditionellen Unternehmerbild, der in Deutschland so geliebten Norm entspricht. Sondern im Sinne des Entrepreneurs, der sich aus der neuen Situation etwas machen kann.

Das hat nichts mit Festanstellung oder formaler Selbstständigkeit zu tun, sondern damit Führung zu übernehmen, seine Ideen umzusetzen und Lösungen für die Herausforderungen der modernen Gesellschaft zu finden.

Immer mehr neu entstehende Unternehmen werden womöglich ohne viele Arbeitnehmer auskommen und dafür mit freien Wissensunternehmern arbeiten. Wer seine Mitarbeiter wie Erwachsene behandelt, schafft ein Klima, in dem Selbstbestimmung und Unabhängigkeit Voraussetzung für gute Arbeit sind. Zu solch einem Kulturwandel höre ich wenig. Es geht hier nicht nur darum, dass der Arbeitgeber liefert, sondern auch darum, dass man sich selbst führt. Alle warten auf die Zukunft der Arbeit, aber wer fühlt sich nun zuständig sie aktiv mitzugestalten?

Für neue Entrepreneure muss es um Inhalte gehen. Mit der Haltung von „Freitag ab eins macht jeder seins” lässt sich bei Zukunftsthemen eben nicht in Führung gehen. Man müsste also zuerst sein eigenes Verhältnis zur Arbeit überdenken und mal klar definieren: Was mach ich hier eigentlich?

Was muss passieren, damit eine neue Arbeitskultur möglich wird?

  • Das persönliche Verhältnis zum Job muss sich ändern: Weg von dem Anspruch auf Status/Versorgung als Hauptkriterium, hin zu radikaler Ehrlichkeit zu sich selbst: Zu welcher Arbeitskultur trage ich bei? Was möchte ich beitragen? Wo kann ich das tun? Oder wie ich es nenne: „work is not a job”
  • Befähigung: Entrepreneurship muss in das Bildungssystem ← (Dazu habe ich bereits etwas geschrieben)
  • Die kulturelle Abwertung freier Arbeit muss aufhören
  • Hierfür müssen sich die Rahmenbedingungen für die Selbstständigkeit und freie Arbeit verbessern. Dazu gehört eine vernünftige Regelung zur „Scheinselbstständigkeit”, die „Scheinangestellte” schützt und Selbstständige und ihre Auftraggeber in Ruhe zusammenarbeiten lässt
  • Bessere Rahmenbedingungen flexibler Arbeitsmodelle und Kombination aus Selbstständigkeit und Festanstellung
  • Vernünftige Angebote im Sozialversicherungssystem, die zu freier Arbeit und Vielfalt passen
  • Ermöglichung von Unternehmenskultur, die nicht mehr auf Anleitung, Kontrolle und Abhängigkeit basiert, sondern auf Inhalte, Verantwortung und Mündigkeit baut (also das Gegenteil von dem Machtgefüge, das über Jahrzehnte kultiviert wurde)

Damit in Deutschland die Chancen der Digitalisierung wahrgenommen werden können, muss eine innovative Arbeitskultur eine freie Arbeitskultur sein.

Hierfür fehlen uns die Rahmenbedingungen, aber vor allem die Mentalität. Ein Kulturwandel ist ein Prozess, der nicht über Nacht geschieht und der angenommen und erwünscht sein muss. Die Roboter dürften also schneller hier sein. Auch, weil jeder kleine Schritt in Richtung Bekenntnis und Anerkennung freier Arbeitsmodelle in der öffentlichen Debatte sofort für gefährlich und unsozial erklärt wird. Die Bewahrer des Fabrik-Deals leben von der Angstmache vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg. Sie bestehen auf den unselbstständigen Arbeitnehmer (und Wähler) und lassen keine Luft an ihre Story vom bösen Kapitalismus, in dem man entweder ausgebeutet wird, oder sich selbst ausbeuten muss. Sie wollen bewahren, aber sie können nicht modernisieren. Weil ihr Erfolg auf den Alltag in der Fabrik aufbaut, haben sie keine Ideen für die Wissensgesellschaft. Sich an der Vergangenheit festzuhalten nützt jedoch der nächsten Gesellschaft wenig — auch wenn man es gut meint.

So schöne Begriffe wie „Kreativität”, „Selbstbestimmung”, „Flexibilität” und „Leistung” sollen mit aller Macht eine negative Deutung bekommen. Wir wollen das in Deutschland nicht, hier muss man nicht selbstständig sein. Dabei braucht es dringend auch so etwas wie soziale Innovation und kreative Innovation, die zur gesellschaftlichen Modernisierung beiträgt und die kommt nicht aus dem Konzern oder dank des staatlichen Fördertopfes. Die kommt vom Bürger, egal in welchem beruflichen Kontext, egal ob alt oder jung — wenn man es ihm zutraut und ihn nicht lahmlegt.

Innovation ist nicht auf Eliten beschränkt, die sich hochbezahlt in geschützten Räumen über Neues hier und Neues da den Kopf zerbrechen dürfen. Hier darf jeder mitmachen.

Und in Zukunft muss vielleicht auch jeder nicht nur ein bisschen mehr mitmachen, sondern vor allem auch etwas mehr selbst machen. Die Frage ist hier nicht, ob die Festanstellung ausrangiert wird (es gibt keinerlei Hinweise darauf, im Gegenteil und warum auch), sondern wie sie in Zukunft gestaltet wird.

Hier fehlt die Vision für eine neue Arbeitskultur, die nicht mit dem Verständnis der Fabrik, Kapital gegen Lohnarbeit funktioniert, sondern zeitgemäß und freiheitlich.

Die Wissensgesellschaft liebt die Selbstständigkeit. Knapp sind nicht die Möglichkeiten, sondern die Ideen für eine bessere Zukunft.

Natürlich kann man immer auch die Abhängigkeit wählen. Rolltreppe eben. Da wo alle anstehen, stell ich mich auch an. Da wo alle hinfahren, fahr ich mit. Hoffentlich, gibt es da was für mich…

Wer nicht selber macht, muss hoffen. Das aber, ist nicht Zukunftsgestaltung. Das ist ein Stück Zukunftsverweigerung. Die wichtigste Innovation für mehr Innovation liegt nicht nur im Zulassen, sondern im Wollen einer selbstständigen Arbeitskultur.

Was da hilft? Öfter mal selbst gehen.

Der Fortschritt, bist du.


Literatur/Quellen

Bruns, Catharina; Pester, Sophie (2016): Frei sein statt frei haben. Mit den eigenen Ideen in die kreative berufliche Selbstständigkeit. Campus.

Bruns, Catharina (2013): Work is not a Job. Was Arbeit ist, entscheidest du! Campus.

Culture at Netflix: https://jobs.netflix.com/culture, abgerufen am 30. April 2018

Lotter, Wolf (2018): Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken. Edition Körber.

[1] Lotter, Wolf: „Der Fortschritt braucht keine martialischen Zerstörer”, Meinungsartikel auf Welt.de vom 27. April 2018, hier online: https://www.welt.de/debatte/kommentare/article175873438/Innovation-Fortschritt-braucht-keine-martialischen-Zerstoerer.html

[2] Lotter, Wolf: „Der Stoff, aus dem das Neue ist”, Essay in WienerZeitung.at vom 25. April 2018, hier online: https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wirtschaft/international/960991_Der-Stoff-aus-dem-das-Neue-ist.html

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Gedanken zu Entrepreneurship und einer neuen Kultur der Selbstständigkeit vom Happy New Monday Team

Catharina Bruns

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Unternimmt, läuft, schreibt. Verwechselt Freiheit nicht mit Freizeit und Arbeit nicht mit Job: https://workisnotajob.com http://happynewmonday.com

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