Fiktive Geschichte zur Bombardierung Magdeburgs am 16. Januar 1945

Teil 1


Von Ronald Kühn

Arthur Wellington

16. Januar 1945 // 6:00 Uhr // Royal Air Force Base York // Nordengland // Grafschaft Yorkshire

Lieutenant Arthur Wellington wäre lieber im Bett geblieben. Das ganze Wochenende schon hatten ihn schwere Kopfschmerzen geplagt. Die ewigen Luftangriffe gegen die Deutschen forderten langsam seinen Tribut. Als der Weckruf ertönt, wünscht er sich von ganzem Herzen, dass dieser schreckliche Krieg endlich zu Ende wäre und er zu seiner Familie zurückkehren könnte. Doch noch war es nicht soweit.

Wellington richtet sich auf. Die Matratze unter ihm knarrt wie eine rostige Tür. Die Royal Air Force Base in York, genauer gesagt, die Offiziersunterkünfte, sind seit 4 Jahren seine Heimat. Um ihn herum springen weitere Offiziere aus ihren Betten. Schnell bildet sich eine Schlange vor den Bädern. Alle wissen inzwischen — dieser frühe Weckruf hat etwas zu bedeuten.

6:30

Wellington setzt gerade die Klinge an seine Wange, als McLeed neben ihn tritt. „Na, noch schnell frisch machen?“ In den letzten Tagen ist er einfach nicht zum Rasieren gekommen, sein Gesicht ist von dicken, schwarzen Stoppeln übersät. „Keine Sorge, ich verurteile dich nicht für dein Aussehen. Auch wenn wir Offiziere natürlich auf unser Erscheinungsbild achten sollten.“ McLeed deutet auf sein von Schaum bedecktes Spiegelbild über dem Waschbecken: „Denkst du, der Air Marshall wird uns heute befehlen, die Krauts in Berlin aus ihren Häusern zu bomben?“ „Wer weiß“, zögert Wellington und setzt erneut an, um den Schaum von seiner Wange zu streichen. „Nun denn, ich würde mich beeilen, wenn ich du wäre. Oder willst du die Ansprache etwa verpassen?“

Zofia Lewandowskia

16. Januar 1945 // 6:30 Uhr // Deutschland // Magdeburg

Zofia steht von ihrer harten Pritsche auf und hustet. Zusammen mit den anderen Insassinnen in ihrer Baracke macht sie sich bereit für den Morgenappell. Sie ist froh auf den Luxus eines Spiegels verzichten zu müssen. Sie will gar nicht wissen wie sie aussieht. Ein Blick auf ihre geschundenen Finger reicht ihr völlig. „Du warst mal eine so hübsche junge Frau“ denkt sie sich. Gleich geht es wieder rüber ins Werk. Ihr Magen krampft sich zusammen. Seit Tagen schon bekommen die Häftlinge kaum etwas zu essen. Meistens nur eine Suppe, die diesen Namen nicht verdient hat, selten ein Stück Brot. Sie und ihre Mithäftlinge verlassen die Baracke stillschweigend. Viel zu bereden gibt es eh nicht. Außerdem ist sie die einzige Polin. Die anderen Häftlinge in ihrer Baracke kommen aus Russland und anderen Teilen der Sowjetunion. Doch mit Händen und Füßen versteht man sich schon. Draußen ist es noch dunkel.

Elise

16. Januar 1945 // 7:00 Uhr // Deutschland // Magdeburg

„Elise, stehst du bitte auf und deckst den Frühstückstisch? Vati muss gleich zur Arbeit.“ Obwohl Elise gerne den Frühstückstisch für die Familie deckt, so hätte sie doch lieber noch ein paar Minuten länger geschlafen. Draußen ist es noch so gut wie dunkel. Doch Elise ist ein braves Mädchen, sie zieht sich an und geht die Treppe hinunter. Sie liebt das alte Fachwerkhaus, in dem sie mit ihren Eltern lebt. Die Eltern wohnen im ersten Stock, wo auch die gemütliche Küche mit dem großen Kachelofen liegt. Elise hat ihr eigenes Zimmer im Dachstuhl; ihr ein und alles, mit verwinkelten Wänden und Gauben, klein, aber fein.

Wellington

Pünktlich sitzen die Offiziere in der großen Halle und warten gespannt. Wellington schaut sich um. Einigen der Anwesenden sind die Anstrengungen des Krieges deutlich ins Gesicht geschrieben. Sie haben schwarzen Augenringe. Anderen wiederum, wie McLeed, scheint der Stress der letzten Monate nicht all zu viel auszumachen. Sie sind beseelt von dem Gedanken, ihre Pflicht zu erfüllen, den Krieg zu beenden und die Nationalsozialisten zu besiegen.

Siegfried

16. Januar 1945 // 7:15 Uhr // Deutschland // Magdeburg

Siegfried ist ein glücklicher Mensch. Jeden Morgen beim Frühstück ist er von seiner geliebten Familie umgeben; seiner Frau Erna und Tochter Elise. Und wenn es auch nur diese paar Minuten am Frühstückstisch sind, so lassen sie ihn doch für einen Moment die Probleme und Nöte des Kriegsalltags vergessen. Zunehmend ungläubig liest er die neuesten, reißerischen Schlagzeilen der „Magdeburgischen Zeitung“. Durchhalteparolen wie „Bald ist der Endsieg errungen. Das deutsche Volk muss Härte zeigen“ stehen dort neben „Erfolgsmeldungen“ von der Front.

Siegfried ist kein Nazi, er ist nicht einmal in „der Partei”, der NSDAP. Aber er hat mitgemacht, wie alle seine Freunde und Kollegen. Siegfried hat den Glauben an den Sieg längst verloren. Seit der Vernichtung der 6. Armee bei Stalingrad 1942, und seit den ersten Bombardierungen seiner Heimatstadt ist ihm klar geworden, dass niemand im Deutschen Reich mehr sicher ist. Magdeburg ist zwar in den letzten Monaten von allzu großen Angriffen verschont geblieben, doch Siegfried ahnt, dass das nicht so bleiben würde.

Wellington

„Guten Morgen, Gentlemen“. Die Stimme des Air Marshalls schallt durch die Halle. „Ich hab’ Sie heute hier zusammengerufen, um Ihnen mitzuteilen, dass unsere Freunde von der US Air Force um Punkt 11 Angriffe auf Ziele in Mitteldeutschland fliegen werden. Wenn diese Mission gelingt, so werden sie uns einen Korridor für weitere Missionen schaffen. Ich bitte Sie daher, Ihre Fliegermannschaften in Bereitschaft zu versetzen und die aktuellen Lagepläne zu studieren. Die nächste Besprechung erfolgt dann 1130.“

Elise

Die Familie hat nicht sehr viel Essbares im Hause, schon lange gibt es Lebensmittel nur noch gegen Marken — und im letzten Vierteljahr gibt es oft nicht einmal mehr das. Ohne die Verwandtschaft in der Börde würde die Familie hungern. So gibt es noch ein halbes Brot, ein Viertelpfund Butter und sogar etwas Wurst.

Das Essen ist rationiert worden, um die Truppen an der Front zu versorgen, aber auch, weil ab 1944 im Deutschen Reich immer weniger produziert wird — trotz des Einsatzes der Fremdarbeiter, deren abgemagerte Gestalten auch Elise schon gesehen hat; doch ihre Mutter und ihr Vater haben ihr verboten, darüber zu reden.

So richtig begeistert war niemand in Elises Familie, als Hitler 1939 den Krieg begann. Opa Heinrich und Opa Willy waren im Ersten Weltkrieg gestorben, als ganz junge Männer. Elise kannte nur Fotos von ihnen.

Doch dann kam ein Sieg der Wehrmacht nach dem anderen. Das Deutsche Reich wurde immer größer und allen ging es gut. Auch Elises Vater ließ sich von der allgemeinen Begeisterung anstecken: „Sobald der Endsieg erreicht ist, wird alles besser“, sagte er. Doch jetzt, im mittlerweile sechsten Kriegsjahr, ist er still und nachdenklich geworden.

Er arbeitet seit kurzem in den Krupp-Grusonwerken und ist laut Oberbürgermeister Fritz-August Markmann, einem überzeugten Nationalsozialisten, „maßgeblich am Erfolg des Führers beteiligt“. Das Werk produziert inzwischen fast ausschließlich Rüstungsgüter und braucht immer mehr Arbeitskräfte. Da es schon mehrmals von feindlichen Fliegern angegriffen wurde, hat Elise immer ein mulmiges Gefühl , wenn ihr Vater zur Arbeit geht. Andererseits schützt ihn genau diese Arbeit davor, an die Ostfront zu müssen. Selbst mit ihren 14 Jahren weiß Elise: wenn die Flieger Magdeburg wieder angreifen, dann ist auch ihr Vater in großer Gefahr.

Zofia

Der Appell geht zügig von statten, doch der Gleichschritt, in dem Zofia mit den anderen das Lager Richtung Werk verlassen soll, will nicht gelingen. Viele Frauen sind von den harten und langen Arbeitstagen zu erschöpft und übermüdet um überhaupt ihre Beine richtig anzuheben. Sie schlurfen über den Boden. Nach ein paar harschen Worten eines Aufsehers reißen sich alle aber so gut es geht zusammen. Zofia spricht kaum Deutsch, aber bei der Tonlage des Antreibers erahnt man leicht, dass sie und die anderen etwas „falsch“ gemacht haben.

16. Januar 1945 // 7:30 Uhr // Deutschland // Magdeburg

An ihrem Posten im Werk angekommen erlaubt sich Zofia einen schüchternen Blick in die Weiten des Werks, bevor die Maschinen in Betrieb genommen werden. „Mittlerweile machen wir fast die Hälfte der Belegschaft aus“ stellt sie erschrocken fest. „Wir“, das sind bis zu 3000 Russinnen, Polinnen und jüdische Osteuropäerinnen. Als es zum Schichtbeginn pfeift ermahnt ein Meister die Arbeiterinnen. Er ist unzufrieden über die erbrachte Leistung der vergangenen Tage. Dabei arbeiten sie schon alle im Akkord. Fast zwölf Stunden täglich im Zweischichtbetrieb. Die schweren Maschinen sind jetzt im vollen Gange.

Wilhelm Heyde

16. Januar 1945 // 8:00 Uhr // Deutschland // Magdeburg

„Das darf doch nicht wahr sein!“, donnert Wilhelm Heyde und stößt dabei seine Kaffeetasse um, die er gerade erst auf seinem Eichentisch platziert hat. Nun droht die schwarze Brühe sich über seine Unterlagen zu ergießen. „Verdammt, verdammt, verdammt“. Schnell rettet er die wichtigsten Dokumente, während die Flüssigkeit an dem sonst so reinlichen Tisch hinabtropft. Der Führer möge ihm beistehen, so viel Papierkram ist heute noch zu erledigen. Wahrscheinlich würde er bis spät in der Nacht im Rathaus bleiben müssen.

Im Rathaus am Alten Markt ist viel los. Beamte gehen ein und aus. Seit einiger Zeit treffen sich hier hochrangige NSDAP-Mitlieder und reden über die Neuigkeiten von der Front. Offiziell stellen sie den „Endsieg“ nicht in Frage, doch die Stimmung ist gedrückt. Hinter vorgehaltener Hand wird draußen schon darüber spekuliert, was wohl mit den Parteigenossen passieren wird, wenn die Alliierten Magdeburg einnehmen.

Elise

„Und, Elise, was hast du heute noch vor?“, fragte ihr Vater Siegfried sie, als die ganze Familie am Esstisch sitzt. „Nun ja “, antwortete sie vorsichtig, während sie etwas Butter auf ihr Brot streicht, „ich habe dir doch von diesem einen Jungen erzählt, den ich in der Fabrik kennengelernt habe…“ Hans ist sein Name, ein gutaussehender junger Bursche, der Elise mit seinen sechszehn Jahren beeindruckt. Krieg oder nicht Krieg — junge Menschen verlieben sich eben irgendwann ein erstes Mal. „Nun, ich möchte mich heute im Nordpark mit ihm treffen.“ „Im Nordpark?“, fragt ihr Vater, „und wie kommst du da hin?“ „Ich werde einfach laufen.“ Siegfried lächelt. „Gut, aber sei vorsichtig, Jungen in dem Alter sind nur auf wildes Küssen aus.“ „Papa!!“ Elise wird rot und fängt an zu kichern.

„Wann trefft ihr euch?“ fragte er sie schließlich. „Gegen halb 11.“ „Sei zum Mittagessen bitte wieder zu Hause“, mahnt Elises Mutter sie. „Hast du denn schon deine Aufgaben im Haushalt erledigt?“ „Oh backe….“

8:10

Wilhelm

„Sigrun, bringen Sie einen Lappen“, ruft Heyde seiner Sekretärin zu. Ein brünettes Fräulein kommt und reicht ihm hastig das gewünschte Stück Stoff. Noch vor ein paar Monaten hätte Heyde einen ausführlichen Blick auf ihren wohlgeformten Körper geworfen — im ganzen Stress der letzten Monate sind die körperlichen Bedürfnisse des Bereichsleiter der NSDAP Wilhelm Heyde eindeutig zu kurz gekommen.

Sigrun erinnert:

„Herr Heyde, Sie müssen gleich los. Der Gauleiter möchte, dass Sie die Krupp-Werke besuchen. Außerdem wollten Sie noch beim Verlag der Magdeburgischen Zeitung vorbeischauen und heute Nachmittag die neuen Anwärter auf den Posten des Assistenten begutachten.“ Seine Laune sinkt auf einen Tiefpunkt.

8:15

Siegfried

Von Otto Bollhagen (scan) [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Schornsteine der Krupp-Guson-Werke ragen wie graue Pfähle in den klaren Morgenhimmel. Aus den Hochöfen steigen dichte Qualmwolken auf. Siegfried bahnt sich den Weg in die Produktionshallen, wo er in der Endfertigung der Panzerteile arbeitet. „Bald kommen Hitlers Wunderwaffen, dann dreht sich das Blatt wieder“, schnaubt ein Vorarbeiter, während er den Stahl zurechthämmert. „Bald kommen die Tommies und die Amis, und dann ist der Krieg ganz schnell vorbei“, flüstert Siegfried leise vor sich hin.

8:30

Wellington

Wellington legt die Gabel zur Seite. Sein Frühstück schmeckt fade. Die Offiziere reden über den neuen Einsatz. Der Gesprächslärm tut seinem Kopf nicht gerade gut. Vor ihm liegen Bohnen, Toast und Ei, das traditionelle englische Frühstück. Eigentlich hätte er sich freuen müssen. Eine solch gute Mahlzeit bekommen schon lange nicht mehr alle Engländer. Doch seit endlich die lange Zeit zögernden US-Amerikaner an ihrer Seite in den Krieg eingetreten sind, hat sich die Versorgungslage deutlich entspannt. Wellington muss etwas essen, sein Bauchgefühl sagt ihm, dass es ein langer Tag werden würde.

9:00

Die erste Aufgabe ist die Truppeninspektion. Auch seinen Piloten sieht man die Strapazen deutlich an. Viele vertreiben sich die Zeit zwischen den Einsätzen mit Zeitunglesen oder schreiben Briefe an ihre Geliebten, an Freunde und Familie in der Heimat. Doch keiner vergisst, warum er hier ist. Die Sergeants geben die neuesten Informationen aus der Zentrale weiter, ein oder zwei Soldaten schenken der guten, alten „Times“ mehr Aufmerksamkeit als ihrem Vorgesetzten. Wellington weist sie zurecht.

9:30

Elise

Diese Putzklamotten sehen schrecklich an ihr aus. Gut, dass Hans sie so nicht sehen kann. Er würde sie bestimmt auslachen. Doch jetzt sieht nur Mutter, wie sie mit Mopp und Eimer über den Boden kriecht. „Mach vor allem die Ecken schön gründlich, hörst du? Wenn Besuch kommt, soll er ja nicht gleich aus allen Wolken fallen.“ „Ja, ja”, denkt Elise, „wer kommt denn schon noch zu Besuch zu uns?” In Gedanken ist sie schon längst im Nordpark bei Hans.

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