Fiktive Geschichte zur Bombardierung Magdeburgs am 16. Januar 1945

Teil 3


Von Ronald Kühn

15:00

Wellington

Wellington inspiziert die Ladung seines Bombers. Große, eiserne Paletten mit Luftminen und Stabbrandbomben werden ins Innere verfrachtet, genug Sprengkraft, um ein ganzes Dorf auszulöschen. Der Lieutenant hilft die Ladung zu sichern und überprüft die Bestückung der Bord-MGs. In ein paar Stunden fliegen sie gen Deutschland, direkt ins Herz des Feindes.

Siegfried

Als Siegfried über die Türschwelle tritt, sieht er Frau und Tochter. Und er sieht, wie die Anspannung auch aus ihren Gesichtern weicht. „Gott sei Dank, euch ist nichts passiert! Mir geht es gut, keine Sorge, aber das Werk ist zerstört.“ Er hätte Erna und Elise von all dem Tod und der Zerstörung erzählen können, doch er sagt stattdessen: „Verdammte Bomber, dass die schon bis hierher kommen. Wo sind die Flugzeuge, die uns beschützen sollen, frage ich mich?“ Sie fallen sich in die Arme. Wichtig ist, dass sie den heutigen Tag überstanden, überlebt haben.

Elise

Siegfried kommt später als üblich nach Hause. Elise und ihre Mutter haben auf ihn gewartet. „Gott sei Dank, euch ist nichts passiert!“, sagt er statt einer Begrüßung. „Mir geht es gut, keine Sorge; aber das Werk ist zerstört“, fährt er fort. „Verdammte Bomber, dass die schon bis hierher kommen. Wo sind die Flugzeuge, die uns beschützen sollen, wo ist die Flugabwehr?“ Er umarmt Frau und Kind „Ich denke, für heute haben wir nichts mehr zu befürchten.“ Erna schaut ihn über Elises Kopf zweifelnd an. Niemand kann wissen, was heute noch kommt.

Wilhelm

„Ich bin zum Schreiben geboren“ sagt Ferdinand schließlich. „Ein Schreiberling also.“ — „Ganz genau.“ — „Nun gut, dann setzen Sie sich an die Schreibmaschine. Wollen wir mal testen, wie schnell Sie sind.“ Ferdinand geht zum Tisch hinüber und nimmt Platz. Erst jetzt fällt Wilhelm auf, wie stark er humpelt.

„Telegramm nach Berlin: Meldung aus Magdeburg. Ausmaß der Zerstörung noch unklar.“

Zofia

Nach den Angriffen wurde im Polte-Werk wieder zur Tagesordnung übergegangen. Keiner der Aufseher sprach nur ein Wort darüber, was vor wenigen Stunden über dem Himmel von Magdeburg passierte. Doch für den halbstündigen Arbeitsausfall wurden Zofia und die anderen Zwangsarbeiterinnen bestraft. Um die verlorene Zeit wieder einzuholen mussten sie auf ihre Mittagspause verzichten. „Schon wieder nichts zu essen“ fluchte Zofia innerlich. Ihre Belastungsgrenze hatte sie schon längst überschritten. Wenn ihre Leistung nachlässt, schickt man sie zurück nach Buchenwald. Was das für sie bedeuten würde ahnt Zofia. Eine Sowjetrussin, die nicht schnell genug dem Appell gefolgt war, ist er letzte Woche abtransportiert worden. Einfach so.

15:30

Wilhelm überfliegt das Telegramm. „Wo haben Sie so schnell Schreiben gelernt?“

„Mein Vater hat mich auf eine gute Schule geschickt.“ Wilhelm denkt kurz nach. „Gut, Sie sind der neue Schriftführer. Sie können morgen früh anfangen. Kommen Sie ja nicht zu spät.“

16:00

Wellington

Die letzten Worte des Air Marshall sind knapp: „Gentlemen, machen Sie der Royal Air Force alle Ehre und jagen Sie die Krauts zur Hölle!“

18:00

Wellington

Ein wolkenloser Himmel erstrahlt über dem Startfeld der Royal Air Force Base in York. Leichter Frost lässt den Asphalt des Runway im untergehenden Sonnenlicht glitzern. Wellington sitzt im Kommandositz des vordersten Lancaster-Bombers. Sein Geschwader steht, dicht an dicht gereiht, an den Startbahnen und wartet auf den Befehl, abzuheben. Die Motoren werden gestartet.

Quelle: Bundesarchiv, Bild 146–1985–075–09 / CC-BY-SA [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

Hundert Turbinen werden angeworfen. Trotz der Kopfschmerzen klingen sie wie Siegesmusik in Wellingtons Ohren. “I’m Beginning to See the Light” von Duke Ellington haben die Offiziere gestern Abend gehört. Ja, er hofft, dass man endlich das Licht nach all dem Dunkel des Krieges sieht.

19:00

Elise

Während des Abendessens spricht niemand ein Wort. Man weiß nicht, wie groß die Schäden durch die Bomben wirklich sind. In der Straße stehen noch alle Häuser, nur eines hat eine Brandbombe auf das Dach abbekommen. Wie es im Werk aussieht, wird man erst morgen erfahren. Durch das Küchenfenster sieht man noch immer die Feuerwehren im Einsatz. Elise fragt sich, ob ihr Vater morgen noch einen Arbeitsplatz hat oder ob er bei den Aufräumarbeiten helfen muss. Und was macht Hans jetzt wohl?

19:30

Siegfried

Das Abendessen verläuft ruhig. Viel gibt es sowieso nicht mehr für die Lebensmittelkarten, obwohl Siegfried als Rüstungarbeiter noch einen Zuschlag bekommt. Die Angst sitzt allen Dreien in den Knochen. Er vergisst ganz, nach dem Freund seiner Tochter zu fragen, als ihm einfällt, dass sie sich zur Zeit des Bombardements im Nordpark aufgehalten haben mussten. „Elise, wo warst du als die Bomben fielen?“, unterbricht er die Stille. Seine Tochter zuckt zusammen. „Hans und ich haben uns unterhalten, als der Alarm kam. Wir haben uns in den Bunker im Park gerettet. Uns ist nichts passiert.“ Sie schweigen wieder. Siegfried atmet tief aus: „Ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn euch etwas zustoßen wäre…“

19:30

Wellington

Das Geschwader fliegt erst nach Südengland, dann über den Ärmelkanal und in die Einflugschneise in Richtung Berlin. Die Wellen des Meeres sehen friedlich aus von hier oben, fast wie ein Aquarell-Gemälde, unbeweglich und kühl. Die Sonne ist längst untergegangen und taucht die Welt in ein dunkles Grau. Hier oben sind sie für sich. Ein kilometerlanges Bombergeschwader auf dem Weg nach Magdeburg.

20:00

Sie überfliegen Frankreich, zumindest laut Technik und Karte. Die Bomberstaffel orientiert sich per Radar und setzt darauf, dass die Jagdflugzeuge vor ihnen ihre Arbeit machen. „Was sagen die Jäger?“, fragt Wellington seinen Funker. „Bis jetzt alles ruhig, keine Zwischenfälle“, erwidert dieser.

20:30

Zofia

„Endlich ist es soweit“ freut sich Zofia. Schichtwechsel. Die Arbeiterinnen für die Nachtschicht sind bereits im Eingangsbereich der Halle zu sehen. In wenigen Minuten wird nun auch Zofia abgelöst. Bald kann sie sich auf ihre Pritsche fallen lassen. Sie hofft diesmal halbwegs durchschlafen zu können. Nötig hat sie es jedenfalls. Der eigene Hunger, die Kälte und das verzweifelte Gewimmer ihrer Mitinsassinnen lassen sie aber selten zur Ruhe kommen.

21:00

Wellington

Die Kopfschmerzen sind wieder da, schlimmer als zuvor. Unter dem Dröhnen der Motoren massiert Wellington langsam seine Schläfen. „Zwanzig Minuten noch, Sir“, gibt der Funker durch.

21:15

Wilhelm

Auch wenn sich dieser anstrengende Tag endlich dem Ende zuneigt, liegt Wilhelm wach im Bett. Er ist unruhig. Immer noch kann er vom Fenster aus den Rauch aufsteigen sehen, der aus den zerbombten Krupp-Werken aus Buckau aufsteigt.

Er holt eine Flasche Gebrannten heraus und beschließt, ein Doppelter wäre jetzt genau das Richtige. Nach mehreren Gläsern fühlt er sich besser. Schlaf übermannt ihn.

21:26

Wellington

„Wellington! Wellington, bist du dran?“ McLeeds Stimme ist unverkennbar dank des schottischen Dialekts. Er fliegt im Masterbomber, der das Abwurfgebiet mit Leuchtbomben markieren muss. „Bin dran, mein Freund.“ „Die Lichter sind gesetzt, macht euren Job und dann ab nach Hause.“

Nach kurzem Rauschen fügte McLeed noch hinzu: „In einer halben Stunde ist alles vorbei. Heute Abend trinken wir zusammen ein Bier im Offizierspub.“ Hoffentlich hast du Recht, denkt Wellington.

21:26

Siegfried

Siegfried hört den Luftalarm zuerst. Er weiß es aus Erfahrung: Das sind viele Bomber, sehr viele. Diesmal ist es ernst. Die Grusonwerke sind teilweise kaputt, genauso sieht es beim Rüstungsproduzenten Polte und den riesigen Junkerswerken aus. Dieses Mal würde nichts stehen bleiben, kein Werk, kein Wohnhaus, kein gar nichts. Siegfried handelt instinktiv. Erna ist ebenfalls wach und hat sich die Jacke übergeworfen, die seit den ersten Angriffen neben dem Bett hing. Siegfried sprintet die Treppe hoch und trägt Elise aus ihrem Zimmer. Alle hechten gemeinsam zur gegenüberliegenden Straßenseite, in die Sicherheit des Luftschutzkellers.

Elise

Ein schriller Ton weckt Elise. Im selben Augenblick rennt ihr Vater ins Zimmer, die Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Sie kommen wieder! Schnell, raus aus dem Haus!“. Elise braucht einen Moment um den Schlaf abzuschütteln. Wieso ist es draußen so hell? Was sind das für Lichtsäulen, die in Richtung Innenstadt aufsteigen? Die Sirene heult weiter, ihr Vater nimmt sie wie ein kleines Kind auf den Arm. Doch bevor Elise protestieren kann, sind sie schon auf der Treppe. Ihr Vater hat nur Jacke und Nachthemd an und die Mutter ruft. „Schnell in den Keller auf der anderen Straßenseite!“

21:26

Zofia

Gerade als sich Zofia auf ihrer Pritsche niederlassen will ist ein weiterer Luftalarm zu hören. Alle in der Baracke schauen sich gegenseitig fragend an. Erneut weiß keiner was zu tun ist. Erneut ist Angst ihren den Gesichtern zu sehen. Wenige Minuten später reißt ein Aufseher plötzlich die Tür zu ihrer Baracke auf und brüllt im schroffen Ton: „Ihr bleibt hier alle gefälligst liegen bis einer Entwarnung gibt!“

21:29

Wellington

Selbst aus 4000 Meter Höhe ist die Stadt leicht zu erkennen. Die Markierungen aus Magnesium stehen wie Weihnachtsbäume in der Dunkelheit und tauchen die Stadt in taghelles Licht. „Ziel ist im Visier. Bomben entsichern und LOS“, gibt Wellington per Funk durch.

21:30

Elise

Die Straße hat nichts mehr mit der Straße zu tun, auf der Luise laufen und Fahrradfahren gelernt hat. Menschen rennen notdürftig bekleidet aus ihren Häusern, sie fliehen vor dem herannahenden Tod, vor dem Dröhnen in der Luft, das überall zu sein scheint und immer lauter wird. Vater, Mutter und Elise schaffen es in den Keller. „Hier rein, schnell!“, ruft ein junger Mann mit aschblondem Haar. Gerade als die Tür sich schließen will, springt ihr Vater wieder auf. „Die Familienchronik! Ich muss zurück!“ schreit er und rennt in die Nacht hinaus. Die Mutter schaut ihm entsetzt hinterher. „Idiot, ich mache dicht.“, sagt der Mann und trennt den Keller von der Außenwelt ab.

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